Mein Nachbar ist ein ganz normaler Nachbar mit Häuschen, zum asphaltierten Parklpatz zumfunktionierten Vorgarten und natürlich einem Auto. Es vergeht kaum ein Sonntag, an dem er nicht im Vorgarten anzutreffen ist, sein Auto zu waschen oder an diesem zu basteln. Und wenn dann andere Nachbarn vorbeikommen, die natürlich auch ein Auto haben, schließlich muss jeder gute Deutsche ein Auto haben, sonst gilt er als Verräter am Autostaat, dann ist das Hauptthema meist: das Auto! Ich möchte nicht wissen, wieviele Stunden seines Lebens er schon auf diese Weise waschend, reparierend oder plaudernd in sein Auto investiert hat.
Dieser Nachbar arbeitet außerdem ganz in der Nähe meiner Arbeitsstelle, ca. 15km von
unserem Vorort entfernt. Aber nicht irgendwelche 15km, sondern 15km quer
durch Hamburg, und nicht nur liegen unsere Arbeitsstellen keine 200m von
einer S-Bahn-Station entfernt, auch unsere Wohnstraße mündet direkt in
einen S-Bahnhof.
Darauf angesprochen, warum er eigentlich jeden Tag mit dem Auto zur Arbeit
fährt und nicht mit der S-Bahn, erwiederte er: „Die Zeit, die Zeit, mit
dem Auto spare ich viel Zeit.“ - „Aha dachte ich. Und guckte wohl
fragend.“ Er ergänzte denn auch gleich, dass er es mit dem Auto in nur 30
Minuten schaffe. Da guckte ich noch fragender und hakte nach: „Aber ich
brauche mit der S-Bahn doch auch nur 30 Minuten!“ „Tja!“, entgegente er
mir, „Aber ich kann immer fahren wann ich will und muss nicht ewig auf den
nächsten Zug warten.“ „Ok“ sagte ich, „aber dafür kann ich in der S-Bahn
die Zeitung lesen.“ - Unentschieden.
Am Abend traf ich ihn wieder, gerade als ich vom Bahnhof kam, stieg er
völlig genervt aus seinem Auto aus. „Na, Stress gehabt?“ Er bejahte: „Da
haben die Idioten doch glatt eine Spur der Ahrensburger Straße abgesperrt
und arbeiten nicht einmal! Ich stand fast eine Stunde im Stau!“ Ich
grinste nur: „Naja, die S-Bahn hat ja auch ab und zu Verspätung. Schönen
Abend noch.“
Eines Abends, ich kam gerade mit dem Fahrrad von Freunden nach hause, traf
ich wieder den Nachbarn. „Guten Abend, auch noch so spät unterwegs?“, „Ja“
sagte er, „Ich komme vom Fitness-Center. Kennen Sie das neue oben in
Volksdorf?“ - „Ne“, sagte ich, „Fitness-Studio brauche ich nicht, ich
fahre ja Fahrrad.“ Doch Herr Nachbar schüttelte nur seinen Kopf über mich
Sonderling.
Dann war Samstag und meine Frau und ich liefen gerade mit unserer
Einkaufskarre ins Einkaufzentrum auf der anderen Seite des Bahnhofs. Auch
Familie Nachbar stieg gerade ins Auto. „Guten morgen!“ „Ja, wünschen wir
auch, und ein schönes Wochenende!“. Auf der anderen Seite angekommen
schlenderten wir quer über den Wochenmarkt, und gleich hinten wieder raus,
erstmal in den Supermarkt Getränke kaufen, das Schwere nach unten. Als wir
dabei an der Auffahrt zum rückwärtig gelegenen Parkhaus ankamen, fuhr auch
gerade Familie Nachbar die Rampe rauf. Huch, sind Autos etwa doch nicht
schneller?
Endlich war die Urlaubszeit gekommen. Und Familie Nachbar packte gerade
ihr Gepäck ein. Herr Nachbar grinste: „Na, wie hätten sie all dies Gepäck
mit ihren Zügen in Urlaub mitgenommen?“ Doch ich fragte mich nur, wieso
man überhaupt soviel Gepäck braucht, was ich ihm auch sagte. Er schüttelte
nur wieder seinen Kopf. „Wie lange fährt man denn so mit der Bahn in den
Bayrischen Wald?“ fragte er noch, Interesse vortäuschend. „So 8-10
Stunden, je nachdem wo genau man hin will.“ sagte ich. Doch er prahlte:
„Naja, mehr als 6 Stunden werden wir mit dem Wagen kaum brauchen, 180
Sachen fährt der locker.“
Zwei Wochen später waren sie wieder da, spät abends kamen sie in die
Einfahrt gefahren, zufällig als ich gerade mit dem Fahrrad von einer
Veranstaltung heimkam. Als Familie Nachbar ausstieg, sah ich es sofort:
total gestresst! „Hey, was ist los, keinen guten Urlaub gehabt, Sie sehen
ja so gestresst aus!“ - Herr Nachbar stöhnte: „Stau! Das können sie sich
nicht vorstellen! Den ganzen Tag saßen wir im Auto, dabei sind wir schon
so früh losgefahren. 16 Stunden für die Strecke, dabei fährt man die sonst
locker in 6 Stunden.“ Ich dachte nur: „Wann ist ‚sonst‘?“ doch erwiederte:
Nächtes mal vielleicht doch den Zug nehmen, die Kinder haben Bewegung, die
Eltern keinen Stress und in schneller wärs’ auch gewesen" - Herr Nachbar
guckte grimmig und sagte nochmal: „Aber all das Gepäck!“
An einem Sonntag-Nachmittags traf ich Herrn Nachbar dann wieder: Ich
wollte mit meiner Tochter zum Mittelalterfest an den Öjendorfer See, und
wie der Zufall es wollte, Herr Nachbar mit seinem Sohnemann auch. Nach
kurzem Gruß und witzeln darüber, wer wohl schneller dort wäre, sie mit dem
Auto oder wir mit dem Fahrrad. Sie packten noch ein, wir fuhren schon los.
