Weihnachten gesucht

Von: , Frage gestellt am Do, 7. Nov 2002

Hallo,
kennt jemand ganz kurze storys zum thema "weihnachten" (max. 12-15 Zeilen).
muss aber anspruchsvoll sein, also am liebsten von bekannten schriftstellern oder so.
und es darf nicht komisch sein.
danke für alle konkreten ideen, hinweise oder links.
hbx

3 Antworten zu dieser Frage

  1. Antwort von nach 10 Stunden hilfreich
    wie wär's mit Loriot

    Advent
    (von Loriot)

    Advent
    Es naut die Blacht . . . Verzeihung!
    Advent
    Es blaut die Nacht, die Sternlein blinken
    Schneeflöcklein leis' herniedersinken.
    Auf Edeltännleins grünem Wipfel
    häuft sich ein kleiner, weißer Zipfel.
    Und dort, vom Fenster her, durchbricht
    den tunklen Tann ein warmes Licht.
    Im Forsthaus kniet bei Kerzenschimmer
    die Försterin im Herrenzimmer.
    In dieser wunderschönen Nacht
    hat sie den Förster umgebracht.
    Er war ihr bei des Heimes Pflege
    seit langer Zeit schon sehr im Wege.
    Drum kam sie mit sich überein:
    Am Niklasabend muss es sein.

    Und als das Rehlein ging zur Ruh'
    das Häslein tat die Augen zu,
    erlegte sie - direkt von vorn -
    den Gatten über Kimm' und Korn.
    Vom Knall geweckt rümpft nur der Hase
    zwei, drei, viermal die Schnuppernase
    und ruhet weiter süß im Dunkeln
    derweil die Sterne traulich funkeln.

    Und in der guten Stube drinnen,
    da läuft des Försters Blut von hinnen.
    Nun muss die Försterin sich eilen,
    den Gatten sauber zu zerteilen.
    Schnell hat sie ihn bis auf die Knochen
    nach Waidmannssitte aufgebrochen.
    Voll Sorgfalt legt sie Glied auf Glied,
    was der Gemahl bisher vermied,
    behält ein Teil Filet zurück
    als festtägliches Bratenstück
    und packt darauf - es geht auf vier -
    die Reste in Geschenkpapier.

    Da tönt's von fern wie Silberschellen,
    im Dorfe hört man Hunde bellen.
    Wer ist's, der in so später Nacht
    im Schnee noch seine Runden macht?
    Knecht Ruprecht kommt mit goldnem Schlitten
    auf einem Hirsch herangeritten.
    "He, gute Frau, habt Ihr noch Sachen,
    die armen Menschen Freude machen?"

    Des Försters Haus ist tief verschneit,
    doch seine Frau ist schon bereit:
    "Die sechs Pakete, heilger Mann,
    's ist alles, was ich geben kann."

    Die Silberschellen klingen leise,
    Knecht Ruprecht macht sich auf die Reise.
    Im Försterhaus die Kerze brennt,
    ein Sternlein blinkt - es ist Advent!

  2. Antwort von nach 14 Stunden hilfreich
    Re: Weihnachten gesucht

    Hallo hbx,

    mit ganz kurz wird es wohl nix; aber die hier sind garantiert nicht komisch:

    Kurz: Die vier Kerzen (Autor unbekannt)
    http://www.wer-weiss-was.de/cgi-bin/forum/showarchiv...

    Lang: Das Paket des lieben Gottes von Bert Brecht
    http://www.wer-weiss-was.de/cgi-bin/forum/showarchiv...

    Die hier finde ich auch sehr schön:

    Einsam am Heiligen Abend von Herman Bang (war ein dänischer Schriftsteller)

    Jedesmal wenn Weihnachten kommt, muß ich an Herrn Sörensen denken. Er war der erste Mensch in meinem Leben, der ein einsames Weihnachtsfest feierte, und das habe ich nie vergessen können.

    Herr Sörensen war mein Lehrer in der ersten Klasse. Er war gut. Im Winter bröselte er sein ganzes Frühstücksbrot für die hungrigen Spatzen vor dem Fenster zusammen. Und wenn im Sommer die Schwalben ihre Nester unter den Dachvorsprung klebten, zeigte er uns die Vögel, wie sie mit hellen Schreien hin und her flogen. Aber seine Augen blieben immer betrübt.

