Frage zur Türkei

Von: , Frage gestellt am Mo, 14. Mai 2007

Hi!

In Istanbul, Ankara und jetzt in Izmir gehen zigtausende Türken auf die Straße und demonstrieren für eine Beibehaltung des säkularen Staates.

Gleichzeitig versucht die AKP (Partei für Gerechtigkeit und Entwicklung - gilt als konservativ-religiös), ihren Außenminister Gül als Staatspräsidenten durchzubekommen (bislang vergeblich).

Nach den Urteil des höchsten türkischen Gerichtes soll jetzt eine Verfassungsänderung durchgesetzt werden, wonach der Staatspräsident nicht mehr vom Parlament gewählt wird, sondern direkt vom Volk. Angeblich soll in diesem Verfahren ein AKP-Kandidat die Mehrheit der Wählerstimmen auf sich vereinigen können.

Das türkische Militär drohte recht unverhohlen mit einem Putsch, sollte die Regierung Erdogans sich weiter von der laizistischen Verfassung entfernen. Nun soll es eine stärkere Kontrolle des türkischen Generalstabes durch die Regierung geben.

Frage in diesem Zusammenhang:
Was wird geschehen, wenn die säkulare Türkei zusammenbricht, wenn es einen religiös-konservativen Staatspräsidenten gibt, wenn die Verfassung in ihrer laizistischen Aussage zugunsten einer religiöseren Sicht geändert wird?
Wird das Militär putschen?
Wird es zu bewaffneten Auseinandersetzungen kommen?
Werden die bis jetzt friedlich demonstrierenden Türken die Verfassung Atatürks mit Waffengewalt verteidigen?
Gibt es einen Bürgerkrieg in der Türkei?
Oder werden die säkularen Türken nachgeben und sich mit einem stärkeren Einfluss der Religion auf Staat und Alltag abfinden?
Welche Auswirkungen hat das auf uns hier (EU, türkischstämmige Bevölkerungsgruppe)?

Grüße
Heinrich

8 Antworten zu dieser Frage

  1. Antwort von nach 6 Stunden hilfreich
    Glaskugel

    Hallo Heinrich,

    Deine Frage verlangt nach einer Glaskugel.
    Das Grundproblem ist, daß sich die Konfliktlinien nicht nach unseren Maßstäben beurteilen lassen, da das sog. "säkulare" bzw. "kemalistische" Lager, das da gerade demonstriert, von weit links außen bis tief in faschistische Gruppen reicht und nicht automatisch als durchgehend demokratisch bezeichnet werden kann.
    Die folge ist z. B., daß sich viele Kurden von einer AKP-Regierung mehr Liberalität versprechen als von der faschistischen MHP oder der linksnationalistischen CHP (der größten Oppositionspartei im Parlament).
    Auch große Teile des liberalen Bürgertums bleiben den Protesten fern, da sich ihrer Meinung nach ausgerechnet die jetzige Regierung sehr viel stärker politisch und wirtschaftlich auf Europa zubewegt hat als alle säkularen Vorgängerregierungen.
    Auch viele AKP-Politiker/Innen sehen bezüglich der Rolle der Religion in der Türkei eher die EU-Maßstäbe als erstrebenswert an.
    Inwieweit evtl. religiöse "Hardliner" in der AKP politischen Einfluß hinzugewinnen würden, wenn die AKP auch den Staatspräsidenten stellt, ist reine Spekulation, da die AKP ein sehr breites Bündnis darstellt. Natürlich gibt es einige in der AKP, die immer mal wieder für deftige Sprüche gut sind und damit eine bestimmte Klientel bedienen, aber die findet man auch in der EU in allen großen Volksparteien. In meinem (durchgehend säkularen und demokratisch gesinnten) türkischen Bekannten- und Kollegenkreis gibt es nur wenige, die diese Demos unterstützen.

    &Tschüß

    Wolfgang

    • Antwort von nach einem Tag hilfreich
      Auch 'islamististische' Bewegungen differenzieren!


      Guten Tag Das Grundproblem ist, daß sich die Konfliktlinien nicht nach
      unseren Maßstäben beurteilen lassen, da das sog. "säkulare"
      bzw. "kemalistische" Lager, das da gerade demonstriert, von
      weit links außen bis tief in faschistische Gruppen reicht und
      nicht automatisch als durchgehend demokratisch bezeichnet
      werden kann.
      Dieselbe differenzierende Sichtweise müsste für 'islamistische'
      Bewegungen gelten, die einen 'Gottesstaat' errichten wollen.
      Fairerweise sollten zumindest islamistische Bewegungen, die einen
      Staat bereits beherrschen, mit den Machtstrukturen verglichen werden,
      die 'säkulare' Diktaturen errichtet haben.


