Hü und Hott

Hallo alle,

gestern bei einer Pferdeszene im Fernsehen fiel mir Folgendes ein:

  1. Wie heißen die Pferdekommandos von Fuhrleuten eigentlich in den verschiedenen
    Landstrichen?
  2. Wo kommen sie etymologisch her?

Ich kenne folgende:

Hü oder Hüa = marsch!
Hüst oder Hist = links
Hott= rechts
Brrrr = halt
Öha = halt (ist auch als Ausruf des Erstaunens oder als „halt mal an“ in Bayern
geläufig).

Grüße vom
Bolo2L

Hallo, Bolo,

fang mal beim Grimm an:

_HÜ, in der fuhrmannssprache, antreibender zuruf: hü, schimmel! in Düringen auch hüa! hü und hi TOBLER 278a. auch zuruf an das zugvieh, links zu gehen (gegensatz zu hott). vgl. hi sp. 1305.

HOTT,HOTTA,HOTTE, zuruf an thiere, meist fuhrmannswort.

  1. im allgemein treibenden, scheuchenden sinne:

die nachtigal, die nachtigal,
die sasz auf einer stauden,
sie sang der braut den ‚hott vom zaun!‘
sie dacht sie selber zbrauten.
UHLAND volksl. 42 (vogelhochzeit);

und dann rein ermunternder zuruf an zugvieh: wenn ein roller etwan ein pferd hat und spricht Heinzlin hotta, hůsta Heinzlin, es kert sich nit daran. KEISERSBERG sünd. d. munds 35d; nun hotta Bläszle heijum, dasz man noch ferner kum. FISCHART groszm. 61; hotta schimmele schelmele! Garg. 134;

nun, weils denn so ist, hott! mein gäulchen, grad nach haus!
WIELAND 18, 136.

  1. häufiger zuruf nach rechts zu gehen; vielleicht hat sich dieser sinn aus dem vorigen nur herausgebildet weil bei dem zweigespann der zuruf hott an das hauptpferd, das rechts gehende sattelpferd am meisten gerichtet wurde: hott rechts, schwude, links, bei den fuhrleuten. RÜDIGER neuester zuw. 2, 118; rufen sie hotta, so gehts wust. Garg. 213b; sind wort, so die ackerleute in brauch haben: fornen dran, ist hot fornen, auf die rechte hand. PHILANDER 2, 304; die herren müssens einnehmen wie sie es ausgeben, rufen sie hott so gehts suder. LEHMANN 87; wenn ich hotte schrie, lenkten sie wüste. THÜMMEL 5, 162;

da lenkt sich all mein leben, hott!
leicht, wie mein sattelpferd!
K. SCHMIDT im Leipziger musenalm. 1779, 252.

bei aufzählung von fuhrmannsrufen:

wer mit pferden reden wil,
darf den Amadis nicht viel;
hotte, stoh,
tschwuid und o!
wer es kan mit fusz, hand, mund,
kan der sprache meisten grund.
LOGAU 1, 125, 36 (die fuhrmannssprache);

als kehrreim in einem spottliede auf bauern:

die bauern von sanct Pölten,
darzu die ganze gmein,
wüste! hotta ho!
sie ritten auf ein hochzeit,
ir keiner blib daheim,
wüste! hotta ho ho!
UHLAND volksl. 651._

hüst heißt im Schwäbischen auch „wischt, wist, wüscht, wüst“.

Gruß Fritz

Hallo Bolo2

Und ich frage mich, wieso in der ganzen Deutschschweiz diese Kommandi haargenau gleich wie in D lauten. Eine dermassen hohe Uebereinstimmung von mehreren Worten im gleichen Zusammenhang ist mir sonst nicht bekannt.

Gruss
Màni

Nachdem bei Grimm nicht allzu viel zu finden war, hier nun, was das „Schwäbische Handwörterbuch“ hergibt:

Hott (Interjektion) Adverb:

  1. Zuruf an das Zugtier, nach rechtes zu gehen; (Gegenteil zu: har, hüst, wist). Verstärkt hottü (2. Silbe sehr lang)

  2. Adverb: Hott fahren, gehen, usw. Übertragen: Er weiß nicht, will er wist oder hott. Er weiß nicht, was wist oder was hott ist. = Er weiß nicht aus noch ein. Eine Sache, ein Mensch ist nicht wist noch hott; ist weder wist noch hott. = unzuverlässig. Es geht hinten hott. = schlecht, verkehrt, schief.