    Im Städtchen sagten sie, Herr Sörensen sei ein wohlhabender Mann. "Nicht wahr, Herr Sörensen hat Geld?" fragte ich einmal meine Mutter. "Ja, man sagt's." - "Ja ... ich hab' ihn einmal weinen sehen, in der Pause, als ich mein Butterbrot holen wollte ..." "Herr Sörensen ist vielleicht so betrübt, weil er so allein ist", sagte meine Mutter. "Hat er denn keine Geschwister?" fragte ich. "Nein - er ist ganz allein auf der Welt..."

    Als dann Weihnachten da war, sandte mich meine Mutter mit Weihnachtsbäckereien zu Herrn Sörensen. Wie gut ich mich daran erinnere. Unser Stubenmädchen ging mit, und wir trugen ein großes Paket, mit rosa Band gebunden, wie die Mutter stets ihre Weihnachtspäckchen schmückte.

    Die Treppe von Herrn Sörensen war schneeweiß gefegt. Ich getraute mich kaum einzutreten, so rein war der weiße Boden. Das Stubenmädchen überbrachte die Grüße meiner Mutter. Ich sah mich um. Ein schmaler hoher Spiegel war da, und rings um ihn, in schmalen Rahmen, lauter schwarzgeschnittene Profile, wie ich sie nie vorher gesehen hatte. Herr Sörensen zog mich ins Zimmer hinein und fragte mich, ob ich mich auf Weihnachten freue. Ich nickte. "Und wo wird Ihr Weihnachtsbaum stehen, Herr Sörensen?" - "Ich? Ich habe keinen, ich bleibe zu Hause."

    Und da schlug mir etwas aufs Herz beim Gedanken an Weihnachten in diesem "Zuhause". - In dieser Stube mit den schwarzen kleinen Bildern, den schweigenden Büchern und dem alten Sofa, auf dem nie ein Mensch saß - ich fühlte das Trostlose, das Verlassene in dieser einsamen Stube, und ich schlug den Arm vors Gesicht und weinte.

    Herr Sörensen zog mich auf seine Knie und drückte sein Gesicht an meines. er sagte leise: "Du bist ein guter, kleiner Bub." Und ich drückte mich noch fester an ihn und weinte herzzerbrechend.

    Als wir heimkamen, erzählte das Stubenmädchen meiner Mutter, ich hätte gebrüllt. Aber ich schüttelte den Kopf und sagte: "Nein, ich habe nicht gebrüllt. Ich habe geweint. Und weißt du, ich habe deshalb geweint, weil nie jemand zu Herrn Sörensen kommt. Nicht einmal am Heiligen Abend..."

    Später, als wir in eine andere Stadt zogen, verschwand Herr Sörensen aus meinem Leben. Ich hörte nie mehr etwas von ihm. Aber an jenem Tag, als ich an seiner Schulter weinte, fühlte ich, ohne es zu verstehen, zum ersten Male, daß es Menschen gibt, die einsam sind. Und daß es besonders schwer ist, allein und einsam zu sein an Weihnachten.

    Oder Am Weihnachtsmorgen 1772 (Brief von Goethe an Johann Christian Kestner)

    Frankfurt, den 25. Dezember 1772
    Christtag früh. Es ist noch Nacht, lieb er Kestner, ich bin aufgestanden, um bei Lichte morgens wieder zu schreiben, das mir angenehme Erinnerungen voriger Zeiten zurückruft; ich habe mir Coffee machen lassen, den Festtag zu ehren, und will euch schreiben, bis es Tag ist. Der Türmer hat sein Lied schon geblasen, ich wachte darüber auf. Gelobet seist du, Jesus Christ! Ich hab diese Zeit des Jahrs gar lieb, die Lieder, die man singt, und die Kälte, die eingefallen ist, macht mich vollends vergnügt. ich habe gestern einen herrlichen Tag gehabt, ich fürchtete für den heutigen, aber der ist auch gut begonnen, und da ist mir's fürs Enden nicht angst.

