Re: Vom Wandel der Zeiten
Moin Diana,
verwechselst Du hier nicht etwas? Das ethische Handeln des
Individuums und die Frage nach der allgemeinen Entwicklung der
Zivilisation?
Das letztere bedingt auch immer das erste. Diesen Einfluss merkt man spätestens dann, wenn man versucht eigenen (anderen) ethischen Maßstäben zu folgen, die denjenigen der Entwicklung der Zivilisation entgegenlaufen, falls jemand überhaupt in der Lage ist, sich soweit zu reflektieren und diese Manipulation wahrzunehmen. Der Einfluß der Medien wird hier meiner Meinung nach viel zu sehr unterschätzt.
Als Individuum innerhalb einer Gesellschaft kann ich natürlich
gemäß dem Diktum Handle nur nach derjenigen Maxime, durch
die du zugleich wollen kannst, daß sie ein allgemeines Gesetz
werde leben und handeln. Oder aber, grob vereinfachend
gemäß dem anderen Extrem "Auge um Auge, Zahn um Zahn".
Das sind keine zwei Extreme. Das eine schließt das andere nicht aus. Warum soll jemand nicht wollen, dass "Auge um Auge, Zahn um Zahn" allgemeines Gesetz wird und er auch persönlich danach handelt ?
Soweit dazu. Die Frage, die sich stellt, ist jedoch die Frage
nach der Signifikanz o.g. Shows: Sind sie Indikator für die
allgemeine Verrohung unserer Zivilisation?
Zumindest sind Fernsehshows ein Indikator für Art der jeweiligen Zivilisation. Sie spiegeln einen gewissen Mainstream wieder, der sich durchaus auch im Alltagsleben zeigt. Ich behaupte mal, wenn das literarische Quartett soviele Zuschauer hätte, wie dies Gameshows, sähe auch unsere Gesellschaft anders aus.
Und wenn ja, welche
Folgen hat die allgemeine Verrohung unserer Zivilisation?
Ich würde mal sagen, auf jeden Fall ein Niedergang an Fähigkeiten. In der Entwicklung von Zivilisation baut normalerweise eins auf das andere auf. Fähigkeiten gehen nicht verloren, sondern werden weiterentwickelt. Hier gibt es schon den ersten Bruch in unserer Zeit. Viele handwerkliche Arbeiten wären zum Beispiel heutzutage gar nicht mehr ausführbar, weil es niemanden mehr gibt, der sie beherrscht. Insgesamt betrachtet ist der Mensch ein Wesen mit vielen Fähigkeiten und Anlagen. Diese zu fördern sollte das Ansinnen einer Zivilisation sein, um sich weiterzuentwickeln.
Wenn solche Gameshows ein Spiegel der Verrohung unserer Zivilisation sind, dann kann es nur bedeuten, dass Gewalt als Mittel der Durchsetzung wieder gesellschaftsfähig wird. Also Pech für die kleinen Dünnen mit viel Grips. Nur hat Gewalt selten etwas aufgebaut, manchmal etwas erhalten können, meistens nur zerstört. Fahr mal in eines der Länder der ehemaligen UdSSR in denen jetzt seit langen jahren Chaos und Bürgerkrieg herrscht oder red mit Leuten, die öfters dorthin fahren. Du wirst sehen, Zivilisation kann sich auch zurückentwickeln. Wo früher Straßen, Infrastruktur, medizinische Versorgung, Schulen, Energieversorgung etc. war, wächst heute nur noch Gras. Sowas sollte uns zu denken geben.
Mag sein, daß sie den Untergang dieser Kultur zur Folge hat -
wobei die Frage nach dem kausalen Zusammenhang bisher noch
nicht abschließend beantwortet wurde.
Gesellschaftliche Entwicklung ist nie monokausal, jedoch ist es in vielen Fällen möglich Trends aufzuzeigen und zurückzuverfolgen. Gleichermaßen ist es möglich Parallelen und Vergleiche zu ziehen, man muss nur in der Lage sein, die Augen etwas zusammenzukneifen, damit das Bild unscharf wird :-)
Daß Kulturen nicht ewig Bestand haben, ist aber der Punkt, dem
mein "so what?" gilt - wie sagt schon Brecht?
Es wechseln die Zeiten, da hilft kein Gewalt
Klar, aber in welche Richtung die Reise gehen soll, darauf kann man durchaus Einfluss nehmen.
Gruss
Marion