Vom Nutzen kluger Ratschlaege

Von: , Frage gestellt am Di, 18. Apr 2006

Hallo

Wenn jemand sein Problem hier vorstellt, seine Unzufriedenheit mit
einer Situation beispielsweise, dann bin ich ja auch einer
derjenigen, die mit "klugen" Ratschlaegen aufwarten. Oftmals empfehle
ich deutliche Perspektivwechsel.
Gemaess dem Grundsatz, dass wir an unseren Einstellungen leiden und
nicht an den Geschehnissen, ist es auch ein naheliegender Ansatz, dem
Leidenden zu empfehlen, er solle seine Einstellung aendern.
Nun weiss ich aber auch aus eigener Erfahrung, dass es kaum moeglich
ist, der Aufforderung "aendere deine Einstellung" zu folgen. Zu fest
sind unsere Deutungsmuster in uns verankert und jemand der
eifersuechtig ist, kann nicht einfach so Gefallen an einer offenen
Beziehung finden.
Die Welt optimistischer zu sehen und der Wirklichkeit eine positive
Deutung zu geben, ist rational zwar moeglich, hat aber auf die
Gefuehle hoechstens einen voruebergehenden Effekt.
Wie viel Macht haben kluge Ratschlaege?
Was passiert in der Psychotherapie? Ich hoffe, dass es unabhaengig
von den vielen verschiedenen Richtungen ein grosse Gemeinsamkeit
gibt. Wie erzielt man dort einen Perspektivwechsel? Ist es einfach
die Dauer und Intensitaet, mit der man sich im Rahmen einer Therapie
mit der neuen Weltdeutung befasst oder kommen noch andere Elemente
hinzu, die ueber kluge Ratschlaege, Zuhoeren, Reflektieren usw.
hinausgehen?
Oder ist ein Perspektivwechsel eher nicht das Ziel, sondern geht es
vielmehr darum, die "wahre" Persoenlichkeit freizulegen und beim
Patienten deren Akzeptanz zu erreichen?

Manche Ratgeberbuecher werden in den Rezensionen hoch gelobt und so
mancher ist hellauf begeistert von den vielen klugen Worten darin. So
auch bei dem "Handbook to higher Consciousness" von Ken Keyes
http://www.amazon.de/exec/obidos/ASIN/1870845242/qid...
Dieses Buch wird von den Lesern in den hoechsten Toenen gelobt. Als
ich es las, empfand ich auch eine gewisse Euphorie und ich glaube,
dass jeder seine Rezension waehrend oder kurz nach der Lektuere
schrieb. Deshalb wollte ich alle einmal anschreiben mit der Frage
"Hat euch das Buch - jetzt, im Abstand von einigen Monaten oder
Jahren - wirklich geholfen?" Leider sind die E-Mail-Adressen nicht zu
finden. Ich glaube, dass jeder schnell gemerkt haben wird, dass kaum
eine der Methoden, die in dem Buch beschrieben und empfohlen sind,
funktioniert. Es ist eben alles nur eine verlockende Theorie.
Und so ist es wohl mit den meisten Ratgebern. Was meint ihr?

Vielen Dank fuer Antworten, Tychi

15 Antworten zu dieser Frage

  1. Antwort von nach einer Stunde 1 hilfreich
    Re: Vom Nutzen kluger Ratschlaege

    Hallo Tychi

    ohne das Buch gelesen zu haben, glaube ich, dass Ratgeber allenfalls Verständnis für unsere Umwelt liefern. Innere Knöpfe können sich lösen, wenn man andere Sichtweisen aufnimmt.
    Das funktioniert immer nach dem selben Prinzip: Wir sind in unserer Person eine Art "Gefangene" und der Schlüssel zur Befreiung kann durch die Erkenntnis kommen, dass unsere lieben Mitmenschen manchmal anders ticken.
    Dabei geht es in den meisten Fällen nicht darum, dass wir unsere Persönlichkeit verändern, sondern einfach die "Andersartigkeit" akzeptieren lernen.

