Frage zu Sartres Bewußtseinsphilosophie

Hallo,
ich bin gerade bei der Lektüre von Sartres ‚Bewußtsein und Selbsterkenntnis‘ isbn 3499116499 Buch anschauen (im Original: Conscience de soi et connaissane de soi, Bulletin de la Société Française de Philosophie, XLII, 1948) und gehe da einer möglichen Parallele zwischen Dōgen Kigens ‚hi shiryo‘ (非思量) und Sartres nicht-thetischem Bewusstsein nach. Wobei mich die Sache aber wiederum auch nicht so sehr umtreibt, dass ich tiefer einsteigen und mich mit ‚Das Sein und das Nichts‘ intensiver befassen würde - Schwerpunkt meines Interesses ist eher bei Dōgen als bei Sartre.

Jedenfalls bin ich da an einer Passage hängen geblieben - ich zitiere:

„Es genügt, daß es Bewußtsein gibt, damit es Sein gibt, im Unterschied zur Erkenntnis. Denn es genügt nicht, daß es Erkenntnis gibt, damit es Sein gibt. Wenn Sie eine Sache oder Wahrheit erkennen, werden Sie, wie wir gesehen haben, auf einen unendlichen Prozeß verwiesen, an dessen Ende sie nur wissen werden, ob das Objekt Sein war, denn von einem Ende zum anderen konnte es ein Irrtum sein. In Erkenntnishaltung sein, wie Newton gegenüber der Konzeption der Ausstrahlung in der Theorie des Lichts, impliziert keineswegs die Enthüllung seines Seins. Es ist ein nur wahrscheinliches Sein, dessen Existenzart Wahrscheinlichkeit ist.“
(rororo 1649, Reinbek 1973, S. 35f meiner Taschenbuchausgabe bzw. SBS 289-290)

Was mich irritiert, ist das „nur“; im gegebenen Kontext ergäbe das für mich nur Sinn, wenn dort stattdessen ein „nicht“ stünde. Meine Fragen nun:

  1. Hat jemand Zugriff auf das französische Original und kann die Übersetzung verifizieren?
  2. Gibt es evt. in ‚Das Sein und das Nichts‘ eine parallele Aussage, die etwas Licht auf den Sachverhalt wirft?

Im Voraus schon einmal Danke für die Bemühungen,
Ralf

P.S.: Um einem überflüssigen Hinweis zuvorzukommen - mir ist selbst bekannt, dass es eine Sartre-Gesellschaft gibt, an die ich mich im Zweifelsfall wenden kann. Aber vielleicht können meine Fragen ja hier geklärt werden.

Servus
Du kennst ja wohl schon meine Ansicht dazu.
Der Satz

„Es genügt, daß es Bewußtsein gibt, damit es Sein gibt“

ist für mich schon ein Irrtum, denn es kann jederzeit Sein auch ohne jegliches Bewusstsein geben.
Du kennst ja vielleicht den Witz, in dem das ganz gut zum Ausdruck gebracht wird:
Zwei Planeten unterhalten sich. Sagt der eine: „Ich hab Homo sapiens.“ Darauf tröstet ihn der andere: „Das geht vorüber.“
Es grüßt dich
Branden

Hallo,

„Es genügt, daß es Bewußtsein gibt, damit es Sein gibt“

ist für mich schon ein Irrtum, denn es kann jederzeit Sein
auch ohne jegliches Bewusstsein geben.

nur dann, wenn man „Bewußt sein“ zu eng definiert.
Ist nicht jede materielle (energetische) Interaktion schon so etwas wie Bewußtsein,
Existenzbewußtsein ?
Klar verstehen wir das „Bewußte“ i.A. dem biologischen Leben zugeordnet oder im
Besonderen der intellektuellen Selbstzuordnung des Menschen.
Da könnte man aber auch nur graduelle Unterschiede feststellen, die Grenzen sind
(fast) fließend.
Große Denker machen halt oft große Sprüche mit denen sie sich wichtig machen.
Aber wenn man weiter sieht, haben sie auch oft damit recht.

Gruß Viktor

Servus,

darf ich Dir nochmal den Gegenstand der Frage vorlegen (Hervorhebung von mir)?

