Zivilcourage

Hallo,

mich interessiert folgendes:
ist das Zeigen von Zivilcourage durch eine Person eine Frage der Erziehung und Erfahrung oder eine Eigenschaft und Charakterzug?
Es wird doch immer wieder einmal zu mehr Zivilcourage ermahnt, wenn man sieht, dass jemand in Not ist, sich zum Handeln aufzuraffen. Ich frage mich, ob jeder diesen innerlichen Schalter „jetzt werde etwas tun, damit…“ willentlich betätigen kann.

viele Grüße
Claudia

Hallo Claudia,

ist das Zeigen von Zivilcourage durch eine Person eine Frage
der Erziehung und Erfahrung oder eine Eigenschaft und
Charakterzug?

Es mag lediglich meine subjektive Empfindung sein, aber ich denke, daß es eine Mischung aus allem ist…

Erziehung? Klar! Ich wurde so erzogen, daß man sich für Schwächere einsetzt. Ein Beispiel aus meiner Schulzeit: ein neues Mädel in der Klasse; dick (um nicht zu sagen ‚fett‘) und natürlich ein neues Hänsel-Objekt in der Schule. Ich bin nicht der gute Samariter, aber ich habe sie in Schutz genommen. Daß ich - um auf die Schwächeren zurückzukommen - meine kleine Schwester bis aufs Blut verteidigen würde, ist klar, gell? Gleiches gilt für meine Mom; das möchte ich allerdings nicht noch einmal öffentlich erzählen. Aber: meine Mutter hat uns Zivilcourage vorgelebt; die ist dazwischengegangen, wenn jemand sein Kind auf der Straße herumgezerrt oder gar verkloppt hat.

Erfahrung? Ja! Ich glaube, ich habe diese drei Geschichten (die dritte mag ich auch nicht mehr öffentlich erzählen) schon einmal hier erzählt: mit 15 bin ich mal in der Disco dazwischengegangen, als ein Schwarzafrikaner angegriffen wurde; hat mich zwar einen Schneidezahn gekostet, aber mein Gegner rannte wochenlang mit verdrahtetem Kiefer durch die Gegend. Dann gab es noch so eine Situation in der S-Bahn: auch da bin ich dazwischen gegangen (ungefähr 20 Männer waren dabei; keiner hat sich gerührt; ‚laß sie doch den Ausländer ein bißchen schubsen‘). Dem einen Skin habe ich weh getan; ordentlich weh getan… Es hieß zwar ‚Dein Gesicht merke ich mir!‘, aber als ich ihn dann einige Zeit später zufällig - allein!!! - traf, konnte ich nicht umher, ihn darauf anzusprechen… 'Du wolltest mir doch ein paar auf die Schnauze hauen, na dann mach mal! Versuch’s!. Plötzlich war das alles nicht so gemeint. Hmmm… Verstehe… Nur in der Gruppe sind die stark.

wird doch immer wieder einmal zu mehr Zivilcourage ermahnt,

Was heißt überhaupt Zivilcourage? Also vom Terminus her ist es klar, aber auch da muß man - denke ich - differenzieren. Es ist ein gewaltiger Unterschied, ob eine durchtrainierte 20jährige oder eine junge Mutter mit einem Kinderwagen im Schlepptau dazwischengeht. Es ist auch die Frage der Zumutbarkeit. Ich will jetzt nicht mit dem StGB herumfuchteln, aber so ist es.

wenn man sieht, dass jemand in Not ist, sich zum Handeln
aufzuraffen.

Also… Die Polizei zu rufen, gehört doch wohl nicht in die Kategorie Zivilcourage…

Ich frage mich, ob jeder diesen innerlichen
Schalter „jetzt werde etwas tun, damit…“ willentlich
betätigen kann.

Neee, Claudia, einen solchen Schalter kenne ich nicht. Ich bin jedes Mal, als es darauf ankam, einfach dazwischen gegangen. Ich habe gar nicht darüber nachgedacht. Charakterzug? Eigenschaft? Ich weiß nicht… Ich bin aber auch kein Psychologin…

Beste Grüße

Tessa

Hallo Claudia!

mich interessiert folgendes:
ist das Zeigen von Zivilcourage durch eine Person eine Frage
der Erziehung und Erfahrung oder eine Eigenschaft und
Charakterzug?

