Hallo Matze,
also wir (Mediziner und Psychologen) werden in Diagnostik ausgebildet. Besonders wir (Psychologen) durchlaufen eine mindestens 2jährige Ausbildung in Diagnostik während unseres Studiums mit
a) Ausbildung in psychologischer Testtheorie (da bilde ich z.B. aus),
b) Ausbildung zu Fragebögen, Tests, Interviews, Beobachtungsverfahren, Verhaltensanalyse
c) Ausbildung im Schreiben von Gutachten (theoretisch, üben an Fallbeispielen)
d) Ausbildung im Schreiben von Gutachten (praktisch, Diagnostik am "echten" Patienten).
e) Praktische Erfahrungen, z.B. aus Praktika in Psychiatrien, Suchtkliniken
Die klinisch tätigen Kolleginnen und Kollegen sammeln viele weitere Erfahrungen während ihrer Zusatzausbildung, in der sie z.B. eine Zeitlang in der Psychiatrie arbeiten.
Wir Psychologen lernen im Studium die psychischen Störungen nach dem Diagnostischen und Statistischen Manual Psychischer Störung (DSM-IV) kennen. Dieses Manual kategorisiert 395 Störungen mit über 1000 Kriterien und ist deutlich präziser als die ICD-10 (Klinisch-diagnostische Leitlinien) und in etwas so präzise wie ICD-10 (Forschungskriterien). Zusätzlich lernen wir viele Forschungsbefunde zu einzelnen Störungen und Symptomen.
Dadurch erfahren wir, wie jemand ist, der eine Depression hat, eine Borderline-Störung oder eine Schizophrenie, und worin sich Menschen mit diesen Störungen unterscheiden. Der Gesamteindruck macht es aus, nicht nur ein einzelnes Puzzleteil, weil einzelne Puzzleteile bei vielen Störungen vorkommen, bestimmte Kombinationen aber auf bestimmte Störungen hinweisen. Wir treffen unsere Diagnosen (hoffentlich) nicht nur auf einer Informationsquelle (z.B. Gespräche über Lebensgeschichte, Beruf, bisherige Krankheiten, Familiensituation u.v.m.), sondern auch aus der Beobachtung von Mimik, Gestik, Stimmlage usw., von psychologischen Testergebnissen (u.a. Intelligenztest, Persönlichkeitsfragebogen, klinische Fragebögen zu einzelnen Störungen) und kombinieren dies mit Informationen aus körperlich-medizinischen Untersuchungen. Auf dieser Grundlage treffen wir eine Diagnose, wobei wir wissen, daß diese Diagnosen immer mit mehr oder weniger Unsicherheit behaftet sind. Selbst den erfahrensten Psychiatern und Psychologen geschieht es, daß sie ihre Diagnosen ändern müssen. Deshalb haben viele Diagnosen einen vorläufigen Status.
Grüße,
Oliver Walter