… verwiesen, an dessen Ende sie nur wissen werden, ob das Objekt Sein war …

Schöne Grüße

MM

Hallo Branden,

Dir ist schon klar, dass Deine ‚Anwort‘ mit meiner Frage bzw. meinen Fragen nicht das Geringste zu tun hat, oder? Davon abgesehen -

Der Satz

„Es genügt, daß es Bewußtsein gibt, damit es Sein gibt“

ist für mich schon ein Irrtum, denn es kann jederzeit Sein auch ohne jegliches Bewusstsein geben.

liegt der Irrtum hier auf Deiner Seite. Sartre setzt Bewußtsein eindeutig („es genügt“) als eine hinreichende Bedingung für ein Sein. Deine vorgebliche Widerlegung

es kann jederzeit Sein auch ohne jegliches Bewusstsein geben

unterstellt jedoch fälschlich eine notwendige Bedingung. Die wäre gegeben, wenn Sartre statt „Es genügt, daß es Bewußtsein gibt, damit es Sein gibt“ geschrieben hätte „Es muss ein Bewußtsein geben, damit es Sein gibt“. Eine notwendige Bedingung liegt bekanntlich jedoch nur in der Umkehrung der hinreichenden Bedingung vor, also: laut Sarte ist ein Sein notwendige Bedingung eines Bewusstseins. Also eine klassische Ignoratio elenchi Deinerseits. Es könnte für ein sinnvolles Argumentieren hilfreich sein, sich zunächst einmal etwas mit den Grundzügen der Aussagenlogik zu befassen.

Freundliche Grüße,
Ralf

1 Like

Hallo,

Jedenfalls bin ich da an einer Passage hängen geblieben - ich
zitiere:

"Es genügt, daß es Bewußtsein gibt, damit es Sein gibt, im
Unterschied zur Erkenntnis.

Denn es genügt nicht, daß es
Erkenntnis gibt, damit es Sein gibt.

Wenn Sie eine Sache oder
Wahrheit erkennen, werden Sie, wie wir gesehen haben, auf
einen unendlichen Prozeß verwiesen, an dessen Ende sie nur
wissen werden, ob das Objekt Sein war, denn von einem Ende zum
anderen konnte es ein Irrtum sein.

In Erkenntnishaltung sein,
[…] impliziert keineswegs die Enthüllung
seines Seins.

Es ist ein nur wahrscheinliches Sein, dessen
Existenzart Wahrscheinlichkeit ist."

Was mich irritiert, ist das „nur“; im gegebenen Kontext ergäbe
das für mich nur Sinn, wenn dort stattdessen ein „nicht“
stünde.

Was genau irritiert Dich denn?
Ich finde es schlüssig.

Das, in der Erkenntnis gefundene „Sein“ ist ein „nur“ wahrscheinliches Sein.
Wenn es ein „nicht“ wahrscheinliches Sein wäre, hiesse das ja, das die Erkenntnis sich fast immer täuscht. Das sich das „ERKANNTE Sein“ also letztlich meistens als Irrtum entpuppt.

Die Erkenntnis lässt aber nicht mal so eine Aussage zu, sondern das „von der Erkenntnis erfasste Sein“ ist halt NUR wahrscheinlich.

Erkenntnis ist für ihn ein Denkprozess.
Bewusstsein aber das subjektive Wahrnehmungsfeld in dem Dinge sind oder auch nicht sind.
Wenn sie in diesem Feld sind - sind sie. Unwidersprochen.
Denn das „Dasein der Dinge“ und das im „Bewußtsein erkannt werden der Dinge“ sind insofern identisch, das sie spätestens wenn sie im Bewußtsein sind - da sein müssen.

In der Erkenntnis wird dem „einfachen Sein“ nun eine Spezifikation gegeben. Vom „einfachen Sein“ wird es zu etwas bestimmten, bekommt einen Namen und Attribute. Dieses Hinzufügen von Erkenntnis, zum einfachen Sein ist der Möglichkeit zum Irrtum unterworfen. Weswegen das Erkannte (Benannte) ein „nur“ wahrscheinliches Wesen ist/hat.

Solche Texte sind eigentlich überflüssig :o)
Allein so ein Satz disqualifiziert schon:
„… werden Sie, wie wir gesehen haben, auf
einen unendlichen Prozeß verwiesen, an dessen Ende sie nur
wissen werden, …“
Unendlicher Prozess, an dessen Ende ich wissen werde?
Danke reicht! :o)

Grüße
K.

