Hallo !
Etwas mehr über die Behandlung von Syphilis mit Quecksilber.
Antisyphilitica (remedia), Mittel gegen Syphilis. Schon bald nach Ausbruch der Syphilis wurde das auch heute noch als wertvolles Syphilismittel bekannte Quecksilber in die Behandlung eingeführt, das sich damals überhaupt eines großen Ansehens als Heilmittel gegen die verschiedensten Krankheiten erfreute. Anfangs wurde das Quecksilber in so enormen Mengen in Salbenform verrieben, daß in jedem Fall die üblen Folgen einer Quecksilbervergiftung auftreten mußten, wie starker Speichelfluß, Mundentzündung, Ausfall der Zähne und andere schwere nervöse Störungen. Erst ganz allmählich bürgerten sich die heute noch, wenn auch in anderer Form, üblichen Quecksilberkuren ein. Daneben wurden damals außerdem Dampfbäder, trockene Hitze, Guajakholz, Sarsaparilla, das Decoctum Zittmannii usw. angewendet. Es wurden verschiedene Tränke gebraut, die zum Teil durch Ulrich von Hutten, der ja an Syphilis gelitten hat, ausführlich beschrieben sind. In diesen Getränken war zum Teil allerdings das Wirksame wiederum Quecksilber, indem nach den Vorschriften für die Herstellung solcher Tränke ein Beutelchen mit demselben für einige Zeit hineingehängt wurde. Später hat das Quecksilber vorübergehend von Wien aus heftige Gegner gefunden, eine Gegnerschaft, die allerdings bald wieder verschwand. Die kurative Wirkung des Quecksilbers gegen die Syphilis wurde durch die moderne experimentelle Forschung einwandfrei bestätigt. Im Laufe der Zeit sind dann noch andere Mittel, wie Jod, Chromsäure, Chinin usw., empfohlen worden. Von allen diesen Mitteln hat nur das Jod in der Behandlung der Syphilis Bedeutung gewonnen, insbesondere bei der Behandlung der sogenannten Spätformen derselben. Schon im Jahre 1807 wurde aber auch Arsenik als wertvolles Mit-Mittel gegen veraltete Syphilis empfohlen, und gerade ein Jahrhundert später erinnerte Iwan Bloch daran, daß er die sogenannten asiatischen Pillen, die je ein (bezw. 5) mg Acid. arsenicum enthalten, schon seit Jahren (1901, 1905) als Spezifikum gegen Lues empfohlen habe, indem er die Syphilis als eine ihrem ursprünglichen Wesen nach tropische Protozoenkrankheit, ähnlich der Malaria, auffaßte. Es wurden nun verschiedene Arsenpräparate teils mit Quecksilber, teils mit Jod kombiniert, teils neue Arsenverbindungen empfohlen, wie das Atoxyl, Arsazetin und das Arsenophenylglyzin. Da sich aber die Nachrichten über schwere Vergiftungen durch diese Arsenverbindungen, insbesondere des Atoxyl häuften, wurde dieses Mittel aus der Therapie der Menschensyphilis ausgeschaltet. Aehnlich verhielt es sich mit dem Arsazetin, dessen therapeutische Anwendung auch bald aufgegeben wurde. Die Arsentherapie der Syphilis wäre damit auf einen toten Punkt angelangt gewesen, wenn es nicht Ehrlich gelungen wäre, die wahre chemische Konstitution des Atoxyls festzustellen, wodurch die Möglichkeit gegeben wurde, eine große Reihe neuer organischer Arsenpräparate – Phenylarsinpräparate – herzustellen und in systematischer Weise auf ihre chemotherapeutische Wirksamkeit im Tierreich zu prüfen. Auf Grund seines Jahrzehnte dauernden Studiums kam Ehrlich zu der Ueberzeugung, daß die Bakterien gewisse chemische Eigenschaften besitzen, die sich in einer besseren oder schlechteren Anziehungskraft für gewisse Chemikalien äußern. Es mußte also alles darauf ankommen, das Arsen in eine solche Verbindung zu bringen, die eine möglichst nahe Verwandtschaft zu den Erregern der Syphilis, den Spirochaeten, hatte und eine möglichst geringe zu den Zellen