Zwanghaftes Lügen

Hallo Experten! Vielleicht kann mir jemand von Euch helfen oder einfach die Meinung dazu sagen. Also ich habe folgendes Problem: Habe vor ca. sieben Wochen meinen Freund (bzw. nun Ex-Freund) kennengelernt den ich wirklich sehr mag. Aber nach und nach kamen immer mehr Dinge über ihn raus die er mir erzählt hat, die aber einfach nicht wahr waren… Er hat seine ganze Herkunft und alles was er von sich erzählt hat komplett erstunken und erlogen (okay mit kleinen, aber wirklich ganz kleinen Wahrheiten drin) Er hat in Wirklichkeit nichts und ist nichts bzw. hat keine abgeschlossene Ausbildung, kein Geld, keine Arbeit, keine Wohnung und gar nichts. Er hat einfach etwas „besseres“ aus sich gemacht als er ist obwohl ich ihm einige Male gesagt habe, daß ich nicht mit ihm zusammen bin wegen dem was er hat, was er weiß oder was er macht sondern wegen seiner Persönlichkeit, also einfach wegen ihm. Okay, nachdem herauskam daß sein Beruf absolut nicht dem entsprach was er mir erzählt hatte und daß er in Wirklichkeit viel jünger ist war ich natürlich erstmal sauer weil er mich eine Woche lang belogen hat. Ich habe ihm aber dennoch eine zweite Chance gegeben weil er mir hoch und heilig verpsrach er würde sich ändern und weil mein Herz mir sagte daß dieser Kerl kein Arschloch ist. Normalerweise konnte ich mich auch immer darauf verlassen was ich denke und auf meine Menschenkenntnis, die hat aber bei ihm völlig versagt. Es kamen immer wieder neue Dinge dazu die gelogen waren und nicht dadurch daß er es mir erzählt hat sondern durch andere Leute, letztendlich mußte er es zugeben. Ich habe ihm immer wieder eine Chance gegeben und ihn bei mir wohnen lassen usw. Immer wieder hat er versprochen sich zu ändern und ich habe es ihm geglaubt obwohl ich normalerweise wirklich kein naiver Mensch bin!! Alle haben mir gesagt ich soll die Finger von dem lassen aber ich habe nicht drauf gehört. Naja, gestern ist eine Sache rausgekommen mit der er mich die ganzen sieben (oder acht, ich weiß es nicht genau) Wochen belogen hat und mit der er mich wirklich in den Ruin hätte treiben können, ich habe einfach nur Glück gehabt daß nichts passiert ist. Dann habe ich gestern einen Schlußstrich gezogen und ihm rausgeworfen. Wir haben in der Zwischenzeit öfter telefoniert und er sagt er möchte alles dafür tun daß er mich wiederbekommt. In erster Linie eine Therapie anfangen, wozu ich ihm geraten habe. Aber ich kann es ihm nicht glauben, mir kommt es wirklich so vor als wenn er selbst nicht mehr merkt wenn er lügt. Nach dem zu urteilen was andere über ihn sagen hat er das auch schon immer getan… Nun hätte ich gerne einfach Eure Meinung oder etwas Hilfe. Mir liegt wirklich viel an ihm, aber wird er sich jemals ändern?! Ich habe noch nie so einen Menschen kennengelernt der einem so dermaßen ins Gesicht lügen kann, es war wirklich kaum etwas von dem wahr was er erzählt hat. Auch seine Familie steht nicht mehr hinter ihm weil er so ist. Das schlimme ist, daß er auch bei Kleinigkeiten lügt bei denen es gar nicht sein müsste. Also einfach kleine Spinnereien, er lebt fast in einer Traumwelt… Hat so eine Therapie Sinn bzw. gibt es sowas überhaupt und wie lange müsste man an sowas arbeiten? Ich habe nach ein paar Lügen immer wieder gedacht daß ich es schon schaffe ihn zu ändern bzw. ihm helfen kann aus dieser Sch… rauszukommen aber irgendwann reicht es, er hört einfach nicht auf damit. Nun weiß er daß ich ihm noch eine Chance geben werde wenn er eine Wohnung, eine Arbeitsstelle und eine abgeschlossene Therapie hat und er sagt er wird das alles schaffen um wieder mit mir zusammen sein zu können… Was haltet Ihr von der ganzen Geschichte? Hier kann ich es natürlich nicht so genau und so heftig wiedergeben wie es wirklich geschehen ist aber vielleicht könnt Ihr Euch trotzdem ein Bild machen. Ich freue mich über jede Antwort! Okay ich hoffe ich habe nichts vergessen und danke Euch schonmal im voraus!