Servus

Deine vorgebliche Widerlegung

es kann jederzeit Sein auch ohne jegliches Bewusstsein geben

unterstellt jedoch fälschlich eine notwendige Bedingung. Die
wäre gegeben, wenn Sartre statt „Es genügt, daß es Bewußtsein
gibt, damit es Sein gibt“ geschrieben hätte „Es muss ein
Bewußtsein geben, damit es Sein gibt“.

Nein, da bin ich anderer Ansicht. Allein das Wort „damit“ in dem Satz „…damit es sein gibt“ zeigt ja, dass es eine direkte, notwendige Beziehung zwischen dem Bewusstsein und dem Sein gibt bzw. geben soll im Sinne des Autors.
Dein Versuch, Sprache wie Mathematik zu gebrauchen, überzeugt hier in keiner Weise.
Gruß,
Branden

2 Like

Hallo Ralf,

der Vortrag „Conscience de soi et connaissance de soi“, den Sarte1947, also im Jahr vor der Publikation in ihrem Bulletin, vor der Société Française de Philosophie gehalten hat, ist ja im Grunde nur eine Kurzfassung von L’Être et le Néant. Von daher, und allein schon aus dem kurzen Ausschnitt deines Zitates, ist es eindeutig: Das „nur“ ist entweder ein Übersetzungsfehler oder, viel wahrscheinlicher, ein Druckfehler (bzw ein Manuskript-Lesefehler des Setzers).

Allein grammatisch wäre auf ein „nur … ob …“ entweder ein „nicht jedoch, ob …“
oder ein „oder ob …“ erwarten. Und wenn dort tatsächlich - aber entgegen Sartres ontologischer Intention - „seulement“ stehen, dann wäre „lediglich … dass …“ zu übersetzen.

Selbstverständlich gehört dort ein „nicht“ hin: Erkenntnis von etwas (dem objét de la connaissance) führt nicht zum Wissen des Seins (des Objektes). Bewußtsein von einem Objekt impliziert dagegen immer das Sein des Objektes. In diesem Teilaspekt seiner Abhandlungen, in dem es auch um das Sein des Subjektes des Bewußtseins vs. Sein des Subjektes von Erkenntnis geht, folgt Sartres Ontologie sowohl Bergson (Essai sur les donées immédiates de la conscience, 1889) als auch Hegel (in der Phänomenologie des Geistes, 1806, A.I. „Die sinnliche Gewißheit“).

Auf das Bulletin mit dem frz. Text hab ich leider auch keinen Zugriff ohne größere Umstände. Müßte man in der UB bestellen. Mein Exemplar der deutschen 1973er Ausgabe grummelt in einer von vielen Umzugskisten vor sich hin :frowning: Da ich auch damals nie ohne Bleistift las, findet sich an der Stelle sicher auch mindestens ein Fragezeichen. Die Ausgabe von 1993, die ich nicht hier habe, scheint mir eh nur ein Reprint zu sein, so dass dort keine evtl. Korrektur zu erwarten ist.

Die Übersetzung ist eh ungelenk, wie man am Ausdruck „Ausstrahlung“ (statt „Strahlung“) sieht, und von daher allein schon wenig vertrauenswürdig.

Wenn ich mehr finde, meld ich mich nochmal dazu.
Gruß
Metapher

Hallo,

Wobei mich die Sache aber wiederum auch nicht so sehr umtreibt, dass ich tiefer einsteigen und mich mit ‚Das Sein und das Nichts‘ intensiver befassen würde

Dann lass es halt!

16BIT

Hallo Metapher,
herzlichen Dank für Deine Hinweise.

der Vortrag „Conscience de soi et connaissance de soi“, den
Sarte1947, also im Jahr vor der Publikation in ihrem Bulletin,
vor der Société Française de Philosophie gehalten hat, ist ja
im Grunde nur eine Kurzfassung von L’Être et le Néant.

Wie schon geschrieben möchte ich mir dieses doch recht umfangreiche Werk ersparen (nicht, weil es nicht interessant wäre, sondern weil noch einiges Andere auf dem Plan steht) und hatte gehofft, in ‚Bewußtsein und Selbsterkenntnis‘ hinreichend Aufschluss zu finden. Wobei solche Kondensate, wie sich hier zeigt, ihre eigenen Tücken haben.

