Immobilien
Von: Сlаudіа Αrnоld (abgemeldet), 13.1.2005 11:39 Uhr
Hallo,

gibt es irgendeine Formel oder Grundsätze, nach denen man die Wertentwicklung einer Immobilie für die Zukunft abschätzen kann? Seriöse Trendaussagen?

Hintergrund: Da ich so ziemlich zur letzten Generation der Baby-Boomer gehöre und nun auch der letzte meiner Generation, der eine Immobilie wollte, eine hat, müsste doch mit der Bevölkerungsschrumpfung die Immobilie stetig an Wert verlieren, statt an Wert zu gewinnen, wie man uns beim Kauf erzählt hat. Ich hätte gerne wegen meiner privaten Altersversorgung zumindest eine Idee, was die Bude im Jahre 2035 wert sein könnte. Manchmal habe ich das Gefühl, auf einer Investitionsruine zu sitzen...

Danke im Voraus und Gruß, Claudia



  1. Antwort von Wоlfgаng Drеүеr 2
    Re: Wertentwicklung einer Immobilie
    Hallo Claudia! ... was die Bude im Jahre
    2035 wert sein könnte.
    Meine Glaskugel ist gerade in Reparatur :-). Niemand kann die wirtschaftliche und gesellschaftliche Entwicklung der nächsten 30 Jahre in einer Weise prognostizieren, daß daraus Schlüsse auf den Wert einer konkreten Immobilie ableitbar wären.

    Der Wert einer Sache ist genau der Betrag, den ein Käufer zu zahlen bereit ist. Daraus folgt, daß sich Wertveränderungen nur im Fall des Verkaufs realisieren. Dabei wird man an das selbst genutzte Wohneigentum andere Maßstäbe anlegen, als an eine vermietete Immobilie. Das mit Weitsicht erworbene Wohneigentum bietet irgendwann mehr als nur Mietersparnis. Es ist ein erhebliches Stück Unabhängigkeit, das - alten- und behindertengerechte Realisierung vorausgesetzt - vor dem Gang ins Altenheim, in Abhängigkeit und Bevormundung bewahrt. Deshalb kann einem die Wertentwicklung des eigenen Dachs über dem Kopf, das man nur tot zu verlassen gedenkt, herzlich egal sein.

    Für den Immobilienmarkt kann man Annahmen für allerlei Entwicklungen treffen und so zu einer Prognose für Mieteinnahmen und Wertentwicklung kommen. Aber so sicher wie das Amen in der Kirche werden die zahlreichen Annahmen und Voraussetzungen, auf denen die Prognose fußt, daneben liegen. Und selbst für den Fall, daß die Annahmen ungefähr zutreffen, hat man immer noch keine Aussage für den konkreten Einzelfall. In mehr als einem Vierteljahrhundert können in der Gegend des Hauses Straßen gebaut, Fabriken errichtet oder abgerissen sein, kann sich die Gegend grundlegend gewandelt haben.

    Ich bin genau ein Jahr jünger als die Bundesrepublik. Meine Eltern lebten bis Mitte der 50er Jahre in einer Baracken-Notunterkunft außerhalb der zerbombten Stadt Hamburg in Rissen am Leuchtfeuerstieg. Mein Vater war Maler und hielt die Familie mit Schwarzarbeit über Wasser. Einer seiner Auftraggeber war eine wohlhabende Familie, der das Anwesen mit den Notunterkünften am Steilufer der Elbe gehörte. Diese Leute boten meinem Vater das Grundstück für 50 Pfennig pro Quadratmeter an, die er mit Tapezier- und Malerarbeiten abarbeiten sollte. Aber so weit draußen und das olle Waldgrundstück? Nein, das wollte er nicht.
    Zeitsprung. 20 Jahre später, Anfang 70er Jahre. Den Leuchtfeuerstieg mit den Grundstücken bis zum Steilufer der Elbe gibts immer noch. Nur für 50 Pfennig gibts dort keinen Grund und Boden mehr. Die Gegend gehört inzwischen zu den teuersten Hamburgs, schlicht unbezahlbar.

    70er Jahre. Hamburg-Steilshoop. Kleingärten, Einfamilienhäuser, ein paar alte Villen, Einkaufsstraßen nicht weit weg, da läßt es sich leben. Es herrschte Wohnungsnot und nur wenige machten sich Gedanken, worin z. B. Lebensqualität besteht. In dieser Gedankenlosigkeit wurde ein riesiges Neubaugebiet aus dem Boden gestampft, 5 Stockwerke, Häuserschluchten, Waschbeton. Ein paar Kleingärten sind bis heute geblieben, auch einige alte Villen. Aber niemand will dort wohnen, ja nicht einmal tot über 'm Zaun hängen.

    Ich schilderte 2 gegensätzliche Extrembeispiele, die zeigen, was sich in einem Vierteljahrhundert ändern kann, die insbesondere zeigen, daß Prognosen über lange Zeiträume für die allgemeine Entwicklung für den konkreten Einzelfall rein gar nichts bedeuten. Was interessiert den Maß-Schuhmacher, bei dem auch der Kanzler artig einen Termin erbitten muß, daß die Chancen für Schuhmacher bescheiden sind? Was interessiert den Vermieter, der 10 €/qm von seiner handverlesenen Zielgruppe erlöst, daß andere Vermieter wegen Dauerleerstands am Stock gehen? Was interessiert den Anleger ein sinkender DAX, wenn er in ein florierendes Unternehmen investierte? Was interessieren Dich irgendwelche Prognosen? Du mußt zusehen, daß DEINE Strategie aufgeht.

    Gruß
    Wolfgang