Dazu gibt es auch ein Verb „hotten“ rechts, recht, richtig gehen.

Ironisch bedeutet: „Nô hotta!“ = Nur langsam! Imme mit der Ruhe! „Mit einem gut hotten“ meint: mit jemanden gut zusammen wirken können; ähnlich „schirren“

Hüst, hüh Adverb: links!
Fuhrmannsruf an das Zugvieh. Im Süden auch: wist/wischt; im Osten auch dist/discht. (Gegenteil zu: hott)

Auch hierzu gibt es ein Verb „histen“, das wie hotten verwendet wird, aber eben, wenn es falsch geht.

wist (Interjektion) Adverb „links!“ als Fuhrmannsruf an das Zugvieh an der Donau, in Oberschwaben und im Allgäu. Nördlich davon => hüst.

Über die Herkunft erfährt man hier leider auch nichts. Mir schwebt was Französisches vor.

Gruß Fritz

Nachdem bei Grimm nicht allzu viel zu finden war, hier nun,
was das „Schwäbische Handwörterbuch“ hergibt:

Danke, Fritz, Du gibst ja wieder keine Ruhe, bis Du nicht alles gefunden hast!

-)

Es geht hinten hott. =
schlecht, verkehrt, schief.

Dazu gibt es auch ein Verb „hotten“ rechts, recht, richtig
gehen
.

Aber widerspricht sich das nicht? Wenn’s schief läuft, müsste es doch hinten
hüst/wist gehen?

Ironisch bedeutet: „Nô hotta!“ = Nur langsam! Imme mit der
Ruhe! „Mit einem gut hotten“ meint: mit jemanden gut zusammen
wirken können; ähnlich „schirren“

Das mit dem Schirren kannte ich auch.

Auch hierzu gibt es ein Verb „histen“, das wie hotten
verwendet wird, aber eben, wenn es falsch geht.

Hier zeigt es sich wieder, dass wist/hüst/links = falsch ist und hott/rechts =
richtig.

wist (Interjektion) Adverb „links!“ als Fuhrmannsruf an
das Zugvieh an der Donau, in Oberschwaben und im Allgäu.
Nördlich davon => hüst.

Über die Herkunft erfährt man hier leider auch nichts. Mir
schwebt was Französisches vor.

Das tät mich auch nicht wundern! Aber gauche = wist/hüst und droit = hott?
letzteres könnte man sich gerade noch vorstellen, aber zu wist/hüst passt
sinistra schon besser …

Schönes WE!
Bolo

Servus Bolo!

  1. Wie heißen die Pferdekommandos von Fuhrleuten eigentlich in
    den verschiedenen Landstrichen?

Bei uns (Raum Kitzbühler Alpen)
Wia = marsch!
Hå = halt! jetzt vermehrt auch Brrr!
Wüst = links
diwo = rechts

  1. Wo kommen sie etymologisch her?

Im Salzburger Mundart-Wörterbuch ((Dr. Leopold Ziller) steht:
_Wistahar! Fuhrmannsruf „nach links“; ahd.‚winistar‘, mhd.‚winster‘ links, linksseitig (‚winsterhalp‘); das alte W. für links wurde schon im mhd. durch „tenc“ (‚dengg‘) verdrängt und hat sich nur mehr im Fuhrmannsruf erhalten; vgl. schwedisch ‚venster‘ links

Diwo! Zuruf an das Pferd, bedeutend „nach rechts!“, ein uraltes Wort, das auf gotisch ‚taihwa‘ rechts zurückgeht._

dengg für links ist bei uns nach wie vor im Sprachgebrauch, ein Linkshänder ist immer noch ein „Denggendibbl“…

Gscheiter worn? Des hoffat i decht!
:wink: Helene

Danke, Helene;

hochinteressant!

Wia = marsch!

Könnte das vom italienischen „via“ kommen?

Gscheiter worn? Des hoffat i decht!

