Schneeschippen

Von: , Frage gestellt am Mo, 17. Jan 2000

Hallo,
noch nicht ganz aktuell (jedenfalls bei uns in Mittelhessen, aber bestimmt in diesem Winter noch mal Thema:

Über das Schippen

Angesichts der bevorstehenden Winterzeit erlaube ich mir eine Betrachtung zu einem Thema, das zwar fast jedermann betrifft, meines Wissens aber noch nie Eingang in eine Doktorarbeit fand, während zum Beispiel die Literatur über die Frage, warum Wühlmäuse unten kürzere Schneidezähne haben als oben, ganze Regale füllt. Ich meine die Beseitigung von Schnee. "Jahrtausende kommen und gehen - das Schneeschippen aber bleibt bestehen", soll Goethe geschrieben haben. Wenn nicht, stelle ich dieses Zitat mit Copyright zur Aufnahme in meine Biografie zur Verfügung.
Die Tätigkeit, um die es geht, ist nur äußerlich eine harmlose Sache. Was ist da schon dran? Wenn der Winter naht, kauft man eine Schneeschaufel für 35,85 DM und lässt sich bei der Anschaffung vom Fachmann beraten. Nur am Rande sei vermerkt, dass die Chinesen bislang nicht mit Billig-Exporten von Schneeschaufeln auf den Markt gegangen sind. Eine Antwort darauf wird vom nächsten Parteitag der KPCh erwartet.
Nach der irgendwo herumliegenden deutschen Schneeschaufel-Verordnung muss das Gerät einen kräftigen Stiel mit massiver Befestigung am Schaufelblatt aufweisen, das am unteren Rand mit einem Metallstreifen gegen vorzeitige Abnutzung der Räumkante gesichert ist. Weitere europäische Verordnungen über die Qualität des Holzes, die Länge des Stiels und die Frage eines dauerhaften Holzschutzes werden erlassen, sobald die Gerichtsverhandlungen über die angebliche Diskriminierung der Metallindustrie durch die Nichtverwendung von rein metallenen Schneeschaufeln abgeschlossen sind.
Ebenfalls liegen noch keine Ausführungsbestimmungen vor über die Auswahl von geeigneten Personen zum Schneeschippen. Die örtlichen Behörden in Kurhessen folgen schon lange nicht mehr der Gemeindeordnung vom Oktober 1837, derzufolge die Erhaltung und Reinigung von Strassen und Wegen allein dem Ortsvorstand obliegt. Das würde expressis verbis bedeuten, dass diese Herren die Schippe in die Hand nehmen müssten. Davon haben sie sich schnell befreit durch mit Paragraphen gespickte und mit Bussgeldern drohende Erlasse, die besagte Reinigung ausschliesslich den Haus- und Grundbesitzern auferlegt. Die wiederum wälzen das über Mietverträge auf die Mieter ab, was auf einen kurzen Nenner gebracht dem alten Sprichwort folgt, dass den Letzten die Hunde beißen.
Als im Jahr 1836 ein Oberbürgermeister einen Erlass herausgab, demzufolge Grundbesitzer einen Taler Strafe zahlen müssen, wenn sie ihrer Verpflichtung zur Aufräumung öffentlicher Wege nicht nachkommen, pfiff die
Landesregierung ihn zurück: Das ist unzulässig, der Erlass darf nicht mehr
gedruckt werden, und gezahlte Strafen müssen zurückerstattet werden. Das waren
noch Zeiten!
Mangels detaillierter Bestimmungen bleibt eine weitere, sehr wichtige Frage offen, nämlich: Wer muss schippen? Der meist männliche Haushaltungsvorstand oder seine Gattin? Wird in gleichgeschlechtlichen Lebensgemeinschaften gewürfelt? Ob Kinderarbeit in diesem Fall erlaubt ist, steht auch nicht in den Erlassen. Die Verfasser nehmen in Kauf, dass Ehekrisen oder Generationenkonflikte heraufbeschworen werden.
Man erkennt unschwer, dass Schneeschippen schwer ist. Bleibt ein Blick auf die Menschen, die sich ihrer bürgerlichen Pflicht unterziehen. Das sind die Sanguiniker, die optimistischen, lebensbejahenden Charaktere. Sie schwingen ihre Schippe, lachen dem Nachbarn zu und haben einen
Scherz auf den Lippen, etwa: "Schön, so ein bisschen Frühsport, gelle?" und
schippen, bis die letzte Flocke dem nächsten Schnee weicht. Der Pessimist macht die Haustüre auf und brummelt: "Im Fernsehn hat der Kachelmann gesagt, dass heute noch mehr Schnee fällt, da warte ich, bis es sich lohnt", und zieht sich zurück. Der Macho-Typ kippt seinen Kaffee herunter und sagt zur Gattin: "Du, ich muss heute besonders früh im Büro sein, kannst du mal das bisschen Schnee wegmachen", und verschwindet.
Der Melancholiker schippt hier ein wenig und dort auch, denkt an die Vergänglichkeit der Welt und daran, daß der Schnee deshalb eigentlich schwarz sein müsste. Der Phlegmatiker achtet darauf, genau an der Grundstücksgrenze aufzuhören. Und der Choleriker schimpft: "Dreckschnee! Mistwinter!"
Na, dann schippt mal schön!

("Ansichts-Sachen", H.G. Erzmoneit, Gießener Anzeiger 15.01.2000)

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