Nazi-Hetze in Schulbüchern

Von: , Frage gestellt am Fr, 26. Okt 2001

Nazi-Hetze in Schulbüchern

Aus den Massenmedien haben wir gelernt, daß die Schulbücher der NS-Zeit so von menschenverachtender Hetze geprägt waren, daß selbst noch die mathematischen Textaufgaben zum Massenmord aufriefen.

Daß zumindest das Fach Biologie in der 8. Jahrgangsstufe eine Ausnahme bildet, habe ich bereits beschrieben.

Nun liegt mir vor, was wohl als Corpus delicti gemeint gewesen sein soll:
Grünholz-Dieden: "Schulmathematik" Band II für Klasse 3 bis 5 höherer Schulen, 1943

Ich habe die Textaufgaben nach ideologischen Aspekten durchgesehen, und was ich dabei gefunden habe, dürfte deutlichmachen, mit welch großer Strenge ich dabei vorging.

Die Anzahl der Textaufgaben mit Geschichte im gesamten Buch schätze ich auf 350, wobei die Abgrenzung, ab wieviel Textanteil eine Aufgabe eine Textaufgabe sei, schwierig ist, für unser Thema aber auch ohne viel Bedeutung, denn Aufgabentexte, die z.B. nur von Zahlen handeln, stehen ohnehin nicht im Verdacht der Volksverhetzung.

Die 3. Klasse
wird in den Textaufgaben 4mal mit dem Wort "marschieren" (im zivilen Zusammenhang) konfrontiert. Seite 36 enthält eine zum Angriffskrieg hetzende und eine fast schon militaristische Aufgabe:
"5. Deutscher Lebensraum und deutsches Volk. Während der Lebensraum vom Jahre 1180 1,5 mal so groß war wie jener von 1939, beträgt die Einwohnerzahl von 1939 10mal soviel wie i.J. 1180. Veranschauliche!"
"7. Paul und Franz standen in Reih und Glied nebeneinander. Paul erkannte, daß rechts von ihm ebenso viele Kameraden standen wie links, während Franz rechnete, daß links von ihm 1/5mal soviel standen wie rechts. Wieviele Schüler waren angetreten?"
8 Aufgaben beschäftigen sich mit der Flugzeugortung, 5 mit der Schiffsortung ohne militärische Thematik.
Auf S. 87 findet sich eine 16 Zeilen lange Aufgabe "Wie wird ein Maschinengewehr indirekt gerichtet?"

Die 4. Klasse
wird mit der einzigen antisemitischen Aufgabe des Buches (S. 100) indoktriniert:
"Der Kaufmann Adam hat an Herrn Bauer folgende Zahlungen zu leisten (...) Herr Adam will seine Gesamtschuld auf einmal bezahlen. Wann muß das geschehen, wenn auf keiner Seite ein Zinsverlust stattfinden soll?"
Auf S. 107 folgt die Verherrlichung einer NS-Organisation:
"Die Sportkurse der NS-Gemeinschaft "Kraft durch Freude" wurden von 1934-1937 insgesamt von 18,64 Teilnehmern besucht. Die Beteiligung stieg im Verhältnis 1,6:8:10:21. Wie groß war die Zahl der Besucher in jedem Jahr?"
Militarismus (S. 121)
"16. Der Knall eines Geschützes wurde aus 2550 Entfernung in der Windrichtung 7,5 Sekunden nach der Beobachtung des Mündungsfeuers wahrgenommen (..) Welche Geschwindigkeit hatte der Wind?"
"37. Zum Bau des Westwalls benötigte man 5,6 Millionen t Zement mehr als Kubikmeter Holz (..) Wieviel Holz und Zement wurde verbraucht."
"40. Die Anzahl der ursprünglich geplanten Panzerwerke wurde um 5100 erhöht; dadurch wurden es 1,3mal soviel wie ursprünglich geplant. Wie viele Panzerwerke sind vorhanden?"

Die 5. Klasse
ist verstärkt dem Militarismus ausgesetzt
38 und 39 auf S. 221 beschäftigen sich mit der relativen Bewegung eines Torpedobootes zum Flaggschiff. 44 mit zwei Flugzeuggeschwadern aus Saarbrücken und Stuttgart, die sich unterwegs treffen sollen. S. 239 f. beschäftigt sich mit dem Marschkompaß.
Und eine den Abschluß bildende Geschichtsbetrachtung erwähnt sogar:
"Umgeben von Ägyptern, Juden, Syriern, Babyloniern und Persern waren die Bewohner der arabischen Halbinsel zwar an den Rändern von den auf- und niedergehenden Kulturen beeinflußt, nie aber (..) politisch unterjocht worden."

