Quecksilber?

Hallo!
Was könnte man in der mittelalterlichen Medizin als „white mercury“ bezeichnet haben? Der Kontext: „…would have been daubed with white mercury and cat shit and left to die in a sealed room…“ als ironische Spitze gegen die wenig heilsamen Heilmethoden Anno Dunnemals. Ist da nun Quecksilber gemeint oder Quecksilbersalz oder die Pflanze Mercurialis (mit der man ihn besprengt)?

Danke & Gruß,
Eva

Hallo, Eva,
(ich wiedermal :smile:
als „Weißes Quecksilber“ wurde Quecksilber(I)-Chlorid bezeichnet. Wurde gegen Entzündungen, als Abführmittel, gegen Geschwüre, gegen Syphilis und als Verhütungsmittel (Spermizid) eingesetzt.
Grüße
Eckard

Hallo Eva,

Was könnte man in der mittelalterlichen Medizin als „white
mercury“ bezeichnet haben?

wie Eckard schon richtig bemerkte ist das wohl QUecksilber(I-)chlorid also HgCl (einwertiges Quecksilber)
Falls Dir in dem Text noch Sublimat(e) unterkommt, das ist Quecksilber(II)chlorid HgCl2 (zweiwertiges Quecksilber).

Beides wurde zum Kurieren von diversen Krankheiten verwendet, u.a. der Syphilis. Daß die Patienten irgendwann an Quecksilbervergiftung starben wurde wohl billigend in Kauf genommen :wink:

Gandalf

Hallo !

Etwas mehr über die Behandlung von Syphilis mit Quecksilber.

