Hallo Thomas!
eigentlich egal :-) , aber hier könnten statistische
Ergebnisse schon sinnvoll sein, denke ich (ich hatte bei
meiner Frage sogar speziell an eine Antwort von dir gedacht
...).
Statistische Ergebnisse? Hm. Welcher Art?
psychophysiologisch
Interessanter Begriffswandel - hat das mit dem inflationären
Gebrauch des Begriffs "Psychosomatik" in der Alltagswelt zu
tun?
Die genauen Hintergründe des Begriffswandels sind mir nicht bekannt. Allerdings hat der Begriffswandel wahrscheinlich mit folgendem zu tun: Die klassische Psychosomatische Medizin ist stark psychoanalytisch durchdrungen ("verseucht"). Daher impliziert unter Fachleuten der Ausdruck Psychosomatik die "Erklärung" der klassischen psychosomatischen Störungen mit psychoanalytischen Ansätzen (was nicht unproblematisch ist, da die Klassische Psychosomatischen Medizin nur eingeschränkt akzeptiert wird: 1. wegen der Verwendung des psychoanalytischen Sprachrepertoire, das in der übrigen Medizin als wenig verständlich und realitätsfern ;-) gilt, 2. wegen der häufig nicht empirisch zu belegenden psychoanalytischen Annahmen).
Im letzten Jahrzehnt ist man immer weiter davon abgegangen, bei der Störungsdefinition die vermutete Ätiologie zu berücksichtigen, sondern rein deskriptiv vorzugehen. Diese Entwicklung wird durch den neuen Namen unterstrichen. Außerdem erinnert der Begriff Psychosomatik an den Leib-Seele-Dualismus und an die Auffassung, daß Psyche und Soma zwei verschiedene Einheiten bilden, auch wenn sie sich gegenseitig beeinflussen (sollen). Der neue Begriff weist jedoch "nur" darauf hin, daß der Beobachtungsgegenstand je nach Fragestellung durch Begriffe der Physiologie oder Psychologie beschrieben werden kann.
Wie ich dich verstanden habe, wird also bei
psychophysiologischer Diagnose ein physischer Zusammenhang
nicht ausgeschlossen, sondern der Psyche lediglich ein
katalytischer Effekt zugeordnet. Ist das richtig?
Es wird nicht nur ein physischer Zusammenhang nicht ausgeschlossen, sondern explizit angenommen. Ich zitiere Leplow und Ferstl (1998, S. 542): "Nach diesen definitorischen Abgrenzungen handelt es sich bei den Psychophysiologischen Störungen also um körperliche Erkrankungen, deren Entwicklung und Verlauf in deutlichem Ausmaß mit von psychischen Faktoren abhängt. Damit ist jedoch nicht gemeint, daß diese somatischen Störungen ´psychogen` verursacht seien. Mit dem Begriff der Psychophysiologischen Störung soll lediglich dem Umstand Rechnung getragen werden, demzufolge insbesondere die Schwankungen im Verlauf körperlicher Symptome oft erheblich mit psychischen Faktoren kovariieren. Vor dem Hintergrund dieser Modellvorstellung kommt psychischen Faktoren also vor allem eine modulierende, keinesfalls als monokausal verursachende Bedeutung zu. Dieser modulierende Einfluß kann allerdings für das klinische Erscheinungsbild einer Erkrankung von entscheidender Bedeutung sein."
Bedeutet das in der Folge, dass die eigentliche Ursache doch
physischer Natur sein muss?
Ja, psychischen Faktoren werden bei psychophysiologischen Störungen v.a. modulierende Funktionen zugesprochen. Möglicherweise ist darin ein weiterer Unterschied zur Psychosomatik zu erkennen.
Ist hierfür die behavioristische Methodik einschlägig?
Was meinst Du damit genau?
Die psychoanalytische "Methode" hatte jahrzehntelang dominierenden Einfluß auf dem Gebiet psychophysiologischer Störungen. Seit den 70er Jahren hat sie jedoch ernsthafte Konkurrenz durch die Verhaltensmedizin bekommen, auf die der Begriffs- und der damit verbundene theoretische Wandel wahrscheinlich zurückzuführen ist. Die Verhaltensmedizin unterscheidet sich von der Klassischen Psychosomatik darin, daß sie explizit naturwissenschaftliche Methoden anwendet, multidisziplinär (Biomedizin, Psychologie, Soziologie, Anthropologie, Pädagogik) ausgerichtet ist und wichtige Grundlagen ihrer Interventionen den Lerntheorien und der Psychophysiologie entnimmt.
Wie stellt man sich die Verläufe denn
genauer vor bzw. existieren Vorschläge, wie man bei der
Erforschung vorzugehen hat?
Basics der Verhaltensmedizin sind biopsychosoziales Krankheitsmodell und Einsatz von Methoden, die sich aus der Verhaltensanalyse ableiten. Die Stärke der Verhaltensmedizin soll in der interdisziplinären Entwicklung von Krankheitsmodellen liegen. Es werden physiologische Veränderungen mit Gefügen psychischer Faktoren in Zusammenhang gebracht und u.a. unter Berücksichtigung von Neurowissenschaften und der biologischen Psychiatrie untersucht. Eine der entscheidenden theoretischen Grundlagen ist das Streßkonzept, für das es mehrere Modelle gibt (u.a. Henry-Stephens-Modell, Transaktionales Streßmodell von Lazarus).
Jedenfalls kann nicht gesagt werden, daß die Verhaltensmedizin radikal behavioristisch orientiert ist, sondern wie heute in der Verhaltenstherapie üblich physiologische, kognitive und behaviorale Ebenen betrachtet werden, um zu einem Modell der auslösenden und aufrechterhaltenen Bedingungen für eine Störung zu kommen.
Freundliche Grüße,
Oliver