Mehr politisch bedenkliche Stellen habe ich nicht gefunden.

Wenn man zugesteht, daß im 4. Jahr des 2. Weltkriegs ein halbes Dutzend von 350 Textaufgaben eine (friedliche) militärische Thematik haben dürfen, dann bleibt durchschnittlich pro Klassenstufe eine einzige Textaufgabe mit ideologischer Prägung, die indes so milde ist, daß sie in der BRDeutschland allenfalls politisch inkorrekt, nicht jedoch illegal wäre.

Ist damit die vorherrschende Meinung, wonach die Schulbücher der NS-Zeit voller Hetzpropaganda waren, zunächst einmal widerlegt? Ob das wohl die einzige Offenkundigkeit der Zeitgeschichte ist, die nicht einmal einer oberflächlichen Prüfung standhält?

Gruß

Wolfgang Berger

39 Antworten zu dieser Frage

  1. Antwort von nach 31 Minuten 0 hilfreich
    Re: Nazi-Hetze in Schulbüchern

    Ist damit die vorherrschende Meinung, wonach die Schulbücher
    der NS-Zeit voller Hetzpropaganda waren, zunächst einmal
    widerlegt? Ob das wohl die einzige Offenkundigkeit der
    Zeitgeschichte ist, die nicht einmal einer oberflächlichen
    Prüfung standhält?
    Hallo,

    ist ein Lehrbuch eines naturwissenschaftlichen Fachs überhaupt geeignet, um einen Rückschluß über die Durchsetzung von Hetze und Propaganda im Schulunterricht zu ziehen?

    Um ideologisch zu beeinflussen, wählt sicher niemand vorzugsweise Lehrbücher über Dreisatz und Hebelgesetze.

    Btw: Während meines Studiums um 1980 herum standen Physik- und Mathe-Lehrbücher aus der DDR wegen ihres studentenfreundlichen Preises hoch im Kurs. Wer immer einen Abstecher nach Ostberlin machte, wurde vergattert, etliche Bücher mitzubringen. Abgesehen vom Vorwort mit der Lobeshymne auf den Arbeiter- und Bauernstaat war der ganze Rest nämlich sehr gut zu brauchen.

    Wenn Du also etwas über den damals herrschenden Geist und über ideologische Beeinflussung erfahren möchtest, dann verwende geeignete Quellen, z. B. Bücher des Deutschunterrichts, Unterrichtsmitschriften, Klassenbücher, Plakate, Protokolle von Schulveranstaltungen, Mitteilungen an das Lehrerkollegium etc.

    Gruß
    Wolfgang

    • Antwort von nach 3 Stunden 0 hilfreich
      Re^2: Nazi-Hetze in Schulbüchern

      Ist damit die vorherrschende Meinung, wonach die Schulbücher
      der NS-Zeit voller Hetzpropaganda waren, zunächst einmal
      Hallo Wolfgang, ist ein Lehrbuch eines naturwissenschaftlichen Fachs überhaupt
      geeignet, um einen Rückschluß über die Durchsetzung von Hetze
      und Propaganda im Schulunterricht zu ziehen?
      Aber natürlich sind Textaufgaben für Propaganda geeignet. Daß algebraische Textaufgaben alleine schon zur Durchsetzung einer menschenverachtenden Ideologie ausreichen, wäre eine absurde These. Wenn Du also etwas über den damals herrschenden Geist und über
      ideologische Beeinflussung erfahren möchtest, dann verwende
      geeignete Quellen, z. B. Bücher des Deutschunterrichts,
      Unterrichtsmitschriften, Klassenbücher, Plakate, Protokolle
      von Schulveranstaltungen, Mitteilungen an das Lehrerkollegium
      etc.
      Damit hast Du sicher recht, aber wenn ich zunächst etwas über die häufig und zuletzt noch von Barbara weiter unten behauptete ideologische Verseuchung bis hin zu den Mathebüchern wissen möchte, dann schauche ich halt erst mal da hinein.