Das ist eine schwierige Frage. Ich will mal so antworten: Das Mitgefühl für andere scheint nach bisherigen Erkenntnissen zumindest teilweise angeboren zu sein: Babys zeigen Empathie, ohne Lernerfahrung gemacht zu haben. Auch eineiige Zwillinge sind sich im Ausmaß des Mitgefühls ähnlicher als zweieiige Zwillinge, was u. U. darauf hindeuten kann, daß die Vererbung eine Rolle spielt.

Andererseits muß man aber auch bedenken, daß Erziehungs- und Umwelteinflüsse eine große Rolle spielen. Es werden u.a. folgende Gründe genannt, warum Menschen, wenn sie Notfälle (Unfälle, Überfälle) beobachten, nicht eingreifen:

  • Verantwortungsdiffusion : Die anderen, nicht nur ich haben Verantwortung und werden schon helfen.
  • Pluralistische Ignoranz : Wenn sich die Zuschauer über die Situation unsicher sind, dann schauen sie, was die anderen machen. Wenn aber alle nur schauen, was die anderen machen, dann greift keiner ein.
  • Bewertungsangst : Bei Anwesenheit anderer fragen sich die Leute mehr, ob sie auch „einen guten Eindruck“ machen, wenn sie eingreifen. Sie haben Angst, sich lächerlich zu machen oder zu versagen. Also greifen sie lieber nicht ein, wenn sie sich über ihre Fähigkeiten zu helfen unsicher sind.
  • Kosten des Eingreifens : Wichtig sind auch die möglichen Konsequenzen des Eingreifens. Wenn das Eingreifen mit großer Gefahr z.B. für das eigene Leben verbunden ist, dann greifen wahrscheinlich weniger Leute ein.

Freundliche Grüße,

Oliver

  • Kosten des Eingreifens : Wichtig sind auch die
    möglichen Konsequenzen des Eingreifens. Wenn das Eingreifen
    mit großer Gefahr z.B. für das eigene Leben verbunden ist,
    dann greifen wahrscheinlich weniger Leute ein.

Hallo Oliver, ich glaube das hier ist der häufigste Grund, Gefahr wird eher für den eigenen „Frieden“ oder Geldbeutel gewittert. So z.B. bei Zeugenaussagen „Na - wir haben ja gar nichts genaues gesehen - gell , Horst???“ ( Man könnte wiederholt Befragungen ausgesetzt sein und müsste vor Polizei und Gericht aussagen und wenn das dann nicht zur Zufriedenheit unseres zeugen ausfällt ist der uns sauer … )

HM

Hallo Oliver,

kenne mich in Psychologie zwar nicht aus. Aber Dein Artikel klingt so, als hättest Du Ahnung. Mir hat nur ein „Charakterzug“ gefehlt, den ich (nur aufgrund von Erfahrungswerten) auch noch für ausschlaggebend halte, und würde gerne wissen, was Du davon hälst und ob es dafür auch einen Fachbegriff gibt.

Es gibt nicht nur in Gefahrsituationen Menschen, die sich immer persönlich angesprochen fühlen. Ist so eine Art (übersteigertes?) Selbstwertgefühl. Ich habe (manchmal leider) diese Eigenschaft. Es ist weniger so, daß ich mich für alles verantwortlich fühlen würde; vielmehr halte ich mein Handeln und Denken jederzeit für „relevant“. Wenn eine Frage in den Raum gestellt wird, fühle ich mich direkt angesprochen und gebe Antwort. Daß meine Meinung möglicherweise gar nicht von Interesse ist, fällt mir zu diesem Zeitpunkt überhaupt nicht ein. Und wenn jemand ganz allgemein „Hilfe“ ruft, kommt bei mir ein „Hilf Du mir bitte“ an. Keine Ahnung ob das angeboren oder anerzogen ist. Vielleicht ist das auch nur Ausfluß von Egoismus. Aber diese „permanente Fehlwahrnehmung“ läßt mich meist schneller reagieren als andere. Das ähnelt ein bißchen der „negativen Verantwortungsdiffusion“, hat aber weniger mit einem Verantwortungsgefühl zu tun, als eben mehr mit einem „Sich-immer-direkt-angesprochen-fühlen“.

