nützliche Sinnlichkeit
Hallo Enno,
so sehe ich das auch:
Du hast sicher Recht - die natürliche Sensibilität sollte
man sich erhalten. Aber irgendwie klappt bei mir nur, wenn
ich zudem eine Seite züchte, die sich gegen weniger sensible
Menschen durchsetzen kann und ihren offensichtlichen Drang
meine vermeintliche Schwäche auszunutzen.
Es gibt Menschen, die probieren bei einem aus, wann der Geduldsfaden reißt, als ob sie bei der Art von Freundlichkeit Unbehagen empfinden, oder um Grenzen kennen zu lernen oder warum auch immer. Und selber ist man verwirrt, weil eigentlich bis dahin für ein deutliches Wort oder Geste gar keine Notwendigkeit bestand.
Leider bin ich so ein Sensibelchen mit allem Wohl und Wehe, manchmal mehr als mir lieb ist. Das ist halt so. Auf der anderen Seite habe ich festgestellt, dass meine Sensibilität wie ein zusätzliches Meßgerät ist - sowas ist ja nie schlecht 
Ich habe schon manche „Gefahren“ empfinden können, bevor ich sie richtig wahrgenommen (gesehen oder gehört) habe.
So bin ich für mich zu dem Schluß gekommen, dass ich mein „Zusatzgerät“ nicht einmotten werde, mir also meine Sensibilität aufrecht erhalte, aber ich kann die Rauheit meines Umfeldes nicht wegleugnen, und sich nur darüber zu beklagen, hilft mir auch nicht, so dass ich mir (wie von Dir oben beschrieben) eine widerstandsfähige Seite gegen Unfreundlichkeiten angezüchtet habe.
Sinnlichkeit als Eigennutz, sozusagen.
Dennoch bin ich davon überzeugt, dass es unter uns mehr Sensibilität gibt, als wir glauben, und dass sie, aus Angst vor Mißbrauch der anderen, selten eingesetzt wird. Sensibilität läßt sich wie den Geist oder den Körper trainieren, und ist bei jedem Menschen anders ausgeprägt.
Manchmal glaube ich, dass hinter den Fassaden von besonders streng und kontrolliert wirkenden Menschen, eine kleingehaltene Empfindsamkeit steckt, die erst in der Freizeit zum Ausdruck kommt. Ich denke an die Hobbygärtner, die mit viel Mühe Blumen züchten - unser dicke Nachbar, ein bärbeißiger Typ, der mit sehr viel Zartheit sich um seine Rosen kümmert. Er mag halt Blumen lieber als Menschen, dem muß man Rechnung tragen.
viele Grüße
Claudia