Ein Brief meiner Großmutter
(väterlicherseits, geschrieben an meine Mutter
genau an meinem Geburtstag, ja man könnte sagen,
in meiner Geburtsstunde)
D., 15. März 1962
Meine gute Henny,
ich denke schon den ganzen Tag und die vorausgegangene Nacht an Dich.
Ich bin nur eine alte Dame, die evtl. etwas spinnerisch ist. Sei es drum.
Etwas aber ist sicher. Dein Leben wird einen Sinn mehr bekommen.
Es wird ein Mädchen werden, ich weiß, den Jungen wirst Du nie bekommen.
Sieh es als Begegnung mit dem Zufall, es steckt eine geheime Logik dahinter.
Das kleine Mädchen wird, ich könnte Dir sogar sagen, wie sie aussieht, aber
dazu mußt Du sie am Leben lassen, eine Poetin werden. Da Du sie nicht lieben wirst,
beruhigt Dich vielleicht, daß meine Liebe ihr jetzt schon gehört.
Und jetzt, meine liebe H. entspann Dich, schließ die Augen und öffne Deine Hände,
daß ich die meine in Deine legen kann.
Deine Wahrheit wird niemals die ihre sein, aber bitte erpare ihr Dein Leid.
Ich wünsch uns allen Glück, Güte und Gerechtigkeit.
PS: Könnt ihr Euch vorstellen, wie sehr mich diese Zeilen betroffen und
viel später mit dem Leben versöhnt haben?)