Und hier ist die Antwort
Hallo Kirsten,
vielen Dank für Deine ausführliche Antwort! Jetzt kann ich mir doch schon besser vorstellen, worauf es hinauslaufen soll. Und nun wie versprochen ein paar Tips aus meiner Erfahrung.
Zuerst einmal möchte ich Euch auf etwas hinweisen, was manchmal vergessen wird. Es ist natürlich gut, wenn man schon mal einen Hund der Rasse kennengelernt hat, auf die man es „abgesehen“ hat. Nur hat man leider trotzdem nie eine Garantie, daß der Hund, den man sich auf Grund dieser Erfahrungen kauft, dann wirklich so ist wie die „Vorbilder“ (Nachbarshund). Jeder Hund ist ein Individuum, das sich durchaus vom normalen Bild seiner Rasse unterscheiden kann. Ich arbeite freiwillig in einem Tierheim und habe dort zum Beispiel schon einen aggressiven Golden Retriever sowie mehrere höchst nervöse Labradore kennengelernt. Es stimmt natürlich, daß Golden Retriever üblicherweise „lieb“ und Labradore im Normalfall recht ausgeglichen sind, nur wie gesagt: man hat nie eine Garantie. Das ist einer der Gründe, weswegen ich den meisten Menschen eher dazu raten würde, sich erstmal nach einem erwachsenen Hund umzusehen (und ich würde das auch selbst so machen). Wenn Ihr einen erwachsenen Hund kennenlernt, könnt Ihr zumindest als Nicht-Hundekenner seinen Charakter viel besser einschätzen, als das bei einem Welpen der Fall ist. Einen Welpen zu sich nehmen heißt immer irgendwie „die Katze im Sack kaufen“. Natürlich ist es möglich, daß auch ein erwachsener Hund irgendwelche Überraschungen birgt, aber zumindest grundlegende Charakterzüge (d.h. ob der Hund eher aktiv oder ruhig ist, ob er zu Nervosität oder Ängstlichkeit neigt, ob er gern spielt oder eher nicht, ob er sich mit anderen Hunden verträgt) kann man einigermaßen einschätzen. Und: Ihr habt wirklich die Möglichkeit, verschiedene Hundecharaktere kennenzulernen und eine echte Wahl zu treffen. Bei Welpen wird oft eher danach ausgewählt, wer gerade am niedlichsten spielt oder einen hübschen Fleck auf der Nase hat… Ach so: die Kaninchen sind kein Grund, einen Welpen zu holen. Wenn Ihr Euch nicht gerade für einen Hund entscheidet, der für seine Jagdlust bekannt ist, dürfte es kaum Probleme geben. Natürlich müßt Ihr ihm zeigen, daß die Kaninchen nicht auf seinem Speiseplan stehen ;o) Aber das muß man vielleicht auch einem Welpen begreiflich machen, wenn er dann erwachsen wird.
Wenn Ihr Euch für eine der drei von Dir genannten Rassen entscheidet, solltet Ihr auf jeden Fall gutes Training einplanen. Diese Rassen wurden zur intensiven Arbeit mit dem Menschen gezüchtet und wollen gefordert werden (sowohl geistig als auch körperlich). Anderthalb Stunden Beschäftigung mit dem Hund pro Tag sind gut, besonders wenn Ihr auch mit dem Hund arbeitet (d.h. zum Beispiel „Sitz“ o.ä. üben, mit dem Golden Retriever oder Labrador auch Ballspielen [Apportieren]; bei Interesse könnt Ihr auch richtig Hundesport im Verein betreiben oder so). Das gilt auch für viele andere Rassen: ein unterforderter Hund langweilt sich, was u.U. zu Aggressivität oder anderen ungewollten Verhaltensweisen führen kann. Davon abgesehen macht es sehr viel Spaß, mit seinem Hund zu arbeiten, und das gemeinsame Leben wird für alle Beteiligten reicher und schöner. Und wer will schon einen ungehorsamen Hund?!