Achso, ich habe noch was vergessen. Er hat angeblich eine zeitlang ein Medikament gegen Hyperaktivität namen Ritalin bekommen, angeblich hat er in der Zeit auch nicht so viel gelogen…

Achso, ich habe noch was vergessen. Er hat angeblich eine
zeitlang ein Medikament gegen Hyperaktivität namen Ritalin
bekommen, angeblich hat er in der Zeit auch nicht so viel
gelogen…

Hallo Basmala,

wenn er Ritalin bekommen hat, muß es ja eigentlich jemand verschrieben haben … und dementsprechend vorher auch etwas, wahrscheinlich ADS/ADHS, dignostiziert haben.

(ADS = AufmerksamkeitsDefizitSyndrom
ADHS = AufmerksamkeitsDefizit-/ HyperaktivitätsStörung (neuerer Begriff))

Mmmh … findest du, die auf der folgenden Site beschriebenen Punkte passen irgendwie auf ihn? http://www.adhs.de/1sympt.htm

Die Beschreibung dort konzentriert sich zwar auf Kinder, aber inzwischen wird es immer bekannter, daß auch Jugendliche und Erwachsene ADS haben können.

Man vermutet, daß es sich bei ADHS um eine spezifische Hirnstoffwechselfunktion handelt, die die Betroffenen besonders reizoffen und damit streßanfällig macht und ihnen ihre Verhaltens- und Handlungskontrolle sehr erschwert. (siehe: http://www.adhs-hilfe.de/)

Schönen Gruß,
Christiane

Hallo Basmala!

Dann habe ich gestern einen
Schlußstrich gezogen und ihm rausgeworfen. Wir haben in der
Zwischenzeit öfter telefoniert und er sagt er möchte alles
dafür tun daß er mich wiederbekommt.

Ich denke, dies ist Eure Chance und euer Weg. Unterstütz ihn, bleib aber in Bezug auf seine Leistungen hart !
Anders ausgedrückt:
Er braucht das Wissen, das ihn jemand gern hat und ihn bedingungslos achtet. Er braucht sicher auch das Wissen, dass dieser jemand seine Verfehlungen nicht mitträgt (ihn z.B. in aller Öffentlichkeit korrigiert bzw.ihn auffordert seine Aussagen richtigzustellen).

Aber ich kann es ihm nicht glauben, mir kommt es wirklich so vor
als wenn er :selbst nicht mehr merkt wenn er lügt. Das schlimme :ist, daß er auch bei Kleinigkeiten lügt bei denen es gar nicht sein
müsste. Also einfach kleine Spinnereien, er lebt fast in einer
Traumwelt… Hat so eine Therapie Sinn bzw. gibt es sowas
überhaupt und wie lange müsste man an sowas arbeiten? Ich habe
nach ein paar Lügen immer wieder gedacht daß ich es schon
schaffe ihn zu ändern bzw. ihm helfen kann aus dieser Sch…
rauszukommen aber irgendwann reicht es, er hört einfach nicht
auf damit.Nach dem zu urteilen was
andere über ihn sagen hat er das auch schon immer getan. Mir
liegt wirklich viel an ihm, aber wird er sich jemals ändern?!

Ich kann mir so ein Krankheitsbild durchaus vorstellen. Bei vielen psych. Krankheiten geht es weniger um eine absolute Heilung, sondern um Linderung und das Lernen mit der Situation umzugehen. Dies bezieht sich auf beide Seiten: der Kranke und seine nächste Umgebung (also bzw. Du).

Du kannst mich bei weitergehenden Fragen auch per Privatmail anfragen.

Tschuess Marco.

Hallo Basmala!
Expertin bin ich zwar nicht, aber ich kenne Leute, die ähnlich unverschämt lügen.

Er hat seine
ganze Herkunft und alles was er von sich erzählt hat komplett
erstunken und erlogen (okay mit kleinen, aber wirklich ganz
kleinen Wahrheiten drin)

Du gefällst ihm, aber mit seiner eigenen Vita kann er Dich nicht beeindrucken. Mir scheint, er hat überhaupt kein Selbstwertgefühl, wahrscheinlich hat ihm nie jemand seine Liebe bedingungslos gezeigt (Kindheit, Eltern).

Er hat in Wirklichkeit nichts und ist
nichts bzw. hat keine abgeschlossene Ausbildung, kein Geld,
keine Arbeit, keine Wohnung und gar nichts.

