Geschichte

Gleich vorweg, selbst eine ausführlichere FAQ kann so ein komplexes Thema, das sich mit Gesellschaft, Religion, Politik und Wirtschaft beschäftigt, natürlich nur sehr oberfläclich auseinandersetzen.

Ich tue es trotzdem, weil es ganz offensichtlich eine häufig gestellte Frage ist:-). Diese FAQ werde ich laufend ergänzen und erweitern. Eine Literaturliste ist geplant.

Die Juden in der christlichen Gesellschaft

Die Religionszugehörigkeit war das bestimmende Element der damaligen Gesellschaft. Religiöse Toleranz gab es nicht - die ist eine "Erfindung" späterer Zeiten. Eine Exkommunikation bedeutete den Tod, die Kirche war die absolute Autorität. Insofern hatten die Juden überall erstmal den gleichen Fehler: Sie waren keine Christen.

Zur Sicht der Kirche zu den Juden ganz knapp: Die Juden wurden jahrhundertelang von den Christen "geduldet", sie galten als Jesusmörder (ein Vorwurf, den sie sich ja bis heute anhören dürfen) und als "Verstockte" (vgl. Römerbrief Kapitel 9-11: sie werden von Gott so lange verstockt, bis alle Heiden zum Heil finden). Im Gegensatz zu den "Heiden" legten sie damit aber ungewollt Zeugnis für die Wahrheit des Christentums ab. So die damalige Argumentation der Theologen.

Fazit: Sie waren also unfreiwillige Zeugen der Wahrheit des Evangeliums, wenn sie diese "Wahrheit" auch nicht anerkannten - was ihnen natürlich vorgeworfen wurde.


Die Juden als Kammerknechte

Und zum Status der Juden im Reich des deutschen Kaisers: Sie waren "Kammerjuden", d.h. der Kammer (dem "Finanzamt") des Kaisers untergeordnet, unterstanden direkt seiner Gerichtsbarkeit und er konnte de jure (und später auch de facto) frei über ihre Leben und ihren Besitz verfügen. Das heißt auch: Sie waren nicht nur religiös abgesondert, sondern unterstanden auch einer anderen Gerichtsbarkeit als ihre christlichen Nachbarn. Das hat historisch damit etwas zu tun, dass die ersten Juden direkt vom Kaiser ins Reich geholt wurden. Anfangs waren es nur einige wenige Familien im 8./9. Jhd, die als Fernhändler vom Kaiser ins Land geholt worden waren. Später kamen mehr Juden ins Land, die dann auch andere Berufe annahmen. Solche Abhängigkeitsverhältnisse, die sich der Kaiser bezahlen ließ, waren absolut nichts ungewöhnliches für das mittelalterliche Rechtsverständnis.

Die Kammerknechtschaft veränderte sich jedoch im Laufe der Jahrhunderte zu ungunsten der Juden. Die Schutzfunktion trat in den Hintergrund. Und als die Kaisermacht schrumpfte, verkaufte dieser sie an Bischöfe und Landesherren, die sie im Laufe der Jahre ganz nach ihrem Belieben ausnutzen.

Ein Link zur Kammerknechtschaft:
http://www.jewishencyclopedia.com/view.jsp?artid=82&...

Die Juden waren dennoch keineswegs durchgehend eine verfolgte Minderheit. In Speyer, Worms und Mainz bildeten sich im Mittelater religiöse Zentren. Dort erlebt das Judentum zwischen dem 11. und 13. Jahrhundert seine große kulturelle Blüte.

Jüdische Berufe

Juden waren keineswegs nur Geldverleiher, ein Großteil der Juden war Gesinde (sprich Diener) der wenigen reichen Juden, aber vor allem Gelehrte, also Theologen, Ärzte usw.

Warum durften Juden nicht in die Zünfte

Natürlich haben Juden auch andere Berufe ausgeübt, aber in die Zünfte durften sie nicht. Wieso nicht? Ganz einfach: Zünfte sind genossenschaftliche Organisationen mit religiösen Hintergrund. Nur Christen durften in die Zünfte.