Ist diese Beschreibung fachbegrifflich faßbar?

Grüße und Dank für die Antwort.
agil

Hallo!

Ist diese Beschreibung fachbegrifflich faßbar?

Ich denke, daß Deine Beschreibung auf den Begriff „Egozentrismus“ oder „Egozentrik“ abzielt. Als egozentrisch werden Einstellungen und Verhaltensweisen bezeichnet, die auf ein Überwiegen des Bezuges eines Individuums auf sich selbst schließen lassen.

Eine egozentrische Person bezieht Ereignisse über das sachlich gerechtfertigte Maß hinaus auf sich selbst. Dabei kommt die Tendenz zum Ausdruck, eigene Verhaltensweisen zum Maßstab für andere zu machen. Dadurch bekommt die Person aber Schwierigkeiten in der Entwicklung und Aufrechterhaltung sozialer Beziehungen. Egozentrische Personen können außerdem schlecht über ihre Persönlichkeit und ihr Verhalten nachdenken und darüber, wie sie auf andere Personen wirken.

Vom Egozentrismus muß man den Egoismus unterscheiden: Beim Egoismus trachten die Personen v.a. auf den eigenen Vorteil im Verhalten gegenüber anderen.

Ich hoffe, daß diese Antwort dasjenige getroffen hat, das Du meintest.

Freundliche Grüße,

Oliver

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Hallo Olviver,

also wirken beide Faktoren auf einen Menschen ein, wenn er Hilfsbereitschaft in Situationen zeigt, auch wenn sie für ihn zum Nachteil gereichen könnten: er verfügt über ein angeborenes Mitgefühl und er hat von Klein auf an Hilfsbereitschaft erlebt (selbst und bei anderen).

Wie schätzt Du das ein? Unterliegt Zivilcourage einer Modeerscheinung einer jeweiligen Gesellschaft in einem best. Zeitalter?
Ich denke deshalb darüber nach, weil durch Erzählungen von Verwandten aus der ehem. DDR habe ich mitbekommen, wie sehr sie unter der Gefühlskälte der Wessis in der Anfangszeit gelitten haben. Und weil ich von Fernsehberichten mitbekommen habe, dass die meisten Menschen sehr wohl wissen, dass sie bei einem Autounfall eines anderen halten sollten um zu helfen, sich das auch für sich selbst wünschten, aber trotzdem weiterfahren. Mich interessieren dazu Hintergründe und Motive, warum wir so sind wie wir sind.
Ist Rücksichtslosigkeit eine momentane Eigenheit einer Gesellschaft, die angeborene Hilfsbereitschaft Einzelner verkümmern läßt (siehe angeborene Empathie und erlernte Hilfsbereitschaft). Wenn ja, wie kommt das zustande?

viele Grüße
Claudia

der Vorteil durch Spontanität
Hallo Tessa,

das Beste ist wohl, wenn man in bestimmten Situationen hilfsbereit eingreift, ohne groß über Folgen nachzudenken. Um diese Spontanität beneide ich Dich, denn wahrscheinlich haben Dich diese (manchmal bestimmt auch schmerzlichen) Erfahrungen stärker und entschlossener gemacht, vielleicht auch zielstrebiger als andere, mit sehr viel Sinn für Deine Wertevorstellungen, die sich so sehr konkret entwickeln konnten, als bei Menschen, die ihre Wertevorstellung sich z.b. durch Bücher angelesen haben.
Ich bin leider nicht so erzogen worden, von wegen Mut zeigen und eingreifen, Mund aufmachen und sich oder andere wehren. Mein Vater ist ein sehr zurückhaltender Mann, was mich als Heranwachsende oft fuchtig gemacht hat. Meine Vorbilder habe ich dann später bei anderen Leuten gefunden.
Mir geht es halt so, dass, wenn ich nicht geholfen habe, oder wenn ich aus Feigheit die Klappe hielt, ich mich elender fühle, als wenn ich eingegriffen hätte.
Wahrscheinlich eher angeboren als erfahren.