Immer wieder … Man soll die Hoffnung nie aufgeben! :smile:

Gruß
Bolo

I no amål -

Wia = marsch!

Könnte das vom italienischen „via“ kommen?

Das ist gut möglich; gerade durch unsere Gegend führen einige alte Saumpfade aus/nach Italien, die nach den Kelten (In unsrer Nähe, in Uttendorf http://www.uttendorf.at/—> Archäologie wurden in den letzten 30 Jahren bedeutende Funde gemacht und es ist bisher der einzige Fundpunkt venetischer Keramik des 8. u. 7. Jh. v. Chr. nördlich des Alpenhauptkamms) auch von den Römern benutzt wurden.
Die hier bodenständige Pferderasse, die Noriker (http://www.noriker-kaltblut.de/noriker.htm), sind anscheinend Nachkommen der Pferde der Römer.
:wink: Helene

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hott = richtig; wist = falsch
So zu lesen im größten Heldenbuch Süddeutschlands:

_ In diesem und in den anderen Kapiteln wird erzählt, was sich vorderhand mit den Sieben Schwaben zugetragen hat

Es ist aber an der Zeit, dass ich dich, günstiger Leser, mit den Helden dieser Geschichte näher bekannt mache und was dir sonst zu wissen nötig ist, aufrichtig erzähle.
Vernimm also, dass der Seehas ausgegangen ist … Du musst aber wissen, dass dies ein Schimpfname für ihn geworden ist seit der Zeit, als die Sieben Schwaben ihr Abenteuer gehabt haben, von dem du, wenn du Geduld hast, am Ende hören wirst. Er ist aber in Überlingen am Bodensee zuerst Eschhay, dann Bannwart gewesen.
Da traf er unweit Freiburg im Breisgau den NesteIschwaben hinter einem Zaun, wo er etwas zu tun hatte, was der soeben getan hatte. Und sie machten sogleich Bekanntschaft, wie ehrliche Schwaben zu tun pflegen. Der Seehas fragte ihn, was er für ein Landsmann sei. Jener sagte, er sei kein Landsmann, sondern nur ein Mähnbub bei jenem Bauern, der dort den Acker pflüge. Da merkte der Seehas sogleich, mit wem er’s zu tun habe, und so ein Dummrian war ihm gerade recht. Er machte ihm daher den Vorschlag, er solle mit ihm kommen als sein Knecht, der ihm das Bündel trage; und wenn er etwas erzähle, so solle er nichts sagen, als dass es wahr sei. Jener sagte, er wisse aber nicht, was wahr sei oder nicht wahr.
Darauf sagte der Seehas: „Merk, Bauernlümmel: „Hott“ bedeutet wahr, „Wist“ heißt nicht wahr.“
So verstehe er’s, sagte jener, und er wolle mit ihm gehen und ihm um einen Batzen Wochenlohn sein Bündel tragen durch die ganze Welt und weiter.
Und die Geschichte weiß noch bis heutigentags nicht anzugeben, was dieser Mensch für ein Landsmann gewesen ist – ob ein Schwab oder ein Schweizer oder ein Pfälzer oder sonst einer aus dem deutschen Reich -, denn er redete in allen Landessprachen und in keiner recht. Er wird aber darum der Nestelschwab genannt, weil er statt der Knöpfe Nesteln hatte an Janker und Hosen; und da die meiste Zelt eine und die andere zerrissen war – besonders an den Hosen -, so musste er immer nachhelfen mit der einen Hand, was ihm dann so sehr zur Gewohnheit geworden ist, dass er auch dann so tat, wenn er nicht so hätte tun dürfen.
Beide zogen nun weiter und kamen zum Gelbfüßler, der in Bopfingen ansässig war.