des menschlichen Körpers, die selbstverständlich auch gewisse chemische Beziehungen haben. Bei der Ausführung seiner Tierversuche gelang es Ehrlich und seinem Mitarbeiter Hata gegen Ende 1909, das Arsenpräparat Nr. »606« (»Ehrlich-Hata-Präparat 606«) herzustellen, das er Mitte Dezember 1910 unter dem Namen »Salvarsan« zahlreichen Kliniken und Fachärzten zur Erprobung übergab. Ehrlich hat dann im Laufe der Jahre das Mittel zu verbessern gesucht, und kam bei seinen weiteren Studien zu dem Präparat »914«, das heute als »Neosalvarsan« im Handel ist. Bei der Kaninchensyphilis konnte Hata mit einer einzigen Injektion von Salvarsan die Spirochaeten vollständig und sofort vernichten, und nach dieser einzigen Injektion kam keine Rezidive vor (Therapia sterilisans magna). Doch hat sich im Laufe der Zeit Ehrlichs Traum von der »Sterilisatio magna« (die einmalige, vollkommen von Krankheitserregern befreiende Behandlung) als utopisch erwiesen; wieder ein Beweis, daß sich noch so solid fundierte experimentelle Ergebnisse nicht ohneweiters auf die menschliche Pathologie übertragen lassen. Nichtsdestoweniger war Ehrlichs Leistung eine Großtat, denn wir sind imstande, durch das Salvarsan nicht allein die äußerlich wahrnehmbaren Symptome der Syphilis schneller als bisher zu beseitigen – ein Umstand, der für die Weiterverbreitung der Syphilis von großer Bedeutung ist –, sondern auch die Erkrankung schneller und häufiger als bisher wirklich zu heilen unter Vermeidung der sogenannten metasyphilitischen Erkrankungen, der Tabes und der Paralyse, die der Syphilis erst eine so düstere Perspektive geben. Doch wurde auch der Paralyse, dieser bis in unsere Tage als unheilbar geltenden syphilitischen Krankheit, ihre Schreckgestalt genommen durch ihre Behandlung mit Impfmalaria (Malaria tertiana), die 1917 von Wagner von Jauregg eingeführt wurde. Es gelang ihm auf diesem Wege, etwa 30% der Paralytiker wieder berufsfähig zu machen, also im praktischen Sinne zu heilen. Diese im Vergleich mit den früheren, ans Wunderbare grenzenden Erfolge bei der Paralyse legten es nahe, die Behandlung mit Impfmalaria auch bei sonstiger Syphilis mit und ohne nachweisbare Beteiligung des Zentralnervensystems durchzuführen. Versuche ergaben, daß die Impfmalaria tatsächlich das wirksamste (unspezifische) Behandlungsmittel ist, das im Verein mit gründlicher »spezifischer« Behandlung die Nervensyphilis aller Krankheitsabschnitte, insbesondere die späteren positiven Spirochaetenbefunde in der Rückenmarksflüssigkeit am besten beeinflußt und hier Erfolge liefert, die früher versagt gewesen sind. Die mitunter auftretenden Schwierigkeiten in der Behandlung der Lues mit Quecksilber durch die Art seiner Anwendung und das häufige Auftreten von Begleitsymptomen gaben immer wieder Anregung zu Forschungen nach neuen Antisyphiliticis. So wurden, abgesehen vom Antimon und Silber, Versuche auch mit Wismut angestellt. Die große Anzahl von günstigen Erfahrungen bei Anwendung des letzteren in Luesfällen hatte zur Folge, daß in der jüngsten Zeit auch das Wismut in die Reihe der günstig wirkenden Antisyphilitica aufgenommen wurde, und daß heute die kombinierte Salvarsan-Wismut-Behandlung als eine der wirkungsvollsten erachtet werden kann. – S.
[Sexualwissenschaft: Antisyphilitica. Bilderlexikon der Erotik, S. 8288
(vgl. BdE Bd. 3, S. 53 ff.)
http://www.digitale-bibliothek.de/band19.htm ]
mfgConrad
„Salvarsan“ war ein Exportschlager des Deutschen Reiches vor 1.WK. Das erste Handels-U-Boot der Deutschen brachte im 1. WK große Mengen davon nach USA.