Ne, Psychologin bin auch nicht. Aber ich verstehe manchmal diese Couchkartoffeln (mit diesem „man müßte mal etwas dagegen tun“ und mehr kommt nicht) in meinem Umfeld nicht, möchte das aber ganz gerne.

liebe Grüße
Claudia

Zivilcourage - Bescheid sagen
Hallo Claudia,

möchte mal noch einen anderen Aspekt einbringen: Zivilcourage heißt ja nun nicht, dass ich mich mit irgendwelchen Leuten prügeln müsste.

Sich positiv einzumischen kann auch ganz einfach bedeuten, in öffentlichen Vekehrsmitteln beim nächsten Halt vor zum Fahrer zu gehen und Bescheid zu sagen. Wenn man auf der Straße oder am Bahnsteig irgendwas mitbekommt (anbahnende Schlägerei, Pöbelei, Hilferufe, bewusstlose Person etc.), dann Hilfe zu holen, wenn man sich selbst nicht zutraut, etwas zu tun. Per Handy, beim nächsten Telefon, beim nächsten Laden … oder eben am U-Bahnsteig den Notrufknopf drücken und Bescheid sagen.

Damit ist viel geholfen - und eigene Befürchtungen oder tatsächliche mögliche Gefährdung ist vermieden.

Viele Grüße
Gitte

Hallo Claudia!

also wirken beide Faktoren auf einen Menschen ein, wenn er
Hilfsbereitschaft in Situationen zeigt, auch wenn sie für ihn
zum Nachteil gereichen könnten: er verfügt über ein angeborenes
Mitgefühl und er hat von Klein auf an Hilfsbereitschaft erlebt
(selbst und bei anderen).

Ja, prinzipiell stimme ich dieser Auffassung zu.

Wie schätzt Du das ein? Unterliegt Zivilcourage einer
Modeerscheinung einer jeweiligen Gesellschaft in einem best.
Zeitalter?

Zu der allgemeinen Frage, ob Hilfsbereitschaft kulturell beeinflußt ist, kann die Psychologie heute zwar sagen, daß es sehr wahrscheinlich so ist. Aber auf welche Weise die Unterschiede in der Hilfsbereitschaft zustande kommt, ist bei weitem noch nicht geklärt. Ich möchte auf einen älteren Ansatz zu dieser Frage zurückgreifen, in dessen Rahmen kulturvergleichende Studien durchgeführt wurden, der aber im Detail in hohem Maße kritisierbar ist (die Kritik bezieht sich v.a. auf methodische Aspekte, auf die ich hier aber nicht eingehen möchte).

In der älteren Motivationsforschung unterschied man drei Hauptmotive: das Leistungsmotiv, das Anschlußmotiv und das Machtmotiv. Beim Anschlußmotiv handelt es sich um ein soziales Bedürfnis, die Nähe anderer Menschen zu suchen und mit ihnen in Kontakt zu stehen. Dieses Motiv dürfte von den drei genannten Motiven am stärksten mit Hilfeverhalten zusammenhängen. Einer der Hauptvertreter der älteren Motivationsforschung, der US-amerikanische Psychologe David McClelland, hat aufbauend auf den Überlegungen des deutschen Soziologen Max Weber die Theorie aufgestellt, daß die protestantische Ethik mit ihrer Betonung der Wichtigkeit von Selbständigkeit und Unabhängigkeit bei Eltern zu einem Erziehungsverhalten führt, das Selbständigkeit und Unabhängigkeit bei den Kindern fördert. Dadurch werden aber bei den Kindern mehr das Leistungs- und das Machtmotiv als das Anschlußmotiv angeregt, was sich nach McClelland positiv auf die wirtschaftliche Entwicklung eines Landes auswirken soll.

