Zu Gast bei Immanuel Kant

Von: , Frage gestellt am Fr, 6. Jan 2012

(Da im Brett sonst herzlich wenig los ist, erlaube ich mir, ein frischverfasstes Teilkapitel zu posten, in dem Galaxy (18) und ihre dämonische Freundin Selena den Philosophen Kant im Totenreich besuchen. Das geschilderte befremdlich erscheinende Verhalten Kants hat eine theoretische Basis in einem seiner Werke, "Kritik der praktischen Vernunft", und findet sich dort im Abschnitt A 181.)


Selena lächelte, dann hielt sie aus dem Nichts heraus ein Buch in
der Hand und zeigte mir das Cover. Ich las über der Abbildung
einer Rokoko-Tischgesellschaft den Titel Handbuch der Mode des
18. Jahrhunderts
.
„Aus der Dämonenbibliothek ausgeliehen?“
„So ungefähr.“
Sie schlug eine bestimmte Seite auf. Ein Gemälde zeigte eine
Frau mit hochgestecktem Haar, die ein bodenlanges, aus einem
dünnen Stoff gefertigtes pastellfarbenes Kleid trug, um die Taille
locker zusammengebunden und mit einem gewagten Dekolleté.
„Zieh es an“, sagte Selena. „Es besteht aus Baumwolle.“
„Ähem... und wie das, bitte?“
„Imaginiere, dass du dieses Kleid trägst. Den Rest erledigt dein
Unbewusstes.“
Einen Augenblick darauf hing mir das Ding um den Leib. Es
fühlte sich so frisch und natürlich an, als sei ich damit schon zur
Welt gekommen. Ich sah an mir herab und bewunderte meine nicht
sehr großen, aber schön geformten Brüste, deren Nippel nur ganz
knapp vom Saum des Dekolletés bedeckt wurden.
Selena schnalzte mit der Zunge und schlug eine andere Seite
auf.
„Jetzt noch diese Schühchen.“
Im Nu stand ich auf zwei Pumps-artigen Gebilden, die mich um
acht Zentimeter größer machten.
„Exquisit“, murmelte sie. Unser Outfit hätte kaum
gegensätzlicher sein können. Selena in Hotpants, ich im Post-
Rokoko-Look.
„Jetzt darf ich dir einen meiner toten Freunde vorstellen.
Du wirst schnell erkennen, wen ich meine.“
Wieder berührte sie meine Stirn, dann hörte ich das Geklapper
von Besteck auf Tellern und sah sechs Leute, die im Stil
des späten 18.Jahrhunderts gekleidet waren, essend, trinkend
und plaudernd um einen runden Tisch sitzen inmitten
eines großen Zimmers mit Parkett und Möbeln und Gemälden
im Rokokostil. Durch mehrere hohe Fenster fiel das
schönste Sonnenlicht.
Ich selbst war die siebte Person in dieser Runde und saß in
meinem neuen Look zwischen zwei Frauen, die eine hübsch und
kaum älter als ich, und die zweite so Ende Dreißig und mit
vornehmem Profil. Die anderen Anwesenden waren ältere Männer.
Seltsamerweise fiel mir der unscheinbarste von ihnen sofort ins
Auge, ein schmächtiger Herr um die Sechzig, der seinen
Sitznachbarn kaum bis zu den Ohren reichte, sie geistig aber um
Lichtjahre überragte.
Immanuel Kant.
Ihn hatte Selena also gemeint.
„... von Marie Antoinette, dieser Verrückten“, sagte einer der
anderen Männer gerade, ein wohlgenährter Kerl mit sehr breitem
Mittelscheitel. „Man glaubt nicht, was für Bizarrerien dieser Dame
einfallen, um auf sich aufmerksam zu machen.“
„Ja“, sagte ein anderer. „Und diese Haarberge tragen dann auch
noch so delikate Namen wie ´coiffure à la Vénus pèlerine´ oder
´coiffure à l'oiseau royal´ und sind in Pariser Theatern natürlich
verboten, da sie den Blick auf den sterbenden Lear behindern.“
Alle lachten, auch Kant, aber eher verhalten, wobei er mich mit
einem freundlichen Blick bedachte. Ich schien ihn mehr zu
interessieren als die modischen Eskapaden der französischen
Königin.
„Greifen Sie zu, junge Dame“, sagte er, während die anderen
ihren Gesellschaftstratsch fortführten. „Das Spanferkel ist äußerst
delektabel.“
Ich hatte nie Deutsch gelernt, verstand aber jedes der hier
gesprochenen Worte, als wären sie englisch. Vielleicht gab es eine
Art Dämonenesperanto, dessen sich auch die Toten bedienten und
das jeder in dieser Welt verstand.
„Sie... Sie sind nicht tot?“, fragte ich spontan. Das musste
äußerst dumm klingen.
Kant lächelte auf seine verhaltene, aber sympathische Art.
„Ich denke nicht. Spätestens seit ich Selena kenne, weiß ich,
dass ich noch lebe.“
Er nahm einen Schluck aus seinem Weinglas. Aus Verlegenheit
tat ich es ihm nach und nippte an meinem Glas. Der Rotwein zerlief
wie Ambrosia auf meiner Zunge.
Kant nickte einem der Männer zu, einem charmanten Typ um die
Vierzig, der sich darauf herhob, von dem halben Ferkel, das auf
einer Terrine in der Tischmitte lag, eine Scheibe abschnitt und sie
mit einer Gabel auf meinen leeren Teller legte. Seine Augen
widmeten sich dabei intensiv meinem Dekolleté.
-Das ist Manfred von Bühlhorn, hörte ich Selenas Stimme in
meinem Kopf. Wenn du willst, kannst du später mit ihm Sex haben.
Ich spießte das Fleischstück mit einer Gabel auf und biss hinein.
Köstlich, aber sowas von.
-Immer schön langsam, dachte ich dabei. Vielleicht hat der Typ
die Syph.

