Flugpreise (Linienflug). Warum sind sie so uneinheitlich, warum ist der "Flugpreisdschungel" so undurchschaubar? Wie erhalte ich den für mich optimalen Preis ?
Warum gibt es so große Unterschiede bei den Flugpreisen?
Warum sitze ich z. B. in einem Flugzeug mit einem Ticket, für das ich EURO 400,-- bezahlt habe, während mein Nachbar zur Rechten für dieselbe Strecke EURO 600,-- und mein Nachbar zur Linken nur EURO 250,-- bezahlt hat, obwohl wir alle drei das gleiche zu Essen bekommen und keiner von uns auch nur einen Zentimeter mehr oder weniger Beinfreiheit hat, wie die anderen?
Diese und ähnliche Fragen sind ohne ein gewisses Grundverständnis der Flugpreisgestaltung kaum zu beantworten, da die Höhe von Linienflugtarifen von den verschiedensten Faktoren abhängig ist. Ich versuche daher mal den Stoff, der in einer Schulungseinheit etliche Stunden in Anspruch nimmt, grob vereinfacht, in Kürze und allgemeinverständlich darzustellen und dabei so wenig Fachchinesisch wie möglich zu verwenden resp. es zu erläutern.
Zur Veranschaulichung der Problematik gehen wir im Folgenden einfach erst einmal davon aus, daß eine bestimmte Strecke an einem bestimmten Tag nur von einer einzigen Fluggesellschaft mit einer einzigen Maschine geflogen wird, die nur die Economy-Class anbietet.
Innerhalb dieser Maschine und innerhalb dieser Klasse gibt es nun wiederum rund anderthalb Dutzend verschiedener Tarifklassen (Fares), deren Preise in erster Linie von der Flexibilität des Tickets abhängen.
So gibt es unterschiedliche Tarife, je nachdem ob Dein Ticket 14 Tage, einen Monat, drei Monate, ein halbes Jahr oder ein ganzes Jahr gültig ist. Weitere den Preis bestimmende Faktoren können verschiedene Bedingungen (Rules) sein, die an das Ticket geknüpft sind:
- Ob es grundsätzlich umbuchbar ist oder nicht. Und wenn es umbuchbar ist, zu welchen Konditionen (Umbuchungsgebühren).
- Ob es stornierbar ist und wenn ja, zu welchen Bedingungen (Stornogebühren).
- Ob es Dir z.B. erlaubt ist, auf der Strecke einen längeren Zwischenaufenthalt (Stopover) einzufügen.
- Ob es Dir z.B. ermöglicht, von Frankfurt aus abzufliegen, aber in Düsseldorf wieder anzukommen (Gabelflug, open jaw).
- Ob das Ticket nach Buchung sofort ausgestellt und bezahlt werden muß, oder ob Du Dir mit der Bezahlung noch Zeit lassen kannst (Ticketing).
Zu dem Zeitpunkt, zu dem unsere noch "jungfräuliche" Maschine - mit sagen wir mal 300 Plätzen - zur Buchung freigeben wird, könnte das nun z.B. heißen, daß diese 300 Plätze seitens der Airline tarifmäßig wie folgt aufgeteilt sind:
- 30 Plätze gibt es zu € 400,--. Diese Tickets erlauben einen Aufenthalt von 14 Tagen, sind nicht umbuchbar, erlauben keinen Stopover und sind im Falle eines Stornos mit 100 % Stornokosten behaftet.
- Weitere 50 Plätze gibt es zu € 500,--. Diese erlauben eine Aufenthaltsdauer von maximal einem Monat, können gegen eine Gebühr von € 75,-- umgebucht werden, erlauben einen Stopover auf dem Hin- oder Rückflug und sind mit 50 % Stornokosten behaftet.
- Weitere 70 Plätze gibt es zu € 600,--. Diese erlauben eine Aufenthaltsdauer von bis zu drei Monaten, erlauben einen Stopover auf dem Hin- oder Rückflug, sind kostenlos umbuchbar und mit 50 % Stornokosten behaftet.
- und so weiter und so fort (der Phantasie an inhaltlichen Kombinationsmöglichkeiten sind hier keine Grenzen gesetzt) bis hin zum teuersten, voll flexiblen Ticket, bei dem Du den Flug beliebig unterbrechen und/oder umbuchen kannst und im Falle einer (fristgerechten) Stornierung mit keinerlei Stornokosten belastet wirst.
Vom Moment der Buchungsfreigabe an bemüht sich nun natürlich jeder Reisende, den für seine Zwecke günstigsten Tarif zu bekommen, was dazu führt, daß die an sich billigsten Tarife - weil eben platzmäßig limitiert (kontingentiert) - natürlich auch als erste ausgebucht sind.
Dies kann dazu führen, daß man bei späterer Buchung u.U. einen höherpreisigen Tarif nehmen muß, dessen Flexibilität man im Grunde genommen gar nicht benötigt.
So, bislang sind wir aber von dem theoretischen Konstrukt ausgegangen, daß unsere Flugstrecke von nur einer Fluggesellschaft mit nur einer Maschine bedient wird.