    Der Türmer hat sich wieder zu mir gekehrt; der Nordwind bringt mir seine Melodie, als blies er vor meinem Fenster. Gestern, lieber Kestner, war ich mit einigen guten Jungens auf dem Lande; unsre Lustbarkeit war sehr laut und Geschrei und Gelächter von Anfang zu ende. Das taugt sonst nichts für de kommende Stunde. Doch was können die heiligen Götter nicht wenden, wenn's ihnen beliebt; sie gaben mir einen frohen Abend, ich hatte keinen Wein getrunken, mein Aug war ganz unbefangen über die Natur. Ein schöner Abend, als wir zurückgingen; es ward Nacht. Nun muß ich Dir sagen, das ist immer eine Sympathie für meine Seele, wenn die Sonne lang hinunter ist und die Nacht von Morgen heraus nach Nord und Süd um sich gegriffen hat, und nur noch ein dämmernder Kreis von Abend herausleuchtet. Seht, Kestner, wo das Land flach ist, ist's das herrlichste Schauspiel, ich habe jünger und wärmer stundenlang so ihr zugesehn hinabdämmern auf meinen Wanderungen. Auf der Brücke hielt ich still. Die düstre Stadt zu beiden Seiten, der stilleuchtende Horizont, der Widerschein im Fluß machte einen köstlichen Eindruck in meine Seele, den ich mit beiden Armen umfaßte. Ich lief zu den Gerocks, ließ mir Bleistift geben und Papier und zeichnete zu meiner großen Freude das ganze Bild so dämmernd warm, als es in meiner Seele stand. Sie hatten alle Freude mit mir darüber, empfanden alles, was ich gemacht hatte, und da war ich's erst gewiß, ich bot ihnen an, drum zu würfeln, sie schlugen's aus und wollen, ich soll's Mercken schicken. Nun hängt's hier an meiner Wand und freut mich heute wie gestern. Wir hatten einen schönen Abend zusammen, wie Leute, denen das Glück ein großes Geschenk gemacht hat, und ich schlief ein, den Heiligen im Himmel dankend, daß sie uns Kinderfreude zum Christ bescheren wollen.

    Als ich über den Markt ging und die vielen Lichter und Spielsachen sah, dacht ich an euch und meine Bubens, wie ihr ihnen kommen würdet, diesen Augenblick ein himmlischer Bote mit dem blauen Evangelio, und wie aufgerollt sie das Buch erbauen werde. Hätt ich bei euch sein können, ich hätte wollen so ein Fest Wachsstöcke illuminieren, daß es in den kleinen Köpfen ein Widerschein der Herrlichkeit des Himmels geglänzt hätte. Die Torschließer kommen vom Bürgermeister und rasseln mit den Schlüsseln. Das erste Grau des Tags kommt mir über des Nachbarn Haus, und die Glocken läuten eine christliche Gemeinde zusammen. Wohl, ich bin erbaut hier oben auf meiner Stube, die ich lang nicht so lieb hatte als jetzt.

    Ansonsten: fütter doch mal http://www.google.de mit dem Stichwort Weihnachtsgeschichten und Du dürftest von Links geradezu erschlagen werden.

    Beste Grüße

    Tessa

    PS. Oder selbst schreiben! ;-)

