Das wahre Böse in der Welt ist gefunden.... Countr

Von: , Frage gestellt am Fr, 29. Okt 2004

Outsourcing von Gebeten und die Gefährlichlichkeit von Country-Musik

Bernd Schröder   02.10.2004


Die Kaste der Wissenschafts-Exzentriker traf sich in Havard - von der
feierlichen Verleihung der diesjährigen Ig-Nobelpreise


Eine Woche vor den "echten" Nobelpreisen wurden am Donnerstag zum 14. Male
die Ig-Nobelpreise [1] verliehen. In einem rauschenden Fest, dem 1.200 mit
Papierflugzeugen um sich werfende Gäste beiwohnten, wurden einmal mehr
menschlicher Erfindungsgabe und Entdeckerdrang fern aller Konventionen
gehuldigt.


Es gab im Vorfeld Befürchtungen, dass sich der Witz der Veranstaltung im
Laufe der Jahre abgenutzt haben könnte. Diese erwiesen sich aber angesichts
der hochkarätigen Preisträger und der abermals außergewöhnlichen
Forschungsergebnisse aus allen Bereichen des wissenschaftlichen Universums
als unbegründet.


Die Preisträger reisten auf eigene Kosten an, um dann die weltweite
Anerkennung in Form von Preisen aus extrem billigen Materialien
entgegenzunehmen - sowie ein Medaillon, das zu peinlich ist, um überhaupt
getragen zu werden. Die Preise werden von "richtigen" Nobelpreisträgern
überreicht. In 30 Sekunden dürfen sich die Preisträger erklären, um danach
kräftig ausgebuht zu werden.


Vom Hulla-Hoop-Reifen zum Über-Kämmer


Um es vorauszuschicken: Das Pechtropfenexperiment ( Das längste Experiment)
hat es wieder nicht geschafft. Der Preis für Physik ging stattdessen an
Ramesh Balasubramaniam und Michael Turvey. Gewürdigt wird ihre Arbeit zur
Erhellung der Dynamik des Hula-Hoop-Reifens bei seinen Bewegungen am
menschlichen Körper. Messungen an sieben Probanden ließen keinen anderen
Schluss zu, als dass die Bewegungen von Hüfte, Knie und Knöchel für eine
ausgewogene Technik von entscheidender Bedeutung sind.


Ein Schwerpunkt der diesjährigen Preisverleihung war zweifelsohne die
Musik, und zwar in ihrer ganzen Janus-Köpfigkeit. So erhielten Steven Stack
und James Gundlach den Ig-Nobelpreis für Medizin - für die Enthüllung des
Zusammenhangs von Country-Musik und Selbstmordrate, zumindest beim weißen
radiohörenden Bevölkerungsanteil der Vereinigten Staaten. Eine Analyse der
Playlists von US-Radio-Stationen offenbarte, dass bei einer Häufung von
Country-Titeln im Spielplan auch die Zahl an begangenen Selbstmorden nach
oben schnellte (über die selbstmörderischsten Vertreter des reaktionären
Farmer-Kitsches darf man jetzt spekulieren).


Im Gegensatz dazu ging der Friedens-Ig-Nobelpreis an Daisuke Inoue - für
die Erfindung von Karaoke im Jahre 1971. Prämiert wurde damit vor allem das
Aufzeigen eines komplett neuen Weges, der es Menschen ermöglicht zu lernen,
sich gegenseitig zu tolerieren. Da Daisuke Inoue beim Versuch scheiterte,
seine Erfindung zu patentieren, konnte er kaum Geld damit machen - in einem
schätzungsweise 9 Milliarden Euro schweren Geschäft.


Selbst der Vatikan wurde bedacht. Die Idee, Gebete nach Indien auszulagern
[2], traf den Zeitgeist im Outsourcing-Wahn und war den Juroren glatt einen
Ig-Nobelpreis für Ökonomie wert.


Coca-Cola erhielt den Chemie-Ig-Nobelpreis für die wegweisende und mit
allerlei Medienrummel begleitete Nutzung moderner Technologie zur
Umwandlung von Themse-Wasser in Dasani-Mineralwasser ( Unthinkable,
Undrinkable).


Den Ig-Nobelpreis für Biologie bekam der Kanadier Ben Wilson für seine
Arbeit über mysteriös furzende Heringe. Hier [3] darf man sich noch einmal
an diesen Natur-Klängen erfreuen.


Auch Jillian Clarkes Untersuchung zur hygienischen Sicherheit von auf den
Fußboden gefallenen Nahrungsmitteln konnte gefallen und resultierte im
Ig-Nobelpreis für Medizin. Immerhin kann Escherichia coli - wenn anwesend -
ein heruntergefallenes Gummibärchen innerhalb von fünf Sekunden
kolonisieren.


Die Würdigung gediegener Ingenieurskunst ist ein nicht wegzudenkender
Bestandteil der Zeremonie. Diesmal ereilte es Donald Smith und seinen Vater
Frank Smith für ihr US-Patent No. 4,022,227 aus dem Jahre 1977- geradezu
eine Revolution für die Haartracht von gequälten Menschen mit ausgedünntem
Haar oder Halbglatze - der sogenannte "Über-Kämmer". Bisher konnte damit
allerdings noch kein Geld in die Familienkasse gewirtschaftet werden.


"The American Nudist Research Library", Florida, USA, erhielt den
Ig-Nobelpreis für Literatur. Sie macht sich um die Bewahrung der Geschichte
des Nudismus verdient, und zwar so, dass es jeder sehen kann. Besucher sind
willkommen, Bekleidung ist nicht Pflicht.


Wenn Menschen zuviel Aufmerksamkeit auf eine Sache richten, ist es möglich,
dass sie dabei leicht andere Dinge übersehen. Für diese scharfsinnige
Über-These musste sich die Jury nicht lange lumpen lassen, um den
Ig-Nobelpreis für Psychologie an Daniel Simons and Christopher Chabris zu
verleihen. Die experimentelle Arbeit zeigt z.B. eindringlich, dass
Probanden, die Basketball-Pässe zählen sollten, nicht bemerkten, wenn eine
Frau mit einem Regenschirm das Zimmer durchquerte - oder aber ein als
Gorilla verkleideter Mann.


Für heute sind ungezwungene Vorträge der zumindest leicht exzentrischen
Preisträger angekündigt [4], in denen sie erläutern sollen, was sie gemacht
haben - und vor allem warum.


Links


[1] http://www.improbable.com/ig/ig-pastwinners.html#ig2004
[2] http://www.thestate.com/mld/thestate/news/nation/891...
[3] http://www.zoology.ubc.ca/~bwilson/herring.html
[4] http://www.improbable.com/ig/2004/2004-details.html#...

Telepolis Artikel-URL:
http://www.telepolis.de/deutsch/inhalt/lis/18464/1.html

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