Antisyphilitica (remedia), Mittel gegen Syphilis. Schon bald nach Ausbruch der Syphilis wurde das auch heute noch als wertvolles Syphilismittel bekannte Quecksilber in die Behandlung eingeführt, das sich damals überhaupt eines großen Ansehens als Heilmittel gegen die verschiedensten Krankheiten erfreute. Anfangs wurde das Quecksilber in so enormen Mengen in Salbenform verrieben, daß in jedem Fall die üblen Folgen einer Quecksilbervergiftung auftreten mußten, wie starker Speichelfluß, Mundentzündung, Ausfall der Zähne und andere schwere nervöse Störungen. Erst ganz allmählich bürgerten sich die heute noch, wenn auch in anderer Form, üblichen Quecksilberkuren ein. Daneben wurden damals außerdem Dampfbäder, trockene Hitze, Guajakholz, Sarsaparilla, das Decoctum Zittmannii usw. angewendet. Es wurden verschiedene Tränke gebraut, die zum Teil durch Ulrich von Hutten, der ja an Syphilis gelitten hat, ausführlich beschrieben sind. In diesen Getränken war zum Teil allerdings das Wirksame wiederum Quecksilber, indem nach den Vorschriften für die Herstellung solcher Tränke ein Beutelchen mit demselben für einige Zeit hineingehängt wurde. Später hat das Quecksilber vorübergehend von Wien aus heftige Gegner gefunden, eine Gegnerschaft, die allerdings bald wieder verschwand. Die kurative Wirkung des Quecksilbers gegen die Syphilis wurde durch die moderne experimentelle Forschung einwandfrei bestätigt. Im Laufe der Zeit sind dann noch andere Mittel, wie Jod, Chromsäure, Chinin usw., empfohlen worden. Von allen diesen Mitteln hat nur das Jod in der Behandlung der Syphilis Bedeutung gewonnen, insbesondere bei der Behandlung der sogenannten Spätformen derselben. Schon im Jahre 1807 wurde aber auch Arsenik als wertvolles Mit-Mittel gegen veraltete Syphilis empfohlen, und gerade ein Jahrhundert später erinnerte Iwan Bloch daran, daß er die sogenannten asiatischen Pillen, die je ein (bezw. 5) mg Acid. arsenicum enthalten, schon seit Jahren (1901, 1905) als Spezifikum gegen Lues empfohlen habe, indem er die Syphilis als eine ihrem ursprünglichen Wesen nach tropische Protozoenkrankheit, ähnlich der Malaria, auffaßte. Es wurden nun verschiedene Arsenpräparate teils mit Quecksilber, teils mit Jod kombiniert, teils neue Arsenverbindungen empfohlen, wie das Atoxyl, Arsazetin und das Arsenophenylglyzin. Da sich aber die Nachrichten über schwere Vergiftungen durch diese Arsenverbindungen, insbesondere des Atoxyl häuften, wurde dieses Mittel aus der Therapie der Menschensyphilis ausgeschaltet. Aehnlich verhielt es sich mit dem Arsazetin, dessen therapeutische Anwendung auch bald aufgegeben wurde. Die Arsentherapie der Syphilis wäre damit auf einen toten Punkt angelangt gewesen, wenn es nicht Ehrlich gelungen wäre, die wahre chemische Konstitution des Atoxyls festzustellen, wodurch die Möglichkeit gegeben wurde, eine große Reihe neuer organischer Arsenpräparate – Phenylarsinpräparate – herzustellen und in systematischer Weise auf ihre chemotherapeutische Wirksamkeit im Tierreich zu prüfen. Auf Grund seines Jahrzehnte dauernden Studiums kam Ehrlich zu der Ueberzeugung, daß die Bakterien gewisse chemische Eigenschaften besitzen, die sich in einer besseren oder schlechteren Anziehungskraft für gewisse Chemikalien äußern. Es mußte also alles darauf ankommen, das Arsen in eine solche Verbindung zu bringen, die eine möglichst nahe Verwandtschaft zu den Erregern der Syphilis, den Spirochaeten, hatte und eine möglichst geringe zu den Zellen des menschlichen Körpers, die selbstverständlich auch gewisse chemische Beziehungen haben. Bei der Ausführung seiner Tierversuche gelang es Ehrlich und seinem Mitarbeiter Hata gegen Ende 1909, das Arsenpräparat Nr. »606« (»Ehrlich-Hata-Präparat 606«) herzustellen, das er Mitte Dezember 1910 unter dem Namen »Salvarsan« zahlreichen Kliniken und Fachärzten zur Erprobung übergab. Ehrlich hat dann im Laufe der Jahre das Mittel zu verbessern gesucht, und kam bei seinen weiteren Studien zu dem Präparat »914«, das heute als »Neosalvarsan« im Handel ist. Bei der Kaninchensyphilis konnte Hata mit einer einzigen Injektion von Salvarsan die Spirochaeten vollständig und sofort vernichten, und nach dieser einzigen Injektion kam keine Rezidive vor (Therapia sterilisans magna). Doch hat sich im Laufe der Zeit Ehrlichs Traum von der »Sterilisatio magna« (die einmalige, vollkommen von Krankheitserregern befreiende Behandlung) als utopisch erwiesen; wieder ein Beweis, daß sich noch so solid fundierte experimentelle Ergebnisse nicht ohneweiters auf die menschliche Pathologie übertragen lassen. Nichtsdestoweniger war Ehrlichs Leistung eine Großtat, denn wir sind imstande, durch das Salvarsan nicht allein die äußerlich wahrnehmbaren Symptome der Syphilis schneller als bisher zu beseitigen – ein Umstand, der für die Weiterverbreitung der Syphilis von großer Bedeutung ist –, sondern auch die Erkrankung schneller und häufiger als bisher wirklich zu heilen unter Vermeidung der sogenannten metasyphilitischen Erkrankungen, der Tabes und der Paralyse, die der Syphilis erst eine so düstere Perspektive geben. Doch wurde auch der Paralyse, dieser bis in unsere Tage als unheilbar geltenden syphilitischen Krankheit, ihre Schreckgestalt genommen durch ihre Behandlung mit Impfmalaria (Malaria tertiana), die 1917 von Wagner von Jauregg eingeführt wurde. Es gelang ihm auf diesem Wege, etwa 30% der Paralytiker wieder berufsfähig zu machen, also im praktischen Sinne zu heilen. Diese im Vergleich mit den früheren, ans Wunderbare grenzenden Erfolge bei der Paralyse legten es nahe, die Behandlung mit Impfmalaria auch bei sonstiger Syphilis mit und ohne nachweisbare Beteiligung des Zentralnervensystems durchzuführen. Versuche ergaben, daß die Impfmalaria tatsächlich das wirksamste (unspezifische) Behandlungsmittel ist, das im Verein mit gründlicher »spezifischer« Behandlung die Nervensyphilis aller Krankheitsabschnitte, insbesondere die späteren positiven Spirochaetenbefunde in der Rückenmarksflüssigkeit am besten beeinflußt und hier Erfolge liefert, die früher versagt gewesen sind. Die mitunter auftretenden Schwierigkeiten in der Behandlung der Lues mit Quecksilber durch die Art seiner Anwendung und das häufige Auftreten von Begleitsymptomen gaben immer wieder Anregung zu Forschungen nach neuen Antisyphiliticis. So wurden, abgesehen vom Antimon und Silber, Versuche auch mit Wismut angestellt. Die große Anzahl von günstigen Erfahrungen bei Anwendung des letzteren in Luesfällen hatte zur Folge, daß in der jüngsten Zeit auch das Wismut in die Reihe der günstig wirkenden Antisyphilitica aufgenommen wurde, und daß heute die kombinierte Salvarsan-Wismut-Behandlung als eine der wirkungsvollsten erachtet werden kann. – S.