Ausgehend von diesen Überlegungen vermuteten McClelland und Mitarbeiter, daß die oben genannten drei Motive zwischen unterschiedlichen Kulturen unterschiedlich ausgeprägt sein müßten und zwar in Abhängigkeit von den Erziehungspraktiken und gesellschaftlichen Werten. Die durchgeführten kulturübergreifenden Untersuchungen zeigten tatsächlich, daß die drei Motive in verschiedenen Kulturen unterschiedlich hoch bewertet werden und auch unterschiedlich stark bei den Mitgliedern der Kulturen ausgeprägt sind. Man fand auch, daß die „Intensität“ der Motive innerhalb einer Kultur über die Zeit variierte und daß die Höhe des Leistungsmotiv mit Kennzahlen der wirtschaftlichen Entwicklung eines Landes zusammenhängt.

Auf dem Hintergrund dieser Theorie und der genannten Untersuchungsergebnisse scheint es tatsächlich so zu sein, daß das Hilfeverhalten und die Zivilcourage kulturell und zeitlich variieren. Die McClellandsche Theorie gibt eine Sichtweise wieder, wie es dazu kommen könnte. In Bezug auf die DDR-Gesellschaft kann man vermuten, daß in ihr das Anschlußmotiv stärker gefördert wurde - und zwar von der Seite des Staates (als „Kontrastprogramm“ zum Kapitalismus) wie auch von der Seite des Volkes (als Methode, um mit den Lebensbedingungen in einer „Volksdemokratie“ zurecht zu kommen) her. (Im übrigen wurde auch mir schon von einer sächsischen Studienkollegin das von Dir Geschilderte als eigene Erfahrung beschrieben).

Ist Rücksichtslosigkeit eine momentane Eigenheit einer
Gesellschaft, die angeborene Hilfsbereitschaft Einzelner
verkümmern läßt (siehe angeborene Empathie und erlernte
Hilfsbereitschaft). Wenn ja, wie kommt das zustande?

Ich würde nicht sagen, daß die Hilfsbereitschaft verkümmert, sondern daß sie in einer marktwirtschaftlich geprägten Gesellschaft, die mit strukturellen wirtschaftlichen Problemen zu kämpfen hat, keinen so großen Wert darstellt. Eine Grundüberzeugung von Adam Smith, dem „Vater des Kapitalismus“, war: Wenn jeder seinen Nutzen sucht, ist das Ergebnis der Nutzen aller. Wenn Hilfsbereitschaft in einer Gesellschaft nicht als „Nutzen“ gesehen und erlebt wird, dann tritt sie auch seltener auf, als in einer Gesellschaft, in der sie als nützlich angesehen und erlebt wird.

Freundliche Grüße,

Oliver

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Hallo Gitte,

beim nächsten Telefon, beim nächsten Laden … oder
eben am U-Bahnsteig den Notrufknopf drücken und Bescheid
sagen.

das ist mir schon klar, es geht mir auch nicht um spektakuläres Eingreifen, wie sie manchmal als fernsehreife Beispiele zu sehen sind - ich denke da an die die eine Frau, die in der U-Bahn mit ihren Judogriffen einen Kerl lahm legte, und sie sich selbst dabei ziemlich verletzte. Wer hat schon dazu die Fähigkeit?

Es scheint eine unter uns verbreitete Lähmung zu existieren, wenn eine Situation ungewöhnlich und fremd ist - z.B. ein junges Mädchen wird belästigt. Klar, es würde reichen, sein Handy zu zücken und die Polizei zu rufen, oder, wie von Dir vorgeschlagen, den Schaffner darauf anzusprechen - die wenigsten können Judo, und müssen es auch nicht können, weil es andere Möglichkeiten gibt, dem Mädchen vielleicht zu helfen.
Wann funktioniert - wie von mir eingangs angefragt - dieser Schalter „jetzt setze ich mich in Bewegung, und tue etwas“, wann nicht, und bei wem und bei wem nicht?

Ich habe mal eine Sendung gesehen, da wurde dem zuvielen Filme gucken die Schuld gegeben. Die Leute haben keinen Realitätssinn mehr, sie haben die Fähigkeit verloren in Ausnahmesituationen spontan zu handeln.
Aber ist das wirklich so? Oder sind das Schutzmechanismen, die bei den Menschen unterschiedlichst wirken. Unterlassene Hilfeleistung wird bestraft, soweit ich weiss. Was setzt da die Justiz in welchen Situationen bei dem Menschen im allgemeinen voraus?

