Signalwirkung Kopftuch - keine Verbeamtung!

Von: , Frage gestellt am Di, 26. Jun 2001

Der Verwaltungsgerichtshof hat entschieden, dass die Türkin Fereshta Ludin nicht verbeamtet wird, weil ihr Kopftuch eine Art Signalwirkung darstellt, die einen schlechten Einfluss auf Schüler ausüben würde.

In meinen Augen ist das ein glatter Verstoss gegen das Grundgesetz in Bezug auf Meinungsfreiheit.. aber auch das typische Verhalten eines konservativ geführten Baden-Württembergs...

Wie ist eure sachliche Meinung zu diesem Thema? Haltet ihr es auch für problematisch, dass solche Diskriminierungs-angehauchte Urteile nichts mehr mit einem Rechtsstaat zu tun haben?

Ich hoffe auf eine sachliche Diskussion!

Der "Chef"

55 Antworten zu dieser Frage

  1. Antwort von nach 6 Tagen 0 hilfreich
    Re: Signalwirkung Kopftuch - keine Verbeamtung!

    Um zu verhindern, dass Mädchen nach der ersten Menstruation noch ohne Kopftuch auf die Strasse gehen, sind islamische Fundamentalisten in der Türkei sogar gegen eine entsprechen lange Schulpflicht (dort sind Kopftücher verboten !).
    Sie wissen genau, dass sich kaum ein Mädchen noch zum Kopftuch zwingen lässt, wenn es bereits gewohnt ist, auch als 'Frau' ohne zu gehen.
    Durch ein Kopftuchverbot an der Schule gibt man den Mädchen also die Chance, für ihr späteres Leben eine freie Entscheidung für oder gegen das Kopftuch zu treffen.
    Schlimm, wenn ihnen da ausgerechnet eine Lehrerin in den Rücken fällt !

  2. Antwort von nach 9 Tagen 1 hilfreich
    Re: Signalwirkung Kopftuch - keine Verbeamtung!

    Der Staat ist aufgrund der individuellen Religionsfreiheit dazu verpflichtet, sich religiös neutral zu verhalten und entsprechend aufzutreten. Dementsprechend müssen auch in Bayern die Kreuze abgehängt werden, sobald sich ein Schüler dadurch gestört fühlt. Das Auftreten von Frau Ludin spricht allerdings nicht dafür, dass sie auf Verlangen einzelner Eltern das Kopftuch abnehmen würde.
    Mit dem Kreuz als Schmuckstück ist ein Kopftuch nicht zu vergleichen. Schließlich ist heutzutage ein Schmuckstück nichts besonderes mehr und man muss schon sehr nahe davor stehen, um sich von der Form oder dem Aussehen des Schmuckstückes beeinflusst oder gestört zu fühlen. Außerdem wäre es wohl für keinen Lehrer ein Problem, dieses Schmuckstück auf Verlangen unter der Kleidung zu tragen.
    Übrigens dürfen auch Nonnen, Mönche und Priester ihre "Berufskleidung" nur beim jeweiligen Religionsunterricht tragen.
    Eines sei noch zu bedenken: Es gibt Millionen von Frauen, die gezwungen werden, ein Kopftuch zu tragen. Solange das der Fall ist, ist das Kopftuch ein Symbol der Unterdrückung des freien Willens.
    Wenn es einige freiwillig tragen: Gut. Aber wenn dadurch der Eindruck entsteht, alle Frauen würden es freiwillig tragen, findet eine kritische Auseinandersetzung mit dieser Unterdrückung nicht mehr statt. Die entstprechende Lehrerin würde also ihren Schülern den Eindruck vermitteln: Alles gar nicht so schlimm; ich trage es ja auch freiwillig...

    Nina

    • Antwort von nach 9 Tagen 0 hilfreich
      Re^2: eine Frage dazu!