Von
daher, und allein schon aus dem kurzen Ausschnitt deines
Zitates, ist es eindeutig: Das „nur“ ist entweder ein
Übersetzungsfehler oder, viel wahrscheinlicher, ein
Druckfehler (bzw ein Manuskript-Lesefehler des Setzers).

Danke. Ich hatte schon an mir gezweifelt und diese Passage (ab: „Anders gesagt: haben wir nicht von Beginn an Bewußtsein und Erkenntnis vermengt? Das ist das Problem über das ich sprechen möchte …“ 9 Seiten vorher) wieder und wieder gelesen um immer wieder zuverlässig über das „nur“ zu stolpern. Meine Vermutung ging in die von Dir angegebene Richtung.

Die Ausgabe von 1993, die ich
nicht hier habe, scheint mir eh nur ein Reprint zu sein, so
dass dort keine evtl. Korrektur zu erwarten ist.

So ist es, dort steht es genau so.

Wenn ich mehr finde, meld ich mich nochmal dazu.

Das wäre schön. Nochmals vielen Dank.

Freundliche Grüße,
Ralf

Frage …
Hallo,
entschuldige, aber ich muss jetzt einfach mal was fragen …

Danke. Ich hatte schon an mir gezweifelt und diese Passage
(ab: "Anders gesagt: haben wir nicht von Beginn an Bewußtsein
und Erkenntnis vermengt? Das ist das Problem über das ich
sprechen möchte … 9 Seiten vorher) wieder und wieder
gelesen um immer wieder zuverlässig über das „nur“ zu
stolpern.

Du schreibst, Du hast die Stelle wieder und wieder gelesen:
„Wenn Sie eine Sache oder
Wahrheit erkennen, werden Sie, wie wir gesehen haben, auf
einen unendlichen Prozeß verwiesen, an dessen Ende sie nur
wissen werden, ob das Objekt Sein war, denn von einem Ende zum
anderen konnte es ein Irrtum sein.“

Und dann bist bei dem „nur“ hängen geblieben? Weil das „nur“ keinen Sinn für Dich ergeben hat?
Aber die Kernaussage des offensichtlich unsinnigen Satzes:
"Sie werden auf einen unendlichen Prozeß verwiesen, an dessen Ende sie [nur] wissen werden, ob das Objekt Sein war […]

Das akzeptierst Du völlig kritiklos?
Wie geht das?
Ich frage, denn da würde ich „hängen bleiben“.

(Ich halte das „nur“ weiterhin für schlüssig, denn "sie werden NUR wissen, das das Objekt war - (und nicht WAS es war.)

Grüße
K.

1 Like

interim
Vorab: Manfred Frank (u.a. Der unendliche Mangel an Sein. Schellings Hegelkritik und die Anfänge der Marxschen Dialektik, 1975. Bis zur Emeritierung 2010 Lehrstuhl f. Phil. in Tübingen) schreibt zu der Übersetzung - recht diplomatisch:

À l’évidence, ces traducteurs (gemeint sind Margot Fleischer und Hans Schöneberg) ont été dépassés par la grande complexité et les nombreux présupposés de l’argumentation sar­trienne.“ („Offenbar sind diese Übersetzer von der großen Komplexität und den zahlreichen Voraussetzungen der Sartreschen Argumentation überholt worden.“) Und daher verdiene der Text eine neue Übersetzung („Celui-ci mériterait une nouvelle traduction“.)

Am WE hab ich das Original. Und dann schaumerma …

Mit einem solchen Vergleich hast du natürlich ein spannendes Thema. Obgleich ich dazu, wenn schon, eher als in Sartre in die Selbstbewußtseinstheorien des Deutschen Idealismus ginge (Fichte, vor allem Hegel, Schelling), auf dem Sartre ja auch letztlich aufbaut.

