Hinweise zu Bismarks politisches Werk: positiv oder negativ?

Von: , Frage gestellt am Di, 26. Sep 2000

Hallo liebe Historiker
Mich treibt seit längerem die Frage um, wie Bismarks politisches Werk und seine Auswirkungen auf die neuere deutsche Geschichte zu bewerten ist.
Stichwörter wären: Militärreform in Preussen, Deutsch-österreichischer Krieg, Annektion Norddeutschlands, Deutsch-franz. Krieg, Annektion Elsass-Lothringen, Deutsche Einheit, Kulturkampf, Sozialistengesetze, Sozialgesetze usw.

Persönlich glaube ich, das die Auswirkungen seiner Politik verhängnisvoll waren, insbes. die Annektion von Elsass-Lothringen war eine ewige Kriegssaat.

Was meint Ihr?

Gruss
Mike

48 Antworten zu dieser Frage

          • Antwort von nach 7 Tagen hilfreich
            Re: Dolchstoss

            Mit dem "kleinen gefreiten", dachte ich, war Hitler gemeint.
            Es ist aber genau so, wie du sagst: Die dolchstoßlüge stammt von Ludendorff und Hindenburg. Ludendorff hat ja dann 1923 ganz unmittelbar die verbindung zu Hitler hergestellt und zusammen mit dem brüllaffen in München geputscht. Leider haben sich die polizisten nicht getraut, auf die beiden herren zu schießen. Bei roten arbeitern hatten sie weniger probleme.
            Gruß von Jens

            • Antwort von nach 7 Tagen hilfreich
              Re^2: Dolchstoss: Einverstanden

              Mit dem "kleinen gefreiten", dachte ich, war Hitler gemeint.
              Einverstanden!

    • Antwort von nach 2 Tagen hilfreich
      Re^2: Bismarck: Militarismus

      Hi Jens
      (mal ein neues "Gesicht" *g*)

      Also, 1914 war der 1 WK wohl noch nicht verloren. Militärtechnisch betrachtet war wohl das Scheitern der Frühsommeroffensiven 1918, und der dann beginnende massive Panzereinsatz der Aliierten das "Aus".
      Im Endeffekt war es eine verdammt knappe Angelegenheit.

      Die Aussenpolitik Bismarks wurde ja gerade durch die Elsass-Lothringen-Frage am stärksten belastet,
      dadurch wurden ihm "16 von 64 Feldern beim Schach verboten". (Zitat von Bismark - allerdings in einem anderen Zusammenhang: Er meinte zu Beginn seiner karierre, man müsse mit frankreich zusammenarbeiten können, denn man könne nicht Schachspielen, wenn einem...). Seine ganzen Aussenpolitik war darauf gerichtet, Frankreich zu isolieren, was natürlich auf die Dauer unmöglich war.

      Gruss, Mike

      • Antwort von nach 4 Tagen hilfreich
        Re^3: Niederlage 1. Weltkrieg

        Hallo Mike,
        schau mal in meine Antwort an Hafenmaus
        Gruss, Stucki

      • Antwort von nach 5 Tagen hilfreich
        Re^3: Niederlage 1914/18

        Hallo Mike, (mal ein neues "Gesicht" *g*)
        was bedeutet eigentlich dieses *g*? Grins? Ich lächle zurück.
        Also, 1914 war der 1 WK wohl noch nicht verloren.
        Er war es. Generalstabschef v. Falkenhayn sagte ende 1914 dem Reichskanzler, der krieg sei "eigentlich verloren", die deutsche armee "ein zerbrochenes instrument".
        Die deutschen militaristen wollten den zweifrontenkrieg gegen Frankreich und Russland gewinnen, indem sie Frankreich in kurzer zeit, d.h. in zwei, drei monaten komplett schlagen, ehe Russland seine kräfte mobilisiert hätte (Schlieffen-plan). Das war ihre einzige chance. Und diese chance war eigentlich bereits im August 1914 vertan, weil die Russen überraschend schnell in Ostpreußen waren. Und dann endgültig im September, nach der niederlage an der Marne.
        Danach konnten die Deutschen den krieg nicht mehr gewinnen, weil England, Frankreich und Russland zusammen eben einfach viel stärker waren als Deutschland und Österreich. Später kamen noch Italien und die USA hinzu. Wer in einer solchen situation krieg führt und den krieg verlängert, gehört eigentlich als landesverräter in den kerker.

