Norbert Frei zum Thema 1933
Von: , Frage gestellt am Do, 30. Jan 2003
Hallo!
In der Süddeutschen von heute steht der gekürzte, aber immer noch sehr interessanter Vortrag von dem Historiker N.Frei, den ich sehr empfehlen möchte. Erfrischend, insbesondere vor dem Angesicht so vieler leeren Diskussionen, die wir hier oft erleben.
http://www.sueddeutsche.de/aktuell/sz/getArticleSZ.p...
Ach ja, eine Frage dazu! *g*
Der gute Mann beschreibt die Tatsachen, Meinungen und zitiert Kollegen. Warum erwähnt er den Götz Aly nicht? Diesen anderen guten Mann habe ich in einem anderen Brett hier schon mal erwähnt: http://www.wer-weiss-was.de/cgi-bin/forum/showarchiv...
Und für diejenigen, die erst morgen nach der Zeitung suchen wollen, ein paar Fragemente:
"...Bis in die sechziger Jahre hinein konnte kaum allgemeine Zustimmung erwarten, wer wie Bracher die autoritären Traditionen der deutschen Staatsbürokratie betonte und die antidemokratischen Intentionen in Wirtschaft und Reichswehr, kurz: wer die Verantwortung der alten Eliten für das Ende der Weimarer Republik letztlich höher bewertete als die zerstörerische Potenz der nationalsozialistischen Bewegung.
<...>In gewisser Weise lenkten solche parteipolitisch aufgeladenen Auseinandersetzungen von einem Faktum ab, mit dem sich lange Zeit nicht nur die Politik, sondern auch die Zeitgeschichtsforschung schwer tat: von der Erkenntnis, dass der 30. Januar 1933 nur zum einen das Ergebnis einer zuletzt im kleinsten Kreis arrangierten Machtübertragung gewesen war, dass er zum anderen aber in der Logik jenes breiten Unbehagens an der Demokratie und jener Gleichgültigkeit gegenüber politischer Freiheit begründet lag, aus der heraus die dann so rasche Hinwendung einer großen Mehrheit der Deutschen zu Hitler überhaupt nur zu erklären ist.
Von heute aus gesehen mag es kaum noch überraschen, dass die Deutschen die Popularität der nationalsozialistischen Machtübernahme in den ersten Jahrzehnten nach 1945 wie ein kollektives Geheimnis behandelten; dass jeder davon wusste, aber keiner davon sprach.Und dennoch frappiert es zu sehen, mit welcher Vorsicht gerade auch die akademische Zeitgeschichtsschreibung dieses Thema umschlich. Gewiss, bei Bracher/Sauer/Schulz hieß es in der Einleitung: „Ohne die wenigstens latente Bereitschaft eines großen Teils der Bevölkerung wäre die Kapitulation von 1933 nicht zu verstehen.“
Aber auch das war doch nur die gnädig geschönte Wahrheit, denn weder war die „Bereitschaft“ eines großen Teils der Deutschen 1933 nur „latent“, noch handelte es sich aus deren damaliger Sicht um eine „Kapitulation“. Hitler war gewollt: zunächst und vor allem vom Heer seiner glühenden Anhängerschaft, sodann von den konservativen Eliten, schließlich aber, und schneller als es die Nationalsozialisten selbst erwarteten, von der übergroßen Mehrheit der Deutschen.
<...>Heute steht uns klarer vor Augen, was die Forschung noch in den sechziger und siebziger Jahren kaum thematisiert hat: Die „lebendige Ineinswerdung“ der Deutschen, die Idee der „Volksgemeinschaft“, von der Hitler so gerne sprach – sie bestimmte früher die psychosoziale Realität des „Dritten Reiches“, und sie prägte sie länger, als eine in die Ernüchterung gebombte Nachkriegsgesellschaft dies dann wahrhaben wollte, vielleicht auch wahrhaben konnte. Das aber heißt nicht, dass die ungeheure Sogkraft des neuen Regimes und die alle Grenzen sprengende Bereitschaft der Deutschen zur Selbstnazifizierung nicht schon im Moment des Geschehens zu erkennen waren.
<...>Gegen die in den fünfziger Jahren beliebte Dämonisierung der Hitler, Himmler und Heydrich setzte die junge Zeitgeschichte zwar kaum die heikle Frage nach dem Verhalten der Gesellschaft in ihrer Gesamtheit, wohl aber die nicht weniger brisante Frage nach der Verantwortung der Eliten. Nur die Namen ersparte man sich meist. Sie zu nennen, hätte als Denunziation verstanden werden können – und man kannte doch, teilte zu einem gewissen Grade sicher auch, die Ablehnung, auf die das Investigatorische der Nürnberger Nachfolgeprozesse bei den Deutschen gestoßen war; und man hatte miterlebt, mit wie viel Energie ein ganzes Volk die verhasste Entnazifizierung unterlaufen hatte.
<...>Wir alle können es beobachten: Es sind mit wachsender Exklusivität die Generationen der „Flakhelfer“ und Kriegskinder, die die Reste des derzeit so hoch geschätzten „authentischen“ Diskurses über die NS-Vergangenheit prägen. Ihre Erinnerungen richten sich ganz selbstverständlich auf die Erfahrung des Bombenkrieges, auf Flucht und Vertreibung, und augenscheinlich neigen sie dazu, es als einen Vorteil zu verstehen, an „Hitler“ keine persönliche Schuld zu tragen. Das scheint die Erinnerung freier zu machen: für das eigene Leid, aber auch für „Auschwitz“ und den Holocaust, der als das monströse Kernereignis der NS-Zeit und des Krieges erst seit den neunziger Jahren in den Mittelpunkt der Wahrnehmung gerückt ist."