Ist das hi shi-ryo des Dogen eigentlich noch deckungsgleich mit dem wu niàn (無念) des Hui Neng bzw. des Plattform-Sutra? Immerhin liegen ja 600 Jahre dazwischen …

Gruß
Metapher

Hallo beide,

ich hänge mich drann, nicht notwendig sondern zwingend. Die Gelegenheit ergibt sich für mich. Könnt Ihr auseinander halten, was bitte schön eine notwendige und was eine hinreichende Bedinung sein sollen? Wem bewusst ist, was „Not“ wirklich heißt, der dürfte wissen, dass Not sich nur auf Umstände zurückführen lässt. Somit gibt es gar nicht so etwas wie eine notwendige Bedingung. Eine Bezeichnung die, um die Kurve zu kriegen, den Moment einer dramatischen Veränderung ausdrücken soll. Die Veränderung ist aber nicht notwendig sondern einfach (nur) erforderlich. In Form von zwei Einschnitten oder Ereignissen. Diese bestimmen Richtung und Maß sowohl in ausreichender als auch hinreichender Form. Von daher dürfte es nur ausreichende und hinreichende Bedingungen geben.

Ihr braucht mir nicht unbedingt, notwendiger Weise also, zu antworten. Wenn doch, würde es ausreichen, ja oder nein zu sagen. Für eine hinreichendere Erklärung wäre ich aber dann schon dankbar.

Gruß mki

Servus,

dass Du diese Bemerkung nicht kapiert hast, ist nunmehr bekannt. Hast Du auch was zur vorgelegten Frage zu sagen?

Schöne Grüße

MM

1 Like

Vorab: Manfred Frank

Ahja - da gibt’s ja Einiges zu diesem Sartre-Text, auch im Internet …

Ist das hi shi-ryo des Dogen eigentlich noch deckungsgleich
mit dem wu niàn (無念) des Hui Neng bzw. des Plattform-Sutra?
Immerhin liegen ja 600 Jahre dazwischen …

Auf die Schnelle - meines Erachtens nicht. Näheres dazu vielleicht heute abend.

Gruß,
Ralf

Hallo Klaus,

Du schreibst, Du hast die Stelle wieder und wieder gelesen:
„Wenn Sie eine Sache oder
Wahrheit erkennen, werden Sie, wie wir gesehen haben, auf
einen unendlichen Prozeß verwiesen, an dessen Ende sie nur
wissen werden, ob das Objekt Sein war, denn von einem Ende zum
anderen konnte es ein Irrtum sein.“

nein - ich schreibe, dass ich den gesamten Argumentationsgang, der bis zu dieser Stelle gut 9 Seiten in meiner Ausgabe umfasst (und dem dann noch Einiges folgt), wieder und wieder gelesen habe.

Und dann bist bei dem „nur“ hängen geblieben? Weil das „nur“ keinen Sinn für Dich ergeben hat?

Ja.

Aber die Kernaussage des offensichtlich unsinnigen Satzes:
"Sie werden auf einen unendlichen Prozeß verwiesen, an dessen Ende sie [nur] wissen werden, ob das Objekt Sein war […]

Das akzeptierst Du völlig kritiklos?

Mir ist nicht klar, was Du exakt mit „Kernaussage“ meinst. Grundsätzlich: es geht mir nicht darum, Sartre zu kritisieren, sondern zunächst einmal darum, zu verstehen, was er eigentlich sagt. Muss ich anmerken, dass das von mir angeführte kurze Zitat bei Weitem nicht dazu ausreicht, ein Verständnis von Sartres Gedankengangang zu ermöglichen - geschweige denn eine ernstzunehmende Kritik, sie sei nun zustimmend oder ablehnend?

Wie geht das?
Ich frage, denn da würde ich „hängen bleiben“.

Wie ich in meinem Ausgangsposting schrieb, geht das, wenn man statt des „nur“ ein „nicht“ setzt. Das sollte vor allem einsichtig sein, wenn man einmal liest, wie Sartre vorher den „unendlichen Prozess“ erläutert und versteht, dass es ihm hier um eine grundsätzliche Kritik des cartesischen ‚cogito‘ als Seinsvergewisserung geht.

(Ich halte das „nur“ weiterhin für schlüssig, denn "sie werden NUR wissen, das das Objekt war - (und nicht WAS es war.)