      Hallo Nina,
      ich hab das auch schon weiter unten gepostet, aber leider keine Antwort erhalten.
      Irgendwie verstehe ich das nicht (Erklärung: bin Ösi) Der Staat ist aufgrund der individuellen Religionsfreiheit
      dazu verpflichtet, sich religiös neutral zu verhalten und
      entsprechend aufzutreten. Dementsprechend müssen auch in
      Bayern die Kreuze abgehängt werden, sobald sich ein Schüler
      dadurch gestört fühlt.
      Das find ich zumindest soweit ok, allerdings stellt sich da für mich die andere Frage: wie weit ist das nicht nur ein Lippenbekenntnis? (aber das nur am Rande) Das Auftreten von Frau Ludin spricht
      allerdings nicht dafür, dass sie auf Verlangen einzelner
      Eltern das Kopftuch abnehmen würde.
      Ich weiss, dass das Kopftuch im Islam zwar nicht überall verpflichtend getragen werden muss,
      für meine Begriffe ist jedoch ein religiös motiviertes Bekleidungsstück? Ist das richtig? Denn ich war immer der Meinung, dass es zwar in erster Linie mit der Kultur des jeweiligen Landes zu tun hat, sonst müßten ja eigentlich alle islamischen Frauen das Kopftuch tragen.
      Egal, die Haltung der Schule versteh ich trotzdem nicht; mit der Differenzierung von Kreuz und Schmuckstück hast Du sicher recht, für mich ist es jedoch vom Gefühl her mehr religiös als ein Kopftuch. Eines sei noch zu bedenken: Es gibt Millionen von Frauen, die
      gezwungen werden, ein Kopftuch zu tragen. Solange das der Fall
      ist, ist das Kopftuch ein Symbol der Unterdrückung des freien
      Willens.
      Wenn es einige freiwillig tragen: Gut. Aber wenn dadurch der
      Eindruck entsteht, alle Frauen würden es freiwillig tragen,
      findet eine kritische Auseinandersetzung mit dieser
      Unterdrückung nicht mehr statt. Die entstprechende Lehrerin
      würde also ihren Schülern den Eindruck vermitteln: Alles gar
      nicht so schlimm; ich trage es ja auch freiwillig...
      Damit hast Du sicher recht, es scheint ein noch mehr zu differenzierendes Problem zu sein. Aber dass deshalb ihre Verbeamtung wackelt, versteh ich trotzdem nicht.

      und weiter:
      Von Deinem Namen her, denk ich, dass Du keine Islami von Geburt an bist: Warum trägst Du dann das Kopftuch? Und würdest es Du unter dieser Prämisse wieder abnehmen?

      Bitte fühl Dich nicht provoziert, in Österreich ist das kein Thema, zumindest wurde es bei uns in der Form nicht diskutiert (und wenn, dann hab ich es nicht mitgekriegt - hab keine Kinder), mich interessiert sehr die Denkweise dahinter, vorallem, weil ich mich generell sehr für Frauen in der Gesellschaft interessiere.

      Liebe Grüße#
      Birgit

      • Antwort von nach 9 Tagen 0 hilfreich
        Re^3: eine Frage dazu!