Von dem Moment an, wo diese Strecke (immer noch von derselben Fluggesellschaft) mit einer weiteren oder gar mehreren Maschinen beflogen wird, kommen erste qualitative Unterschiede hinzu, nämlich die der Abflugzeiten. Es gibt beliebtere und weniger beliebte Abflugzeiten und so kann es passieren, daß Du - weiter von unseren o.a. fiktiven Tarifen ausgehend - an ein und demselben Tag in der Frühmaschine noch einen Platz für € 400,-- bekommst, in der Mittagsmaschine aber schon € 600,-- berappen mußt (oder umgekehrt), weil alle anderen Tarifklassen bereits ausgebucht sind.
Das es entsprechend dramatische Unterschiede auch abhängig davon gibt, an welchem genauen Tag Du fliegst, dürfte klar sein.
Wenn wir jetzt noch mehrere verschiedene Airlines mit jeweils individuellen Tarifen und individuellen Streckenführungen (Routing) in unser Beispiel einbauen, wird es noch unüberschaubarer. Jetzt gibt es verschiedene Airlines mit
- verschiedenen individuellen Tarifen
- Direktflügen, Flügen mit ein, zwei oder mehr Stops auf unterschiedlichen Routen
- kürzeren und längeren Übergangszeiten bei den Stops
- qualitativen Unterschieden hinsichtlich Komfort und Service
Kurzum: wir erhalten den realexistierenden Tarifdschungel.
Dieser wird durch die Existenz von Sondertarifen und unterschiedlichen Vertriebswegen noch differenzierter und somit unübersichtlicher.
Sondertarife gibt es beispielsweise für bestimmte Berufsgruppen (z. B. Journalisten), Studenten (wobei das Paradoxon auftritt, daß der günstigste Stundententarif schon mal höher sein kann, als der günstigste Normaltarif), Staatsangehörige der Nation der jeweiligen Airline (Ethnic Fares) etc., sowie als zu besonderen Bedingungen mit den Airlines ausgehandelte Tarife (Nego Fares).
Unterschiedliche Vertriebswege schließlich machen das Chaos perfekt. Neben den offiziellen, von der IATA (International Air Transport Association http://wwww.iata.org/ ) fixierten Tarifen (official fares) gibt es auch noch von Ticketgroßhändlern (Consolidator) in großer Stückzahl zu ermäßigten Preisen gekaufte Tickets. Viele kleine und mittlere Reisebüros, für die sich eine eigene IATA-Agentur nicht lohnt, beziehen zum Beispiel von diesen Händlern ihre Tickets, die sie dann frei kalkulieren können (Net Fares).
[ Zum allemeinen betriebswirtschaftlichen Hintergrund siehe auch den Wikipedia-Artikel "Yield-Management": http://de.wikipedia.org/wiki/Yield_Management .]
Aus all dem folgt:
1. Flugpreise unterliegen erheblichen Schwankungen.
2. Jede generelle Aussage "Ein Flug von X nach Y kostet soundsoviel" kann nur als grober Unfug bezeichnet werden.
3. Der optimale Preis, den Du erzielen kannst ist im Wesentlichen abhängig von
- dem Zeitpunkt der Buchung (Faustregel: je früher desto billiger, wer zu spät kommt, den bestraft der Tarif ;-)
- der Flexibilität des Tickets (Faustregel: je flexibler desto teurer, je restriktiver desto billiger)
4. Kein Online-Buchungsportal ist derzeit in der Lage alle tatsächlich existierenden Routings und Tarife zu erfassen und zu vergleichen geschweige denn, qualitative Kriterien zu berücksichtigen.
Zum Schluß sei noch auf zwei Besonderheiten hingewiesen, die immer wieder Anlaß zu Fragen geben.
Warum ist der Preis für ein One-Way-Ticket oft höher als der Preis für ein Ticket mit Hin- und Rückflug?
Hohe One-Way-Preise muß man als künstlich verteuerte Preise verstehen, die der Steuerung des Passagieraufkommens resp. der verkauften Tickets dienen. Da ein Flugzeug i.d.R. immer vom Drehkreuz-Flughafen zum Zielort und zurück fliegt, liegt es im Interesse der Airlines die Strecken hinzu wie rückzu durchschnittlich gleichmäßig auszulasten, also die Flüge nach Möglichkeit als Hin- und Rückflug (Return) zu verkaufen. Ein zu hoher Anteil an One-Way-Tickets würde aber diese Durchschnittskalkulation gefährden.
Vor dem Hintergrund der auf One-Way-Preisen basierenden Tarifgestaltung der Billigflieger sowie der jüngsten Rechtsprechung http://www.wer-weiss-was.de/cgi-bin/forum/showarchiv... ist hier aber von einer mittelfristigen Veränderung dieses Tarifgebarens auszugehen.
Warum kann man ein Flugticket so gut wie gar nicht auf jemand anderen übertragen?
Wie wir oben gesehen haben, ist der Preis eines Tickets u.a. abhängig vom Buchungszeitraum und wird i.d.R. von der Buchungsfreigabe an kontinuierlich teurer. Wäre eine Namensänderung (Namechange) problemlos möglich, wäre somit einem Schwarzmarkt Tür und Tor geöffnet. Die Airlines schützen sich davor dadurch, daß sie entweder den Namechange unmöglich machen, oder aber mit so hohen Gebühren versehen, daß ein möglicher Preisvorteil durch Frühbuchung damit wieder kompensiert wird.
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