  3. Antwort von nach einem Tag hilfreich
    Weihnachtselfen gibt es nicht

    Ein lautes Klappern unterbricht seine wehmütigen und depressiven Gedanken. Das Geräusch kommt vom Wohnzimmerfenster. Es ist nur der stürmische Wind, in dieser bitterlich kalten Dezembernacht, denkt sich Ajk, schaut aber trotzdem neugierig zur anderen Seite des Zimmers hinüber. Eine menschenähnliche Gestalt sitzt draußen auf der Fensterbank und versucht sich angestrengt bemerkbar zu machen. Erschrocken steht Ajk von der Couch auf, geht hinüber und öffnet hektisch das Fenster, voller Angst, daß diese wahnsinnige Person gleich die Häuserfassade hinunter fallen könnte. Kalte, eisige, beißende Luft dringt rücksichtslos in den überheizten Raum. Sein ganzer Körper überzieht sich Blitz schnell mit einer Gänsehaut.
    "Bi...Bist du wahnsinnig? Was hast du hier im vierten Stock an meinem Fenster zu suchen?"
    Stottert er aufgeregt die zierliche, schlanke Frauengestalt an, die zu seiner Überraschung nur in einem luftigen, weißen, fast durchsichtigen Kleidchen eingehüllt ist.
    "Du bist doch Ajk?"
    "Ja! Warum? Warum interessiert dich das?"
    "Na dann bin ich hier schon richtig."
    Erwidert sie ohne weiter auf ihn einzugehen, breitet kleine, durchsichtige, flügelartige Schwingen aus, die augenblicklich zu summen beginnen und hüpft optimistisch mit einem fröhlichem Lächeln die Fensterbank in das Zimmer hinab. Ajk traut seinen Augen nicht, so etwas eigenartiges hat er noch nie gesehen. Natürlich, zierliche, blonde Mädchen mit großen, leuchtenden, blauen Augen und Schnee weißer Haut laufen zu Hauf auf der Straße herum, aber noch nie hat er eines mit Flügeln gesehen. Ohne einen klaren Gedanken fassen zu können, steht er regungslos vor ihr und starrt sie an.
    "Willst du nicht das Fenster schließen? Ich glaube dir ist kalt, Ajk.", sie kichert.
    "Ja, du hast Recht. Aber komm doch ruhig erst mal rein. Hättest von mir aus aber auch die Tür nehmen können!"
    Spottet Ajk verwirrt, folgt ihrer Anweisung, fläzt sich anscheinend gleichgültig und gefaßt, als wenn er das Interesse an diesem eigenartigen Besuch schon wieder verloren hätte, auf das Sofa zurück, gießt sich sein Glas mit Wein voll und kippt es in einem Zug runter.
    "Du sollst nicht so viel trinken Ajk!"
    "Wieso nicht? Ist doch alles was mir noch geblieben ist. Sauf doch einfach mit, mußt dir nur ein Glas aus der Küche holen.", grinst er, ignorant auf die leere Wand starrend, vor sich hin.
    "Nein danke, ich brauche nichts zu trinken. Ich lebe allein von Luft und guten Taten."
    "Gute Taten, gute Taten. Was willst du denn überhaupt da stellen. Ein Engel? Oder was?"
    "Kein Engel Ajk. Ich bin eine Weihnachtselfe."
    "Tje? Weihnachtselfe, was ist das denn? So was gibt es doch gar nicht!", belustigt er sich,
    "Wie wird man denn bitte so was?"
    "In dem man zu früh stirbt und noch ein paar gute Taten vollbringen muß, bevor man seine Ruhe findet.", erwidert sie etwas traurig.
    "Schon gut, tut mir leid. Was willst Du denn bei mir? Ich glaube hier gibt es nichts zu tun für dich!."
    "Und ob! Schau dich doch bloß mal an. Heute ist Heilig Abend und du, du sitzt hier wie ein Häufchen Elend, säufst wie ein Loch, Tag für Tag und bemitleidest dich selbst. Komm mal rüber zu mir, ich will Dir mal was zeigen."
    Etwas verschämt über seine Freche Art geht Ajk zu ihr hinüber.
    "Schau mal aus dem Fenster, auf die belebte Einkaufsstraße und sag mir was du siehst."
    "Was ich sehe? Kann ich dir sagen! Ich sehe lauter hektisch, gestreßte, selbstgefällige Menschen, die sich einen abquälen um für dieses peinliche Konsumfest noch in letzter Minute irgend ein Gerümpel zu kaufen, das meistens sowieso keiner braucht. Alles nur, damit sie mit ihrem tollen Geschenk Eindruck schinden können, um die gesamte Aufmerksamkeit ein mal im Jahr auf sich zu lenken. Am besten so teuer und so groß wie möglich. Der Wettstreit Konsumschlacht geht in die letzten Stunden. Widerlich!"