    Um ein Beispiel von Dir aufzunehmen: Wenn ich eifersüchtig bin, kann ich lernen, diese Eifersucht in einen für die Umwelt erträglichen Rahmen zu bringen. D.h. ich muss die Eifersucht nicht niederknüppeln und verdrängen, aber ich kann lernen, damit zu leben ohne überflüssigen Schaden anzurichten.

    Diese Selbsterkenntnis, die wir durch andere (auch in der Therapie oder hier im Psycho-Brett) gewinnen, hilft uns, das Leben besser zu meistern.

    Gruss
    Heinz

  2. Antwort von nach 2 Stunden 1 hilfreich
    Re: Vom Nutzen kluger Ratschlaege

    Hallo Tychi, http://www.amazon.de/exec/obidos/ASIN/1870845242/qid...
    Dieses Buch wird von den Lesern in den hoechsten Toenen
    gelobt. Als ich es las, empfand ich auch eine gewisse Euphorie
    und ich glaube, dass jeder seine Rezension waehrend oder kurz
    nach der Lektuere schrieb.
    Das erinnert mich an den "kleinen Muck". Es ist die Hoffnung
    auf den "Kaufmann der das Glück zu verkaufen hat", die ihn
    anfangs am Leben erhält. Nichts und niemand ist besser und
    wichtiger, als der "Kaufmann der das Glück zu verkaufen hat",
    wenn man es eben am nötigsten braucht ...

    Das ist es. Das Buch funktioniert durch "Hoffnungmachen"
    durch 'obvious truth' im Rahmen des kuturspezifischen
    Problemkreises. Mehr (imho) nicht.

    Übrigens: Viele Millionen Deutsche fanden Hoffnung und Ziel
    in den Reden (Handlungsanweisungen!) ihres Führers. Es ist eben alles nur eine verlockende Theorie.
    Und so ist es wohl mit den meisten Ratgebern.
    Was meint ihr?
    Es ist die "Hoffnung" auf die Lösung, imho.

    Grüße

    CMБ

  3. Antwort von nach 2 Stunden 1 hilfreich
    Re: Vom Nutzen kluger Ratschlaege

    Das Erfolgsrisiko bei Therapien trägt ausnahmslos der Patient. Der Therapeut kassiert für völlig unverbindliche Ratgeberei. Ist das nicht skandalös?

    guvo

  4. Antwort von nach 8 Stunden 4 hilfreich
    Re: Ratschläge sind zunächst mal Schläge

    Lieber Tychi,
    anders als in diesem Brett gibt ein guter Therapeut keine Ratschläge.
    Er verabreicht in der Regel auch keine Medikamente (das machen eher klinische Therapeuten und Psychater)

    Nun gibt es verschiedene Therapieformen, manchmal auch Kombinationen.
    Ich will aber nicht mit Fachchinesisch langweilen, dafür gibt es diverse Links.

    Was macht ein Therapeut?
    1.) eine gründliche Problemanalyse des Patienten
    2.) eine gemeinsame Absprache über Ziele, die erreicht werden sollen
    3.) gemeinsames Ausprobieren, ob man miteinander arbeiten kann

    Es sind seltener die schweren pathologischen Fälle, die in den Medien gern behandelt werden (ich habe eine forensische Psychologin in der Familie):

    In vielen Fällen geht es nicht unbedingt um eine Veränderung des eigenen Verhaltens,
    sondern darum, dass man vermeintliche eigene Schwächen als Charakterzüge wert zu schätzen lernt:
    lernt, damit zu leben.

    In anderen Fällen geht es darum, dass der Patient eine Entscheidung nicht fällen kann,
    weil er in jeder Richtung der Entscheidung schmerzhafte Folgen erwartet.
    Hier rät der Therapeut nicht. Er hilft dem Patienten (v.a. durch Zuhören und genauem Nachfragen) den Knoten zu entwirren, damit der Patient selbst zu einer Entscheidung kommen kann.