      Freundlich grüsst

      Rolfus

      • Antwort von nach einem Tag hilfreich
        Re: Auch 'islamististische' Bewegungen differenzie

        Guten Tag
        Dieselbe differenzierende Sichtweise müsste für
        'islamistische' Bewegungen gelten, die einen 'Gottesstaat' errichten
        wollen. Fairerweise sollten zumindest islamistische Bewegungen, die
        einen Staat bereits beherrschen, mit den Machtstrukturen verglichen
        werden, die 'säkulare' Diktaturen errichtet haben.

        Dann könnte man eventuell einen Vergleich zwischen dem (gemäßigten) kommunistischen China und dem islamischen Gottesstaat Iran anstellen. Ohne jetzt Details ellenlang aufzählen zu wollen, würde ich den Iran für eine wesentlich härtere Diktatur oder sogar für eine Tyrannei halten. Insbesondere geht es auch um die Frage, ob die unbehinderte Ausbreitung des Islams wünschenswert sei. Islamischer Gottesstaat und gleichzeitig Mitglied der Nato, hielte ich für nicht verträglich.
        MfG Gerhard Kemme

        • Antwort von nach einem Tag hilfreich
          Für Fairness nicht für den den Islamismus


          Guten Tag, Gerhard Dann könnte man eventuell einen Vergleich zwischen dem
          (gemäßigten) kommunistischen China und dem islamischen
          Gottesstaat Iran anstellen. Ohne jetzt Details ellenlang
          aufzählen zu wollen, würde ich den Iran für eine wesentlich
          härtere Diktatur oder sogar für eine Tyrannei halten.
          Du hast mich nicht ganz verstanden: Man sollte Gleiches mit Gleichem
          vergleichen und differenzieren, innerhalb der islamistischen Bewegung
          und ausserhalb. Ich habe mich für Fairness nicht für den den
          Islamismus eingesetzt.


          Gruss

          Rolfus

          • Antwort von nach 38 Tagen hilfreich
            Erbakan Plan

            Der alte Erbakan Plan, eine islamische Union zu bilden ist noch nicht vom Tisch, egal wie sich die Türkei in Richtung EU bewegt.
            Wenn die US -Armee aus dem Irak abzieht, muss man ausserdem damit rechnen das die türkische Hizbollah zurückkehrt.

            Generel gibt es in der Türkei schon alle Gruppen, die es ihren islamischen Nachbarländern gibt. Die Bevölkerungsstruktur ist ja auch identisch, Natürlich gibt es z.B. im Iran mehr Perser und nur eine geringe Anzahl türkstämmiger, in der Türkei gibt es eine gewisse Anzahl Perser (Sasas) usw.

            Diese Betrachtungsweisen sind alle nicht im Sinne Atatürks, aber jeder kennt sie doch und weis dass sich die Islamisierung unaufhaltsam und ungehindert ausbreitet. Ganze Stadtviertel in Istanbul sind heute schon sehr islamistisch und man sieht in diesen Monaten mehr junge Frauen und Mädchen mit Kopftüchern, als im letzten Jahr.
            Nachdem Irak wird man bald auf die Türkei schauen, egal ob diese in die EU kommt oder nicht.

  2. Antwort von nach einem Tag hilfreich
    Re: Frage zur Türkei

    Frage in diesem Zusammenhang:
    Was wird geschehen, wenn die säkulare Türkei zusammenbricht,
    wenn es einen religiös-konservativen Staatspräsidenten gibt,
    wenn die Verfassung in ihrer laizistischen Aussage zugunsten
    einer religiöseren Sicht geändert wird?
    Wird das Militär putschen?
    Dem Militär geht es weniger um die Gefährdung des Laizismus als um die geschehene und absehbare Annäherung zur EU. Diese ist dem Militär, insbesondere in der Zypernfrage, seit Langem ein Dorn im Auge.
    Es wäre jedoch unrealistisch vom Militär zu glauben, es könne die Türkei langfristig davon abhalten. Entsprechend glaube ich nicht, dass dafür ein Putsch riskiert wird. Wird es zu bewaffneten Auseinandersetzungen kommen?
    Entschuldige die flapsige Formulierung, aber in der Türkei kommt es immer irgendwo zu bewaffneten Auseinandersetzungen. Dass aus den Demonstrationen kleinräumig bürgerkriegsähnliche Zustände erwachsen, ist sehr wahrscheinlich, lässt sich zumindest nicht ausschließen. Werden die bis jetzt friedlich demonstrierenden Türken die
    Verfassung Atatürks mit Waffengewalt verteidigen?
    Gibt es einen Bürgerkrieg in der Türkei?
    Im eigentlichen Sinne sicher nicht. Dazu sieht das türkische Volk zu viele äußere Feindbilder, östlich der Türkei ebenso wie westlich. Oder werden die säkularen Türken nachgeben und sich mit einem
    stärkeren Einfluss der Religion auf Staat und Alltag abfinden?
    Das schon eher. Es ist ja nicht so, dass nun ein Gottesstaat mit diktatorischen Zügen drohe und sich die Mehrheit der Türken davon in ihrer Freiheit angegriffen fühle.
    Die Türkei hat in den vergangenen drei bis vier Jahrzenten einen starken gesellschaftlichen Wandel durchgemacht, an dessen Ende der Kemalismus auf verlorenem Posten steht. Die AKP ist nur ein Spiegelbild dieser Entwicklung. Ihre Politik wird nur in sehr kleinen Kreisen ernsthaft kritisiert, da der verstärkte religiöse Enfluss auf gesellschaftlicher Ebene längst da ist und akzeptiert wird. Zur zwiespältigen Rolle Istanbuls zwischen den Kulturen gehört auch, dass schnell mal gegen etwas demonstriert wird ohne damit fundierte Änderungsbestrebungen zu unterstützen. Das alles wird schnell wieder vorbei sein. Welche Auswirkungen hat das auf uns hier (EU, türkischstämmige
    Bevölkerungsgruppe)?
    Ich würde sagen, diese Einflüsse sind marginal und bleiben es, solange Europa nicht Ziel einer erneuten Migrationswelle aus der Türkei ist. Aufgrund der genannten kulturellen Wandlung, wäre ein verstärkter Zuzug "neuer" Türken eine soziale wie sicherheitspolitische Risikoquelle für europäische Gesellschaften.