    Ajk zündet sich eine Kippe an, dreht sich zu ihr, um triumphierend einen Rauchkringel in das Gesicht der Elfe zu pusten.
    "Laß den Quatsch! Jetzt sag ich dir mal, wie du das hier betrachten könntest, wenn du deine peinliche ‘Die Welt ist schlecht, alle Menschen sind so schlecht’ These weg lassen würdest."
    "Ach, hör doch auf mit dem Mist. Was bedeutet schon dieses lächerliche Fest?"
    "Werde ich dir sagen. Es könnte auch für dich Glück und Zufriedenheit bedeuten. Schau her! Alles ist bunt beleuchtet. Die Bäume, die Häuser, alles voller Lichterketten, die einmal im Jahr diese triste Welt fröhlich gestalten. Die Leute sind herzlich, hilfsbereit und freuen sich auf den heutigen Abend. Was ist so falsch daran, den Personen, die man liebt, eine Freude zu bereiten? Siehst du nicht, wie die Kinder und Erwachsenen sich über den Nikolaus freuen, der dort drüben auf dem Weihnachtsmarkt steht und kleine Gaben verteilt? Siehst du nicht die Pärchen, die eng umschlungen Glühwein trinken und sich gegenseitig wärmen? Also ich sehe an diesem Abend viele glückliche, besinnliche Menschen."
    "Hör doch endlich auf! Du machst dir voll was vor. Kannst du dir nicht vorstellen, wie viele Menschen dort draußen unglücklich sind und nicht weiter wissen? Nicht umsonst gibt es an diesem Tag so viele Selbstmorde."
    "Unglücklich wie du stimmt’s? Nicht bereit etwas an ihrer Lage zu ändern. Nicht bereit, diesem angeblich depressiven Tag etwas positives ab zu gewinnen. Deshalb hast du auch noch nicht einmal einen Weihnachtsbaum."
    Nachdenklich schaut Ajk sich um. Sie hat Recht, er hat überhaupt nicht in Erwägung gezogen sich einen zu besorgen. Genau so, wie es ihm überflüssig vorkam irgend etwas aus diesen Feiertagen zu machen.
    "Ich werde es uns erst einmal etwas gemütlich machen, bevor wir uns ernsthaft unterhalten."
    Sagt die Elfe, breitet ihre Flügelchen aus, flattert graziös bis an die hohe Decke der Altbauwohnung, streckt die Arme aus und läßt sich langsam wieder zu Boden sinken, während zwischen ihren zarten Händen kleine schnuppenartige Sternchen in einem Schweif hin und her springen. Ein prachtvoller Weihnachtsbaum steht plötzlich mitten im Zimmer. Ajk traut seinen Augen nicht. Der Raum ist hell erleuchtet von all den kleinen Lichterketten, die sich rings herum von Ast zu Ast schwingen. Engelshaar nicht zu knapp und viele bunte, fröhliche, aber geschmackvolle Kugeln baumeln herunter. Von so einem Baum hat er immer geträumt, schon als Kind. Bis zur Decke reicht dieser, funkelt und glitzert prachtvoll, so daß Ajks Gesicht in einem leichten aber diesmal ehrlichen, unbeschwerten Lächeln erstrahlt. Seine Augen leuchten plötzlich auf, wie bei einem kleinen Sproß, der kurz vor der Bescherung steht.
    "Wow, Elfe! So was kannst du? Man Klasse, ich bin sprachlos."
    "Ja, so was kann ich. Das ist mein kleines Geschenk für dich!", erwidert sie stolz.
    Erst dieses Jahr wurden ihr solch kleine Kunststücke vom Chef beigebracht. Doch sie hat noch nie so einen großartigen Baum hinbekommen. Meist waren sie klein, nicht gerade hübsch, manchmal sogar ziemlich verkrüppelt.
    "Naja, bild Dir mal nichts ein, bißchen kitschig ist er ja schon!", kontert Ajk, als er ihre Zufriedenheit bemerkt.
    "Dann kannst du mir doch bestimmt auch meine Exfreundin wieder herzaubern. Das kannst du doch? Sag schon Elfe! Kannst Du oder kannst Du nicht? Bitte, bitte, das wäre mein größter Wunsch."
    Fleht er hoffnungsvoll, während sich beide wieder auf das Sofa setzen.
    "Tut mir leid, das darf ich nicht. Es ist mir verboten, die Gefühle der Menschen zu manipulieren."