Ich weiss, dass es darüber Bücher gibt. Aber viele Autoren verdienen an dem erhobenen Zeigefinger und den erzeugten Schuldgefühlen der Leser mehr, als am Vermitteln von neutralen Informationen, die aus mühsamen Recherchen resümieren. Vielleicht kann man ja hier etwas erfahren, so hoffe ich.

viele Grüße
Claudia

das ist wirklich interessant!
Lieber Oliver,

herzlichen Dank für Deine aufschlußreiche und interessante Antwort. Prima!!!
viele Grüße
Claudia

Guten Morgen Claudia,

okay, vielleicht hab ich’s ja falsch verstanden. Die eine Sache ist ja immer (egal bei welchem Thema) das „theoretische“ Warum-macht-MAN-etwas oder macht-MAN-etwas-nicht. Ist es die Erziehung, ist es dies-ist-es-das … ganz interessant, was man erfahren kann, finde ich auch.

Ich persönlich finde es gerade in solchen Fragen für mich besser, praktisch heranzugehen. Das heißt, ich frage mich: Warum mache ICH was nicht? Oder warum zögere ICH jetzt in dieser Situation? Oder auch: Wie kann ICH den anderen dazu bringen (oder beizutrauen), jetzt oder künftig etwas (auch) zu tun?

Nehmen wir die Ausgangsfrage: Auch ich habe schon für mich gezögert, die Polizei zu rufen, weil jemand bewusstlos am Boden lag. Oder dem Schaffner Bescheid zu sagen. Vielleicht ist ja nix … sagt bestimmt ein anderer … hab grad was anderes zu tun … - Wenn die Situation eindeutig ist, gibt es für mich nichts zu zögern. Dann sag ich Bescheid.
Wenn die Situation nicht so eindeutig ist, dann hab ich manchmal erst einen Dialog mit mir selbst. Den beende ich in der Regel sehr schnell mit: „Was ist, wenn ich morgen in der Zeitung lese, dass x vorgefallen ist und keiner hat was gemacht“ (und ich weiß, ich hätte was machen können).
Der Hauptaspekt, warum ich mich - wie, ich glaube es war agil - angesprochen fühle (oder mich „angesprochen gefühlt mache“), ist das gute Alte: Was Du nicht (oder eben schon) willst, das man Dir tu. (

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Hallo, Gitte und Claudia,
Helfen wollen ist schon ganz ok, aber man muß auch ein wenig darauf achten nicht ein „Helfersyndrom“ zu entwickeln, sonst führt man Omas auch dann über die Straße, wenn sie das gar nicht wollen :smile:

Mir ist es bei aller guten Absicht doch gelegentlich vorgekommen, dass meine Hilfe selbst in eindeutigen Situationen gar nicht willkommen war. (Eine geohrfeigte Frau z.B. kanzelte mich gehörig ab, als ich ihren Galan zur Rede stellte.)
Dann hält sich natürlich die Hilfsbereitschaft beim nchsten Vorfall ein wenig in Grenzen.

Grüße
Eckard

Hallo Gitte,

Also: Meiner Ansicht nach lieber mit einzelnen, konkreten
„Schaltern“ und „Gründen“ beschäftigen - und daran aktiv was
machen. Als zu versuchen, den allgemeinen Grund oder „die
Gesellschaft“ über einen Kamm zu scheren. Zumindest, wenn die
Frage nicht nur allgemein gedacht ist, sondern konkreten
Hintergrund hat.