        Gruß von Jens

        • Antwort von nach 5 Tagen hilfreich
          Re^4: Niederlage 1914/18

          Hi Jens was bedeutet eigentlich dieses *g*? Grins? Ich lächle zurück.
          Genau, *g* bedeutet grins *bg*

          Na, wann der I WW endgültig verloren war, darüber lässt sich streiten. Meineserachtens war der damalige Generalstab auch nicht der intelligenteste...

          1914 Scheiterte das "Blitzkriegskonzept" und die Ausage der Generalstäbler beruhte darauf, das demnächst die Sprengstoffherstellung mangels Rohstoffe nicht mehr möglich wäre (das wussten natürlich auch die Aliierten) Das Problem wurde "Dank" mod. Chemie behoben.

          Immerhin gelang es den Deutschen samt ihren Aliierten, Russland vernichtend zu schlagen, Italien eine Niederlage nach der anderen zu verpassen und 1917 die Franz. Armee so zu demoralisiern, dass es zu Streiks und Befehlsverweigerungen kam.
          Aber die Diskussion führt eigentlich von Bismark weg und passt besser ins Militärgeschichteboard, find ich


          Gruss
          Mike

    • Antwort von nach 4 Tagen hilfreich
      Falsche Einschätzung

      Das schlimmste an der politik Bismarcks war sein militarismus,
      seine verherrlichung von militärischer gewalt, oder wie er
      sich auszudrücken beliebte, von "eisen und blut".
      Moment! Bismarck war im Gegensatz zu seinen Zeitgenossen ein geradezu pazifistischer Mensch. Er war schwer darum bemüht, mit allen Staaten von Europa friedliche Bündnisse zu schließen (bis auf Frankreich). Am Ende seiner Amtszeit, war Deutschland außenpolitisch gefestigter als je zuvor. Erst Kaiser Wilhelm II. schafte es, diese Allianzen (wie z.B. mit England und Rußland) aufzulösen, so das am Ende nur der Dreibund mit Italien und Österreich übrig blieb. Diese erblast hat auf ziemlich direktem wege in den Ersten
      Weltkrieg geführt,
      Falsch: Bismark wollte keinen militärischen Krieg, sondern diplomatisch Frankreich isolieren.

      und die in Deutschland unverstandene niederlage der deutschen militaristen, die sich bereits im
      Sept. 1914 abzeichnete
      Mit dem ersten Weltkrieg hatte nun Bismark nix zu tun. Das war das Werk des Kaisers, der Bismark 24 Jahre vorher absetzte.


      hat dann auch den weg in faschismus und II. Weltkrieg gewiesen.
      Der Versailer Vertrag nach Ende des ersten Weltkrieges wurde später von den Faschisten als Aufhänger benutzt, um Haß auf die Alliierten im deutschen Volk zu sähen. Fakt ist aber, als die Nazis an die Macht kamen, bestanden faktisch kaum noch Schulden des deutschen Reiches. Es war reine Propaganda. Seine außenpolitik kann gar nicht so topp gewesen sein; dazu
      muss man sich ansehen, wie die meisten Franzosen Bismarck und
      sein Reich gehasst haben.
      Bismark war gar nicht darauf aus, mit Frankreich sich auszusöhnen. Für die meisten Menschen der damaligen Zeit waren beide Staaten Erbfeinde. Es ist aber historisch bewiesen, daß Staaten wie Großbritanien es zutiefst bedauerten, daß der große Diplomat aus seinem Amt gedrängt wurde. (Es gibt da eine englische Karrikatur, in der man einen deutschen Dampfer sieht und Bismark das Schiff verläßt. Darunter steht: "Der Lotse geht von Bord." Will heißen, Deutschland wird nun als Führerlos bezeichnet)

      Ein kluger machtpolitiker hätte es verstanden, diesen hass zu vermeiden oder wenigstens
      abzumildern.
      Bis auf die Franzosen hatte kein Staat damals Haß auf die Deutschen.