-Quatsch.
Na gut, dann eben keine Syph. Ein seit zweihundert Jahren toter
deutscher Adliger wäre auf jeden Fall eine Trophäe.
-Wo bist du eigentlich?, fragte ich. Sofort spürte ich unter dem
Tisch eine Hand, die sich unter meinen Kleidsaum schob und
meine Wade streichelte.
-Ein perfekter Service hier, dachte ich. Auf allen Ebenen.
-Danke. Jetzt frag ihn nach seinem neuen Buch.
Auch das noch. Ich schluckte den Bissen runter und trank wieder
von dem roten Ambrosia.
„Herr Kant...“ Seine Augen blinzelten freundlich, während ich
nach Worten rang. „Sind... sind Sie zufrieden mit dem Erfolg Ihres...
Buches...?“
-´Kritik der reinen Vernunft´, funkte Selena.
„... mit dem schönen Titel ´Kritik der reinen Vernunft?´“, fügte ich
schnell hinzu.
Sofort verstummte das Gespräch der anderen. Kants Hit schlug
Marie Antoinette um Längen. Mit erhobenem Glas rief der
Glatzkopf:
„Ein Hoch auf die Kritik der reinen Vernunft.“
Alle außer Kant und mir wiederholten das laut und stießen ihre
Gläser an. In diesem Moment fühlte ich, wie Selena unter dem
Tisch mein Kleid bis über meine Oberschenkel hochschob, ihren
Mund gegen meine nackte Muschi drückte und zu züngeln begann.
Ausgerechnet jetzt.
Unterdrückt seufzend konzentrierte ich mich auf die Runde. In die
Stille nach den Hochrufen hinein sprach der Philosoph, den Blick
auf mich gerichtet:
„Dass alle unsere Erkenntnis mit der Erfahrung anfängt, daran ist
gar kein Zweifel. Wer aber hat einen Gott oder hat Götter je
erfahren? Oder Engel? Oder Dämonen?“
Er blickte umher. „Du, Manfred? Oder Sie, verehrte Frau
Sahmen?“
Die anderen lachten, auch die angesprochene Dame neben mir.
Ich zwang mich zu einem Lächeln, dem man die Lust hoffentlich
nicht ansah, die mir Selena unter dem Tisch bereitete.
„Nein.“ Kant schüttelte den Kopf. „Wir wissen nur, was uns die
Sinne vermitteln, abgesehen...“
Selena schob ihre Zunge weiter in meine Höhle.
„... von solch trockenen Dingen wie den Regeln der Geometrie,
die unserem Verstand auch ohne Sinneserfahrung zugänglich
sind.“
„So ist es“, rief der Glatzkopf. „Wider die Geisterseherei der Alten!
Wider den metaphysischen Spuk der Rationalisten!“
Er schlug dabei mit der flachen Hand auf den Tisch, dass die
Gläser klirrten. Mein Unterleib glühte mittlerweile wie eine 100-
Watt-Osram.
„Und Sie, meine Dame?“ Kant fokussierte wieder mich. „Wie
sehen Sie diese Dinge?“
Das unleugbare Faktum, dass mich gerade eine Dämonin leckte,
machte mich mutig.
„Sie haben einerseits recht, Herr Kant. Andererseits aber...“
Ich holte tief Luft und setzte zu einem triftigen Argument an, da
erhob sich Kant und sah in die Runde, was mich veranlasste,
meinen Satz abzubrechen.
„Unser schöner Gast...“ Er wies auf mich. „... ist mir ein
willkommener Anlass, ein Fortschreiten in meinen Erkenntnissen
öffentlich zu machen.“
Die Gäste sahen sich erstaunt an.
„Mir ist also das Wissen zuteil geworden, dass es geistige Wesen
