Der Heimwerker - eine Suchtstudie
Von: , Frage gestellt am Di, 8. Feb 2000
Die Geburtsstunde des Heimwerkers beginnt mit der Absage der Profis:
"So, 'ne Schiebetür wollen Sie - wir sind im nächsten Vierteljahr nur auf Messen." Der Schreiner ahnt nicht, was er damit beim Bittsteller auslöst. Ähnlich beim Installateur: "Soso, ein Waschbecken - wir machen in Darmstadt grade 120 Wohnungen. Und der Fliesenleger setzt noch eins drauf: "Ach, fünf Quadratmeter - ich mach im Diplomatenviertel gerade ein Dusch-Atrium fertig, neun Meter Stehhöhe, alles Marmor; ich kann Ihnen sagen ..."
Der solchermaßen abgeschreckte Kunde lenkt seine Schritte in den nächsten Baumarkt und erblaßt zunächst angesichts des verwirrenden Angebots. Zwischen Dünnbettmörtel und Fugenbreit, Haftgrund und Zahnspachteln, Glätt- und Trennscheiben übt er sich in der Umrechnung von Halbzoll und Viertelzoll, vergleicht Dämmwerte und Abbindezeiten.
Erste Versuche, eine Wand zu verputzen, scheitern kläglich. Mal ist der Putz zu feucht, mal zu trocken, und zu allem Überfluß ist der Idealzustand der Wand ein ziemlich glatter. Nach intensiver, geradezu persönlicher Auseinandersetzung mit dem Material gelingt schließlich ein Ergebnis, das sich von der Arbeit des Profis kaum unterscheidet. Es dauerte halt ein wenig länger.
Auch das Waschbecken findet, nach anfänglichem Protest der Wasserwaage, festen Halt Mit einer Lage Hanf wird einer Rohrverbindung das Tropfen abgewöhnt, und selbst der Abfluß funktioniert ohne nachweisbare Leckagen. Als noch kniffliger erweist sich schließlich das Fliesen. Trotz dazwischen geschobener Abstandhalter zeigen die irdenen Scheiben ungeahnte Mobilität, solange der Untergrund nach feucht ist Daß Fliesenschneiden trotz mittlerweile beschafften geeigneten Gerätes viel Fingerspitzengefühl braucht, belegt der Scherbenhaufen zu Füßen des linkischen Artisten, den die französischen Nachbarn zu Recht "artisan" nennen.
Der erste Sack Zement gerät zu einer Premiere, an die nur pubertätsbefrachtete Schlüsselerlebnisse heranreichen, und zwei Kubikmeter Sand vor der Haustür dokumentieren endlich auch den Nachbarn, daß hier wahre Autonomie waltet Der bastelnde Freigeist verfügt inzwischen über einen reichhaltigen Gerätepark, sein Keller verwandelt sich mehr und mehr in eine Werkstatt, und zur Lieblingsbeschäftigung werden Trennen und Verbinden. Nichts Überstehendes ist vor seinem Trennschleifer sicher, und für amateurhafte Käufer von Einkilofüllspachtelchargen hat er nur noch Verachtung übrig. Ein halber Zentner Putz sollte es schon mindestens sein.
Verletzungen, die bei seinem rastlosen Wirken unvermeidlich sind, trägt er wie Tätowierungen. Und natürlich verdanken sich die Blessuren nicht seinem Unvermögen, sondern der Unvollkommenheit des verwendeten Materials. Die Holzschrauben von XY taugen halt nichts, und der Bohrschrauber leidet nach übermäßiger Beanspruchung unter einer Unwucht.
Keine schrecklichere Vorstellung für ihn, als daß er eines Tages fertig sein könnte, nicht mit den Nerven, aber mit seiner Baustelle. Unruhig träumt er von kühnsten Hoch- und Tiefbauprojekten, dabei stets vom Ehrgeiz beflügelt, alles selbst zu machen. Und bestätigt sieht er sich darin auch durch das reichhaltige einschlägige Zeitschriftenangebot, das seiner Sucht entgegenkommt und beständig zu neuen technischen Wagnissen animiert. Im Frühling steht die Teilnahme an einem Schweiß-Kurs auf dem Programm. Seine Frau hat sich schon einmal mit einer Klinikpackung Brandsalbe eingedeckt.