    Das ihr solch große Taten auch gar nicht beigebracht wurden verschweigt sie ihm.
    "Verdammt...", wird er jetzt wütend und ausfallend "...warum bist du dann überhaupt hier, was willst du denn von mir? Laß mich doch lieber weiter trauern und nachdenken. Ich habe dich nicht her bestellt. Hau doch ab!"
    Tränen laufen ihm über die Wangen, sein schluchzen kann er nun nicht mehr zurückhalten, doch die Elfe geht nicht sondern nimmt Ajk in den Arm, drückt ihn und versucht seinen Gemütszustand wieder zu besänftigen.
    "Ist schon gut Ajk. Darum bin ich hier, um dir ein bißchen Wärme zu geben und Gesellschaft zu leisten, damit du nicht so alleine bist an dem heutigen Tag. Ich möchte dir klar machen, daß es dir nicht alleine so geht. Viele Menschen dort draußen empfinden die selbe Leere und Einsamkeit wie du."
    "Entschuldige Elfe, ich wollte dich nicht so anfahren. Deine Umarmung tut mir gut, das hat schon lange keiner mehr bei mir gemacht. Die meisten verstehen mich einfach nicht, sagen solche Sachen wie ‘Das wird schon wieder’ oder ‘Es gibt so viele hübsche Mädchen da draußen, da wirst du doch dieser einen nicht so lange nachtrauern’, ‘Amüsier dich und nimm was du kriegen kannst’, so einen Mist muß man sich immer anhören. Verstehst du? Das ist nicht gerade ein Trost."
    Plötzlich klingelt das Telefon. Er nimmt den Hörer ab. Am anderen Ende der Leitung spricht sein bester Freund.
    "Hey Ajk, wir wollen nach dem Fest noch in die Disco ein bißchen Party machen. Kommst Du mit?"
    "Wer ist denn alles dabei?"
    "Bis jetzt Pit, Ulbi, Kummi und meine Freundin. Los, du mußt mal raus, dich ablenken."
    "Neee Christian, ist nett gemeint. Heute ist mir nicht danach. Außerdem habe ich seltenen Besuch."
    "Na gut, vielleicht ein anderes mal. Frohe Weihnachten Ajk!"
    "Dir auch Christian und feiere schön mit Madlen und den anderen."
    "Mach ich!"
    Trällert Christian fröhlich durchs Telefon und legt auf.
    "Wo waren wir stehen geblieben Elfe?"
    "Du wolltest dich mir gerade öffnen."
    "Ach ja. Zum Thema öffnen fällt mir ein, Sex hatte ich auch schon eine Ewigkeit nicht mehr. Du hast eine geile Figur, einen süßen Hintern, schöne Brüste und siehst einfach süß aus. Wollen wir nicht mit einander schlafen? Also ich hätte schon Lust und meiner Stimmung würde es bestimmt auch nicht schaden."
    Grinst Ajk verschämt und wird Feuerrot im Gesicht, erschrocken über seine Worte, die eigentlich nur spaßig gemeint waren.
    "Nein, wollen wir nicht!", erwidert sie schroff.
    "Da hättest du mehr Spaß, wenn du mit einem unbeteiligtem Brett fickst! Du würdest überhaupt nichts fühlen bei mir. Verstehst du nicht? Ich bin tot und existiere eigentlich gar nicht mehr."
    "Oh man, ist mir das peinlich, entschuldige. Das ist mir nur so raus gerutscht."
    "Ja, ja, typisch Männer. Irgendwie hakt es bei Euch immer aus. Außerdem könntest du es bitter bereuen, wenn morgen plötzlich deine Exfreundin wieder vor der Tür stehen würde."
    "Du hast Recht Elfe, du hast Recht. Das würde ich. Aber sie kommt nun einmal nicht zurück. Verstehst Du? Nie wieder und ich bin Schuld. Ständig diese Schuldgefühle und diese ‘was wäre wenn’ Gedanken, und, und, und... . Es macht einen fertig, es frißt einen auf."
    "Du denkst viel zu viel nach. Schuld haben immer beide. Naja, meistens."
    "Versteh doch! Erst wartet und sucht man Jahre lang nach der Einen, nach der Richtigen. Plagt sich mit Selbstzweifeln und Unsicherheiten, Tag für Tag, Nacht für Nacht. Dieses Gefühl, das man als einsamer Mensch hat ist die Hölle, ich ertrage das nicht. Man ist zwar nicht allein, aber doch irgendwie einsam. Irgendwann gibt man die Hoffnung schon fast auf und dann steht sie plötzlich vor einem, die große Liebe."
    "Ja..., so ist das.", seufzt die Elfe nachdenklich.