        Hallo Birgit! Der Staat ist aufgrund der individuellen Religionsfreiheit
        dazu verpflichtet, sich religiös neutral zu verhalten und
        entsprechend aufzutreten. Dementsprechend müssen auch in
        Bayern die Kreuze abgehängt werden, sobald sich ein Schüler
        dadurch gestört fühlt.
        Das find ich zumindest soweit ok, allerdings stellt sich da
        für mich die andere Frage: wie weit ist das nicht nur ein
        Lippenbekenntnis? (aber das nur am Rande)
        Welches? Die religiöse Neutralität oder das Abhängen des Kreuzes?
        Ersteres ist natürlich ganz vollständig wohl nie umzusetzen, aber den Versuch halte ich für sehr richtig und wichtig. Letzteres müsste eigentlich umgesetzt werden, wenn ein Schüler darauf besteht, schließlich beruht das Ganze auf einem Urteil des BVG. Ich weiss, dass das Kopftuch im Islam zwar nicht überall
        verpflichtend getragen werden muss,
        für meine Begriffe ist jedoch ein religiös motiviertes
        Bekleidungsstück? Ist das richtig? Denn ich war immer der
        Meinung, dass es zwar in erster Linie mit der Kultur des
        jeweiligen Landes zu tun hat, sonst müßten ja eigentlich
        alle islamischen Frauen das Kopftuch tragen.
        Egal, die Haltung der Schule versteh ich trotzdem nicht; mit
        der Differenzierung von Kreuz und Schmuckstück hast Du sicher
        recht, für mich ist es jedoch vom Gefühl her mehr religiös als
        ein Kopftuch.
        Es muss nicht verpflichtend getragen werden. Vor kurzem hat mir irgendwer die genau Koranstelle genannt. Dort steht, soweit ich weiß, nur, dass sich eine Frau verhüllen sollte, das Kopftuch ist Tradition.
        Das es religiös motiviert ist, stimmt meiner Meinung nach, aber es ist, wie gesagt, nicht festgeschrieben.
        Wahrscheinlich ist ein Kreuz religiöser als ein Kopftuch, aber es ist, als Schmuckstück, bei weitem nicht so auffällig. Sei mal ganz ehrlich, von wievielen Leuten, die sich in deiner Umgebung aufhalten, weißt du, ob sie ein Kettchen tragen? Und bei wievielen weißt du, was für ein Anhänger dran hängt?
        Ich denke wirklich nicht, dass dich ein kleines Kreuz, dass du ja nur bei genauerem Hinkucken erkennen kannst, in irgendwelcher Art religiös beeinflußt.
        Was das Kreuz als Wandschmuck betrifft, der muss ja abgehängt werden. Eines sei noch zu bedenken: Es gibt Millionen von Frauen, die
        gezwungen werden, ein Kopftuch zu tragen. Solange das der Fall
        ist, ist das Kopftuch ein Symbol der Unterdrückung des freien
        Willens.
        Wenn es einige freiwillig tragen: Gut. Aber wenn dadurch der
        Eindruck entsteht, alle Frauen würden es freiwillig tragen,
        findet eine kritische Auseinandersetzung mit dieser
        Unterdrückung nicht mehr statt. Die entstprechende Lehrerin
        würde also ihren Schülern den Eindruck vermitteln: Alles gar
        nicht so schlimm; ich trage es ja auch freiwillig...
        Damit hast Du sicher recht, es scheint ein noch mehr zu
        differenzierendes Problem zu sein. Aber dass deshalb ihre
        Verbeamtung wackelt, versteh ich trotzdem nicht.
        Weil ein Beamter keine Politik oder Religion propagandieren darf. In gewisser Weise tut sie das aber damit, nicht unbedingt absichtlich, aber sie tut es. Stell dir mal vor, was passieren würde, wenn ein Lehrer mit einem T-Shirt mit dem Aufdruck "Ich bin stolz ein Deutscher zu sein" in die Schule kommt, selbst wenn er nur Patriot ist und die rechtsradikalen Parolen gar nicht befürwortet? Gerade als eine an der Öffenlichkeit stehende Person, die ja unsere Kinder unterrichten soll, sollte man sich halt mit solchen Sachen zurückhalten. und weiter:
        Von Deinem Namen her, denk ich, dass Du keine Islami von
        Geburt an bist: Warum trägst Du dann das Kopftuch? Und würdest
        es Du unter dieser Prämisse wieder abnehmen?

        Bitte fühl Dich nicht provoziert, in Österreich ist das kein
        Thema, zumindest wurde es bei uns in der Form nicht diskutiert
        (und wenn, dann hab ich es nicht mitgekriegt - hab keine
        Kinder), mich interessiert sehr die Denkweise dahinter,
        vorallem, weil ich mich generell sehr für Frauen in der
        Gesellschaft interessiere.
        Tut mir leid, falls das so rüber gekommen ist, aber ich für meinen Fall bin katholisch. Ich weiss nur in der Zwischenzeit ein wenig über diesen Kopftuchstreit, weil ich in anderen Foren darüber gelesen und diskutiert habe.


        Nina

  3. Antwort von nach 12 Tagen 0 hilfreich
    Re: Signalwirkung Kopftuch - keine Verbeamtung!

    Wenn man das Kopftuch erlaubt, wo zieht man dann die Grenze ?
    Wie sieht es dann aus, wenn eine noch religiösere Muslimin, freiwillig oder von einem männlichen Familienmitglied gezwungen, in so einem schwarzen Ganzkörper-Kondom mit Augenschlitz unsere Kinder unterrichten will ?
    In der Türkei sind die Kopftücher an Schulen mit gutem Grund verboten. Es ist ein wirksames Mittel, muslimischen Mädchen den Weg in die Selbstbestimmung etwas zu erleichtern.

  4. Antwort von nach 33 Tagen 0 hilfreich
    Re: Frau Ludin ist Deutsche

    ... die Türkin ...Fereshta Ludin
    Eine kleine Korrektur: Frau Ludin ist
    a) Deutsche
    b) afghanischer Abstammung

    Gewiss, dies trifft nicht den Kern der Frage, aber wir sollten deshalb vielleicht nicht nur von der Türkei in diesem Zusammenhang reden ...

    Ludwig



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