Verständnislose Eltern

Tagebuch eines Zweijährigen
Donnerstag, den 28.Oktober
8.10 Uhr Kölnisch Wasser auf Teppich gespritzt.
Riecht gut… Mama böse. .Kölnisch Wasser verboten.
8.45 Uhr Feuerzeug in Kaffee geworfen.Haue gekrieg
9.00 Uhr In Küche gewesen.Rausgeflogen.Küche ist verboten.
9.15 Uhr In Papas Arbeitszimmer gewesen. Rausgeflogen. Arbeitszimmer auch verboten.
9.30 Uhr Schrankschlüssel abgezogen.Damit gespielt.Mama wußte nicht wo er war.Ich auch nicht.Mama hat geschimpft.
10.00 Uhr Rotstift gefunden.Tapete bemalt. Ist verboten
10.20 Uhr Stricknadel aus Strickzeug gezogen und krumm gebogen.Zweite Stricknadel in Sofa gesteckt. Stricknadeln sind verboten.
11.00 Uhr Sollte Milch trinken. Wollte aber Wasser. Wutgebrüll ausgestoßen. Haue gekriegt.
11.10 Uhr Hose naß gemacht. Haue gekriegt. Naßmachen ist verboten.
11.30 Uhr Zigarette zerbrochen.Taback drin Schmeckt nicht gut.
11.45 Uhr Tausendfüßler unter Mauer verfolgt.Dort Mauerassel gefunden.
Sehr interessant, aber verboten.
12.15 Uhr Dreck gegessen. Aparter Geschmack, aber verboten.
12.30 Uhr Salat ausgespuckt. Ungenießbar. Ausspucken dennoch verboten
13.15 Uhr Mittagsruhe im Bett. Nicht geschlafen. Aufgestanden und Deckbett gegessen.
Gefroren. Frieren verboten.
14.00 Uhr Nachgedacht. Festgestellt, daß alles verboten ist. Wozu ist man überhaupt auf der Welt???

Tagebuch der Mutter
Heute morgen hat Tilli die ganze Flasche Kölnisch Wasser in der Wohnung herumgespritzt.
Das roch zwar gut, fand ich aber gar nicht lustig

Beim Frühstück hat er dann das Feuerzeug in den Kaffee geworfen. Aus Absicht? Oder aus Versehen?
Jedenfalls habe ich ihm einen Klaps gegeben. Nachher hat er mir leid getan.

Dann hat er den Schrankschlüssel verbummelt. Vielleicht sollte man die Schlüssel lieber abziehen.

Auf dem Flur hat Tilli die Tapete mit einem Rotstift bemalt. Das hat mich natürlich sehr geärgert.
Vorherige Woche haben wir erst neu tapeziert. Da mußte ich wieder mit ihm schimpfen.

Tilli wollte Wasser aus der Leitung trinken. Ich gab ihm Milch. Aber die wollte er nicht. Wasser habe ich ihm nicht erlaubt, er kann ja krank davon werden. Da hat er vor Wut gebrüllt. Und ich bin nervös geworden und habe ihn geschlagen. Manchmal weiß ich mir eben keinen anderen Rat.

Einen furchtbaren Schreck habe ich bekommen, als ich sah, wie er mit einer Zigarette spielte. Da habe ich ihm einen Klaps auf die Finger gegeben, und ich habe ihm ernst gesagt, daß Zigaretten sehr gefährlich für ihn sein könnten. Hoffentlich merkt er sich das.

Was mache ich nur, wenn er mittags nicht schlafen will? Heute sitzt er wieder einmal auf seinem Deckbett und friert. Ich wollte ihn zudecken, aber er will einfach mittags nicht ins Bett. Ist er mit seinen zwei Jahren schon zu groß dafür? Oder ob er nicht müde ist? Oder ob er sich denkt, die Großen schlafen mittags auch nicht, da will ich auch nicht. Manchmal möchte ich wissen, was in dem kleinen Köpfchen vorgeht…

Schönes Wochenende
PiRo

Bilanz ziehen
Hallo Piro,

der Text erinnert mich an eine Geschichte, die ein Freund von mir auf einer Zugfahrt erlebt hat:

Im Abteil saßen ihm auf der anderen Seites des Ganges auf dem Vierersitz zwei Frauen und ein etwa 4-5jähriger Junge mit einem Teddy gegenüber.

Der Junge saß den beiden Frauen gegenüber und spielte still mit dem Teddy…die beiden Frauen (beide etwa 35-40 Jahre) unterhielten sich über den Jungen. Gleichzeitig griffen sie immer wieder ins Spiel des Kindes ein („Huch! Guck mal, Dein Teddy hat mich gebissen! Och, der ist aber böse, den mußt Du mal hauen!“), was den Jungen offensichtlich nervte.

Nach einer Weile stand das inzwischen völlig genervte Kind auf und setzte sich auf die andere Gangseite, auf den Platz gegenüber meinem Freund, und starrte mißmutig aus dem Fenster.

Die Frauen versuchten zuerst, ihn zurückzulocken und sprachen weiter über ihn „Jaja, manchmal spielt er den Bockigen. Man beachtet das am besten gar nicht.“

Der Junge starrte weiter aus dem Fenster und sagte dann (dem Fenster zugewandt) in die inzwischen eingetretene Stille hinein:

"Ihr habt mir mein ganzes Leben versaut!"

Mein Freund konnte sich das Lachen kaum verbeißen, die Frauen fingen peinlich berührt an zu kichern („Ist er nicht süß altklug, ähem?!“).

Grüsse
;-Diana

Hallo!
Oft vergißt man zu akzeptieren, daß Kinder ein eigenes Individium sind.
Rolf

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