Vom Gelbfüßler und was sich weiter begeben hat

Man erzählt, als die von Bopfingen ihrem Herzog die jährliche Abgabe, die in Eiern bestand, einst geben wollten, hätten sie die Eier in einen Krättenwagen getan und, damit recht viele hineingingen, mit den Füßen eingetreten - was denn ihrer Ehrlichkeit keine Schande macht. Daher haben sie denn alle, die aus jener Gegend sind in böser Leute Mund den Namen „Gelbfüßler“ erhalten.
Zu einem von diesen, der Bopfinger Bote war, kam nun der Seehas und erzählte ihm, dass in dem großen Wald am Bodensee ein fürchterliches Tier hause, das Land und Leuten großen Schaden zufüge- Beschreiben könne er es ihm gar nicht; aber es sei so groß wie eine wilde Katze, doch weit scheußlicher und gräulicher anzusehen; und Augen habe es im Kopf, so groß wie Goldgulden, die funkelten nicht anders als das höllische Feuer; und Ohren habe es -
„Nicht wahr, Landsmann?“
„Wist!“ sagte der Nestelschwab.
„Hott!“ sagte der Seehas.
„'s ist wägerle wahr“, sagte der Nestelschwab. Und jener fuhr fort, er beschwöre daher den Landsmann um des gemeinen Besten willen, er möge ihm mit Rat und Tat zur Seite stehen und ihm treue Helfer zu werben suchen aus allen schwäbischen Gauen.
Der Gelbfüßler sagte, fechten könne er zwar nicht; aber sei’s mit dem Laufen getan, so könne er den Teufel auf dem freien Feld fangen. Da der Seehas sagte, so einen Mann könne er brauchen, so schlug der Gelbfüßler ein und sagte, er müsse nur noch seine Stiefele anziehen und sein Rändle packen.
Als dies geschehen war, zogen sie weiter. Anfangs waren sie uneins, wohin sie sich wenden sollten, ob gegen das Ries oder die Donau. „Im Ries“, sagte der Gelbfüßler, „gibt es wohl viele Gänse, hab’ ich gehört, aber ich weiß nicht, ob es auch Menschen dort gibt.“
Der Seehas aber meinte: „Das Sehen kostet nichts; und erfahren wir’s nicht neu, so erfahren wir’s doch alt.“
Und damit gingen sie zum Ries._

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Hallo Fritz,

eine schöne Geschichte, vor allem, da sie ganz hart an meiner Heimat vorbei führt
:smile:.
Aber sie erklärt nicht meine Frage zu Deinem vorigen Beitrag, wo hott=rechts
einmal als „falsch“ benutzt wird, sonst aber immer als „recht“ oder „richtig“.
Ciao
Bolo

Hallo, Bolo,

wenn ich das so anschaue, heiß hotten oder hott gehen = richtig gehen.
Doch vorne muss es hott gehen!

Wenn es hinten „hott“ geht, dann scheint es aber falsch zu sein.
Also das „falsch“ steckt im Hint- ähh, hinten!

Gruß Fritz

Aha!
… sprach die Polizei, und so war es auch …

Danke Fritz!

ob das *Hot(t)* entfernt damit:

hæt (1), an., st. N. (a): nhd. Drohung; Hw.: s. hvat-r, hãt-a; E.: s. germ. *hwætæ,
st. F. (æ), Drohung; vgl. idg. *kÝÁd-, *kÝÅd-, V., stacheln, bohren, schärfen,
treiben, reizen,

zu tun hat? Leider kann ich das hier nicht so wiedergeben, wie es im Wörterbuch steht.
In Köblers Altnordischem Wörterbuch heisst es *hot* und ist auch so geschrieben da zu finden
http://www.koeblergerhard.de/anwbhinw.html

gruss aus Wien, jenny

Hallo, Jenny,
der Kluge vermerkt den Nachweis von „hott“ als Interjektion, Zuruf an Zugtiere zum Rechts- oder Schnellergehen als „unklar“. Ich hege dawider den Verdacht, dass sich um solche einst alltäglich gehörte Wort wieder mal kein Schwein gekümmert hat.

Mein Großvater hat nach dem Krieg als Fuhrmann sein Geld verdient.
Von ihm lernte ich die „Kommandos“.
„Hott“ - rechts
„hüist“ - links
„Hooo“ - langsamer
„Hüa“ - Anziehen, schneller
„hülf“ - zurück
„Brrr“ - halt
Und siehe da, selbst mir damaligem Dreikäsehoch gehorchten die massigen Kaltblüter mit dem schweren Kohlenwagen auf meine im Knabensopran gekrähten Befehle!
Grüße
EckARD