[Sexualwissenschaft: Antisyphilitica. Bilderlexikon der Erotik, S. 8288
(vgl. BdE Bd. 3, S. 53 ff.)
http://www.digitale-bibliothek.de/band19.htm ]

mfgConrad

„Salvarsan“ war ein Exportschlager des Deutschen Reiches vor 1.WK. Das erste Handels-U-Boot der Deutschen brachte im 1. WK große Mengen davon nach USA.

Hallo Eva,

ziemlich sicher Quecksilber,
denn das hat man zu der Zeit gegen alle möglichen schweren Erkrankungen eingesetzt, besonders Syphilis und Geschwüre jeder Art. Man nahm es pur und wegen der Giftigkeit folgte dann oft: Geschwür weg - Patient an Quecksilverfolgen gestorben. Man war derzeit nicht zimperlich. Tiere ebenso zu behandeln war normal und man machte sich wenig Gedanken um deren geringere Größe. So ist es nicht verwunderlich, das so eine Katz recht fix daran stirbt. Auch wenn sie nur mit Quecksilber (oder einer Quecksilberverbindung -> Chemiker fragen) besprengt wurde, denn sie nimmt das Quecksilber dann beim Putzen auf.

Dagegen ist die Pflanze vergleichsweise harmlos. Es braucht schon eine Menge Kraut um zu sterben. Und es würde nicht so fix (shit and die) gehen. Bingelkraut gehörte damals auch nicht zu den bevorzugt genutzten Kräutern.

Gruß Steffi

Hallo Steffi,

ziemlich sicher Quecksilber,

eher nicht.
Metallisches Quecksilber ist erstaunlich ungiftig, weil ein Edelmetall.
Wenn es nicht als Dampf eingeatmet wird, macht es gar nichts.
Es gibt mehrere Berichte, daß Patienten in selbstmörderischer Absicht Hg tranken oder gar injektierten.
Effekt - keiner.

Gandalf

Hallo Steffi,

ziemlich sicher Quecksilber,

eher nicht.
Metallisches Quecksilber ist erstaunlich ungiftig, weil ein
Edelmetall.
Wenn es nicht als Dampf eingeatmet wird, macht es gar nichts.
Es gibt mehrere Berichte, daß Patienten in selbstmörderischer
Absicht Hg tranken oder gar injektierten.
Effekt - keiner.

Hallo!

Haben die das renal ausgeschieden oder was? Naiv würde ich zumindest Emboliegefahren vermuten bei Intravenöser Applikation. Und wenn sie es sich subkutan spritzen… Wie gelangt es dann aus dem Körper? Mhmm, vielleicht weiss man es auch nicht so genau oder? Ich meine, ist diese Fragestellung relevant genug für Studien?

VG, Stefan

Hallo Drache,

Haben die das renal ausgeschieden oder was? Naiv würde ich
zumindest Emboliegefahren vermuten bei Intravenöser
Applikation.

vor vielen Jahren kriegt ich mal ein Buch in die Hand gedrückt, um mich mit den Gefahren der Flußsäure bekannt zu machen (ganz übles Zeug). In eben diesem Buch gabs auch eine Abhandlung über Hg.
Von dort hab ich die genannten Daten. Bei IV-Gabe sammelt sich das Hg in allen möglichen Taschen, speziell in der Spitze der rechten Herzkammer. Es gab eine Röntgenaufnahem mit einem hellen Klecks dort.

Und wenn sie es sich subkutan spritzen…

Subkutane Gabe wurde, soweit ich mich erinnere, nicht behandelt.

Bei oraler Gabe dürfte es schlicht ausgesch… worden sein.

Gandalf

Hallo Steffi,
Gandalf sekundierend und auf Quecksilber(I)-Chlorid bezogen ist zu bemerken, dass es wegen seiner äußerst geringen Wasserlöslichkeit vom Körper kaum resorbiert wird.
Gruß
Eckard

Servus Eva,
ich habe mich erinnert, daß bei Karl May - ja,ja :wink: - öfter von ‚Calomel‘ die Rede ist. Google Suche ergab:

http://break4country.de/Cowboy%20Heilkunde.htm
(nach ‚Calomel‘ suchen lassen)
und

http://gripsdb.dimdi.de/rochelexikon/ro05000/r5123.html

Kai

Hallo Conrad,

super Beitrag.
„Genommen“ ist also genaugenommen falsch ausgedrückt, weil man damit eben herunterschlucken assoziiert. Um so weniger wunderts, daß die Katz so fix gestorben ist.

Gruß Steffi

Hallo.

Ihr habt doch schon alle mal das Wort „Stehaufmännchen“ gehört? Der Ursprung dieses Begriffs liegt in der großzügigen Verabreichung von Hg intravenös. Waren passende Unterschenkelvarizen vorhanden, sammelte sich das Quecksilber in den Füßen - et voilà … diese Leute konnte man nicht mehr umschmeißen.

