Hallo Renate,
ich möchte dir nicht zu nahe treten, aber du interpretierst ein wenig zu viel hinein in die beiden Formulierungen - und schießt dabei gewaltig übers Ziel hinaus.
Die beiden Formulierungen ergeben eine ganz leichte
Verschiebung dessen, was dein Protagonist tut und erlebt. Das
trifft es noch nicht ganz, was ich meine, du änderst die
Erzählperspektive ein wenig, was dazu führt, dass du die
erzählende Gegenwart benutzen darfst, obwohl du ein Ereignis
schilderst, das lange her und abgeschlossen ist.
Es hat nichts zu tun mit "erzählender Gegenwart", sondern es ist einfach der so genannte AcI - Accusativus cum Infinitivus. Das ist eine aus dem Lateinischen (und auch Griechischen meines Wissens) stammende grammatische Form, die bei Verben der sinnlichen Wahrnehmung benutzt wird. Im Deutschen sind das nur ein paar wenige Verben, die diese Form haben können. Dazu gehört auch das Verb "sehen".
Die erste Formulierung macht deinen Helden zu einem bewußten
Theaterbesucher, der eben das tat, was ihn zu einem
Theaterbesucher machte, er saß in einem Theater. Und ab diesem
Zeitpunkt wirst du in der Gegenwart berichten, was er
wahrnimmt. Du bleibst sozusagen ganz dicht an ihm dran, siehst
durch seine Augen, wie die Künstler aus der Kulisse kommen und
da-- einer stolpert doch tatsächlich, aber er fällt zum Glück
nicht, weil ihn ein Kollege rasch stützt und so einen..... und
so weiter. Du schilderst was dein Held erlebt aus seiner
Perspektive, ohne ihn zum Ich-Erzähler zu machen. Und um doch
Farbe und Lebendigkeit herzustellen benutzt du die Gegenwart
(was ja bekanntlich immer lebendiger wirkt).
Echt? Das steht alles in dem kurzen Satz? Nicht wirklich, oder?
Und nochmal: er benutzt NICHT die Gegenwart!
In der zweiten Formulierung hast du mehr Distanz zu deinem
Protagonisten, der Leser dadurch natürlich auch, er nimmt
wegen der durchgängig benutzen Vergangenheit den Handelnden
als uninteressierter wahr. Die reine Aufzählung, die du in der
Vergangenheit machst: er saß, er sah dass jemand kam, er sah
dies und er sah jenes.
Eine blühende Phantasie hast du ... Aufzählung? Wo?
Die Verben, die du benutzt sind
passive Verben (nicht ihre grammatikalische Form), daher kein
Leben, keine Farbe.
Entschuldige bitte, aber er benutzt genau die GLEICHEN Verben wie in seinem ersten Satz. Passive Verben? Heidenei...
Er hätte genauso gut draußen auf einer
Bank sitzen können, und sehen wie eine alte Dame Mühe hatte
ihren Hund über die Straße zu ziehen. Er ist nicht beteiligt
an dem Geschehen, während der Mann in dem ersten Satz es
durchaus ist. Es ist ein bisschen wie der Unterschied zwischen
direkter und indirekter Rede.
Nun wird's aber wirklich absurd. Direkte und indirekte Rede? Wie bitte? Liebe Renate, das kannst du hier wirklich nicht herauslesen.
Deshalb halte ich den Zeitenwechsel im ersten Satz nicht nur
für nicht falsch, sondern für richtig. Jedenfalls wenn du die
Identifikation des Lesers mit deinem Helden erreichen
möchtest.
Es ist KEIN Zeitenwechsel! Natürlich ist die Formulierung korrekt. Und es hat nicht unbedingt etwas mit der Identifikation des Lesers mit dem "Helden" zu tun.
Soll ich mal richtig abgrundtief schlecht und gemein sein??
Nur um die Ratlosigkeit noch ein wenig anzukurbeln?
"Er saß im Theater und sah wie die Künstler aus der Kulisse
kamen.
Wenn du meinen Beitrag weiter unten vorher gelesen hättest, wüsstest du, dass du mit diesem Satz mitnichten die Ratlosigkeit ankurbelst, sondern nur ein bedeutungsgleiches Beispiel angibst. "Er sah, wie die Kinder tanzten" bedeutet genau das gleiche wie "Er sah die Kinder tanzen". Es ist ein stilistischer Unterschied, mehr nicht. Eleganter und stilistisch höher anzusiedeln ist m.E. der AcI.
Schönes Wochenende
Renate
Das wünsche ich dir auch.
Gruß
Uschi