Ohne Glauben an sich selbst ist man weniger erfolgreich als mit.

obwohl ich ihm
einige Male gesagt habe, daß ich nicht mit ihm zusammen bin
wegen dem was er hat, was er weiß oder was er macht sondern
wegen seiner Persönlichkeit, also einfach wegen ihm.

Das glaubt er nicht, weil ihm das noch nicht passiert ist.

Immer wieder hat er versprochen
sich zu ändern und ich habe es ihm geglaubt

Er wird sich ohne Hilfe nicht ändern können. Ihm muß wohl zunächst bewußt gemacht werden, warum er immer lügt.

mit der er mich wirklich in den Ruin hätte treiben können,
ich habe einfach nur Glück gehabt

Er hat Dich nicht in den Ruin getrieben. Wenn er Dich liebt, lügt er, um Dich zu behalten, nicht um Dich zu vernichten.

Therapie anfangen, wozu ich ihm geraten habe.

Das scheint mir, das vernünftigste zu sein. Wenn Du ihn liebst, begleite ihn doch zum ersten Gespräch.

Ich habe noch nie so einen Menschen kennengelernt der einem so
dermaßen ins Gesicht lügen kann, es war wirklich kaum etwas
von dem wahr was er erzählt hat. Auch seine Familie steht
nicht mehr hinter ihm weil er so ist.

Kennst Du seine Familie näher? Wenn alle Bekannten erzählen, daß er „schon immer“ lügt, hat das ja vielleicht gerade die Wurzeln in der Kindheit.

Das schlimme ist, daß er
auch bei Kleinigkeiten lügt bei denen es gar nicht sein
müsste.

Ist also schon Gewohnheit. „Normale“ Menschen müssen sich Gedanken darüber machen, was sie wann lügen. Ein notorischer Lügner denkt gar nicht daran, daß die Wahrheit einfacher sein könnte.

Ich habe
nach ein paar Lügen immer wieder gedacht daß ich es schon
schaffe ihn zu ändern

Ich glaube nicht, daß man privat helfen kann.

Nun weiß er daß ich ihm noch eine Chance geben
werde wenn er eine Wohnung, eine Arbeitsstelle und eine
abgeschlossene Therapie hat und er sagt er wird das alles
schaffen um wieder mit mir zusammen sein zu können… Was
haltet Ihr von der ganzen Geschichte? Hier kann ich es
natürlich nicht so genau und so heftig wiedergeben wie es
wirklich geschehen ist aber vielleicht könnt Ihr Euch trotzdem
ein Bild machen. Ich freue mich über jede Antwort! Okay ich
hoffe ich habe nichts vergessen und danke Euch schonmal im
voraus!

Ich wünsche Dir viel Erfolg und Geduld und hoffe Dir antwortet noch ein Experte mit konkreten Vorschlägen.
Schöne Grüße
Sabine

Immer wieder hat er versprochen
sich zu ändern und ich habe es ihm geglaubt

Er wird sich ohne Hilfe nicht ändern können. Ihm muß wohl
zunächst bewußt gemacht werden, warum er immer lügt.

Ich denke ganz sicher, dass das sehr wichtig ist.
Vermutlich macht er sich ja auch selbst immer wieder was vor, und es ist evtl. noch gar nicht richtig bei ihm eingedrungen, dass er ständig lügt.

Bei allem Folgenden gehe ich davon aus, dass keine organische Ursache vorliegt.

Ich bin zwar auch kein Spezialist, aber doch ein Interessierter auf dem Gebiet der Psychologie. Folgende Gedanken bzw. Fakten von mir dazu:

  • Es ist sehr wahrscheinlich, dass eine so hartnäckige Charakterstörung ihre Ursache in der Kindheit hat
  • Dass er es trotz aller Ermahnungen, Probleme etc. noch nicht abgelegt hat, ist das beste Zeichen dafür, dass er starke Ängste aussteht (höchstwahrscheinlich nur unterbewusst) bei dem Gedanken, sein Verhalten zu ändern
  • die Ängste sind höchstwahrscheinlich irrational, reflektieren aber die Art wie er als Kind die Welt gesehen hat
  • es bringt nichts, an seinen Verstand zu apellieren, die Welt als Erwachsener zu sehen (das tut er wahrscheinlich schon), sondern sein bei einer Erfahrung „stehengebliebenes“ Unterbewusstsein muss ermutigt werden, eine neue Erfahrung auszuprobieren
  • Fakt: das Unterbewusstsein „gewinnt“ jede Entscheidung - egal, was der Verstand sagt

