Hi Dilarah!
Ich war zwar noch nicht Patient in solchen Kliniken (toi toi toi), dafür aber Therapeut in einer Fachklinik *g*. Deshalb gebe ich mal meinen ganz persönlichen Senf dazu, wie Deine Beschreibung auf mich wirkt.
Das erste, was mir sauer aufstieß, waren Verbote, Verbote,
Verbote.
Verbote würde ich das nicht nennen: Es sind Regeln. Die Regeln dienen nicht nur einem mehr oder minder reibungslosen Ablauf des Klinikalltags, sondern auch dazu, daß in der Klinik Behandlung möglich wird. Schließlich ist so eine Klinik nicht für einen Urlaub gedacht, sondern für Therapie - was aus meiner Sicht heraus mit Arbeit verbunden ist. Was glaubst Du, wieviele sich vor den mehr oder minder anstrengenden Behandlungen drücken würden, wenn da Laissez-faire angesagt wäre? .
Jeden Morgen fand ein Gruppengespräch statt. Dort wurde fest-
gelegt, was wer für Behandlungen u.ä. bekommen sollte, Pläne
hingen zwar aus, so daß ich dies für den morgendlichen Streit
auslegte. Jeder hatte an jedem irgendwas zu bemängeln,
grauenhaft!
Es ist kein Wunder, daß die Leute ´was zu meckern haben. Mehrere Menschen, mehrere Meinungen! Und wenn die Patienten psychische Probleme haben, dann ist es auch nicht verwunderlich, wenn die im sozialen Umgang nicht ganz so pflegeleicht sind.
Auch tgl. gab ein eine psychologische Runde, wo Rollenspiele
gespielt wurden, autogenes Training, Meditation etc.
Klar.
Zusätzlich erhielt man auf Wunsch u. ärztl. Rat Massagen,
Kneipkuren, Sauna, Sport 2 x /Woche. Das war das erträglichste
und schönste daran.
*kicher*
Das dachte ich mir. In der Fachklinik, in der ich das Vergnügen hatte zu therapieren, war´s genauso. Die Patienten nahmen am liebsten an den „Veranstaltungen“ teil, in denen sie nicht mit ihren Problematiken konfrontiert wurden. Höchst verständlich! Aber so leicht wollen wir es ihnen nicht machen, daß sie sich nur das herausgreifen können, was ihnen Spaß macht. Wie gesagt: Therapie bedeutet Arbeit.
Bei mir saßen Leute in der Gruppentherapie, die später zugaben, anfangs nur hingekommen zu sein, weil sie sich dadurch vor einer anderen Veranstaltung drücken konnten. Nachdem sie aber mit den Gruppenregeln, die ich konsequent durchgesetzt habe, Bekanntschaft gemacht hatten, ging die Arbeit (sprich Therapie) los und nach ein paar Sitzungen waren sie dankbar, daß sie teilnehmen durften.
Für die Psyche gab es dann noch die s.g. Einzelgespräche.
Na, die Gruppentherapie ist auch ´was für die „Psyche“! Meine Meinung ist zumindest, daß Kaffeekränzchen und ein schöner Plausch noch nicht zur Therapie qualifizieren.
Freizeit war nachmittags möglich, allerdings strenge
Heimkehrzeiten und Ein- und Austragen im Hausbuch war
Bedingung.
Und in der Fachklinik, in der ich wirkte, gab´s extra scharfe Kontrollen. Mit nächtlichem Wecken u.ä.! Das lag aber daran, daß es sich um eine Suchtklinik handelte und sich manche Damen und Herren halt abends hin und wieder einen gönnten. Also wecken und ins Röhrchen pusten! Im ungünstigsten Fall gab´s die schlimmste Bestrafung: Entlassung aus disziplinarischen Gründen (auch Rausschmiß genannt!). Du kannst Dir vorstellen, wie unterschiedlich die Reaktionen auf solche Rausschmisse waren.
Abends wieder Gruppengespräche *gähn*.
Hm …
Ob Du es glauben magst, oder nicht, viele der Mütter und Väter
wollten dort nach einer Zeit gar nimmer weg, so gut hat ihnen
die Hilfe, die sie dort erfahren haben getan.
Siehst Du! Was einem in einer Klinik auch nicht alles so abgenommen wird … Da kann man sich daran gewöhnen!
Freundliche Grüße,
Oliver