      Gruß

      Wolfgang Berger
      Gruß
      Wolfgang

  2. Antwort von nach 42 Minuten 1 hilfreich
    Jugend im Dritten Reich und Schule

    Hallo Wolfgang,

    ad 1. Jugen und Schule: Es war offensichtlich nicht die Schule, die den prägenden politischen Einfluss auf die Jugend hatte, sondern die HJ und die anderen Jugednorganisationen (das gilt zumindest für diese hier untersuchten Autobiographien)

    Zitat------

    Ich nenne einen vierten Befund: Die Schule scheint nach dem Ausweis der meisten Autobiographien im politischen Sozialisationsprozeß im Sinne nationalsozialistischer
    Zielsetzungen eine relativ geringe, eher bremsende als fördernde Rolle gespielt zu haben. Sie hat in diesem Sinne im Bewußtsein der Kinder und Jugendlichen deutliche Ambivalenzen
    erzeugt. Die besuchten Schulen sind von den Schülerinnen und Schülern meistens nicht als Institutionen, in denen relativ einheitliche nationalsozialistische Beeinflussung
    versucht worden ist oder tatsächlich stattgefunden hat, wahrgenommen worden.

    M. a. W.: In der Wahrnehmung bzw. Einschätzung der autobiografischen Berichter taucht selten das Bild
    einer durch und durch nationalsozialistischen Schule auf.
    Die meisten Berichterstatter begegneten zwar in den von ihnen besuchten Schulen jeweils einigen entschieden nationalsozialistischen Lehrerinnen und Lehrern und erlebten deren ns-parteilichen Unterricht. Aber daneben stand einerseits meistens eine größere Zahl traditionell- unpolitischer bzw. vermeintlich unpolitischer Lehrkräfte; andererseits erinnern sich viele, auffällig beeindruckt, an bestimmte Lehrerinnen und Lehrer, die - bisweilen offen, meistens formal kaschiert, inhaltlich aber für alle oder mindestens einen Teil der Schüler
    erkennbar, - Distanz zum System oder Kritik an wesentlichen Systemelementen erkennen ließen. Obwohl die Zahl solcher Lehrerinnen und Lehrer gewöhnlich gering und ihre
    systemkritischen Äußerungen naheliegenderweise selten erfolgten, hatten sie nach der Einschätzung der Berichterstatter in deren Wahrnehmung ein unverhältnismäßig hohes Gewicht; sie gaben Impulse mindestens zum kritischen Aufmerken und wurden als Bekundungen persönlichen Mutes registriert. Sie bewirkten oder
    verstärkten Distanzierungstendenzen, sofern solche Tendenzen durch andere Sozialisationsinstanzen bereits angeregt worden waren. In diesen Fällen konnten solche Lehrerinnen und Lehrer auf dem Weg einzelner Berichterstatter zu zunehmender Abwendung vom
    NS sogar herausragende Bedeutung erhalten.


    ---Zitat Ende----

    aus: http://archiv.ub.uni-marburg.de/sonst/1998/0003/k11....

    Eine interssante Facharbeit eines Schülers zu Schulbüchern im 3. Reich habe ich im Netz gefunden, er hat etwas andere Entdeckungen als Du gemacht. Auch diesen Link will ich dir nicht vorenthalten:

    http://mitglied.tripod.de/MLH/index.html

    beste Grüße,

    barbara

    • Antwort von nach 53 Minuten 0 hilfreich
      btw...

      ..achso, ich wollte nur nochmal darauf aufmerksam machen, dass das Perfide an der NS-Jugendpolitik vor allem auch die Gleichschaltung war: Alle anderen Jugendorganisationen wurden verboten bzw. in den entsprechenden NS-Organisationen aufgelöst. In allen Alterklassen gab es irgendeine Art der Propaganda, die natürlich nicht jedesmal mit dem Holzhammer kam, aber ihren Mist wohldosiert verteilt hat: von antisemitische Kinderbücher über Matheaufgaben und Luther als "deutscharischen" Mann.....

      ...Juden durften nicht mehr in die allgemeinen Schulen (bis sie dann endgültig vernichtet wurden)....aber auch nichtjüdische Jugendliche kamen schlimmstenfalls in Jugendarbeits- und Konzentrationslager: wenn sie die falsche Musik hörten ( die berühmte Swingjugend), die falschen Bücher lasen oder sich mit den falschen Menschen einließen...

      das nur nochmal zum Thema.

