Alltagsleben zur Zeit des Wirtschaftswunders

Von: , Frage gestellt am Mi, 24. Aug 2005

Hallo allerseits,
bin neu und etwas unsicher ob das Thema tatsächlich ins Geschichtsforum gehört. Hoffe es passt.
Ich beginne gerade an einem Roman zu arbeiten, der von der Kindheit/Jugend zu dieser Zeit handelt.
Was mich besonders interessiert sind die alltäglichen Dinge. Alles von den Sanitärenanlagen bis hin zu üblichen kindlichen Schwärmereien. Wie wurden in den Schulen über den Nationalsozialismus gesprochen? Wie waren die Schulen ausgestattet? Gab es Produkte, die man besonders gerne kaufte? Was für umgangssprachliche Redewendungen wurden oft gebraucht? Wirkte der Krieg noch in den Redensarten nach (bsp. wie "Er kämpft auf verlorenem Posten")? Wie wurde (wenn überhaupt?) familienintern über Politik geredet/gedacht?

Das wäre es erst einmal. Falls jemand gute Literatur/Internetseiten zu diesem Thema weiß, wäre ich dankbar für Empfehlungen.

Vielen Dank im Voraus,
Lotta

17 Antworten zu dieser Frage

  1. Antwort von nach 28 Minuten 5 hilfreich
    Re: Alltagsleben zur Zeit des Wirtschaftswunders

    Hallo !



    >Was mich besonders interessiert sind die alltäglichen Dinge.
    Alles von den Sanitärenanlagen<

    Plumpsklo. Im Winter kam der braune Berg bis nach oben ins Loch. Im Sommer würstchendicke Maden. Keine Badewanne. Gebadet einmal die Woche in der Zinkwanne. Kinder im selben Wasser.
    Zähneputzen im Spülbecken aus Stein.


    >bis hin zu üblichen kindlichen
    Schwärmereien. Wie wurden in den Schulen über den
    Nationalsozialismus gesprochen?<



    Sehr viel! Sämtliche Lehrer waren Soldaten gewesen. Fast täglich wurde über Erlebnisse als Soldat erzählt. Wir wollten das, die Lehrer wollten das. Bei uns wurden sie alles los, was sie ihrer Familie nicht erzählen konnten.
    Im Sport haben wir 1952 Marschieren und Stechschritt geübt.


    >Wie waren die Schulen
    ausgestattet?<

    "Überhaupt nicht" bis primtiv. Wurde alles von den Alliierten geliefert. Schnellkurs im Demokratie.

    >Gab es Produkte, die man besonders gerne kaufte?<

    Man kaufte nur, was man brauchte. Zigaretten natürlich!!

    >Was für umgangssprachliche Redewendungen wurden oft gebraucht?<

    Wirkte der Krieg noch in den Redensarten nach (bsp. wie "Er
    kämpft auf verlorenem Posten")?<

    Die Art, wie über Juden während der Nazizeit gesprochen wurde, wurde bis in die 50er fortgesetzt. Z.B. sagte man damals zu einem Nasenpoppel "Jude".


    >Wie wurde (wenn überhaupt?)
    familienintern über Politik geredet/gedacht?<

    Über die Zeit, in der man lebte wurde gesprochen, nicht über die Nazizeit. Aber nicht, weil man sich schämte. Die Zeit, in der man lebte, war viel wichtiger.


    >Das wäre es erst einmal. Falls jemand gute
    Literatur/Internetseiten zu diesem Thema weiß, wäre ich dankbar
    für Empfehlungen.<

    Literatur gibt es heute in jedem Dorf, jeder Kleinzeit. Überall haben Menschen, vor allem in den letzten jahren, ihre Erlebnisse aufgeschrieben.

    Kemposwki, Günter Grass usw.

    mfgConrad

    • Antwort von nach 2 Stunden 2 hilfreich
      Re^2: Alltagsleben zur Zeit des Wirtschaftswunders

      Hallo !