Hypothetisches (!) Beispiel:
Sein Vater oder seine Mutter war mit sich selbst nicht im Reinen und war deshalb sehr cholerisch. (Solchen Menschen kann man es oft nicht Recht machen, und zusammen mit dem Ausgeliefertsein eines Kindes ist das eine sehr problemträchtige Situation. Siehe auch später eingesandten Beitrag „Wie kann ich mein Selbstvertrauen zurückerlangen?“) Dein Freund ist jedenfalls oft wegen Kleinigkeiten angeschrien oder geschlagen worden, hat aber irgendwann herausgefunden, dass es an vielen Stellen hilft, einfach alles abzustreiten (zumindest, um sich selbst besser zu fühlen - einfach mal in ein abstraktes Kind hineinversetzen, um es nachzuvollziehen). Wenn er (jüngere) Geschwister hatte, ist es sogar sehr wahrscheinlich, dass das oft auch äußerlich geholfen hat.
Parallel dazu hat eben auch sein Selbstvertrauen sehr gelitten, und zwar genau in der Weise, dass er (primär unterbewusst) dachte, er müsste anders sein als er ist, um anderen zu gefallen. Das ist genau die irrationale Sicht des Kindes auf die Sachlage, die nicht durchschaut, dass es nicht sein Fehler ist, sondern der der Erwachsenen, die einfach unfähig waren, ein Kind adäquat zu erziehen.
Im Extremfall hatte er jüngere Geschwister, die „verhätschelt“ wurden, wenn sie etwas falsch gemacht hatten, er selbst wurde im gleichen Fall aber immer gescholten, weil er ja „der Größere ist“.
Traumatische Erfahrungen dieser Art können sich tief ins Unterbewusstsein eingraben.

Wie gesagt: hypothetisch, nur um eine Idee für ein mögliches Schema zu geben

  • es gibt meiner Meinung nach zwei Ansätze zu überprüfen: 1. Lügen ist wiederholt belohnt worden und 2. Nicht Lügen ist wiederholt bestraft worden
  • in diese These wirken andere Faktoren mit hinein, z.B. „wie angenommen hat er sich allgemein als Kind gefühlt“ etc.
  • es bringt nicht viel, heute einfach das Gegenteil zu tun (d.h. 1. oder 2. umzukehren), denn das bringt sein Unterbewusstsein maximal noch mehr in Verwirrung (speziell, Lügen zu bestrafen)
  • wichtig ist evtl. vielmehr, einfach mal ganz ohne Worte auszukommen oder nur Dinge anzusprechen, die keiner Rechtfertigung bedürfen (z.B. „Ich liebe dich wegen deiner Augen.“)
    Auf alle Fälle bringt es nicht viel, mit seinem Verstand oder seinem Logischen Denken zu reden. (!) Du musst an sein Unterbewusstsein vordringen. Das zu tun, kann ich nur deinem intuitiven Gespür überlassen oder dir raten, dich an einen Therapeuten zu wenden.
  • jedenfalls teile ich völlig die Ansicht, dass er es tut, um sich zu schützen und nicht, um dich zu ärgern (diese Einsicht würde übrigens auch einigen Eltern schwieriger Kinder gut zu Gesicht stehen)

Wie dem auch sei - er hat höchstwahrscheinlich unterbewusst Angst davor, erneut das zu erleben, was unsere Gesellschaft bei Fehlverhalten zu oft tut: Ausgrenzung und Liebesentzug. Dies ist wahrscheinlich auch etwas, was aus seiner Kindheit einige starke Wunden zurückgelassen hat. So stark, dass sie wahrscheinlich selbst verdrängt sind (verdrängt = man kann sich nicht mehr erinnern, selbst wenn man meint zu wollen; oft bestreitet man sogar).
Du und eventuell eine Psychotherapie können helfen, sie wenigstens zu Narben werden zu lassen, damit der Schmerz verschwindet und neue Erfahrungen gewagt werden.

Im Endeffekt kann ich dir hiermit aber nur Anregungen geben. Eine genaue Analyse muss wirklich im Dialog mit ihm geschehen.
Auf alle Fälle halte ich es unbenommen für schwierig, eine Vertrauensbasis zu artikulieren, wenn eigentlich keine da ist.
Trotzdem hast du immer die Möglichkeit, ihm zu zeigen, dass du ihn liebst. Das schließt nicht aus, ihm auch Grenzen aufzuzeigen, die du nicht zu übertreten bereit bist, ebenso wie Verletztheiten, die sein Verhalten dir zufügt.
Du musst ihm nur die Angst nehmen, dass du ihn deshalb weniger liebst. (!)

Herzliche Grüße,
Torsten