Kamm scheren ist abwertend, eine konkreten Hintergrund gibt es bei mir nicht.
Einfach nochmals als zusätzliche Erklärung: es ist nicht meine Absicht wie Tante Prusseliese auf die Gesamtgesellschaft mit hochgezogenen Augenbrauen meinen Blick schweifen zu lassen, auf der Suche nach dem guten Menschen :wink:)), schon allein deshalb, weil ich meiner Unzulänglichkeiten - gerade was Zivilcourage anbetrifft - nur allzu bewußt bin. Mich interessieren Mechanismen, die ich in der Psyche vieler Leute vermute, denen es wie mir geht. Ich will verstehen, Verständnis zeigen, Tolerant sein, und dabei nicht auf die Werte verzichten, die so in meinen ganzen idealistischen Überlegungen zutage kommen. Das ist halt meine Sache, mein Ding sozusagen, und habe hier nach Informationen, anregenden Diskussionen und evt. Gleichgesinnten gesucht (als Erklärung für meine Motivation).

Wenn das jetzt ein Schmarrn für Dich war, dann einfach
ignorieren :o)

Aber nein, das war kein Schmarrn, ich habe alles sehr interessiert gelesen, danke für Deine Meinung :smile:))

Dir noch eine schöne Woche
Claudia

Hallo Gitte,

möchte mal noch einen anderen Aspekt einbringen: Zivilcourage
heißt ja nun nicht, dass ich mich mit irgendwelchen Leuten
prügeln müsste.

Ich habe mich ja nicht mit dem geprügelt! Der hat zuerst zugelangt - ich habe nur mit ‚Schmackes‘ reagiert; damit muß nun einmal jeder rechnen, der mir einen Zahn raushaut…

Sich positiv einzumischen kann auch ganz einfach bedeuten, in
öffentlichen Vekehrsmitteln beim nächsten Halt vor zum Fahrer
zu gehen und Bescheid zu sagen.

Ich fürchte, das wäre ein bissl zu spät gewesen; beim nächsten Halt wäre nämlich das Kind mit dem Bade ausgeschüttet bzw. besser gesagt: der Ausländer aus der S-Bahn geworfen worden. Neee Du - nicht mit mir. Unterlassene Hilfeleistung ist das!

Wenn man auf der Straße oder
am Bahnsteig irgendwas mitbekommt (anbahnende Schlägerei,
Pöbelei, Hilferufe, bewusstlose Person etc.), dann Hilfe zu
holen, wenn man sich selbst nicht zutraut, etwas zu tun. Per
Handy, beim nächsten Telefon, beim nächsten Laden … oder
eben am U-Bahnsteig den Notrufknopf drücken und Bescheid
sagen.

Das Problem, liebe Gitte, ist, daß kein Mensch hinguckt. Bloß nicht einmischen; bloß nichts damit zu tun haben; bloß wegsehen. Torkelnde/bewußtlose Menschen werden fast automatisch als Junkies oder Betrunkene ‚identifiziert‘, obwohl die Anzeichen für man die Anzeichen für ein diabetisches Koma meilenweit - und das im wahrsten Sinne des Wortes - riechen kann. Frauen wird seit Jahren geraten, nicht ‚Hilfe!‘ sondern ‚Feuer!‘ zu rufen, wenn sie angegriffen werden, sonst rührt sich kein Schwein. Es klingt heavy, aber wir sind eine Weg-Guck-Gesellschaft… Bääääh… Bloß nicht von der Polizei belästigt werden…

Damit ist viel geholfen - und eigene Befürchtungen oder
tatsächliche mögliche Gefährdung ist vermieden.

Ja sicher, aber deswegen schrieb ich ja auch: jede® im Rahmen ihrer/seiner Möglichkeiten, wobei ich ‚Polizei rufen‘ nicht für Zivilcourage halte.

Ich meine: jede® kann mal in so eine Situation kommen. Was passiert, haben wir gerade primstens mitbekommen: das Mädel, das in Neumünster ermordet wurde, wurde auf offener Straße angegriffen. Wer hat sich gerührt oder die Polizei gerufen? Exactly: niemand!

Beste Grüße

Tessa

Hallöchen Claudia,

das Beste ist wohl, wenn man in bestimmten Situationen
hilfsbereit eingreift, ohne groß über Folgen nachzudenken.