      >Was mich besonders interessiert sind die alltäglichen Dinge.
      Alles von den Sanitärenanlagen<

      Jetzt etwas ausführlicher :

      Die Zeit des Wirtschaftswunders war keine Zeit, in der jeder alles hatte. Es war die Zeit, in der es aufwärts ging.
      Die Leute verdienten wieder und gaben das Geld aus. Zum Feiern, man hatte einen riesen Nachholbedarf.
      Es gab Kneipen an jeder Ecke. Sie waren alle gerammelt voll. Man soff und machte Lärm, als wenn man Jahre nachholen müßte. Was ja auch stimmte.
      Der "Badenweiler Marsch", der Lieblingsmarsch des Führers, war verboten, aber er dröhnte aus jeder Musikbox in den Kneipen. Naziparteien, wie die SRP (Soz. Deutsche Reichspartei) hatten Hochkonjunktur.

      In einem Haus, in dem sonst zwei Familien wohnten, hausten 6 - 7 Familien.
      Ein Plumsklo in der Waschküche reichte für das große Geschäft. Der Garten wurde für das kleine benurtzt. Im Winter, bei Frost, baute sich der Kothaufen so weit auf, dass man sich draufsetzte, wenn man ihn nicht mit einer Schaufel wegschob. Im Sommer wimmelte es von dicken langen Maden. Als Kinder und Jugendliche hatten wir Angst, uns dort drauf zu setzen.
      Die tägliche Waschung fand in der Küche über dem Spülbecken statt. Samstags in der Zinkbadewanne. Die meisten Einwohner hatten aber nur ein Zimmer und verrichteten dort alles. Von der täglichen Waschung bis zur Zeugung des Bruders.
      Die Leute, die nur ein Zimmer hatten, holten sich ihr Wasser aus der Küche, die es im Haus gab, aber von anderen bewohnt wurde. So kam es jeden Tag ein paarmal vor, dass "Oma Flüchtling" während der Mahlzeiten durch den Raum trampelte und Wasser im Eimer holte.
      Minuten später rief sie aus dem Fenster ihren Enkel : "Achim, nuffkumma Fiesse waschen. Ich brauch die Schissel fürn Salat".
      Wäsche wurde mit vollem Einsatz der ärmeren Nachbarsfrauen gewaschen. Meistens Kriegerwitwen, die wenig Rente bekamen, halfen bei den anderen Familien mit. Morgens um 05.00 Uhr wurde der große 150 Ltr Kessel angeheizt und die Wäsche gekocht. Ab 10.00 Uhr stank die Gegend wie eine öffentliche Bedürfnisanstalt. Wäsche wurde nicht täglich gewechselt, sondern wöchentlich. Man hätte, aber es gab nicht. Nach zwei Tagen vollem Einsatz war man dann fertig.
      Damenbinden sahen aus wie 0,30 cm lange dicke Shawls, die auch, wie die andere Wäsche, gekocht wurden und dann an die Leine im Garten kamen.
      Geheizt wurde ein Zimmer, die Küche.

      Nie wieder Wirtschaftswunderzeit, wie damals!!!

      mfgConrad

      • Antwort von nach 2 Stunden 1 hilfreich
        Schule


        >. Wie wurden in den Schulen über den
        Nationalsozialismus gesprochen? <

        Durch die Bank positiv. Aber als private Meinung der Lehrer. Natürlich nicht offiziell.
        Aber - die Lehrer hielten damit nicht hinter dem Berg. Es gab noch nicht die große Erkenntnis. Das kam erst viel später.
        In diesen Jahren gab es viel mehr rechte Parteien und Anhänger als heute.
        Es wäre ja auch merkwürdig gewesen, dass es plötzlich keine mehr gegeben hätte.

        Niemals habe ich irgendeinen der Lehrer über die Nazizeit schimpfen hören. Es waren immer nur die Russen und Polen auf die geschimpft wurde.
        Das, was sich heute noch in Bayern abspielt, mit den Landsmannschaften, gab es in der BRD der Frühzeit fast monatlich überall. Wie oft mußten wir zu Fackelmärschen für irgendwelche Gedächtnisveranstaltungen für die verlorenen Ostgebiete!! Man war ja fest davon überzeugt, dass die Polen und Russen nur verwalten. Nicht besitzen.

