Lernstörungen - Lernblockaden
Von: , Frage gestellt am Do, 2. Nov 2000
Hallo Eltern,
ich will hier einmal aus eigener Erfahrung zu dem Thema berichten:
Ich habe eine 11jährige Tochter, die zur Zeit in die 5. Klasse eines Gymnasiums (Wiederholer) geht.
Zur Vorgeschichte: Seit dem 6. Lebensjahr sozusagen ein "Scheidungskind", lebt abwechselnd bei Mutter u. Vater, was gut klappt, Grundschule verlief äußerst mäßig, bekam die Gymnasiumsreife zwar zugesprochen aber mit dem Hinweis, dass sie sich dort sehr anstrengen müsse. Ansonsten ein durchschnittlich intelligentes, sehr phantasiebegabtes und lebhaftes Kind, beliebt bei allen Mitmenschen.
Auf dem Gymnasium kam das "Aus" schon nach 12 Wochen. Die Lehrer der Fächer Mathe, Deutsch und Englisch machten mir auf dem ersten Elternsprechtag unmissverständlich klar, dass meine Tochter auf der Abschussliste steht. Ich war panisch. Nicht, weil ich etwa den Standpunkt vertrete, dass jemand mit aller Gewalt zum Abitur geführt werden müsse, bloß weil die Eltern es vielleicht auch geschafft haben. Sondern weil ich wusste, dass in dem Kind einfach viel mehr steckt, als wahrgenommen wird. Ich behauptete allen Lehrern gegenüber, dass man bei meiner Tochter nur "einen Schalter umlegen müsse" und dann wäre sie voll da. Das einzige, was ich darauf zu hören bekam war, dann sollte ich mal den Schalter rechtzeitig finden. So kam es, dass ich das Kind unter Druck gesetzt habe, ihr auch gesagt habe, sie müsse den Lehrern jetzt beweisen, was sie kann.
Jede Hausaufgabenstunde - und die lag meist erst in den späten Nachmittagsstunden, denn ich bin ja berufstätig - geriet in Minutenschnelle zu einer Stresssituation, die kaum zu bewältigen war. Ich belehrte, deklamierte, klagte und schrie und sie machte einfach dicht. Sofort und total. Es war kein Herankommen. Auf dem Endzeugnis befanden sich dann 4 Fünfen - sogar in Bio hatte sie am Schluss noch eine kassiert.
Wir haben dann einen Psychologen konsultiert, es ging schließlich um die Frage, ob sie tatsächlich ungeeignet für die Schulform ist. Das Ergebnis war zwar für uns positiv - so konnten wir mit Erfolg durchsetzen, dass sie die 5. Klasse einfach wiederholt, aber befriedigend war es insgesamt nicht, weil auch der Psychologe nicht richtig in seinen Bewertungen lag - so bescheinigte er meiner Tochter eine ausgeprägte Rechenschwäche (Dyskalkulie), die aber in der diagnostizierten Form gar nicht vorliegt.
Egal, gleichwohl hat mir jemand aus dem Fach Psychologie weitergeholfen: Eine entfernte Bekannte wusste um das Problem und erkundigte sich ab und zu über den Verlauf. Und die sagte mir, ich solle mein Verhältnis zu meiner Tochter einmal ändern. Sie eben auf eine andere Weise lieben und ihr die Liebe auch zu zeigen, als durch das Ausüben von Druck zwecks Veränderung ihrer Haltung zur und Leistung in der Schule. Die Blockade sei nämlich ein Hinweis darauf, dass die Kleine versuche, ihre eigene Entwicklung ihrer Persönlichkeit vor meinen Verbiegungsabsichten zu schützen.
Ich habe in der Zeit sehr viel gelesen an Büchern, aber so richtig war zunächst nichts dabei. Bis ich dann auf ein Buch stieß, das den Titel "Und plötzlich macht es 'klick'" trug. Worin genau meine Probleme mit dem Kind und eben auch der von meiner Bekannten vorgeschlagene Lösungsweg eingehend beschrieben waren. Dass der Titel des Buches doch meinem gegenüber den Lehrern geäußerten Gefühl des Schalterumlegens sehr nahekommt, war ein interessanter Zufall.
Abschließend: Wir sind sicher noch nicht über dem Berg. Ich habe versucht und versuche immer wieder, den von mir selbst verspürten Leistungsdruck aus unserem Leben zu nehmen und hoffe das beste. Es gibt wichtigeres im Leben als Bestleistungen in der Schule und wer weiß, was unsere Kinder im Berufsleben erwartet, wenn sie mal 18 Jahre alt sind.
Gruß, BeBro
