Hallo Annan,
im Gegensatz zur Bibel bietet der Heilige Koran keinen so großen Anlass, textkritisch untersucht zu werden. In den Evangelien haben wir beispielsweise die Grabszene in vier von einander teils stark voneinander abweichenden Versionen und andernorts starke Stilschwankungen. Auch im Koran gibt es stilistische Unterschiede, die jedoch mit der bekannten historischen Entwicklung, wie sie beispielsweise von Theodor Nöldeke in seiner periodisierenden Chronologie der Offenbarungen bestätigt wurde, harmonieren und somit gut erklärbar sind.
Es ist übrigens auch so, dass es nicht nur auf der Seite der muslimischen, sondern auch der westlichen Islamwissenschaft und Orientalistik keine erfolgreichen Vorstöße in diese Richtung gegeben hat. Bei den Muslimen kann man das noch verstehen, denn eine Distanz zum Wort Gottes, die Letzteres selbst als Unrecht und Aberkennerei, ja als Ende des Muslimseins klassifiziert, kann man dem Muslim nicht zumuten. Umso erstaunlicher, dass auch nichtmuslimische Wissenschaftler hier noch nichts Brauchbares zutage gefördert haben. Die im Zusammenhang mit Koran und Textkritik besonders große Gefahr, sich für Jahre in fruchtlose Arbeit zu stürzen, wirkt wohl zu demotivierend.
Eine Art Textkritik gab es zu den Hadithen auf der Suche nach einer Alternative für die Analyse von Überlieferungsketten. Aus meiner Sicht ist auch dieser Versuch zumindest fragwürdig, da es bei Hadithen nicht immer auf wortwörtliche Überlieferung ankam.
Viele Grüße,
Mohamed.