        Über den Nationalsozialismus wurde nur in der Weise gesprochen, dass uns der böse Russe und Pole alles weggenommen hat.
        Unter den Lehrern waren viele aus den verlorenen Gebieten. Die hatten Jahrzehnte nur ihre Heimat im Kopf und diese Leute dann umzupolen war kaum möglich.
        Wie ich schon schrieb, es gab fast wöchentlich Märchenstunden der Lehrer über ihre Kriegserlebnisse. Und wir waren begeistert. Sie konnten beide Dinge, Krieg und Greuel, wohl sehr gut voneinander trennen.

        mfgConrad

        • Antwort von nach 5 Stunden 0 hilfreich
          Re: Schule

          1000 Dank Conrad.
          Derlei Informationen sind genau das, was ich suche.

          • Antwort von nach 15 Stunden 1 hilfreich
            Schulgebäude



            >Wie waren die Schulen
            ausgestattet? <

            Die Schulen waren meistens noch die, die zur Jahrhundertwende (1900) gebaut worden waren.
            Die Klassenräume ausgestattet mit einem großen Holz/Torfofen. Hinten links.
            Die Bänke so, wie man sie heute gern in Schulmuseen zeigt. Fest zusammen geschraubte Bänke/Pulte mit einer Ausparrung im Sitz zum Stehen. Die meiste Zeit sprang man ja wie ein Idiot hoch und runter. Auf-Sitzen-Auf-Sitzen. Im Pult ein Loch für das Tintenfass.
            Das Toilettengebäude 20 m vom Hauptgebäude weg. Plumpsklos und für die Jungen zum Pinkeln eine Wand mit einer Rinne davor. Von diesem Gebäude ging ein penetranter Gestank aus, so dass es für alle sehr unangenehm war, dort hinzugehen.
            Schülerzahl pro Klasse : Bis zu 65.

            Die Turnhalle 4 km weit entfernt, sodass man in der Pause zum Sportunterricht erstmal dorthin rennen mußte. Der Boden der Turnhalle mit 20 cm Sägemehl belegt.

            Das Lehrmaterial der Schulen war meistens noch von vor der Zeit 1933. Man blieb ja auch bei der Idee, dass die verlorenen Ostgebiete bald wieder zurückkommen. Niemand glaubte an eine Oder/Neiße-Grenze.

            Die alte Schule wurde in den 70ern abgerissen. Heute wäre man froh, wenn man sie zurück hätte. Sie stand 70 Jahre ohne dass sie Schaden nahm. Die "neuen" Schulen zerbröseln schon nach wenigen Jahren.

            mfgConrad

            • Antwort von nach 16 Stunden 4 hilfreich
              Was kaufte man?


              >Gab es Produkte, die man besonders gerne kaufte?<


              Klamotten z.B.
              Man muß sich aber vorstellen, dass ein normaler Mensch damals nicht zu C&A gehen konnte. Geschäfte dieser Größenordnung gab es nur in den größten Städten.
              Man ging immer zum Schneider. Egal, ob Männchen oder Weibchen. Die einzige Stangenware gab es anfangs für die Jungen. Die Lager und Magazine der NS-Organisation HJ (Hitler Jugend) wurden geöffnet und wir liefen jahrelang in dunkelblauen Skihosen, Skimützen und Manchesterjacken durch die Gegend. Wir sahen damals schon so gleich aus, wie die Jugendlichen heute.
              Da man als 14Jähriger Sonntags im Anzug und Krawatte ins Kino ging, brauchte man auch schnell einen Anzug. Den schneiderte einer, der in jedem zweiten Haus wohnenden Schneider. Immer Einmannbetriebe. Man brachte einen alten Anzug oder Stoff und schon hatte man einen "passenden" Anzug. Der Hintern hing bei den Knieen und man sah exakt so aus, wie eine bestimmte Sorte Jugendlicher heute.
              Oma strickte die passenden Socken und Unterhosen.
              Als dann die Nyltesthemden auf den Markt kamen, liefen wir als wandelnde Saunen durch die Gegend. Diese Hemden entwickelten eine derart große Wärme, dass wir nur noch schwitzten. Anfangs weiß, wurden sie mit jeder Wäsche gelber und man konnte an der Farbe das Alter dieser Hemden erkennen.

              Gekauft wurden von denen, die es sich leisten konnten, Radios. Das, was heute der Fernseher ist, war damals das Radio. Da gab es regelmäßig Hörspiele, die verschlungen wurden oder Quizsendungen. Die bekannteste : "Das ideale Brautpaar" von Jaques Königstein. Das waren Strassenfeger.