  3. Antwort von nach 3 Tagen hilfreich
    Re: Frage zur Türkei

    Hi!

    In Istanbul, Ankara und jetzt in Izmir gehen zigtausende
    Türken auf die Straße und demonstrieren für eine Beibehaltung
    des säkularen Staates.

    Gleichzeitig versucht die AKP (Partei für Gerechtigkeit und
    Entwicklung - gilt als konservativ-religiös), ihren
    Außenminister Gül als Staatspräsidenten durchzubekommen
    (bislang vergeblich).

    Nach den Urteil des höchsten türkischen Gerichtes soll jetzt
    eine Verfassungsänderung durchgesetzt werden, wonach der
    Staatspräsident nicht mehr vom Parlament gewählt wird, sondern
    direkt vom Volk. Angeblich soll in diesem Verfahren ein
    AKP-Kandidat die Mehrheit der Wählerstimmen auf sich
    vereinigen können.
    Das Sehe ich noch nicht
    Das türkische Militär drohte recht unverhohlen mit einem
    Putsch, sollte die Regierung Erdogans sich weiter von der
    laizistischen Verfassung entfernen. Nun soll es eine stärkere
    Kontrolle des türkischen Generalstabes durch die Regierung
    geben.
    Ich glaube da haben beide Seiten Recht ich kann nicht Akzeptieren, das eine Partei mit 2/3 Mehrheit regiert, die nur 34% der Wählerstimmen hat, Andererseits ist das Militär ein denkbar schlechter Hüter der Demokratie, Frage in diesem Zusammenhang:
    Was wird geschehen, wenn die säkulare Türkei zusammenbricht,
    ganz so schnell geht das auch nicht es ist eher zu erwarten, das bis zum Oktober neben Muskel zeigen und einigen Demonstrationen überhaupt nichts passiert, und dann werden die Karten neu gemischt. wenn es einen religiös-konservativen Staatspräsidenten gibt,
    wenn die Verfassung in ihrer laizistischen Aussage zugunsten
    einer religiöseren Sicht geändert wird?
    Wird das Militär putschen?
    na ja dann schon Wird es zu bewaffneten Auseinandersetzungen kommen?
    Werden die bis jetzt friedlich demonstrierenden Türken die
    Verfassung Atatürks mit Waffengewalt verteidigen?
    gegen ihre nicht gewählte Regierung oder gegen das Militär? Gibt es einen Bürgerkrieg in der Türkei?
    sehr unwahrscheinlich Oder werden die säkularen Türken nachgeben und sich mit einem
    stärkeren Einfluss der Religion auf Staat und Alltag abfinden?
    ich glaube das es auch den säkularen Türken mit der säkulärität doch etwas zu weit ging, es muss eine Normalität im Umgang mit der Religion gefunden werden, und wen die 10%Hürde nicht nach unten korrigiert wird sehe ich die nächste Staatskrise mit 60% APO schon hinter der nächsten Ecke. Welche Auswirkungen hat das auf uns hier (EU, türkischstämmige
    Bevölkerungsgruppe)?
    kaum welche, die EU ist es gewohnt niemanden herein zulassen, auch wen der dabei drauf geht.
    und ich meine, das die "EU Türken" eh schon so von der EU enttäuscht sind, das sie nichts anderes erwarten.
    Grüße
    Heinrich
    Gruß markus

    • Antwort von nach 30 Tagen hilfreich
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      Gruss
      Rolf

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