      Q.E.D.

      Stefan

      • Antwort von nach 5 Tagen hilfreich
        Re: Bismarcks militarismus

        Hallo Stefan, ein paar anmerkungen: Moment! Bismarck war im Gegensatz zu seinen Zeitgenossen ein
        geradezu pazifistischer Mensch. Er war schwer darum bemüht,
        mit allen Staaten von Europa friedliche Bündnisse zu schließen
        (bis auf Frankreich).
        Der "pazifist" Bismarck ist überhaupt nur preuß. kanzler geworden, um eine massive aufrüstung (die sog. heeresreform) gegen die liberalen im parlament durchzusetzen. Dann hat er ohne die geringsten skrupel drei kriege angezettelt (Dt.-Dän. Krieg 1864, Preuß.-Österr. Krieg 1866, Dt.-Frz. Krieg 1870/71) und, um die Franzosen bis aufs blut zu reizen, das Deutsche Reich auch noch ausgerechnet in Versailles proklamieren lassen. Nebenher hat er die Commune-revolution in Paris in ihrem eigenen blut ersticken lassen. Die gräber der communarden kann man heute noch auf dem friedhof Père Lachaise sehen. Falsch: Bismark wollte keinen militärischen Krieg...
        Warum hat er dann seine kriege geführt? Mit dem ersten Weltkrieg hatte nun Bismark nix zu tun.
        Meine these ist ja gerade, dass Bismarck den militarismus, die verherrlichung der militärischen gewalt in Deutschland maßgeblich eingeführt hat. Er selbst hat davon gesprochen, dass die geschichte mit "eisen und blut" geschrieben wird. Und aus diesem militaristischen denken heraus ist später auch der I. Weltkrieg entstanden. Bismark war gar nicht darauf aus, mit Frankreich sich
        auszusöhnen. Für die meisten Menschen der damaligen Zeit waren
        beide Staaten Erbfeinde.
        Eben. Bismarck war aber nicht irgendein mensch, sondern ein besonders mächtiger und besonders verehrter. Als solcher hätte er klüger sein müssen als "die meisten". Es hat auch damals schon eine menge menschen gegeben, die das dumme geschwätz von der erbfeindschaft als solches entlarvt haben (z.b. August Bebel). Warum wird ein mann heute noch verehrt, der diese dummheiten nicht nur mitgemacht, sondern ganz maßgeblich mitgestaltet hat?

        Das fragt sich Jens

      • Antwort von nach 5 Tagen hilfreich
        Bismarks Bündnisse

        Hi Stefan


        Na ja, über den "Pazifismus" Bismarks muss ich mich nicht weiter auslassen, insbesondere der Krieg 1866 war das Musterbeispiel eines Agressionskrieges. (N.B. dabei riss sich Bismark das Vermögen des Königs von Westfalen unter den Nagel, den er als "Reptilienfond" zur Beeinflussung der Zeitungen einsetzte...)
        das er nach der deutschen Einigung weitere Kriege ablehnte, lag einfach daran, das Deutschland nichts mehr gewinnen konnte. Er sagte ja immer, deutschland sei Saturiert, und es müsse Schluss sein mit den ewigen Gebietsansprüchen... Der Wunschtraum jedes erfolgreichen Bankräubers.

        Sein Bündnisssystem Ruhte auf zwei Säulen,
        1., Dem guten Verhältniss zu Russland, dem er insgeheim zusicherte, seine Balkanambitionen zu unterstützen (der Rückversicherungsvertrag)
        2. Dem guten Verhältniss zu Österreich/Ungarn, dem er Hilfe bei einem Russischen Angriff zusagte (Zweibundvertrag & Tripelallianz)

        Der Clou an der Sache ist, dass die österreichischen und russischen Ambitionen auf dem Balkan wiedersprüchlicher Natur waren, und damit praktisch andauernd zu Ärger führten. Die beiden Bündnisse standen in einem eklatanten Widersruch zueinander, und so etwas kann nicht gutgehen. Dieses Bündnisssystem würde bei einer ernsten Verstimmung zwischen Ö. und Russland umgehend in die Brüche gehen.

