Re: Wann ist es eine Depression?
Hallo!
Was bei der ganzen Diskussion imho zu sehr vernachlässigt wird, ist die Selbsteinschätzung des Patienten.
Sicher, man selbst ist nicht vom Fach und hat vielleicht nicht die passenden Begriffe und schon gar nicht den entsprechenden Klassifizierungs-Schlüssel parat, aber ich selbst merke doch am ehesten, ob mit mir "etwas nicht stimmt". Mit zunehmender Erfahrung merke ich, ob es sich um eine der Situation angemessene Reaktion handelt oder nicht.
Wenn ich einen Arzt mit dieser Problematik aufsuche, dann doch, weil ich den Eindruck habe, dass es bei mir nicht mehr "normal" abläuft, wenn ich das Gefühl habe, nicht mehr wie sonst üblich am Leben teilzuhaben oder weil es bereits anderen aufgefallen ist, dass ich mich verändert habe...
Ich habe schon mehrere schmerzhafte Trennungen hinter mir, auch den Tod mir nahestehender Personen, musste ich verarbeiten. Diese Erfahrungen gingen auch schon mit depressiven Verstimmungen einher, die mir allerdings nicht behandlungsbedrüftig erschienen. Ebenso habe ich auch schon unabhängig von solchen Ereignissen Phasen gehabt, in denen die laut einschlägiger Literatur üblichen Symptome von Depressionen mein Leben bestimmt haben. Als bei mir nun ein akuter Anlass bestand zu trauern, habe ich mich auch gefragt, sind meine Reaktionen dieser Situation angemessen, "funktioniere ich normal" und musste feststellen, dass es nicht so ist.
Das hat mich dann dazu veranlasst, zu einem Arzt zu gehen, der sich auch nach früheren Phasen erkundigte, also ebenfalls versucht hat, abzugrenzen, ob es sich nur um normale Trauer handelt oder ob eben doch mehr dahinter steckt.
Man sollte natürlich selbst kritisch bleiben und jede Diagnose hinterfragen. Ärzte sind auch nur Menschen und leider trifft eben auf die meisten der Grundsatz zu ich finde, wonach ich suche... Man wittert doch hinter vielen Äußerungen all zu schnell genau die Problematik, die einem gerade am naheliegensten erscheint und sortiert eben nur all zu gern in Schubladen ein.
Ich erinnere mich an eine Zeit, in der fast jeder Arzt bei bestimmten Symptomen sofort einen Candida-Befall in Verdacht hatte, weil das Thema gerade besonders hochgekocht wurde.
Wie schnell es - insbesondere im Internet - zu Fehldiagnosen kommt, hab ich auch erst kürzlich feststellen müssen.
@ Yoyi, ich weiss, Du hast Dich genau davon distanziert und wolltest eben keine Ferndiagnose abgeben, aber den Stempel hast Du mir dennoch aufgedrückt und sei es nur in Deiner eigenen Überzeugung. ;o)
Bei mir wurde auch - wie ich finde - zu schnell eine Depression diagnostiziert, aber eine Behandlung meiner Symptome (ob es sich nun um eine Depression oder lediglich um eine depressive Verstimmung handelt) war auf jeden Fall von Nöten, da ich meinen Alltag bewältigen muss, insbesondere meinen Job, und da kann ich mir nicht erlauben, wegen "üblicher" oder "unüblicher" Trauer lange Ausfallzeiten zu riskieren... Ich konnte wochenlang nicht mehr richtig schlafen, litt unter andauerndem Konzentrationsmangel, hatte Panikattacken... mal ganz abgesehen von den anderen Begleiterscheinungen haben mir diese Dinge massiv zu schaffen gemacht. Mit den Medis bekomme ich nun langsam wieder alles in den Griff und hoffe auch bald wieder ohne sie "normal" zu funktionieren.
Trauer empfinde ich zwar auch - mal mehr mal weniger und ehr dann, wenn ich ansonsten "normal" funktioniere - aber die ist nicht das eigentliche Problem. Trauer ist - wie schon andere schrieben - ein Prozess, den man durchmacht und aus dem man oftmals gestärkt hervorgeht, der manchmal in einem gewissen Grad (z.B. bei Melancholie) sogar als relativ angenehm empfunden wird. Ob es sich wirklich "nur" um Trauer handelt, wissen die meisten Leuten doch wahrscheinlich selbst am besten.
Greetings,
Marla