Ich vermute, Du meintest „dass das Objekt war“. Ja klar - nur darum geht es nicht, sondern darum, ob diesem Objekt die Existenzart ‚Sein‘ zukommt oder lediglich die der Wahrscheinlichkeit (besser: des Anscheins) des Seins. Die andere Möglichkeit / Alternative der „Erkenntnishaltung“ (sic! - nicht der Erkenntnis …) ist eben der Irrtum („denn von einem Ende zum anderen konnte es ein Irrtum sein“). Die Erkenntnishaltung zu einem Objekt ist eben nicht („impliziert keineswegs“) die „Enthüllung seines Seins“. Dieses „impliziert keineswegs“ steht in direktem Widerspruch zur Versicherung, dass man (wenn auch „nur“) „wissen werde(n), ob das Objekt Sein war“.

Btw - das ‚Ende des unendlichen Prozesses‘ ist auch so ein Unfug, wo mich das Original interessieren würde, da ich eine derartige Stilblüte Sartre eigentlich nicht zutraue.

Wieauchimmer - ich kann dazu nur empfehlen, das Zitat einmal im Zusammenhang der gesamten Argumentationskette zu analysieren. Aber darum (bzw. um eine Hilfestellung dabei) geht und ging es mir bei meiner Fragestellung nicht, sondern schlicht um den Text des Zitates im französischen Original oder ggf. um eine gleich bzw. ähnlich lautende Formulierung in ‚Das Sein und das Nichts‘ - wie Metapher deutlich machte (ich hatte das lediglich angedeutet) ist das hier in Frage stehende Vortragsprotokoll ja eine Art Précis von ‚Das Sein und das Nichts‘.

Freundliche Grüße,
Ralf

Hallo,

Könnt Ihr auseinander
halten, was bitte schön eine notwendige und was eine
hinreichende Bedinung sein sollen?

zumindest für für mich lautet die Antwort ‚Ja‘.

Für eine hinreichendere Erklärung wäre ich aber dann
schon dankbar.

Benutze erst einmal den Wikipedia-Link. Und nein, es geht nicht um Mathematik, wie Branden meint, sondern um Logik. Deren Beherrschung (bzw. die ihrer grundlegenden Regeln) gehört nicht nur für Mathematiker, sondern auch für Philosophen (und solche, die glauben, es zu sein) zum notwendigen Handwerkszeug.

Freundliche Grüße,
Ralf

2 Like

Hallo

Allein das Wort „damit“ in dem Satz „…damit es sein gibt“ zeigt ja, dass es eine direkte, notwendige Beziehung zwischen dem Bewusstsein und dem Sein gibt bzw. geben soll im Sinne des Autors.

Um es mal weniger ‚mathematisch‘ auszudrücken:

Es genügt, dass zwei Ameisen auf einer Insel leben, damit man die Insel belebt nennen kann.

Es müssen aber nicht zwangsläufig Ameisen auf dieser Insel leben, es können auch Mäuse, Trampel- oder Schnabeltiere, oder irgendwelche Lebewesen sein.

  • Ich kenne diese Ausdruckweise mit notwendigen und hinreichenden Voraussetzungen aus der Logik, und die ist meines Wissens ein Teil der Philosophie.

Viele Grüße

Hallo

Allein das Wort „damit“ in dem Satz „…damit es sein gibt“ zeigt ja, dass es eine direkte, notwendige Beziehung zwischen dem Bewusstsein und dem Sein gibt bzw. geben soll im Sinne des Autors.

Um es mal weniger ‚mathematisch‘ auszudrücken:

Es genügt, dass zwei Ameisen auf einer Insel leben, damit man
die Insel belebt nennen kann.

Der Satz „Es genügt, dass es Bewusstsein gibt, damit es Sein gibt“, impliziert aber, dass es kein Sein, ohne Bewusstsein gibt, während dein Beispiel-Satz nicht diese Konsequenz zeitigt. Aus deinem Satz kann man nämlich ersehen, dass außer den zwei Ameisen auch fünf Nashörner oder ein einziges Warzenschwein genügt hätte, um die Insel belebt zu nennen. Das eben trifft auf den inzwischen oft zitierten Satz nicht zu.
Dabei ist es wurscht, wie man das Ganze etikettiert.
Es grüßt dich
Branden

1 Like

Hallo,

nein - ich schreibe, dass ich den gesamten Argumentationsgang,
der bis zu dieser Stelle gut 9 Seiten in meiner Ausgabe
umfasst (und dem dann noch Einiges folgt), wieder und wieder
gelesen habe.