      In diesem Sinne finde ich deine Gleichsetzung mit den Schulbüchern der Bundesrepublik absolut perfide. Es gibt in unserem Land weder Konzentrationslager noch Vertreibungen und Verfolgugen oder einen Ausschluss vom Unterricht für Kinder, die die falsche Religion haben.

      gruss,

      barbara

      • Antwort von nach 3 Stunden 0 hilfreich
        Re: btw...

        das nur nochmal zum Thema.
        Ich merkte bereits an, daß das nicht mein Thema war.
        In diesem Sinne finde ich deine Gleichsetzung mit den
        Schulbüchern der Bundesrepublik absolut perfide. Es gibt in
        Diesen Vorwurf verstehe ich nicht. Schulbücher der BRDeutschland habe ich überhaupt nicht erwähnt. Natürlich könnte eine umfassende Untersuchung der Schulbücher der NS-Zeit Erkenntnisse aus dem Vergleich sowohl mit heutigen hiesigen als auch mit damaligen ausländischen gewinnen. unserem Land weder Konzentrationslager noch Vertreibungen und
        Verfolgugen oder einen Ausschluss vom Unterricht für Kinder,
        die die falsche Religion haben.
        Auch ich bin der Meinung, daß es bei uns heute friedlicher zugeht als während der Kampfhandlungen des Weltkriegs.

        Gruß

        Wolfgang Berger

        • Antwort von nach 3 Stunden 0 hilfreich
          Re^2: btw...

          Hallo Wolfgang unserem Land weder Konzentrationslager noch Vertreibungen und
          Verfolgugen oder einen Ausschluss vom Unterricht für Kinder,
          die die falsche Religion haben.
          Auch ich bin der Meinung, daß es bei uns heute friedlicher
          zugeht als während der Kampfhandlungen des Weltkriegs.
          ich hoffe doch schwer, dass du da was falsch verstanden hast oder es anders meinst: Judenverfolgungen und Verfolgungen von Jugedlichen aus den im og. Posting genannten Gründen hat nichts mit den "Kampfhandlungen im Weltkrieg" zu tun. Die Juden wurden zudem schon vor Ausbruch des Krieges vom Unterricht an den allgemeinen Schulen ausgeschlossen. Auch ohne den Krieg war das NS-Regime ein Horrorland für Andersdenkende, Liberale und Juden sowieso. Da wollen wir dochmal nichts beschönigen

          gruß,

          barbara

          • Antwort von nach 3 Stunden 0 hilfreich
            Ergänzung

            Ja klar, Andersdenkende, Liberale und Juden sowieso. Da wollen wir
            dochmal nichts beschönigen
            Ich wollte noch sagen:
            6 Millionen Juden wurden von den Nazis ermordet, 4 Millionen davon in den Gaskammern von Auschwitz. Der zweite Weltkrieg begann, als Hitlerdeutschland urplötzlich das friedliche Polen überfiel.

            Gruß

            Wolfgang Berger

    • Antwort von nach 3 Stunden 0 hilfreich
      Re: Jugend im Dritten Reich und Schule

      Hallo Barbara,

      vielen Dank für die Links. Zu der Facharbeit: Interessant daran vor allem die Schlußbemerkung, daß es anscheinend keinerlei Sekundärliteratur zu dem Thema gebe. Nachdem diese Facharbeit ideologischen Charakter hat, wäre also mein einfacher Bericht über das Buch "Schulmathematik" der erste wissenschaftliche Aufsatz überhaupt zu dem Thema.

      Daß meine Ergebnisse dem von Dir hier zitierten Aufsatz, der wohl die offizielle Lesart darstellen dürfte, nicht gerade widersprechen, läßt die Frage aufkommen, warum dann das Schulbuchwesen in der veröffentlichten Meinung gegen die antifaschistische Diffamierung in Schutz genommen wurde.

      Gruß

      Wolfgang Berger

      • Antwort von nach 3 Stunden 1 hilfreich
        Re^2: Jugend im Dritten Reich und Schule

        Hallo Wolfgang,

        ich würde deinen Beitrag nicht als wissenschaftlich bezeichnen. Dazu gehört schon etwas mehr, als mal ein Buch durchzublättern. Ich sehe auch nicht, wo deine Herangehensweise weniger "ideologisch" wäre, als die des Schülers, der die Facharbeit geschrieben hat. Wenn überhaupt ist seine Arbeit dann die erste "wissenschaftliche", nicht deine. Daß meine Ergebnisse dem von Dir hier zitierten Aufsatz, der
        wohl die offizielle Lesart darstellen dürfte, nicht gerade
        widersprechen, läßt die Frage aufkommen, warum dann das
        Schulbuchwesen in der veröffentlichten Meinung gegen die
        antifaschistische Diffamierung in Schutz genommen wurde.
        Wer nimmt das Schulbuchwesen in Schutz?

        zudem: "antifaschistische Diffamierung" ist natürlich höchst ideologischer Wortschatz :-)...was soll denn das sein?

        gruss,
        barbara



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