Doch keinen halben km später überholten sie uns grinsend. Eine Stunde
später, meine Tochter ist auf ihrem kleinen Fahrrad noch nicht so flink,
fuhren wir über die Autobahnbrücke an einer langen Schlange Autos vorbei.
Und siehe da, unser Herr nachbar stand auch noch vor dem Parkplatz. Alle
Parkplätze voll? Herr Nachbar rief mir noch zu: „Schließlich waren wir
noch tanken!“ - als wenn mich das wirklich interessieren würde. Mit dem
Fahrrad fuhren wir dann jedenfalls weiter durch den Park, grinsend und
wissend, dass Herr Nachbar und sein Sohnemann, dieses Stück laufen dürfen,
vorausgesetz, die finden einen Parkplatz.
Ein paar Tage später wunderte ich mich dann aber doch sehr: Da saß der
Herr Nachbar neben mir in der S-Bahn. „So ein Idiot ist mir in den Wagen
gefahren! Das ist nun ein Ärger mit Versicherung, Werkstatt etc. und auf
den Verkehrsunfalldienst haben wir eine geschlagene Stunde gewartet!“
schimpfte er, und: „Und dann behauptet der Idiot noch, ich hätte ihm die
Vorfahrt genommen“. Ich dachte nur leise, „Da geht sie hin, die gesparte
Zeit.“ und sagte: „Na, dann lernen Sie ja nun auch mal die Vorzüge des
ÖPNV kennen.“ Er grummelte.
Auch am nächsten Tag fuhr er noch mit der Bahn und grummelte wieder: „Ach,
heute Nachmittag kann ich endlich den Wagen wieder abholen, aber die
Werkstatt liegt ja so blöde abseits, mit dem Bus bin ich da locker eine
halbe Stunde unterwegs. Ich sags ja, mit dem Auto ist’s schneller.“ Ich
dachte nur: „Hallo! Ohne Auto wäre die Fahrt gar nicht nötig gewesen.“
Verkneife mir aber, etwas zu sagen, denn das zählt ja nicht.
Doch am nächsten Tag sitzt Nerr Nachbar wieder mit mir in der S-Bahn und
ich gucke fragend. „Achs-Schaden! Der Wagen ist hin, sagt die Werkstatt.“
Wir werden uns wohl nach einem neuen umsehen müssen. Die nächsten drei
Samstage, Familie Nachbare während der Zeit also mit Fahrrad, Bus und Bahn
unterwegs, sahen wir Nachbars täglich nach dem Einkauf auf Tour gehen. Da
wurden wir neugierig: „Na, kleiner Ausflug?“ - Doch Herr Nachbar stöhnt:
„Nein, wir suchen jetzt schon seit Wochen, Samstag für Samstag, nach einem
neuen Wagen. Klappern einen Händler nach dem anderen ab, es ist schon ein
Kreuz.“ - doch ich denke nur: „Aha, wieder wird ein Auto für ein Problem
gebraucht, was man ganz ohne Auto gar nicht hätte.“
Doch schon in der kommenden Woche stand der neue Wagen vor der Tür: Ein
Van mit 7 Sitzen. Doch schon eine Woche später, kaum von Einkaufen zurück,
setzte sich Herr Nachbar wieder in seinen Wagen. Ich sah gerade vom Balkon
herunter: „Na, der neue Wagen will genutzt werden?“ - „Nein, aber ich muss
zum Waschen, so ein neuer Wagen muss ja schließlich gepflegt werden.“ -
„Oups, wieder eine Stunde weg.“ dachte ich.
Und ich hätte mir fast einreden lassen, mit dem Auto spare man Zeit!

Und jucken tut der uns eigentlich gar nicht mal soo oft - *grübel* wann war das eigentlich das letzte mal *malzudenDauerPlaudererndroh*?? Ansonsten „verschwinden“ die Postings wie in den meisten anderen Brettern ja auch nach ner Zeit im Archiv. Wenn Du hier im Brett mal runterscrollst werden die Überschriften einiger Artikel in grauer Farbe dargestellt und dahinter steht ein rotes A (wie Archiv). Das heißt dann, das die Artikel inzwischen ins Archiv gewandert sind.