Was mir zu „Euren“ Hunderassen sonst noch so einfällt: Labradore sind normalerweise gut zu erziehen. Nicht umsonst werden viele Labradore als Blindenhunde ausgebildet. Bei ihnen muß man aber sehr aufs Gewicht aufpassen: der Labrador frißt sozusagen wie ein Scheunendrescher und sollte nie mehr als seine Ration Futter (sowie immer genügend Auslauf) bekommen. Labbis neigen sehr zum Dickwerden, was dann noch zusätzlich ungünstig ist, weil viele ältere Labradore Arthritis bekommen (die durch Übergewicht zusätzlich verstärkt wird). Auch Berner Sennenhunde neigen zu Übergewicht. Labradore und auch Golden Retriever sollten auf jeden Fall (wie ja auch andere schon angemerkt haben) ab und zu mal ins Wasser dürfen. Sie wurden gezüchtet, um bei der Jagd abgeschossene Wasservögel aus dem Wasser zu holen (apportieren), und es ist nicht gerade artgerecht, wenn man sie nie schwimmen oder herumplanschen läßt. Wer mal einen dieser Hunde im Wasser gesehen hat, versteht das. Hütehunde (Hovavart) jagen zwar nicht, aber sie hüten eben. Es kann also durchaus passieren, daß der Hovavart Eure Kaninchen durch den Garten treibt, weil er sie für eine Viehherde hält. Ich habe auch schon von Hütehunden gehört, die Kinder (oder Fahrräder oder Autos) „hüten“, sprich: sie nicht aus den Augen lassen und ihnen hinterherlaufen wollen. Deshalb auch hier nochmal: mit diesen Hunden muß man arbeiten, damit sie nicht auf dumme Gedanken kommen. Je ausgelasteter und je besser ausgebildet der Hund ist, desto weniger wahrscheinlich sind derartig fehlgeleitete Verhaltensweisen. Beim Golden Retriever, beim Berner Sennenhund und beim Hovavart muß regelmäßige Fellpflege (Bürsten) eingeplant werden (natürlich freut sich auch ein Labrador, wenn er eine Bürstenmassage bekommt). Was Gesundheitsprobleme angeht, so sind Labradore Kandidaten für Allergien, Augenprobleme und wie gesagt Arthritis sowie auch Hüftdysplasie; ansonsten sind sie recht robust. Auch Golden Retriever neigen zu Hüftdysplasie und Allergien, dazu kommen Epilepsie und Schilddrüsenprobleme. Natürlich muß das nicht der Fall sein, aber es sind eben gesundheitliche Probleme, die bei den genannten Rassen gehäuft auftreten. Bei Hovavarts kenne ich mich nicht so gut aus, da kannst Du Dich ja noch anderswo schlau machen. Berner Sennenhunde haben auch Probleme mit Hüftdysplasie und mit etwas, wofür ich den deutschen Namen nicht kenne (auf Englisch heißt das „bloat“): wenn sie zu schnell zu viel fressen, bekommen sie Darmverschlingung (?) und blähen sich auf wie ein Luftballon. Diese Erscheinung tritt vor allem bei sehr großen Hunden auf und führt normalerweise sehr schnell (innerhalb einer halben Stunde) zum Tod. Vorbeugend sollte man mehrere kleine Rationen täglich statt einer großen füttern und den Futternapf nicht auf den Boden, sondern etwas erhöht stellen, damit der Hund beim Fressen nicht so viel Luft in sich „hineinpumpt“.
Wenn’s nun nicht unbedingt einer der aufgezählten Hunde sein muß, seht Euch doch noch mal im Tierheim um. Mischlinge sind ja auch liebenswerte Tiere! Vielleicht seht Ihr ja einen Hund, der nicht annähernd rasserein ist und trotzdem Euer Herz gewinnt. Mischlinge stehen in dem Ruf, im allgemeinen gesünder zu sein als reinrassige Hunde, was vererbte Krankheiten angeht. Das gilt vor allem für Labbis und Golden Retriever, die ja als Modehunde nicht immer unter guten Bedingungen gezüchtet werden (wie auch andere hier schon gesagt haben), und dann leider oft unter Krankheiten leiden, die durch Inzucht oder einfach die Verwendung schlechter Elterntiere verstärkt hervortreten.
Was den „Wachhund“ angeht, so wäre es interessant zu wissen, was Ihr Euch davon erwartet. Meiner Erfahrung nach zeigt fast jeder Hund mehr oder weniger von sich aus an, wenn sich jemand dem Grundstück oder der Haustür nähert. Ob man dazu nun speziell einen „Wachhund“ braucht?
Mir fällt gerade noch ein, daß Ihr vielleicht auch mal über einen Boxer nachdenken könntet, falls Euch das Sabbern nicht stört. Boxer sind im allgemeinen recht liebe Hunde, die gern spielen und sehr an ihrer Familie hängen. Nur das Sabbern ist halt nicht jedermanns Sache.
Also, das wars erstmal, vielleicht denkt Ihr ja doch noch mal über einen erwachsenen Hund nach. Wenn Ihr Euch sowieso noch bis Ende August Zeit lassen wollt, kann es ja eigentlich auch nicht schaden, wenn Ihr Euch mal ein bißchen umseht. Und zum Schluß noch was aus meiner Erfahrung mit Tierheimhunden: meiner Meinung nach kann jeder im Tierheim „seinen“ (d.h. den passenden) Hund finden, die Suche dauert manchmal ein bißchen, aber man weiß dann auch, was man mit nach Hause nimmt. Und: laßt Euch Zeit, dann werdet Ihr schon den richtigen Hund finden.
Ich würde mich freuen, wenn Du Dich noch mal meldest. Bin ja schließlich neugierig ;o)
Viele Grüße
Sylvia