Sozialbegriffe im Judentum

Von: , Frage gestellt am Mo, 14. Apr 2003

Von Gabriele Tergit:

Soziale Begriffe der Juden

Von Roda Roda gibt es eine Geschichte: »Warum bist du so traurig«, sagte ich zum Schafhirten. „Ach Herr“, sagte der, „meine Tochter hat sich verheiratet. Sie hätte den Kuhhirten haben können, aber das schlechte Mädchen ist zum Schweinehirten gelaufen. Solch ein Abstieg!“

1895 sagte meine Großmutter in Süddeutschland: „Ich habe Kolmeyers Besuch gemacht. Die Resel hat sich verlobt, sehr reich, aber es scheinen mir Ostjuden zu sein, Namen mit Sohn sind immer ostjüdisch. Ich versteh ja den alten Kommerzienrat Kolmeyer nicht; das hat er doch nicht nötig, bei der einzigen Tochter.“

1933 sitzt mein Mann in einer ostjüdischen Gesellschaft und zählt lachend: „Heute habe ich Herrn Ephraim ganz aufgeregt gefunden. ‚Wissen Sie’, sagte er, ‚da habe ich meine Nichte aus Lemberg hier und die verkehrt viel bei Cohns, und die haben einen Untermieter, den haben sie immer dazu geladen, wenn das Mädchen da war, und richtig, jetzt haben sie sich auch verlobt. Und wissen Sie, was der Mensch ist - ein Litwak! Ist doch unerhört von Cohns?’“
Betretenes Schweigen der ganzen Gesellschaft. Schließlich ein: „Entschuldigen Sie, was finden Sie denn daran so komisch? Eine Partie mit einem Litwak, einem litauischen Juden, macht man doch auch nicht gern als polnischer Jude.“

1928 ruft mich meine Freundin in Berlin an: „Stell dir vor, Mary hat sich verlobt. Mit einem italienischen Juden.“
„Donnerwetter“, sage ich, „ein Sepharde? Ist er auch sonst nett? Wo hat sie denn so was kennengelernt? Großartig.“

Das kleine ostjüdische Mädchen in Tel-Aviv hat sich verlobt. Sie ist sehr glücklich. Nur wegen der Eltern hat sie Bedenken. Die Eltern sind russische Juden. Sie leben in Amerika. Sie wollen jetzt nach Palästina kommen.
„Warum glauben Sie, daß ihre Eltern sich nicht freuen werden?“ sage ich, „Verdient er nichts? Ist er häßlich?“
„Nein.“ sagt sie, „aber er ist aus Italien, er ist ein Fränk. Und Fränken, wissen Sie, Sephardim nennt man sie auch, kann man bei uns eigentlich nicht heiraten.“

aus: Im Schnellzug nach Haifa, Reportagen aus dem Israel der 30er Jahre

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