Hallo Karin und Nils,
Eure Erfahrungen mit dem Tierheim sind offensichtlich schlimmer
als die mit dem Hund. Ich erfahre es immer wieder, dass
Tierheime, die doch von engagierten Idealisten gemanagt werden,
unsorgfaeltig arbeiten, wie z.B. Problemfaelle an Anfaenger
vermitteln, Krankheiten verschweigen oder gar falsch
diagnostizieren. Nun gut, man pokert da sicher z.Teil mit der
schnell erwachenden Liebe zu so einem armen Wesen, und Euch hat
es ja auch schon „gepackt“. Wenn Euch also Eure innere Stimme
raet, ihn mit allen Wenns und Abers zu adoptieren und keinen
„pflegeleichteren“ zu suchen, dann stehen einige Punkte an:
Ausfuehrlicher Gesamt-Gesundheitscheck bei einem oder besser
zwei Tieraerzten Ð nicht im Tierheim! Hier bekommt ihr
Anleitung, wie zu therapieren und anzufassen ist und was ihr dem
Tier zumuten koennt (z.B.Treppensteigen, Laufen etc.) Evtl. auch
Adressen von Spezialkliniken, z.B. in Goettingen fuer
Operationen am Ohr u. dgl.
Das Treppensteigen: wenn der Hund nur eine kaputte Pfote
hat, krabbelt er viel besser auf drei Beinen ueber die Treppen
als sich in einem Korb (ohne Bodenhaftung!) einem Menschen zu
ueberlassen, zu dem er kein Vertrauen hat (viele Hunde meistern
ihr ganzes Leben mit nur drei Beinen). Falls der Tierarzt aber
zum Tragen raet, muesst ihr ihn an das Transportmittel
gewoehnen: am besten den Korb erst mal ganz zu seinem Bettchen
machen. Es gibt auch grosse, leichte Hundetransporttaschen, die
sich gut als Koerbchen verwenden lassen. So kann man ihn erst
mal in der Wohnung ans Getragenwerden gewoehnen. Auf jeden Fall
muss er von alleine da einsteigen. Wenn er mal Vertrauen gefasst
hat, laesst er sich dann unter den Arm nehmen.
Allgemein gilt besonders fuer ein misshandeltes Tier: so
wenig wie moeglich mit den Haenden daran rummachen (nur reaktiv
beruehren, wenn er z.B. mit der Schnauze Kontakt aufnimmt, mit
den Haenden antworten). Dazu gehoert auch, dass er von der Leine
verschont bleibt, die ihn ganz an den Menschen ausliefert (zu
dem er ja erst noch Vertrauen fassen muss). Das hoert sich viel
verlangt an (und es wird „Hundeexperten“ geben, die mir da
widersprechen), fuehrt aber viel schneller zum Erfolg als wenn
ihr physische Kontrolle ausuebt. Ich selbst habe (nach vielen
anderen Hunden) einen tauben Hund aus dem Tierheim sozialisiert,
der voellig verwahrlost war, und erfahren, dass sich behinderte
Hunde noch staerker auf ihren Rudelinstinkt besinnen und darauf
achten, nicht den „Anschluss“ zu verlieren.
Der Hund ist insofern wie ein Kind, als er nicht fuer Euch
da ist, sondern Ihr fuer ihn, und nicht Ihr was von ihm wollt,
sondern er was von Euch will. Wenn ihr darauf vertrauen koennt,
habt ihr schon „die halbe Miete“. Also: es reicht erst mal, wenn
er bei euch „Rudelanschluss“, ein warmes Plaetzchen und Fressen
bekommt. („Erziehen“ koennt ihr spaeter). Da er Karin nicht als
„Beschuetzer“ begreift, kann Nils vielleicht erst mal die Rolle
des „Alphatiers“ uebernehmen und mit ihm (vor und nach der
Arbeit) runtergehen, und Karin nur, wenn er darum bittet. D.h.,
im Ernstfall auch aushalten, dass er eher in die Wohnung macht,
als sich Stress einzuhandeln. Das gleiche gilt fuer Karin: Lass
ihn lieber in Ruhe, als Dir Stress einzuhandeln, also
Kontakt/Fressen/Spazierengehen nur gewaehren bzw. anbieten, aber
nicht „antragen“(er fordert das von selbst, sobald er sich
traut). So baut sich Euer beider Angst voreinander am
schnellsten ab. Es ist uebrigens viel „erquicklicher“, ein paar
Mal die Wohnung zu putzen, als sich so einen Spannungsstress zu
machen (man muss ihn ja nicht in alle Raeume lassen und kann
Zeitung auslegen. Die Hunde, die ich aus dem Tierheim hatte,
konnten es sehr lange „anhalten“, weil sie nur einmal am Tag
rausgelassen wurden, und ein Hund nicht gern in „seine Wohnung“
macht).
Die Taubheit stellt eigentlich kein besonderes Problem dar.
Der Hund laesst sich genausogut mit Handzeichen erziehen und
wird sich, wie gesagt, mehr als hoerende Hunde bemuehen, den
Kontakt mit dem Rudel nicht zu verlieren. Ich habe meinen tauben
Hund mit einem ferngesteuerten Vibrationsalarm (kleines
Kaestchen am Halsband) darauf konditioniert, seine
Aufmerksamkeit unterwegs auf mich zu richten, wenn ich ihm
ploetzlich was „sagen“ muss. Es gibt viele Tricks, wie man
solche Hunde trainiert. Auch ein Forum im Internet, wo man sich
austauschen kann. (www.tauberhund.de)
Also: am Anfang gilt es einige Opfer zu bringen: Verzicht
auf die Art von emotionaler Intensitaet und Interaktion, die man
eigentlich mit dem Hund gerne haette, und Zeitaufwand, um
eingefleischtes Verhalten umzuprogrammieren und Vertrauen
wachsen zu lassen. Im Uebrigen stehe ich gerne fuer Fragen zur
Verfuegung.
Gruesse
Elke