Wie ich bereits sagte, hat auch Spontanität ihren Preis. Allerdings würde ich auch heute noch spontan dazwischen hauen, wenn es die Situation erfordert. Mag zwar nicht immer das Klügste zu sein, aber ich kann halt nicht aus meiner Haut raus…

Um
diese Spontanität beneide ich Dich,

Ich weiß nicht… Ich kenne es halt nicht anders. Versteh’ mich bitte nicht falsch - es geht nicht um ‚Tessa prügelt sich um des Prügelns willen mit Skins‘ oder etwas in dieser Richtung; es gibt Momente, da setzt es bei mir halt aus. Da gehe ich ohne Rücksicht auf Verluste vor. Hinterher hieß es zwar meistens von allen Seiten ‚wie konntest Du denn nur so leichtsinnig/blöd/dämlich/verantwortungslos sein?! Dir hätte ja sonstwas passieren können!‘, aber war ich denn wirklich leichtsinnig/blöd/dämlich/verantwortungslos? In meinen Augen: nein! OK, die Folgen für mich habe ich in einem solchen Moment nie bedacht (dies mag leichtsinnig sein), aber ich denke, daß es wesentlich wichtiger ist, daß ein Mensch am Leben bleibt. Ein Zahnimplantat kann man sich kaufen; ein Menschenleben nicht.

Oliver hat auch den Aspekt ‚Motivation‘ erwähnt. Was heißt das? Aus meiner Sicht: die Schnarchnasen kriegen nur den Hintern hoch, wenn jemand angefangen hat, Krach zu machen. Plötzlich geht’s! Na sowas aber auch!

denn wahrscheinlich haben
Dich diese (manchmal bestimmt auch schmerzlichen) Erfahrungen
stärker und entschlossener gemacht, vielleicht auch
zielstrebiger als andere, mit sehr viel Sinn für Deine
Wertevorstellungen, die sich so sehr konkret entwickeln
konnten, als bei Menschen, die ihre Wertevorstellung sich z.b.
durch Bücher angelesen haben.

Stärker gemacht hat mich etwas anderes: meine Erziehung. Nein, nein, da gab es weder Rohrstock noch Rute sondern wirkliche Wertevermittlung. Meine ersten Jährchen verbrachte ich auf dem Gestüt meiner Großeltern; vielleicht hat mich auch das geprägt.

Ich frage mich auch, obb es überhaupt möglich ist, sich die Wertevorstellungen ‚anzulesen‘. Theoretisch: OK! Aber wenn niemand da ist, der Dir just diese Werte vorlebt? Stelle ich mir unheimlich schwierig vor.

Ich bin leider nicht so erzogen worden, von wegen Mut zeigen
und eingreifen, Mund aufmachen und sich oder andere wehren.

Weil Mädchen für gewöhnlich immer noch nach dem Motto ‚hübsch, brav und artig sein, und nur den Mund aufmachen, wenn Du gefragt wirst (sonst kriegst Du keinen Mann ab)‘ erzogen werden. Da stellen sich mir die Nackenhaare auf. Das ist nämlich der Stoff, aus dem Frauen, die nichts zu sagen haben, gemacht werden. Was daraus wird, habe ich oft genug während meiner Zeit im Krankenhaus gesehen. Verstehen werde ich das wohl nie…

Mein Vater ist ein sehr zurückhaltender Mann, was mich als
Heranwachsende oft fuchtig gemacht hat. Meine Vorbilder habe
ich dann später bei anderen Leuten gefunden.

Hmmm… Warst Du ein Papa-Kind?

Mir geht es halt so, dass, wenn ich nicht geholfen habe, oder
wenn ich aus Feigheit die Klappe hielt, ich mich elender
fühle, als wenn ich eingegriffen hätte.

Das kann ich verstehen.

Ne, Psychologin bin auch nicht. Aber ich verstehe manchmal
diese Couchkartoffeln (mit diesem „man müßte mal etwas dagegen
tun“ und mehr kommt nicht) in meinem Umfeld nicht, möchte das
aber ganz gerne.

Na! Die habe ich gern! Man müßte was dagegen tun, aber das sollen bitteschön die anderen übernehmen… *argh*

Immer noch beste - obgleich völlig unpsychologische - Grüße

Tessa