Aus dem Bauch
Von: , Frage gestellt am Mi, 30. Okt 2002
Renate Hilberg
Die Art, wie sie da sitzt, hat schon was, das muss ich zugeben. Das finden wohl auch die meisten Männer im Publikum. Sanft streicht sie sich durch die lange rotbraune Mähne. Sie ist zierlich, recht hübsch, und sie weiß es. Trotz der Kälte in dem Club lässt sie viel nackte Haut sehen. Das gehört nun mal dazu, genauso wie die rot lackierten, verlängerten Krallen und das affektierte Lachen. Wer weiß das besser als ich.
Es ist Punkt halb neun, als sie die ersten Töne auf der Gitarre erklingen lässt. Ihr Soloprogramm beginnt. Nur ihre Stimme und die Gitarre. Und sie macht das sehr gut. Ihre ausdrucksstarke Stimme hat eine recht große Bandbreite, kann sanft erzählen, rockig röhren oder melodiös die Tonleiter hochklettern. Ihre Texte erzählen Geschichten, wahre, erdachte, wer weiß das schon. Ich schließe die Augen und spüre nichts. Komisch. Das Wichtigste scheint der Künstlerin zu fehlen: Sie singt nicht aus dem Bauch.
Wenn man aus seiner Körpermitte heraus alles gibt, erst dann erreicht man wirklich die Zuhörer, denn dann spüren sie das Echte, Reine in dir, sie spüren, dasss du geben willst, aus-Dir-heraus-geben. Aus dem Bauch eben.
Sie ist nicht zu beneiden. Um erfolgreich zu sein, muss man eben auch schön sein. Das ist sehr mühsam und erfordert viel Disziplin. Aber ich, ich kann hier ruhig im Publikum sitzen und der Musik lauschen. Ich brauche das alles nicht mehr. Ich brauche mich nicht mehr zu verstellen, keine Wahnsinns-Diäten mehr machen, keine Bühnenklamotten mit viel Einblick mehr zu tragen, der ganze Affenzirkus geht mich nichts mehr an. Herrlich. Wenn ich da an früher denke.... vor jedem Auftritt hatte ich Stunden auf der Toilette zugebracht, das Lampenfieber hatte mich jedesmal voll im Griff, ich war ein Nervenbündel, zog mich immer und immer wieder um, war nie schön, nie attraktiv genug.
Wenn ich mich doch mal wieder auf eine Bühne stelle - denn das lässt einem nie richtig los - dann in dem unglaublich guten Gefühl, mich nicht mehr verleugnen zu müssen, sondern den Luxus zu genießen, mich so zu zeigen, wie ich bin. Oberhalb der 40 fängt eine Narrenfreiheit an, die befreiend ist.
Was wird die junge Sängerin noch erleben müssen, bevor sie in der Lage ist, mit jedem Song ein Stück von ihr selbst zu geben?
Denn nur wenn man gibt, bekommt man zurück. Und das macht reich, macht stark.