Eine Definition zu den Zünften:
http://www.lehnswesen.de/page/html_zuenfte.html

Ursachen und Auslöser für Verfolgungen

In der Spätantike und frühmittelalterlichen Kirche, in der Frühzeit des Judentums im damaligen Reich, lebten sie größtenteils frei von Anfechtungen. Die ersten Anfechtungen sind klar aus der kirchlichen Missionspolemik abzuleiten: z.B. die Tiraden des Agobard von Lyon im 9. Jahrhundert wie auch ein mit Austreibung gekoppelter Versuch der Zwangstaufe aus Mainz um 937.

Dramatisch wurde es erst im Zuge der Kreuzzugsprogrome. Pekuniäre Motive spielten im übrigen keine Rolle, vielmehr" ist sich die neuere Forschung einig, dass die Antriebe in den tiefgehenden religiösen Veränderungen der christlichen Gesellschaft zu suchen sind, die mit den Stichorten eucharistische Frömmigkeit, Armutsbewegung, Kirchenreform, Endzeiterwartung umschrieben werden können, sich im Laufe des 11. Jahrhunderts entwickelten und in der Kreuzzugsbewegung gipfelten" ( Michael Toch, Die Juden im Mittelalterlichen Reich, S. 112)

Im 12./13. Jahrhundert bekommt der Judenhass eine neue Qualität, typische Anschuldigung waren "Ritualmord" und "Hostienschändung". "Die in verschiedenem Ausmaß methodisch der Mentalitätsgeschichte verpflichtete moderne Forschung ist sich in der grundsätzlichen Feststellung einig, dass die Beschuldigungen eine Projektions- oder Sündenbockfunktion einnahmen: die Unsicherheit und Ambivalenz in zentralen Fragen des christlichen Glaubens (Märtyrer- Heiligen-, Reliqienverehrung, Wunderglaube, Transubstantation) wurde auf die einzig bestehende nicht christliche Gruppe projiziert und mit der Opferung der angeblich Schuldigen in ritualisierten, dem Blutaberglauben entnommen Formen exorziert. " (Toch, 113) Verbreitungsmittel des Glaubens an Ritualmord und Hostienfrevel ist die Predigt und Exemplenerzählung, besonders durch die Medikanten.

Erst seit dem ausgehenden 13 Jahrhundert wurden die blutigen Verfolgungen fester Bestandteil des christlich-jüdischen Verhältnisses, was auch dazu führte, dass die meisten überlebenden Juden im Laufe des 14. Jahrhunderts nach Osteuropa auswanderten. Vor allem die Pestwellen taten Mitte des 14. Jahrhunderts das ihre, in Deutschland kamen stadtinterne Revolten gegen Patriziat und Zunftregierungen hinzu (in Straßburg, Nürnberg z.B.).


http://www.uni-koblenz.de/~odswer/projekte/gotik/pro...

Zur Ritualmordlegende:
http://lexikon.idgr.de/r/r_i/ritualmordlegende/ritua...

Das alles betrifft - grob gesagt - das Europa der heutigen EU, ein bisschen anders war es nur in Spanien. Die Sephardim, die spanischen Juden, konnten in Spanien unter muslimischer Herrschaft in einer Tradition der Toleranz unbehelligt leben. Im Zuge der gewaltsamen Vertreibung der Moslems durch die spanischen Christen kam es sehr spät auch zu Verfolgungen durch die Inquisition.

Das alles als Mini-Einführung zum Thema - die beileibe nicht vollständig ist und nach und nach erweitert werden soll.

Die Juden im mittelalterlichen Reich
von Michael Toch
ISBN 348656711X [Buch anschauen]

…ist eine gute Einführung, wissenschaftlich fundiert, viele Quellenangaben und Literaturhinweise, wo man dann mehr zum Thema findet.

Eine umfangreiche Literaturliste im Internet findet man z.B. hier:

http://www.historia-iudaica.org/bib_general2.html

Interessante Quellentexte im Web zur jüdischen Geschichte im Mittelalter:

http://www.uni-trier.de/uni/fb3/geschichte/cluse/tex...

Linkliste der Uni Tübingen zu Juden im Mittelalter

http://www.uni-tuebingen.de/mittelalter/links/links1...


"Kultur, Mobilität, Migration und Siedlung von Juden im mittelalterlichen Europa":
http://www.historia-iudaica.de/

E-Texte Geschichte der Juden im Mittelalter:

http://www.uni-bayreuth.de/departments/aedph/2000/00...

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