Nutella

Von: , Frage gestellt am Mo, 3. Jan 2000

Hallo,

der folgende Text hätte sicher auch zu "Essen und Trinken" gepaßt - es ist eine Story aus unserer Tageszeitung, die mir sehr gut gefallen hat. (Bin eigentlich kein großer Nutella-Fan, aber meine Kinder!)

Gruß
und viel Spaß,
Martin.


Nutella kann das süßeste Glück versalzen

Mit Butter oder pur aufs Brot - Frühstücksgewohnheiten entscheiden über den Bestand einer jungen großen Liebe

Was gibt es Schöneres, als wenn zwei Menschen einander begegnen und sich füreinander bestimmt fühlen? Wenn ihre Herzen jubeln beim Gedanken an den anderen, wenn die Seelen dank dieser Zweisamkeit sich in höhere Sphären aufschwingen? - Gut, ein niegel-nagelneuer 911er, schwarz, mit Ledersitzen und Holzarmaturen. Aber davon mal abgesehen, was gibt es Schöneres als ein junges Glück zu erleben? Nichts.

Allerdings ist es wahrscheinlicher, irgendwann einmal einen Porsche in die eigene Garage zu steuern, als dass ein junges Glück älter wird. Denn ein junges Glück muss sich bald der alles entscheidenden Frage stellen, die da lautet: Was frühstückst Du? Und selbst die süße Antwort kann das süßeste Glück auf immer und ewig versalzen. Bevorzugt der eine Herzhaftes und der andere Süßes, ist noch alles in Butter auf dem Toastbrot des Lebens. Solch konträre Geschmäcker sind leicht zu akzeptieren, weil die Fronten ganz klar gesteckt sind. Doch wann ist das richtige Leben schon mal so übersichtlich? Wann passen die eigenen Vorstellungen schon mal zu denen eines anderen wie das richtige Puzzleteil zum anderen? - Eben. Doch zurück zur Frage: Angenommen, die vermeintlich füreinander Bestimmten antworten wie aus einem Munde nach der ersten romantischen Nacht: Ich möchte Nutella zum Frühstück! Und während die Verliebten diese Übereinstimmung zunächst selig glucksend als weiteres Indiz ihrer Kongenialität werten, zeigt sich ihnen noch vor dem Zähneputzen die hässliche Fratze der Realität.

Nutella-Essen lernt man meist schon im Vorschulalter. Ebenso wie Nutella-Brot-Schmieren. Und das gilt dann für immer. Vier Möglichkeiten gibt es: Mit Butter drunter oder pur, dick oder dünn bestrichen - weitere Varianten wären zwar denk-, aber nicht essbar. Bleiben also vier.

Begegnen sich nun aber ein Nutella-pur-Esser und einer, dem es nur mit Butter schmeckt, müssen sich beide beim Anblick des Brotes des anderen ekeln. Ebenso wird dem, dem schon ein Hauch der Nuss-Nougat-Creme Zufriedenheit verschafft, übel beim Anblick eines Menschen, der Nutella fingerdick zum Frühstück braucht. Und das jeden Tag, bis dass der Tod euch scheidet, schießt einem dann durch den Kopf ... Nein, die eben frisch aufblühende Liebe verwelkt noch vor dem ersten Biss ins Brötchen.

Gleiches gilt für den Fall, wo beide zwar ,,Nutella" sagen, aber einer gar nicht ,,Nutella" meint. Denn: Der Markenname Nutella wird als Synonym für alle Schokocremes verwendet, ist in den allgemeinen Sprachgebrauch übergegangen - wie Tempo, Spüli und Tesa. Aber, wie schon die Werbung ganz richtig seinerzeit immer wieder feststellte: Nur wo Nutella draufsteht, ist auch Nutella drin.
Also Obacht: Wenn jemand ,,Nutella" sagt, könnte er damit auch eine der anderen zahlreichen Nuss-Nougat-Cremes meinen. Ein Schlag in die Magengrube für den auf das echte Nutella Be-dachten, denn für den bedeutet diese Beliebigkeit schlichtweg Banausentum. Und ihm schwant: Für wen die vor fast 35 Jahren entwickelte Original-Paste aus Haselnüssen eines italienischen Süßwarenherstellers immer noch keinen Kultstatus erreicht hat, der quatscht sicher auch beim Lieblingsfilm an der traurigsten Stelle dazwischen und verwechselt Mutter Beimer mit Mutter Teresa.