gibt, deren Erkenntnis den Sinnesorganen des Menschen nicht
möglich ist.“
Nicht einmal eine Stecknadel hätte es jetzt gewagt, zu Boden zu
fallen.
Kant setzte sich wieder.
„Von Swedenborg“, sagte er und nippte stirnrunzelnd an seinem
Wein, „können wir doch vieles lernen.“
„Aber, Herr Immanuel!“ Der Glatzkopf guckte, als hätte sich das
Spanferkel auf dem Tisch in eine tote Ratte verwandelt. „Wie
können Sie so sprechen? Haben Sie nicht vormals ein exzellentes
Buch wider die Geisterseherei geschrieben?“
Kant zog eine Was-soll´s-Miene. Auf der Zimmertapete wogten
die Blumenmuster sanft im Rhythmus meiner Lust. Ich spürte, dass
ich kurz vor dem Kommen war.
Dem charmanten Typ – Manfred – war mein Zustand nicht
entgangen, da sein Blick die meiste Zeit auf meinen Brüsten ruhte.
„Sie sind ja ganz außer sich, Frau von Duhm“, sagte er. Mich
über den Namen, den ich hier trug, zu amüsieren, blieb mir
allerdings keine Zeit, denn die erste Orgasmuswelle rollte an, und
ich begann zu stöhnen und meinen Kopf hin- und herzuwerfen.
Alle starrten mich an, auch Kant.
„Wie ungewöhnlich!“, rief der Glatzkopf. „Sind wir denn in einem
Bordell? Ist dies gar der Salon des Marquis de Sade?“
-Auch ein Freund von mir, kommentierte Selena, deren
Zungenspiel nicht nachließ.
Trotz meiner Erregung sah und hörte ich, was am Tisch geschah.
Wieder stand Kant auf, was die Blicke auf ihn zog.
„Es gibt“, sagte er laut, „ein Reich über die Menschenwelt hinaus.
Es gibt dort fürchterliche Wesen. So fürchterlich, dass...“
Seine Arme begannen zu zucken. Erschreckt sprangen seine
Sitznachbarn auf und warfen dabei ihre Stühle um.
„Herr Immanuel...“, rief der Glatzkopf besorgt.
„... dass wir“, fuhr Kant, ohne sich zu beruhigen, fort, „wenn wir
ihnen in der Welt jenseits unserer Sinne gegenübertreten...“
Mein Stöhnen wurde lauter, denn eine Lustwelle nach der
anderen jagte durch mich. Kant musste dagegen anschreien, um
verstanden zu werden. Gleichzeitig zuckte er immer
konvulsivischer.
„... dass wir dann zu Marionetten werden, die keine Freiheit
kennen...“
Auch ich begann jetzt zu schreien.
„... mehr noch...“ Kant verdrehte die Augen. „... dass wir zu
wahnsinnigen Maschinen werden im Angesicht des Schrecklichen....“
Ein Beben ging durch das Zimmer und ließ den Tisch erzittern
und eines der Gemälde von der Wand stürzen. Die Gäste liefen
chaotisch durcheinander. Keiner wagte es aber, Kant anzufassen,
der sich wie tobsüchtig gebärdete.
„... im Angesicht des...“ Kant hob beschwörend die zuckenden
Arme und trieb seine Stimme an die äußerste Grenze. „... des
Dinges an sich...“
Nun waren die Wände leer von Bildern und der wackelnde Tisch
fast leer von Geschirr. Das halbe Ferkel drohte fettglänzend auf
meinen Schoß zu rutschen, während meine Orgasmen eskalierten.
Zwei Männer rissen am Griff der geschlossenen Zimmertür,