              Als die ersten Kugelschreiber auf den Markt kamen, war das ein größeres Ereignis als der Papstbesuch. Alles, was wir heute als selbstverständlich hinnehmen, wurde damals erfunden. Und jedesmal diese Diskussionen, ob es denn für die Kinder schädlich ist. Kugelschreiber in der Schule!!!! Um Himmels Willen! Sie könnten ja das Schönschreiben verlernen! (Wo man wohl recht behielt).

              Ansonsten kaufte man nicht viel. Kaum jemand tat etwas für die Wohnung. Neue Möbel oder anderes. Man war erstmal vorsichtig. Ein Möbel, das vierzig Jahre gehalten hatte, behielt man. Man wechselte seine Wohnungseinrichtung nicht, wie heute seine Unterhosen.

              Das meiste Geld wurde in Nachholfeiern ausgegeben und in Fressorgien. Familien trafen sich nach Jahren erstmals wieder und man feierte. Bei uns im Ort gab es mehrere große Säle, die jedes Wochenende mit Feiernden belegt waren. Man holte nach.

              mfgConrad

            • Antwort von nach 16 Stunden 2 hilfreich
              Redensarten


              >Wirkte der Krieg noch in den Redensarten nach (bsp. wie "Er
              kämpft auf verlorenem Posten")? <

              Natürlich konnte man so schnell nicht wieder die Sprachgewohnheiten zurückdrehen.

              Sieh Dir mal die alten Wochenschauen an, wie "Fox tönende Wochenschau". Dort findest Du exakt den Kriegsberichterstatterton der Nazi-Wochenschau wieder. Auch bei Fußballspielübertragungen im Radio.
              Wie die Wehrmachtsberichte.

              Uns Kindern hat man natürlich Redensarten aus der Zeit nicht so schnell austreiben können. Dass wir dann unsere englischen Besatzer mit "Heil Hitler" grüßten, fanden die zum Glück lustig. In der Ostzone wären die Eltern wohl schnell in den Knast gekommen.
              Erwachsene, die schnell umschwenkten und uns mit "hallo boy" grüßten, wurden von anderen Deutschen wiederum scheel angesehen.

              Wie ich hier schon geschrieben habe, wurde der Nasenpopel in Deutschland während der Nazizeit mit "Jude" bezeichnet. Das Wort blieb noch lange bestehen. Man gab sich auch keine Mühe, uns das auszutreiben. Die Juden wurden ja nicht plötzlich zu Engeln am 8.Mai 1945. Sie blieben erstmal für Jahre das, was man in ihnen weiterhin sehen wollte.

              Hauptsächlich aber in den Sportberichten der Wochenschauen und im Radio findest Du den Ton der Wehrmachtsberichte wieder. Vielleicht ist das aber auch so, weil Sport und Krieg nicht weit auseinander liegen.

              mfgConrad

            • Antwort von nach einem Tag 0 hilfreich
              Re: Redensarten

              Hauptsächlich aber in den Sportberichten der Wochenschauen und
              im Radio findest Du den Ton der Wehrmachtsberichte wieder.
              Vielleicht ist das aber auch so, weil Sport und Krieg nicht
              weit auseinander liegen.
              Dieses bellende Sprechen ins Mikrophon hängt auch mit der von damaliger Unterhaltungselektronik gebotenen Tonqualität zusammen.

              Gruß

              Pavel

          • Antwort von nach 20 Stunden 0 hilfreich
            Schul-Geschichte

            Hallo,

            in Bremen gibt es ein schulgeschichtliches Museum, dessen Erhaltung jedoch, soviel ich weiß, aus Finanzgründen zur Disposition steht. Hier kann man sich sehr sinnreich informieren.

            Es finden sogar gelegentlich Veranstaltungen statt, in denen ein Unterricht aus früheren Epochen mit allen zur Verfügung stehenden Utensilien mit Schulklassen simuliert wird.

            Vielleicht gibt es so etwas in Berlin ja auch, ansonsten lohnt sich ggf. für die junge Autorin ein Besuch in der schönen Hansestadt.

            Bei Bedarf führe ich auch gerne die oben begonnene Berichterstattung fort.

            Grüße
            Oranier



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