Re: Nietzsches Wagner-Kritik
Sehr geehrte Frau Drumm,
Nietzsche sah in Wagner oder besser in Wagners Musik, wie Sie selbst schon sagten, eine „Wiedergeburt“ der griechischen Tragödie, die — ich vereinfache — sich aus der plastischen Kunst, dem „Apollinischen“ und der Musik, dem „Dionysischen“ entwickelt hat und zur staatstragenden und die Individuen formenden Kunst geworden ist, die nach Nietzsches Ansicht Grundlage und der Höhepunkt der griechischen Kultur bildete.
Er musste dann aber — bei seinen Besuchen, z. B. zur Festspieleröffnung in Bayreuth — sehen, wie Wagner nur seine eigene Karriere, seine Schauspiele, sein Festspielhaus wichtig nahm, sich wieder dem Christentum zuwandte — im Parsifal —, sich mit den Hurrapatrioten nach 1870 arrangierte, die er als Finanziers für sein Projekt „Festspiele" brauchte, deutschtümelte und sogar antisemitische Töne anschlug. Dies sah Nietzsche als Verrat an.
In Verse gefasst hat das Nietzsche:
An Richard Wagner
Der du an jeder Fessel krankst,
friedloser, unbefreiter Geist;
siegreicher stets und doch, gebundner,
verekelt mehr und mehr, zerschundner,
bis du aus jedem Balsam Gift dir trankst -,
Weh! daß auch du am K r e u z e niedersankst!
Auch du! auch du ein Überwundner!
Vor diesem Schauspiel steh´ich lang,
Gefängnis atmend, Gram und Groll und Gruft.
dazwischen Weihrauch-Wolken, Kirchen-Duft,
mir fremd, mir schauerlich und bang.
Die Narrenkappe werf´ ich tanzend in die Luft,
denn ich entsprang.
oder:
PARSIFAL—MUSIK
Jenseits von Gut und Böse, Aph. 256
- ist das noch deutsch?
Aus deutschem Herzen kam die schwüle Kreischen?
Und deutschen Leibs ist dies Sich-selbst-Zerfleischen?
Deutsch ist die Priester-Hände-Spreizen,
Und deutsch dies Stocken, Stürzen, Tumeln,
dies zuckersüße Bimbambaumeln,
dies Nonne-Äugeln, Ave-Glockenbimmeln,
dies ganze falsch verzückte Himmel-Überhimmeln? ...
- Ist das noch deutsch?
Erwägt! Noch steht ihr an der Pforte ...
Denn was ihr hört , ist Rom, -
Roms Glaube ohne Worte!
Genaueres können Sie in den kleinen Schriften von Nietzsche: "Der Fall Wagner" und „Nietzsche contra Wagner“ nachlesen.
Gruß Fritz Ruppricht