    Manchmal muss ein "Rüstzeug" zur eigenen "Psychohygiene" vermittelt werden,
    damit man bei immer wiederkehrenden (z.B. beruflichen) Belastungen nicht innerlich einknickt, damit man psychisch belastbarer wird.

    Dies wird in unserer Gesellschaft bei immer mehr Menschen notwendig, weil der Stress durch Verdichtung der Arbeit (Produktivitätssteigerung) enorm zugenommen hat.

    Dies geschieht nie durch Ratschläge und nur ganz selten auf der Couch, sondern am häufigsten in einer lockeren, entspannten Gesprächssytuation.

    Anders als hier im Brett wird sich stets die Zeit genommen, dass der Patient SELBST zu Erkenntnissen kommt.

    Nur die helfen.

    Vielleicht muss aber eine Weile noch die Umsetzung der im Kopf erreichten Erkenntnisse begleitet werden, bis der Patient die Muster, auf die er vorher ungünstig reagiert hat, selbst erkennt und seine Reaktion verändert.

    Wir nehmen uns alle (hoffentlich) viel Zeit für Körperhygiene, für Psychohygiene nehmen wir sie uns zu selten.

    Natürlich lässt sich diese "Bleiwüste" (Jurnalistenjargon) beliebig weiter mit Text zupflastern. Was ich Dir und einigen Anderen sagen möchte ist,

    1.) Hier im Brett kann man nicht therapieren oder therapiert werden, man kann sich vielleicht rückversichern, ob andere die eigene Sicht teilen. Manchmal bekommt man von anderen eine andere Sichtweise des Problems.
    2.) Bei psychologischen Problemen helfen keine Ratschläge sonder professionelle Therapeuten.
    3.) Man ist nicht verrückt oder minderwertig, nur weil einem gesagt wird, man solle sich therapeutische Hilfe suchen.
    4.) Nicht jeder gute Therapeut ist zugleich gut für jeden Patienten. Misserfolge in Therapien haben in der Regel damit zu tun.
    5.) Weil Du ein Buch erwähnt hast: Man kann sich nicht selbst therapieren - es fehlt der innere Abstand zu sich selbst.

    In diesem Bord wird oft zu schnell geraten und zu wenig gefragt: Jeder Fall ist anders. In einigen Fällen hier schienen mir Ratschläge eher aus Projektionen des Schreibers zu kommen: Da wurde die eigene Situation des Schreibers auf den Ratsuchenden übergestülpt.


    Herzlichst
    Ole

    • Antwort von nach 9 Stunden 2 hilfreich
      Re^2: Ratschläge

      Hallo Ole In diesem Bord wird oft zu schnell geraten und zu wenig
      gefragt: Jeder Fall ist anders. In einigen Fällen hier
      schienen mir Ratschläge eher aus Projektionen des Schreibers
      zu kommen: Da wurde die eigene Situation des Schreibers auf
      den Ratsuchenden übergestülpt.
      Du hast ja Recht mit Deinem Statement, jedoch würde ich nicht
      vergessen, dass hier ab und zu richtiggehende Hilfeschreie auftauchen
      und dann doch meist zum Therapeuten bzw. professioneller Hilfe
      geraten wird.
      Wer in einem Forum seine ernsten Probleme öffentlich macht, wünscht
      sich Hilfe bei seiner Entscheidung für die nächste Zukunft. Hier
      kommen die Antworten schnell.
      Natürlich sind häufig die Nicht-Profis unter den Antwortenden von
      ihren eigenen Situationen oder Erfahrungen geprägt und lassen das
      auch einfliessen. Schädlich finde ich das nicht, solange der
      Ratsuchende im Mittelpunkt bleibt.

      Dass es unmöglich ist, mit 20 Zeilen ein Problem zu beschreiben,
      geschweige denn zu lösen, ist hier wohl den meisten klar. Manchmal
      hilft doch schon der Gedanke, nicht allein zu sein mit seinen Sorgen
      und dazu reicht ein Forum allemal.

