Dramatik des Augenblicks
Von: , Frage gestellt am Sa, 8. Feb 2003
von Anna Nefjodov
„Es gefällt mir sehr gut, Herr Rodinski. Jedoch..."
Mit einer verächtlichen Bewegung reichte der Radakteur ihm sein Werk zurück.
„Ihre Geschichten haben Stil."
Warum hat er dann noch nie eine angenommen? Rodinskis Hände zitterten vor Zorn und seine Augen waren voll Bitterkeit. Diese verlogenen Menschen sind doch immer die gleichen. Auch wenn Rodinski es diesmal sogar bis zum Herausgeber persönlich schaffte, wies ihn dieser lächelnd und lobend zurück. Rodinskis ganzes Herz steckte in seinen Geschichten, aber solange er sich zurück erinnern konnte, wurde es immer gebrochen. Er hatte schon so viel Erfahrung mit diesen ersten Enttäuschungen, dass er gelernt hatte, mit ihnen umzugehen und darum verstummte langsam sein Zorn. Er ließ sich auf den Stuhl vor dem Schreibtisch des Redakteurs fallen.
„Was gefällt Ihnen denn nicht dran?"
„Sehen Sie ... Es ist die untertriebene Dramatik. Die Menschen, die mein Magazin lesen, haben kein Interesse an faden Geschichten. Ich finde Ihre Dramatik so untertrieben, dass es gar unrealistisch wirkt."
„Aber ich schreibe über das wahre Leben! Im wahren Leben handeln Menschen eben so."
„Das können Sie mir nicht erzählen, Rodinski! Zum Beispiel hier ..."
Der Redakteur blätterte hastig und manierlos in Rodinskis liebevoll zusammengestellten Seiten.
„Hier ... Als die betrogene Ehefrau von der Affäre ihres Mannes erfährt, da schreit sie nicht etwa rum oder bricht in Tränen aus. Sie bleibt ganz ruhig und sagt nur:'So ein Mistkerl. Und ich habe ihm heute früh noch Frühstück gemacht.' Nennen Sie das realistisch?"
„Durchaus!"
Rodinski konnte es kaum fassen, dass er es hier mit solch einer Banause zu tun hatte!
„Ich bin mir sicher, ich kann Sie davon überzeugen, dass meine Geschichten realistisch sind!", gestikulierte Rodinski leidenschaftlich.
„Vielleicht ..."
„Kein vielleicht. Sie müssen meine Geschichten einfach drucken. Sie sind einfach die besten in ..."
„Jetzt bleiben Sie mal ganz ruhig", unterbrach der Redakteur Rodinski schroff. Mit seinen kalten grauen Augen überflog er das Erscheinungsbild des bittenden Autors und bemerkte mit etwas wärmeren Stimme. „Ich habe jetzt leider keine Zeit mehr für Diskussionen, aber wir können uns gerne morgen mittag zu einem Kaffe verabreden und nochmal darüber reden."
Rodinski erschien pünktlich zur Verabredung, doch sein vermutlich zukünftiger Chef saß schon an einem Tisch und nippte ab und zu an seinem Kaffe Rodinskis Geschichten erneut durchblätternd.
Als Rodinski ihn begrüßte und sich setzte, konnten sie keine zwei Worte mehr tauschen, als eine gutaussehende Kellnerin neben ihnen erschien.
„Sind sie Herr Rodinski und Herr Hummel?"
„Ja", antworteten beide gleichzeitig.
„Das ist eben für Sie beide abgegeben worden."
Die Kellnerin reichte ihnen einen kleinen weißen Umschlag, der tatsächlich an sie beide adressiert war. Der Redakteur zuckte unverständlich mit den Schultern und riss ihn auf. Aus dem Umschlag zog er einen kleinen Zettel mit ein paar Zeilen darauf. Er las sie laut vor und wurde zunehmend blasser.
„Lieber Frank! Es tut mir leid, aber ich traue mich nur auf diesem Wege, dir die Wahrheit zu beichten. Die Tatsache ist, dass ich dich schon lange nicht mehr geliebt habe und jetzt eine liebevolle Partnerin in Clara Rodinski gefunden habe. Der Gattin des Mannes, mit dem du heute verabredet bist. Darum auch der Brief gleichzeitig an euch beide, denn während ihr ihn lest, sind wir (ich und Clara) schon längst weg, da wir vor haben ein neues Leben ohne euch anzufangen."
„Wir waren uns doch so nahe. Wieso tut sie mir das an?", schluchzte Rodinski mit einem Gesicht bleicher als sein weißes Hemd.
„Ich hätte ihr den Nerz vor einer Woche gar nicht kaufen müssen!
Ich bin ein Idiot!", schlug der Redakteur sich die Hände vors Gesicht.