        Das Bedeutete, das sich D irgendwann einmal entscheiden musste, wer weiter unterstützt wird.
        Der natürliche Verbündete der "fallengelassenen" Nation war dann Frankreich.

        (Das wg der unglaublich sinnlosen Marinepolitik Wilhelm des Letzten auch England in die Reihe der Gegner Deutschlands getrieben wurde, steht auf einem anderen Blatt)

        Und jetzt die Preisfrage: wieso hassten die Franzosen die Deutschen? Wegen Elsass-Lothringen!
        Und wer setzte sich für die Annektion ein? Bismark!

        Die ganze Sache lässt sich nicht rational erklären, auch das Verhalten Bismarks ist rätselhaft. Noch 1868 sorgte er für einen maßvollen Frieden mit Österreich, wegen einer zukünftigen zusammenarbeit. Der Diktatfriede mit Frankreich schloss eine zukünftige Verständigung aus.
        Wirklich sehr weitblickend.

        Im übrigen kämpfte Frankreich nach Nap. III Sturz nur wegen Elsass-Lothringen weiter, Ohne diese verfl. Annektion wäre der Krieg praktisch sofort zu Ende gewesen.
        Gruss
        Mike

  1. Antwort von nach 6 Tagen hilfreich
    Rechte Revolutionäre, linke Spinner?

    Hallo!
    Ich finde es merkwürdig, dass in Deutschland die echten Revolutionen von Konservativen gemacht werden statt von Linken bzw. Bürgerlichen wie anderswo (Frankreich 1789, Parlamentarismus in England, Verfassung der USA usw.) Bismarcks kleindeutsche Lösung, seine Sozialgesetzgebung, Adenauers Westintegration, Erhards Soziale Marktwirtschaft, ja sogar die Deutsche Einheit durch Kohl und die DDR-Bürger ist ja ein zutiefst konservatives und dezidiert anti-sozialistisches Projekt gewesen (quasi eine Konterrevolution). Woran liegt das ?
    Könnte es daran liegen, dass sie Ideen der dt. Linken quer durch die Jahrhunderte nicht mehrheitsfähig waren und sind, weil schlicht zu utopisch und teils zu hirnrissig???
    Gegen die marxistischen Umsturzpläne der damaligen Linken hatte Bismarck leichtes Spiel (wer will schon expropriiert und liquidiert werden?). Adenauers Konzept der Westintegration hat das damalige SPD-Konzept der Einheit der Nation sowie die SPD-Stimmen bei Wahlen atomisiert. Der Erfolg der Sozialen Marktwirtschaft hat die irrealen sozialistischen Vorstellungen der SPD und der KPD nach 1945 (wie auch ähnliche Vorstellungen in der Frühphase der CDU) pulverisiert. Dass die SPD lieber auf die Macht verzichtete als Schmidt's Nachrüstung mitzumachen ist ein Treppenwitz der Weltgeschichte, denn gerade die sog. Nachrüstung hat die UdSSR in den Ruin getrieben und Gorbi zum Konkursverwalter eines "Obervolta plus Atomraketen" gemacht (wie ein Franzose die UdSSR mal treffend charakterisierte). In 1989 lag die dt. Linke aus SPD und GRÜNEN dann mal wieder falsch, als sie die DDR erhalten und die Russen an der Elbe halten wollte - ein Ziel, dass außer den SED-Bonzen und der Führung der Roten Armee niemand mehr verfolgte.
    Ergo: Weil imn Deutschland die Linke stets völlig utopisch und weltfremd - wenn auch stets unter dem Beifall des Feuilletons - agiert hat, müssen wir mit rechten Revolutionären leben.
    frank [Bei dieser Antwort wurde das Vollzitat nachträglich automatisiert entfernt]



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