    "Und dann? Ja, und dann wird man nach einer langen, glücklichen Zeit leichtsinnig, vergißt diese schweren Jahre vorher, streicht sie aus seinem Gedächtnis, wird dadurch nachlässig, unzufriedener und zu selbstsicher. Dieser Satz ‘Ich liebe dich’ ist gefährlich, das sag ich dir. Man wiegt sich in Sicherheit und fängt an sich gehen zu lassen, Fehler zu machen, ohne über die Folgen nachzudenken."
    Beide schweigen kurz. Draußen auf der Straße sind Stimmen zu hören, vereinzelt vorbeifahrende Autos und Musik ertönt von dem Weihnachtsmarkt auf der anderen Straßenseite.
    "Ja, ich glaub das waren meine größten Fehler Elfe. All das, was mich aus gemacht hat, für das sie mich geliebt hat, war irgendwann weg. Einfach weg! Es war ein schleichender Prozeß der Gewohnheit, den ich nicht einmal bemerkt habe oder zu bequem wurde, um ihn merken zu wollen. Naja und dann, dann kam es wie es kommen mußte. Sie liebt mich nicht mehr, hat sie gesagt. Sie liebt mich nicht mehr! Das war wie ein Schlag ins Gesicht, war das Härteste und Schmerzhafteste, was ich mir je anhören mußte. Bei keinem Satz, den ich je zuvor gehört habe, schnürte sich mein Körper so zusammen wie in diesem Moment. Und dann war sie weg und alles war dahin. Scheiße, so war das."
    Die ganze Zeit, während seiner Schilderung, starrte er auf den Weihnachtsbaum. Als Ajk sich nun umdreht, sieht er, wie die Elfe den Tränen nahe ist.
    "Was ist los? Dafür, daß du eigentlich gar nicht existierst, scheinst du aber ganz schön Gefühlvoll zu sein? Gibt’s da auch jemanden in deiner Vergangenheit? Lebt der noch?"
    "Ja..", schluchzt sie immer noch "...ja, gibt es. Er sitzt vor mir und ich wollte ihn noch einmal sehen, bevor ich endgültig gehen muß."
    "Waaaaaas? Meinst du etwa mich? Oh Gott, wie kann das sein?"
    "Nein Quatsch, wollt dich auch nur mal schocken!"
    Sie versucht sich ein Lächeln raus zu quälen.
    "Du bist mir eine. Naja, eins zu eins. Auf die Rache der Frau muß man halt immer gefaßt sein. Aber jetzt erzähl doch mal. Was ist denn nun mit dem? Wie geht’s ihm und siehst du ihn manchmal noch?"
    "Ja schon, aber er kann mich nicht sehen oder bemerken."
    "Warum? Ich kann es doch auch?"
    "Ja, das ist nur Menschen vorbehalten, bei denen ich einen Auftrag zu erfüllen habe. Ein paar Jahre ist es nun schon her, daß ich meinen tödlichen Unfall hatte. Manchmal fliege ich an sein Fenster. Aber nur manchmal, weil es mir selber weh tut. Dann schaue ich nach ihm, wie es ihm so geht."
    Schnell füllt er sein Glas, zündet sich eine Zigarette an und fragt neugierig,
    "Wie geht es ihm? Sag schon! Hat er sich je von diesem schweren Schicksal erholen können?"
    Traurig dreht sie sich weg und hält kurz inne. Ajk fühlt sich ein wenig unbehaglich. Vielleicht hätte er das nicht aufwühlen sollen. Schließlich war sie doch gekommen um ihm zu zu hören. Doch dann fängt sich die zierliche, gebrechliche Gestalt wieder und erzählt weiter.
    "Erholen. Weiß nicht so richtig. Eine neue Freundin hat er zwar seit einiger Zeit, aber so richtig glücklich, so wie wir es damals waren ist er glaube ich nicht. Nein, das ist er nicht. Er hat das alles nie richtig überwunden. Ich kenne ihn gut, sehr gut und das spüre ich einfach. Vielleicht wird es ja auch nie wieder so für ihn. Die erste große Liebe ist eben doch was ganz besonderes. Die stärkste, innigste Liebe überhaupt, denke ich. Unabhängig davon, scheitert es bei den meisten ja schon aus dem Grund, daß sie das Gefühl in sich tragen etwas zu verpassen."
    "Das denke ich auch. Alles was nach der ersten großen Liebe kommt ist nicht mehr das Selbe. Manchmal deprimiert mich der Gedanke, daß sich solch starke Gefühle vielleicht nie wieder bei mir einstellen werden. Nichts ist mehr 100 prozentig neu, nichts ist mehr 100 prozentig unverfälscht und unentdeckt. Man kann nicht mehr so stark und frei fühlen, ist beeinflußt und beeinträchtigt."
