Hallo!
Dies ist mein erster Beitrag in diesem Forum und ich hoffe sehr, daß Ihr mir weiterhelfen oder zumindest Mut machen könnt.
Vor knapp 2 Jahren wurde bei mir eine WSR vorgenommen (nicht die erste, aber die erste oberhalb des linken oberen Eckzahnes). Seitdem mußte schon 2 x nachoperiert werden, die Beschwerden kehren aber immer wieder zurück. Die letzte OP war vor ca. 8 Wochen - damals entfernte der Arzt auch Teile des Knochens. Nun habe ich seit ein paar Tagen wieder Probleme, es hat sich eine „Pocke“ am Zahnfleisch gebildet, die mal gefüllt, mal fast nicht zu sehen ist und das Zahnfleisch ist rot und schmerzt. Der Arzt hat geröngt und scheint so recht nicht zu wissen, woran es liegt. Seit gestern nehme ich nun ein starkes Antibiotikum (Ciprobay 500, haut mich ganz schön um), da er denkt, es handele sich um eine bakterielle Infektion am Knochen (irgendwelche …kokken). Was soll ich nun davon halten? So langsam bin ich wirklich verzweifelt und mache mir Sorgen, daß das nie aufhören wird. Holt man sich diese Infektionen nicht erst während der OP?
Danke schon jetzt für Eure Hilfe, viele Grüße!
Babsie
Servus Babsie,
die ‚Pocke‘ ist sehr wahrscheinlich eine Fistel, d.h. eine spontan gebildete Öffnung in der Mundschleimhaut, die dann entsteht, wenn sich Eiter im Gewebe bildet. Also, eine Art natürliche Abszesseröffnung. Das ist im Moment eine ganz gute Nachricht, weil Du dann (außer wenn Du viel drauf ‚rumdrückst) wahrscheinlich an den Feiertagen keine nennenswerten Beschwerden haben wirst.
Was spielt sich jetzt da bei Dir ab?
Die Wurzelbehandlung, die mit diesem Zahn vor längerer Zeit gemacht wurde, war nicht erfolgreich. Es sind irgendwo in der Wurzel immer noch Bakterien geblieben, die Deinen Körper immer zu chronischen -, und gelegentlich zu akuten Entzündungen veranlassen. Das sind die „… kokken“. Das Ciprobay wird ziemlich sicher alle Bakterien umbringen, die die infizierte Wurzel verlassen haben (und in den umgebenden Knochen wollen). Die im Wurzeldelta (s. weiter unten) verbliebenen Bakterien erwischt das Antibiotikum nicht.
Warum sind da, trotz Wurzelbehandlung und zwei operativen Eingriffen immer noch Bakteriennester in dem Zahn?
Du mußt Dir einen Wurzelkanal wie ein dreidimensionales Flußdelta vorstellen. Mit den langen Kanalinstrumenten erwischt man den Hauptarm des Flusses - Nebenarme und Endverzweigungen bleiben übrig. Dann betoniert man den Hauptarm zu (Wurzelfüllung) und hofft, daß der Körper mit den Viechern in den Nebenarmen entweder fertig wird (Immunsystem) oder zurechtkommt (chronische Entzündung ohne klinische Manifestation). Das hat bei Dir nicht geklappt. Die Operationen danach sollten jene Teile der Wurzel entfernen, in denen die Verzweigungen mit ihrem Bakterieninhalt sitzen (der Rhein z.B. verzweigt sich erst in den Niederlanden, wenn Du ihn an der Grenze kappen würdest, würden einige Biotope weiter unten darunter leiden).
Was geht noch, schließlich ist so ein Eckzahn ungeheuer wichtig?
Wenn es Dir möglich ist, geh‘ (am Besten in Absprache mit Deinem Zahnarzt) entweder zu einem seiner KollegInnen, die sich auf Endodontie’ gut verstehen. Davon gibt es heute etliche. Oder suche eine Uni-Zahnklinik auf. Eine nochmalige OP hat nur Chancen in Verbindung mit einer ‚retrograden Wurzelfüllung‘. Dabei wird der Wurzelkanal quasi ‚von hinten‘ dicht zugestöpselt. Vielleicht hilft auch eine Revision der Wurzelbehandlung (alte Wurzelfüllung rausfeilen, nach möglichem weiteren Kanal suchen, neue Wurzelfüllung nach modernen Methoden).
Das alles geht heute kaum ohne Zuzahlung, der Ausgang ist immer noch unsicher. Nachdem die Alternative aber die Extraktion wäre, sollte man sich IMO schon noch was einfallen lassen.
So, das war lang und wird Dich trotzdem nicht froh machen - sorry! BTW nimm die Ciprobay, wenn es irgend geht, auf jeden Fall zu Ende. Du willst nämlich keine resistenten Streptokokken in Deinem Körper!
Kai