Hallo Richard,
Bayer hat ja das Medikament freiwillig vom Markt genommen, es
gab kein Verbot.
Ja, stimmt natürlich.
Mit Gewissen hat das offenbar wenig zu tun.
Bestimmt nicht. Wie Du sagst: Die hatten Angst um ihr Image. Ich denke aber nicht, daß sie ein schlechtes Gewissen haben brauchen, von wegen daß sie mit einem Medikament Geld gemacht hätten, daß mehr Schaden als Nutzen gehabt hätte. Für schwere Fälle der Hyperlipidämie wäre es auch weiter gut einsetzbar gewesen. Ich weiß nicht, ob ich an Bayers stelle nicht lediglich Warnungen herausgegeben und die Indikation auf besagte Fälle eingeschränkt hätte. Damit wären sie zumindest aus den Schlagzeilen draußen geblieben, sowas passiert nämlich öfters.
Aber was ist mit den 30 Toten in USA? Wie teuer können die
werden mit dem US-Rechtssystem, wo ganz andere
Schadensersatzforderungen möglich sind wie bei uns?
Stimme ich zu, das wird bestimmt teuer. Für McDonalds war es ja auch sehr teuer, als mal eine Frau ihre heiße Schokolade über den Schoß geleckert hatte. Heute steht deswegen „Vorsicht, heiß“ auf den Bechern. Sowas. Eine Schokolade, und dann auch noch heiß. Tststs… *g*
Bezüglich des Arzneimittels standen die zur Diskussion stehenden Nebenwirkungen auf dem Beipackzettel, die Patienen waren so gesehen aufgeklärt. Wenn den Richtern dies nicht ausreichen sollte, so werden wir in Zukunft für jedes einzelne Medikament eine unterschriebene Einverständniserklärung des Patienten benötigen. Und die Medikamentenentwicklung würde das ganze nicht voranbringen. Das erinnert so ein bißchen an den Staat New York in den frühen 90ern, wo die Leute bei (nun mal in der Natur der Sache liegenden) Geburtszwischenfällen extrem klagewütig waren, auch wenn der Doc gar nichts dafür konnte. Trotzdem wurden die Ärzte regelmäßig schludig gesprochen. Folge dieses kranken Systems: Es gab über Jahre hinweg kaum Gynäkologen, weil die Versicherungsbeiträge absolut unbezahlbar wurden.
Tja. Die Bevölkerung bekommt die Medizin, die sie verdient, sag ich immer 
Solche Überlegungen (und die jetzt folgende Entlassungswelle)
haben wohl weniger mit Gewissensbissen wegen der Toten zu tun
als mit Profitängsten.
Um die zu entlassenden Leute tuts mir am meisten Leid. Ich sehe sie ein Stückweit als Kampagnenopfer gegen ein gar nicht so schlechtes Medikament.
Oha, Beratung ist kalter Kaffee?
Nein. Ich meinte damit die schon längst bekannte Nebenwirkung des Medikaments, nicht die Aufklärung darüber.
Die Beratung sollte auf die Wechselwirkung zu anderen Mitteln
u.a. hinweisen.
Sollte sie natürlich schon. Aber da kommen dann halt verschiedene finanzielle Zwänge ins Spiel.
Tip: Wenn Du meinst, nicht komplett beraten worden zu sein, dann drohe dem Doc damit, daß Du das Medikament nicht nehmen wirst. Das sollte helfen
Aber er wird Dir halt auch nichts anderes erzählen als das, was auf dem Waschzettel steht.
Was Lipobay betrifft: Es hat in den vergangenen Jahren einige
zehntausend Menschenleben gerettet.
Naja, Du bist wohl Mediziner, aber kein Prophet, oder?
Habe weiter unten dargelegt, warum ich das denke. Zehntausend ist übrigens noch sehr moderat geschätzt.
Da sollten die pillengläubigen Mediziner auch mal andere
Aspekte in Erwägung ziehen, wie z.B. eine Ernährungsumstellung.
Aber das wäre ja leider Medizin ohne Rezeptblock.
Ernährungsumstellung ist immer Therapie der ersten Wahl. Steht in so ziemlich allen Lehrbüchern, die ich bisher in der Hand hatte. Da ist übrigens eine Beratung ohne Zweifel sinnvoll. Oder zumindest mal ein Merkblatt o.ä.
Dem Medizinereinkommen schadet ein pillenloser Patient nicht unbedingt, im Gegenteil: Der Cholesterinspiegel muß eher intensiver als sonst überwacht werden. Zudem lebt ein Patient unter Diät meist (gesundheits-)bewußter (bzw., das ist die Voraussetzung für eine Diät), und er geht daher vielleicht öfters zum Arzt als sonst. Soweit ich weiß, gibt es für das Medikamenteverordnen selbst ohnehin kaum Geld (Therapiefreiheit).
Sehr schöner Denkansatz: In Künfte werde ich mir überlegen,
einen Arzt aufzusuchen, ich könnte ja durch einen
Verkehrsunfall noch viel kranker (oder gar tot) werden.
Na, ich hoffe Du wirst zumindest nur dann zum Arzt fahren, wenn es auch Sinn macht, und nicht weil etwa die Medien im Sommerloch wieder Nebenwirkungsangst verbreiten 
Oliver