    "Naja, ich weiß nicht, ob man das so allgemein sagen kann..."
    Ihr Gespräch wird unterbrochen, als es laut und anhaltend an der Wohnungstür klingelt. Ajk springt erschrocken von dem Sofa. Er hat doch niemanden eingeladen? Und seinen Freunden hat er doch ausdrücklich gesagt, daß aus der Disco heute nichts wird. Wer kann das sein? Hilfesuchend wendet sich sein Blick auf die andere Seite, dort hin, wo die Elfe saß. Sie ist weg, einfach weg. Das Fenster klappert wie am Anfang ihrer Begegnung. Doch sie ist es diesmal nicht. Es ist angelehnt, schlägt leicht auf und zu von dem kalten Dezemberwind. Wo ist sie nur hin? Nicht einmal verabschiedet hat sich dieses eigenartige Wesen, dabei hat er die Elfe gerade so lieb gewonnen.
    "Ajk, Ajk bist du da?", ruft eine Frauenstimme von der anderen Seite der Tür, klopft und klingelt wieder.
    "Ja, komme schon. Moment, mußt mir ja nicht gleich die Tür einrennen."
    Noch etwas betreten öffnet er und traut seinen Augen nicht. Sie ist es. Gott! Seine verlorene Liebe ist wieder da. Ein langer, feuchter Zungenkuß läßt nun keine Zweifel für ihn mehr übrig. Sie ist wieder zurückgekommen.
    "Die Elfe hatte Recht, ich hätte es bereut. Du bist wieder da, ich bin so glücklich. Du bist wieder da. Ich liebe dich."
    Stammelt er verwirrt, völlig überwältigt von den Ereignissen, den Gefühlen die über ihn einstürzen.
    "Ajk, Hasi, was redest du da? Wieso wieder da? Was für eine Elfe?"
    "Na die Elfe. Sie hat mich getröstet, weil ich so großen Liebeskummer wegen Dir hatte und sie hat mir sogar einen Weihnachtsbaum gezaubert. Schau hin, so einen schönen Baum hast du noch nie gesehen!"
    Durcheinander von seiner Geistesabwesenheit sieht sie um die Ecke, zu dem großen, prachtvoll leuchtenden Weihnachtsbaum.
    "Hasi? Was redest du da? Weihnachtselfen gibt es nicht!"
    "Doch, sie war hier, vorhin, noch bevor du an der Tür geklingelt hast."
    "Ajk, den Baum haben wir gestern zusammen aufgestellt und geschmückt! Kannst du dich denn nicht mehr daran erinnern wie viel Spaß wir dabei hatten? Und außerdem war ich doch nur eine Stunde weg, ein paar Besorgungen machen. Was erzählst du da für einen Blödsinn. Du mußt geträumt haben. Ich habe doch nur meinen Schlüssel vorhin vergessen, deshalb mußte ich jetzt klingeln."
    Ajk läßt sich schlaff auf einen Stuhl sinken, der neben der Gadrobe steht. Der Versuch seine Gedanken zu sortieren gelingt ihm nicht ganz. Verschlafen fühlt er sich wahrhaftig.
    "Aber, aber du hast mich doch vor Monaten verlassen?"
    "Hasi, ich liebe dich doch. Du erschienst mir zwar in den letzten Wochen etwas nachlässig, aber verlassen habe ich dich nicht. Ich wollte dich jetzt nur schnell abholen, damit wir zusammen auf den Weihnachtsmarkt gehen bevor er nachher schließt, um einen Glühwein zu trinken. Oder auch zwei, drei, wie du möchtest. So wie früher, weißt du das denn nicht mehr? Das haben wir doch immer gemacht. Und sag bitte nicht schon wieder, daß du keine Lust dazu hast!"
    Ajk schaut stolz zu ihr auf, stolz so eine tolle Freundin zu haben, lächelt sie zufrieden an, steht auf und zieht sich seinen Mantel über.
    "Komm Mausi, wir gehen! Ich werde garantiert nie wieder zu dir sagen, daß ich zu irgend etwas keine Lust habe. Im Gespräch mit der Elfe ist mir das bewußt geworden, auch wenn es vielleicht nur ein Traum war."
    "Nicht nur vielleicht Ajk, es gibt keine Elfen!", wiederholt sie sich und streichelt ihm liebevoll über die Wange.
    Zärtlich greift er ihre Hand zieht sie schwungvoll und verliebt wie am ersten Tag aus der Wohnung, küßt sie auf den Mund und läßt die Tür hinter sich ins Schloß fallen.

    (Okay 12-15 Zeilen sind es nur wenn man ein DIN A0 Blatt nimmt)

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