Sollten beim ersten Frühstück diese Klippen glorreich umschifft worden sein, ist das junge Glück trotzdem noch längst nicht im sicheren Hafen angelangt. Eine mächtige Welle, die das Schiff immer noch zum Kentern bringen könnte, stellt nun nämlich noch das Auskratzen des Glases dar.
Da gibt es die, die es flüchtig machen und gewisse Reste übrig lassen, und die, die stundenlang mit ihrem Messer in dem Glas herumstochern, bis nur noch Tausende millimeterdünne Streifen zu sehen sind. Und dieses nicht enden wollende geräuschvolle Schaben kann einen leicht reizbaren, unausgeschlafenen Menschen zur Weißglut treiben. Der Hinweis auf das in der Speisekammer wartende neue Glas kann den akribisch Ausputzenden nicht beirren: Ihm geht es nicht um den Verlust von drei Gramm Nutella, sondern ums Prinzip.

Apropos neues Glas. Hier versteckt sich noch ein weiterer Stolperstein, der das herumschippernde Glück ebenfalls noch vom Einlaufen in den sicheren Hafen der lebenslangen Zweisamkeit abhalten könnte: Die Folie unter dem Deckel des jungfräulichen Glases. Die einen setzen einen Fingernagel an den Glasrand, erwarten mit Spannung dieses nur Nutella-Gläsern eigentümliche Ploppen und ritzen dann vorsichtig und fein säuberlich rund herum die Folie auf. Schwierig ist einzig das Abreißen der Folie, wenn diese am letzten Zipfel hängt und sich dabei in das Glas wölbt - was für eine Herausforderung, die unversehrte Haut des Nutellas nicht mit der Folie zu schrammen. Dieses Vorgehen kann bei denjenigen, die brutal mit einem Finger die Folie in der Mitte durchstoßen und sie anschließend unkoordiniert abreißen, nur Kopfschütteln, das sich spätenstens beim Heiratsantrag fortsetzen wird, hervorrufen.

Umgekehrt gilt das genauso, denn rabiate Nutella-Folien-Killer riskieren eben auch, dass sie den Klecks Nutella der immer an der Folie oben klebt, am Finger hängen haben. Und wer vertraut schon einem Menschen mit Nutella am Finger?

Fazit: Ein Porsche ist zwar eine große Sache, aber es sind doch stets die kleine Dinge, die wirklich entscheidende Auswirkungen haben. Obwohl: Nutella gibt es nicht nur im üppigen 500-Gramm-Glas, sondern auch - wen überrascht's - im goldenen Millennium-Eimer.

Na denn: Guten Appetit. Oder: Gute Fahrt?!

Nutella-Lied
Schon seit zwei langen Stunden
freue ich mich gespannt
auf meine Neue
die schönste aller meiner Frau’n:
So still und weich, so zart, so braun,
Beim allerersten Mal
darf ich als Ritual
vor‘m Lecken, Lutschen, Beißen
ihr die Schutzfolie entreißen
Nutella, Nutella, Nutella, Nutella,
Die Frage, wie man sie serviert,
hat schon zu Schlägerei‘n geführt:
Darf ich sie mir auf Butter schmieren?
Lass ich sie fies im Froster frieren?
Verdirbt ein Laugenweckle
darunter das Geschmäckle?


Gaby Backhuß, Gießener Anzeiger (29.12.99)

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