Ja stimmt, diese gewohnte Genauigkeit hat mich stutzig gemacht und nachfragen lassen :o)

Mir ist nicht klar, was Du exakt mit „Kernaussage“ meinst.

Eigentlich nur die Aussage des Satzes. Also das, weswegen er da steht.

Grundsätzlich: es geht mir nicht darum, Sartre zu kritisieren,
sondern zunächst einmal darum, zu verstehen, was er eigentlich
sagt. Muss ich anmerken, dass das von mir angeführte kurze
Zitat bei Weitem nicht dazu ausreicht, ein Verständnis von
Sartres Gedankengangang zu ermöglichen - geschweige denn eine
ernstzunehmende Kritik, sie sei nun zustimmend oder ablehnend?

Nein.

(Ich halte das „nur“ weiterhin für schlüssig, denn "sie werden NUR wissen, das das Objekt war - (und nicht WAS es war.)

Ich vermute, Du meintest „dass das Objekt war“. :o)

Ja klar - nur
darum geht es nicht, sondern darum, ob diesem Objekt die
Existenzart ‚Sein‘ zukommt oder lediglich die der
Wahrscheinlichkeit (besser: des Anscheins) des Seins.

Auch wenn das jetzt nichts mehr mit Deinem Posting zu tun hat … kann ich mit Kritik an diesem Satz nicht zurückhalten …

Ich halte diesen Satz für völlig absurd.
Ein Objekt - also irgendwas …
„hat“ eine „Existenzart“ - was immer das auch sein mag …
und 2(3) Möglichkeiten der „Existenzart“ werden nun genannt: Sein, Wahrscheinlichkeit und Anschein.

Existenzart ist ja offensichtlich eine differenziertere Betrachtung von Existenz. Existenz kann aber doch wohl synonym mit „Sein“ gesetzt werden. Damit sind dann aber auch Existenzart und Sein identisch - man könnte ja in der Differenzierung auch genauso gut von Seinsart sprechen.
Damit kann „Sein“ dann aber nicht mehr eine von mehreren möglichen Erscheinungen von Existenz sein.

Dazu kommt, das einem Objekt die Existenz (=Sein) immanent ist.
Ein „wahrscheinliches Objekt“ ist eben kein Objekt sondern eine Prognose. Tritt sie ein - haben wir ein Objekt. Tritt sie nicht ein - haben wir kein Objekt. Und nicht ein Objekt mit der Existenzart „Wahrscheinlichkeit 0“.

Nehmen wir nun noch den „Anschein“.
Ein „Anschein“ enthält implizit einen Vergleich.
Er setzt ein richtigeres Erkennen in Verhältnis zu einem weniger richtigen Erkennen und sei es auch nur theoretisch.
Wenn einem Objekt also die „Existenzart“ „Anschein“ zu kommt haben wir (zumindest theoretisch) mehrere widersprüchliche Aussagen über das Objekt.
Ist so ein „Anschein“ nicht immer allein schon deswegen gegeben weil 1.) Erkennen in der Zeit geschieht und 2.) es nicht einen ultimativen Erkennen gibt?

Die
andere Möglichkeit / Alternative der „Erkenntnishaltung“ (sic!

  • nicht der Erkenntnis …) ist eben der Irrtum („denn von
    einem Ende zum anderen konnte es ein Irrtum sein“).

Was ist „Erkenntnishaltung“ ??? :o)
„Eine Möglichkeit der Erkenntnishaltung ist der Irrtum?“
Was soll uns dieser Satz sagen ???

Irrtum ist möglich, man kann sich irren … ja. Wo ist da der Platz für „Erkenntnishaltung“?
naja …

Btw - das ‚Ende des unendlichen Prozesses‘ ist auch so ein
Unfug, wo mich das Original interessieren würde, da ich eine
derartige Stilblüte Sartre eigentlich nicht zutraue.

Ich bin beruhigt … :o)

Wieauchimmer - ich kann dazu nur empfehlen, das Zitat einmal
im Zusammenhang der gesamten Argumentationskette zu
analysieren.

Das mag arrogant klingen, aber ich halte von dieser Art Philosophie nicht all zu viel. Es ist ein Verwirrspiel mit Worten. Und statt Klarheit wird verkompliziert und verschüttet was meist offensichtlich ist.

Grüße
K.