Gruß Eillicht zu Vensre

Was hats du immer mit der Katze
Hallo Steffi, wenn ich den Text im Ausgangsposting lese, komme ich dazu dass Quecksilbersalbe und Katzenscheiße (durchaus auch ein probates Mittel zu der Zeit) verwendet wurde, und der Patient dann zum Sterben in einen einsamen Raum abgeschoben wurde.
Als Quelle für weitere Scheißrezepturen dient „Die heilsame Drecksapotheke“ Autor ist mir grad entfallen, aber mit dem Titel sollte das Buch in der Bib zu finden sein.
Gruß Susanne

[Bei dieser Antwort wurde das Vollzitat nachträglich automatisiert entfernt]

Hallo Kai!
Ich liebe Karl May, habe schon viel Nützliches aus der Lektüre bezogen, wie überhaupt aus vielen Dingen, bei denen meine Mutter immer kopfschüttelnd sagte: „Hast du denn nichts Besseres zu tun?!“ Das ganze „dumm Tüch“ von früher ist mir beim Übersetzen oft sehr gut zupass gekommen :smile:

Danke für dein „Calomel“. Habe ein bisschen weiter recherchiert und im Meyers gefunden:

„Quecksilberchlorür (Einfachchlorquecksilber, Kalomel, versüßtes Quecksilber) Hg2Cl2 ˆ[Hg_{2}Cl_{2}] findet sich in der Natur als Quecksilberhornerz, entsteht beim Erhitzen von überschüssigem Quecksilber in Chlor, wird aus Quecksilberoxydulsalzen durch Chlornatrium oder Salzsäure, aus Quecksilberchloridlösung durch schweflige Säure, im Sonnenlicht auch durch Oxalsäure gefällt und wird dargestellt, indem man ein inniges Gemisch von Quecksilberchlorid und Quecksilber in einem bedeckten eisernen Kessel erhitzt, bis die graue Mischung weiß geworden ist, dann auf den Kessel die untere Hälfte eines Schwefelsäureballons kittet und stärker erhitzt, bis das Q. vollständig sublimiert ist. Man erhält es als strahlig kristallinische, gleichsam geschmolzene, farblose Masse, welche ein gelbliches Pulver gibt. Treten die Dämpfe des Quecksilberchlorürs zugleich mit Wasserdampf in einen Ballon, so kondensiert sich das Q. als zartes weißes Pulver (Dampfkalomel, englisches Kalomel). Das sublimiert Q. muß sorgfältig zerrieben und, um Spuren von Chlorid zu entfernen, ausgewaschen werden. Q. ist geruch- und geschmacklos, in Wasser, Alkohol und Äther so gut wie unlöslich, spez. Gew. 6,56, verflüchtigt sich, ohne vorher zu schmelzen, zerfällt bei wiederholter Sublimation zum Teil in Chlorid und Quecksilber, scheidet auch am Licht Quecksilber aus und wird ebenso durch kochendes Wasser und kochende Säuren zersetzt; Alkalien, alkalische Erden und die Lösungen der Kohlensäuresalze schwärzen es unter Abscheidung von Quecksilberoxydul, mit manchen Chloriden bildet es lösliche oder unlösliche Doppelverbindungen. Q. dient als Arzneimittel bei vielen akut entzündlichen Affektionen, bei Wassersucht, Milz-, Leber-, Lungenleiden, als abführendes Mittel, bei Brechdurchfall, Abdominaltyphus, Syphilis, äußerlich bei Hornhautflecken, chronischen Geschwüren, breiten Kondylomen etc.; bei mehrtägigem Gebrauch entsteht leicht Speichelfluß. In der Porzellanmalerei benutzt man es zum Vermischen mit Gold, um dieses möglichst dünn auftragen zu können; auch hat man mit Q. überzogenes oder imprägniertes Papier (Kalomelpapier) hergestellt, auf welchem eine Mischung von Gummilösung mit unterschwefligsaurem Natron und Alaun unzerstörbare schwarze Schriftzüge hervorbringt. Mit chlorsaurem Baryt, Schellack und Schwefel gibt es eine dunkelgrün brennende bengalische Flamme.“

So much to learn - so little time…

Danke & schönes Wochenende!
Eva

@ alle
Danke euch allen - damit kann ich was anfangen :smile:
Um die Katzenfrage zu klären - es handelte sich wirklich nur um deren Exkremente, die man - so verstehe ich’s - mit Quecksilberpampe vermischt hat und den Patienten damit besprengt oder bestrichen (daubed). :wink:)

Schönes Wochenende!
Eva