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Re: Reisen mit dem Frachtschiff
Hallo Angelika,
1994 habe ich eine Reise auf einem Frachtschiff gebucht, weil ich die Berufsschiffahrt einmal kennenlernen wollte, und war davon so begeistert, daß ich im Prinzip "nicht mehr ausgestiegen" bin. Heute bin ich Berufsseemann, (bzw. Berufsseefrau).
Eine Reise auf einem Frachtschiff kann also sehr spannend werden....
Einige Tips, damit die 8 Wochen auch wirklich interessant werden:
-Grundsätzlich gibt es auf einem Frachtschiff keine Passagierbetreuung in dem Sinne, daß dem Passagier die Zeit vertrieben würde. Bücher, Spiele, Laptop mitzunehmen ist sicher sinnvoll. Oft gibt es eine (winzige)Bordbibliothek, aber darauf kann man sich nicht verlassen und die Videothek ist auch meistens nicht sehr gut sortiert.
-Verpflegung gibt es an Bord. Getränke müssen meistens selber im Store gekauft werden.(Der 2.Offi oder der Dritte wird vermutlich den Store verwalten).Da können auch Zahncreme, Duschgel und weitere Dinge des täglichen Bedarfes gekauft werden.Aber allzugut sortiert ist der Store nicht, es gibt meistens nur das wirlich nötigste (ist ja auch keine Drogerie).
-Waschmaschinen sind an Bord, und meistens existiert auch ein "Messman", der gleichzeitig auch die Wäsche der Passagiere macht. (Das kann sein, muß aber nicht so sein.)Wenn es so ist, möglichst das Trinkgeld für den Knaben nicht vergessen. Die Arbeit für die Passgiere ist für den Messman Extraarbeit, die ihm nicht vergütet wird.
-Praktische/sportliche Kleidung mitnehmen, die auch schmutzig werden kann. An Deck ist meistens Fett,Ruß,Rost,Farbe anzutreffen, und je besser die Kleidung desto wahrscheinlicher der Treffer.
-An rutschfeste Schuhe denken!!Am besten sind tatsächlich Arbeitsschuhe, die es in Fachgeschäften auch schon relativ günstig gibt.Die sind wirklich rutschfest und haben Knöchelschutz (bei Seegang angenehm)
-Wichtig sind Windjacke, Sonnenschutz und Sonnenbrille, und vielleicht soetwas wie ein Palästinensertuch. Das kann man sich in den Tropen gut um den Kopf wickeln: Am besten bei der Deckscrew abgucken.
-an Arbeitsklamotten denken (alter Overall?).Malen an Deck, bei gutem Wetter, gehört mit zu den schönen Dingen der Seefahrt (solange man es nicht jeden Tag machen muß). Chief Mate fragen und mitmachen.
- Englisch ist die internationale Sprache der Seefahrt und wird von den meisten Offizieren auch gesprochen und eigentlich auch von der Mannschaft - mit mehr oder weniger großem Erfolg.Vielleicht kannst Du herausfinden, von welcher Nationalität die Mannschaft auf "Deinem" Schiff sein wird.(Phillipinos, Kiribatis, Kabverden?). Es gibt sehr günstig kleine Sprachführer in allen Sprachen der Welt, und wenn Du Interesse daran hast, mit der Mannschaft ins Gespräch zu kommen, bietet sich die jeweilige muttersprache als "Eisbrecher" immer an, und wenn es nur ein "Gutten-Tak, vie gät es Ehnen?" ist.
- Daran denken, für die Mannschaft einen Kasten Bier oder ähnliches springen zu lassen oder einmal eine Party zu spendieren. Das ist allgemein üblich.Solltest Du aber vorher mit dem Alten oder dem Chief Mate besprechen, manchmal wird solcherart Party aus gegebenem Anlaß ohne Alkohol gewünscht....
Noch was zur Sicherheit:
(Damit will ich Dir keine Angst machen. Im Grunde sind Schiffe sicher, aber WENN etwas passiert, ist das richtige Verhalten absolut entscheidend!!!!!)
-Bei Schlechtwetter (Wasser kommt über)niemals ohne zu fragen an Deck herumstolpern.
Immer ein Auge auf die Deckscrew haben und sich ähnlich verhalten.
-Die Sicherheitsbelehrung bei Beginn der Reise mit Interesse verfolgen!Seht euch die Fluchtwege von eurer Kammer zum Bootsdeck GANZ GENAU an. Falls ihr gerade nichts zu tun habt, dann versucht, den Weg mit geschlossenen Augen zu ertasten.
Wenn etwas passiert, dann passiert es schnell, und dann solltet ihr nicht mehr überlegen müssen, ob das jetzt links oder rechtsherum richtig ist!
-Taschenlampe nicht vergessen.So was wie eine Minimag kann man immer bei sich haben.
Allgemeines zum Bordleben:
Jedes Besatzungsmitglied hat einen straff organisierten Arbeitstag(die nautischen Offiziere arbeiten logischerweise auch nachts)und damit begrenzte Freizeit.
Wollt ihr mit jemandem sprechen und die Tür ist geschlossen, dann nur in dringenden Fällen klopfen. "Gesprächsbereitschaft" wird an Bord mit offener oder halb geöffneter Tür signalisiert.
Brückenbesuch ist meistens möglich, sollte aber am Anfang immer erfragt werden.Das ist einfach höflicher, als auf die Brücke zu steppen und sich breitzumachen.
Besuch des Maschinenraumes ist meistens nur als Führung möglich. Unbedingt vorher den Chief fragen, sonst kann das "unangenehm" werden.
Im Hafen IMMER die Tür zur eigenen Kammer abschließen - falls Du nachher nicht alles doppelt haben willst.
Ansonsten (auf See) sollte die Kammer nachts eigentlich nicht abgeschlossen werden (Sicherheit!!), das kann aber nur in der jeweiligen Situation richtig beantwortet werden. Manchmal kann abschließen sicherer sein :-)
Auch hier gilt: Chief Mate fragen, der weiß immer alles.
Noch waszum Schluß:
Donnerstags ist Seemannssonntag (immer gutes Essen mit Nachtisch!!!!). Es lohnt sich, pünktlich zum Essen zu erscheinen, sonst ist das Eis "aufgefressen"
So, ich hoffe, Daß Dir das erstmal weiterhilft und einigermaßen informativ für Dich ist.
Wenn Du noch mehr Fragen hast, kannst Du Dich auch gerne direkt an mich wenden.
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Sonst wünsche ich Dir (oder Euch) jedenfalls eine schöne Reise "und immer eine Handbreit Wasser unter dem Kiel"
Josefa
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