Viele Grüße
In der Süddeutschen von heute steht der gekürzte, aber immer noch sehr interessanter Vortrag von dem Historiker N.Frei, den ich sehr empfehlen möchte. Erfrischend, insbesondere vor dem Angesicht so vieler leeren Diskussionen, die wir hier oft erleben.
http://www.sueddeutsche.de/aktuell/sz/getArticleSZ.p...
Ach ja, eine Frage dazu! *g*
Der gute Mann beschreibt die Tatsachen, Meinungen und zitiert Kollegen. Warum erwähnt er den Götz Aly nicht? Diesen anderen guten Mann habe ich in einem anderen Brett hier schon mal erwähnt: http://www.wer-weiss-was.de/cgi-bin/forum/showarchiv...
Und für diejenigen, die erst morgen nach der Zeitung suchen wollen, ein paar Fragemente:
"...Bis in die sechziger Jahre hinein konnte kaum allgemeine Zustimmung erwarten, wer wie Bracher die autoritären Traditionen der deutschen Staatsbürokratie betonte und die antidemokratischen Intentionen in Wirtschaft und Reichswehr, kurz: wer die Verantwortung der alten Eliten für das Ende der Weimarer Republik letztlich höher bewertete als die zerstörerische Potenz der nationalsozialistischen Bewegung.
<...>In gewisser Weise lenkten solche parteipolitisch aufgeladenen Auseinandersetzungen von einem Faktum ab, mit dem sich lange Zeit nicht nur die Politik, sondern auch die Zeitgeschichtsforschung schwer tat: von der Erkenntnis, dass der 30. Januar 1933 nur zum einen das Ergebnis einer zuletzt im kleinsten Kreis arrangierten Machtübertragung gewesen war, dass er zum anderen aber in der Logik jenes breiten Unbehagens an der Demokratie und jener Gleichgültigkeit gegenüber politischer Freiheit begründet lag, aus der heraus die dann so rasche Hinwendung einer großen Mehrheit der Deutschen zu Hitler überhaupt nur zu erklären ist.
Von heute aus gesehen mag es kaum noch überraschen, dass die Deutschen die Popularität der nationalsozialistischen Machtübernahme in den ersten Jahrzehnten nach 1945 wie ein kollektives Geheimnis behandelten; dass jeder davon wusste, aber keiner davon sprach.Und dennoch frappiert es zu sehen, mit welcher Vorsicht gerade auch die akademische Zeitgeschichtsschreibung dieses Thema umschlich. Gewiss, bei Bracher/Sauer/Schulz hieß es in der Einleitung: „Ohne die wenigstens latente Bereitschaft eines großen Teils der Bevölkerung wäre die Kapitulation von 1933 nicht zu verstehen.“
Aber auch das war doch nur die gnädig geschönte Wahrheit, denn weder war die „Bereitschaft“ eines großen Teils der Deutschen 1933 nur „latent“, noch handelte es sich aus deren damaliger Sicht um eine „Kapitulation“. Hitler war gewollt: zunächst und vor allem vom Heer seiner glühenden Anhängerschaft, sodann von den konservativen Eliten, schließlich aber, und schneller als es die Nationalsozialisten selbst erwarteten, von der übergroßen Mehrheit der Deutschen.
<...>Heute steht uns klarer vor Augen, was die Forschung noch in den sechziger und siebziger Jahren kaum thematisiert hat: Die „lebendige Ineinswerdung“ der Deutschen, die Idee der „Volksgemeinschaft“, von der Hitler so gerne sprach – sie bestimmte früher die psychosoziale Realität des „Dritten Reiches“, und sie prägte sie länger, als eine in die Ernüchterung gebombte Nachkriegsgesellschaft dies dann wahrhaben wollte, vielleicht auch wahrhaben konnte. Das aber heißt nicht, dass die ungeheure Sogkraft des neuen Regimes und die alle Grenzen sprengende Bereitschaft der Deutschen zur Selbstnazifizierung nicht schon im Moment des Geschehens zu erkennen waren.
<...>Gegen die in den fünfziger Jahren beliebte Dämonisierung der Hitler, Himmler und Heydrich setzte die junge Zeitgeschichte zwar kaum die heikle Frage nach dem Verhalten der Gesellschaft in ihrer Gesamtheit, wohl aber die nicht weniger brisante Frage nach der Verantwortung der Eliten. Nur die Namen ersparte man sich meist. Sie zu nennen, hätte als Denunziation verstanden werden können – und man kannte doch, teilte zu einem gewissen Grade sicher auch, die Ablehnung, auf die das Investigatorische der Nürnberger Nachfolgeprozesse bei den Deutschen gestoßen war; und man hatte miterlebt, mit wie viel Energie ein ganzes Volk die verhasste Entnazifizierung unterlaufen hatte.
<...>Wir alle können es beobachten: Es sind mit wachsender Exklusivität die Generationen der „Flakhelfer“ und Kriegskinder, die die Reste des derzeit so hoch geschätzten „authentischen“ Diskurses über die NS-Vergangenheit prägen. Ihre Erinnerungen richten sich ganz selbstverständlich auf die Erfahrung des Bombenkrieges, auf Flucht und Vertreibung, und augenscheinlich neigen sie dazu, es als einen Vorteil zu verstehen, an „Hitler“ keine persönliche Schuld zu tragen. Das scheint die Erinnerung freier zu machen: für das eigene Leid, aber auch für „Auschwitz“ und den Holocaust, der als das monströse Kernereignis der NS-Zeit und des Krieges erst seit den neunziger Jahren in den Mittelpunkt der Wahrnehmung gerückt ist."
Viele Grüße