konnten sie aber nicht öffnen. Manfred und Frau Sahmen zerrten
an einem der Fenster, das wie zugenagelt war.
Dann zersprangen die Gläser und Flaschen und Fensterscheiben
mit einem grellen Knall. Jetzt schrien auch die Gäste in wilder
Panik.
Kant war nicht mehr zu verstehen, ich hörte kaum mein eigenes
Schreien.
Das Zimmer drehte sich wie ein Kreisel.
Und explodierte genau in dem Moment in einem Gewitter aus
Blitz und Donner, als meine Lust das Limit erreichte.
Sofort herrschte eine himmlische Ruhe.
Durch ein offenes Fenster klang das Zwitschern einer Amsel.
Die Luft roch nach Frühling.
„Englischer Tee“, sagte Kant und füllte die Tasse nach, die ich
ihm entgegenhielt, „ist ein unübertrefflicher Balsam für Leib und
Seele.“
Selena und ich saßen ihm in gemütlichen Sesseln gegenüber. Ich
zwinkerte verblüfft. Die Dämonin trug das gleiche Sexy-Outfit wie
vor unserem Trip zu Kant. An mir hing immer noch das schöne
Baumwollkleid.
„Manchmal kriegt er solche Anfälle“, sagte Selena zu mir
gewandt, „die dann nicht zu bremsen sind. Allerdings...“
Sie grinste obszön.
„... waren wir daran nicht ganz unschuldig. Es hat ihn
aufgewühlt.“
„Wovon sprichst du, verehrte Freundin?“, fragte der Philosoph.
„Von deiner dunklen Seite, Immanuel, die dir unbewusst ist.“
Unbewusst... was für ein seltsamer Begriff.“
Er wiegte den Kopf.
„Ich kenne diesen noch gar nicht. Aber er hat etwas für sich. Ich
werde ihn notieren.“
Er griff nach einem Stift und einem Büchlein, die auf dem
Teetisch lagen, und kritzelte ein paar Sätze.
„Wir sind“, sagte Selena unterdessen zu mir, „in der Welt der
Toten. Wie du siehst, sind sie sehr lebendig und verkehren auch
miteinander, natürlich nicht immer so gesellig wie bei Immanuel.
Vielleicht werden sie irgendwann wiedergeboren, vielleicht bleiben
sie auch in ihrer Welt.“
„Aber...“
Ich verlegte mich auf Telepathie.
-… aber du hast doch nichts mit ihm?
-Wir sind rein platonisch, natürlich.
Ich spürte da etwas zwischen den Zeilen.
-Und?
-Nun, ich habe eine Freundin von mir gebeten, sich seiner
anzunehmen.

-Und?
-Egal wie sie es inszeniert, er verfällt jedesmal in diese
Marionetten-und-Maschinen-Nummer.

-Dann schick ihm doch Freud. Der ist auch tot.
-Ist er nicht. Er wurde wiedergeboren.
-Kein Scheiß? Was macht er jetzt?
-Rockmusik. Drei Goldene Schallplatten.


(by Chan)

1 Antworten zu dieser Frage

  1. Antwort von nach 14 Stunden hilfreich
    Kleine Korrektur

    Das geschilderte befremdlich erscheinende
    Verhalten Kants hat eine theoretische Basis in einem seiner
    Werke, "Kritik der praktischen Vernunft", und findet sich dort
    im Abschnitt A 181.)
    Ich meine natürlich, dass sich die "theoretische Basis" in diesem Abschnitt findet (der Mensch als Marionette und Automat in der Sphäre des Dinges-an-sich) und nicht das "geschilderte Verhalten".

    Chan

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