      Für idiotische oder gar gefährliche Antworten gibt es ja Mods, die
      eingreifen können.

      Grüsse
      Heinz

      • Antwort von nach 9 Stunden 0 hilfreich
        Re^3: Ratschläge

        Lieber Heinz,
        man könnte ellenlang auch darüber schreiben.

        Du hast für mich auf den Punkt gebracht, wozu das Brett da ist!

        Herzlichst
        Ole

    • Antwort von nach 19 Stunden 0 hilfreich
      Re^2: Ratschläge sind zunächst mal Schläge

      Hallo Ole,

      so schön es sich liest, aber es beschreibt nur das Ideal.

      Therapeuten nutzen ihre vorteilhafte Position meist schamlos aus.
      Es kann ihnen nicht mal zugebilligt werden, dass sie nicht wüssten was sie da tun. Moralisch gesehen treten sie durch beliebige Floskeln ("Selbsterkennung des Patienten") hinter den Anspruch an eine verbindliche, dh. respektvolle Patientenbeziehung und Aufteilung des Therapierisikos deutlich zurück.

      Gerade weil sich Therapiefehler so gut wie nie, weil zu spät nachzuweisen lassen, sind Maßnahmen notwendig, welche die Rechtspostion der Patienten erheblich stärken.

      So sollte z.B. die von Dir beschriebene Therapieanbahnung Was macht ein Therapeut?
      1.) eine gründliche Problemanalyse des Patienten
      2.) eine gemeinsame Absprache über Ziele, die erreicht werden
      sollen
      3.) gemeinsames Ausprobieren, ob man miteinander arbeiten kann
      gesetzlich unbedingt reglementiert werden.

      Ansonsten hängt allen Therapien nur der schändliche Makel des Gaukler-, Esoteriker- oder modernen Pfaffentums an.

      guvo

      • Antwort von nach 23 Stunden 0 hilfreich
        Re^3: Ratschläge sind zunächst mal Schläge

        Lieber guvo,
        ich stimme Dir zu, dass sich unter manchen Therapeuten auch Gaukler-, Esoteriker- oder modernes Pfaffentum
        befinden. Allerdings kann ich mir nicht vorstellen, dass sie Patienten von verantwortlichen Ärzten überwiesen bekommen.

        Ich bin erschrocken, dass solche Therapeuten eine Mehrheit sein sollen, die nicht so vorgehen: 1.) eine gründliche Problemanalyse des Patienten
        2.) eine gemeinsame Absprache über Ziele, die erreicht werden
        sollen
        3.) gemeinsames Ausprobieren, ob man miteinander arbeiten kann
        Allerdings sind viele Menschen schon zu wenig aufgeklärt, wie man einen guten Allgemeinmediziner oder Facharzt findet. Die Aufklärung, woran man einen FÜR EINEN SELBST GEEIGNETEN Psychotherapeuten findet, ist noch geringer, weil immer noch potentielle Patienten es unnötigerweise als Schande empfinden, einen suchen zu müssen.

        Natürlich konnte ich in meinem Text nur einen allgemeinen Überblick geben, die Schwierigkeiten stecken im Detail.

        Ich persönlich schicke Menschen, die mir beruflich anvertraut sind, stets nur zu Therapeuten, die mir für den jeweiligen Fall geeignet erscheinen und die mir persönlich bekannt sind. Anschließend lasse ich mir ein feed back geben. Bisher sind Fehler, wie Du sie beschrieben hast, nicht aufgetreten.

        Du hast eine wichtige Frage aufgeworfen:
        Wie erkenne ich einen für mich geeigneten Therapeuten?
        Ich werde sofort dafür einen neuen Thread aufmachen.
        Viele Menschen haben viele Erfahrungen: Da kommen sicher gute Ideen zusammen.

        Herzlichst
        Ole

        • Antwort von nach 23 Stunden 0 hilfreich
          Re^4: Ratschläge sind zunächst mal Schläge

          Besten Dank auch von mir.

          Schönen Gruß
          guvo



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