Für Freunde der Buchmesse (aus fr.rundschau)

Von: , Frage gestellt am Sa, 13. Okt 2001

Schlechte Luft

Zur Frankfurter Buchmesse

Von Wladimir Kaminer

Der Laden war rappelvoll. In den Gängen wimmelte es von Menschen, alt und jung, Männer und Frauen, Studenten mit schlappen Rücksäcken hinter dem Rücken und vornehme Damen in schönen Abendkleidern. Das Ganze war letztes Jahr, nannte sich "Frankfurter Buchmesse" und ich als junger Autor eines einzigen Buches stand mitten drin. Der Ausmaß des Geschehens hat mich überrascht: zu viele Leute, zu schlechte Luft und eine beinahe hysterische Stimmung. So stelle ich mir einen Bahnhof in Zeiten des Krieges oder einer bevorstehenden Evakuierung vor. Aus allen Lautsprechern schallten wichtige Informationen, die man jedoch unter keinen Umständen verstehen konnte. Von meinem Agenten wusste ich, das die meisten Leute hier nicht einfache deutsche Leser waren. Hier wurden Geschäfte gemacht, viel Geld verdient und ausgegeben. Nach einigen Stunden in den Hallen konnte ich mich einigermaßen orientieren. Ganz oben unter einer Glaskuppel saßen die Literaturagenten. Sie wickelten dort ihre Termine mit wichtigen Leuten ab. Vor der Glaskuppel standen aufgeregte Menschen mit Aktentaschen - noch unentdeckte Autoren. Sie warteten auf Agenten, um sie mit einem Manuskript zu überraschen. Aber die Agenten waren nicht dumm und gingen den unentdeckten Autoren aus dem Weg. Dazu ließen sie sich noch von Sicherheitskräften bewachen und verließen ihre Glaskuppel nur in äußerster Not. Ganz unten im ersten Stock liefen die Verlagsangestellten aus aller Welt herum, ebenso die bereits entdeckten Autoren - mit ihren Familienangehörigen, Journalisten, Touristen und Messefans. Sie alle suchten irgendetwas. "Ich suche Günter Grass", sprach mich ein Verrückter an. "Wissen Sie nicht zufällig, wo er dieses Jahr steckt? Es ist sehr wichtig, es geht um die Verletzung meines Menschenrechts. Keiner will mir helfen, Günter Grass ist meine letzte Chance." Ich wusste nichts von Günter Grass und war selbst auf der Suche nach Jelzin. Irgendwo sollten einige russische Verlage ihre Neuerscheinungen präsentieren, unter anderem Jelzins Erinnerungsbuch Mein Leben als Präsident. Vielleicht saß der Autor selbst da, konnte sich vor Langweile nicht retten - und wir könnten zusammen einen trinken gehen. Die Russen waren aber schwer zu finden, erst nach zwei Stunden entdeckte ich sie: Auf vier kleinen Tischen lagen Postkartensammlungen mit schönen Kirchen, einige nicht übersetzte Lebenswerke alter russische Philosophen und bunte Kalender mit Blondinen der neuen Generation. Jelzin war nirgendwo zu sehen, nur zwei Vertreter seines Verlags - sie naschten an einem Trockenfisch. Ich verließ die Messe allein und ging zum Hotel Frankfurter Hof. Dort war ich mit meinem Agenten verabredet. Wir setzten uns in die Lounge und bestellten Mineralwasser. Langsam baute sich an unserem Tisch eine kleine Gesellschaft auf: der Verleger eines Konkurrenzverlags, der sich auch ein Mineralwasser bestellte, eine alte Übersetzerin, die Kamillentee trinken wollte, dann eine dicke Russin aus NewYork zusammen mit ihrer Tochter, die als russische Literaturagenten unterwegs waren und an einem Orangensaft nippelten. Der Verleger erzählte mir immer wieder, wie wichtig es für einen Autor in Deutschland sei, einen zweiten Verlag hinter sich zu haben - für alle Fälle. Die alte Übersetzerin wollte von mir wissen, ob ich nicht ein paar junge begabte Autoren aus Russland kenne. Jelzin war ihr nicht jung genug. Die Mutter und die Tochter meinten, ich solle Ihnen sofort 5000 Dollar geben, damit sie mein Buch in Russland veröffentlichen. Die beiden Frauen waren vor zwanzig Jahren von Russland nach Amerika emigriert und hatten vor kurzem ein tolles Geschäft entdeckt: Sie fuhren in der Welt herum und versprachen ihren vesprengten Landsleuten, ihre wertvollen Lebenserfahrungen in Russland zu veröffentlichen. An Autoren mangelte es nicht - die Russen schreiben gern, besonderes wenn sie nicht mehr jung sind und im Ausland leben. Von mir bekamen sie aber keinen Cent und bald darauf verschwanden sie. Mein Agent war schon früher gegangen. Auch der Verleger verabschiedete sich, er eilte zu irgendeinem Empfang. Die alte Übersetzerin ging aufs Klo und kam nicht zurück. Plötzlich saß ich allein am Tisch. "Möchten Sie zahlen?" der Kellner hatte mein Blick falsch interpretiert. Ich nickte trotzdem. "Drei mal Mineralwasser, zwei mal Orangensaft, ein Kamillentee, macht zusammen 118 DM. Und bitte passend, ich habe nur Hunderter bei mir," meinte er freundlich. Ich fühlte mich von der Buchmesse betrogen, leerte mein Portmonnaie und ging.

Diesen Text hat uns Wladimir Kaminer nach seinen Erfahrungen vom letzten Jahr zur Warnung für dieses Jahr geschrieben.
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soweit
http://www.fr-aktuell.de/fr/140/t140011.htm

Ob es auch diesmal so war? *g*

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