Die schönste Liebesgeschichte der Welt

Die einsamen Lieder Laren Dorrs

von

George R.R. Martin

Es gibt ein Mädchen, das von Welt zu Welt wandert.

Sie hat graue Augen, bleiche Haut, so jedenfalls heißt es in der Geschichte, und ihr Haar ist ein pechschwarzer Wasserfall mit kaum merklichem rötlichem Schimmer. Um ihre Stirn trägt sie einen Reif aus brüniertem Metall, eine dunkle Krone, die ihr Haar zusammenhält und manchmal Schatten in ihre Augen wirft. Sie heißt Sharra, und sie weiß, wo die Tore sind.

Der Anfang der Geschichte ist uns verlorengegangen, genauso wie das Wissen über die Welt, von der sie stammt. Das Ende ist noch nicht, und wann es kommen wird, wissen wir nicht.

Wir kennen nur die Mitte, oder vielmehr auch davon nur ein kleines Stück, den winzigen Teil einer Legende, nicht mehr als ein Bruchstück des Ganzen. Eine kleine Geschichte aus der großen über die Welt, wo Sharra einmal Rast machte, und von dem einsamen Sänger Laren Dorr, und wie sie einander flüchtig trafen.

Eben noch hatte es bloß das Tal im Zwielicht gegeben. Die untergehende Sonne stand voll und violett hinter dem Kamm, und ihre Strahlen fielen schräg in den dichten Wald, dessen Bäume schwarze Stämme und farblose, geisterhafte Blätter hatten. Nur das Klagen der Trauervögel, die aus ihrem Tagesschlaf erwachten, und das Plätschern des Wassers in dem steinigen Bachbett, brachen die Stille des Waldes.

Da plötzlich kam Sharra, erschöpft und blutend durch ein unsichtbares Tor in die Welt Laren Dorrs. Sie trug ein schlichtes weißes, doch jetzt schmutzbeflecktes und verschwitztes Kleid und einen schweren Pelzumhang, den man ihr halb vom Rücken gerissen hatte. Ihr linker Arm, entblößt und schlank, blutete noch aus drei klaffenden Wunden. Am Ufer des Baches tauchte sie auf. Sie zitterte und warf einen schnellen, wachsamen Blick um sich, ehe sie sich niederkniete, um ihre Wunden zu säubern und zu versorgen. Trotz seines flinken Laufes war das Wasser von einem moorigen Grün. Unmöglich zu sagen, ob es schädlich war, aber Sharra war zu schwach und zu durstig. Sie trank und wusch ihren Arm so gut es ging in diesem zweifelhaften Wasser, verband ihre Wunden mit Streifen, die sie von ihrem Kleid riß. Als die purpurne Sonne allmählich hinter dem Kamm tiefer sank, kroch sie fort vom Bach zu einem geschützten Fleckchen zwischen den Bäumen, wo sie sofort in einen Schlaf der Erschöpfung fiel.

Sie erwachte, als sie Arme um sich spürte, starke Arme, die sie ohne Mühe hochhoben, um sie irgendwohin zu tragen. Sie wehrte sich dagegene. Aber die Arme hielten sie nur fester, daß sie sich nicht mehr rühren konnte. „Ruhig, ruhig“, sagte eine milde Stimme. Durch den aufsteigenden Nebel sah sie ein Männergesicht, länglich und irgendwie gütig. „Du bist geschwächt“, sagte der Mann, „ und die Nacht ist nahe. Wir müssen hinter den Mauern sein, ehe es dunkel wird.“

Sharra wehrte sich nicht mehr, obgleich sie wußte, daß sie es tun sollte. Sie hatte sich so lange gewehrt und war so müde. Sie schaute ihn verwirrt an. „Warum?“ fragte sie, und ohne auf seine Antwort zu warten: „Wer bist du? Wohin bringst du mich?“

„In Sicherheit“, erwiderte er.

„Heim zu dir?“ fragte sie, sich mühsam wach haltend.

„Nein“, antwortete er so leise, daß seine Stimme kaum zu hören war. „Kein Heim, nie ein Heim. Aber es erfüllt seinen Zweck.“ Sie hörte Platschen, als trüge er sie durch einen Bach, und weit vor ihnen, auf dem Kamm sah sie verwirrende Umrisse – eine Burg mit drei Türmen, die sich schwarz gegen die versinkende Sonne abhob. Merkwürdig, dachte sie, die war doch zuvor nicht da.

Sie schlief wieder ein.

Als sie erwachte, war er da. Er beobachtete sie. Sie lag unter weichen, warmen Decken in einem Himmelbett, dessen Vorhänge zurückgezogen waren. Ihr Gastgeber saß in einem großen Sessel im Schatten der Zimmerwand. Kerzenlicht spiegelte sich in seinen Augen. Er hatte das Kinn auf die gefalteten Hände gestützt. „Fühlst du dich besser?“ fragte er sie, ohne sich zu bewegen.

Sie setzte sich auf und bemerkte, daß sie nackt war. Schnell wie Mißtrauen, flinker als ihre Gedanken, fuhr ihre Hand zum Kopf. Aber die dunkle Krone war noch unberührt auf ihrem Haar, und ihr Metall drückte kühl gegen die Stirn. Sie entspannte sich, lehnte sich in die Kissen und zog die Decken über ihre Blöße hoch. „Viel besser“, antwortete sie. Und als sie es sagte, fiel ihr erst auf, daß ihre Wunden nicht mehr waren.

Der Mann lächelte sie an. Es war ein trauriges, sehnsüchtiges Lächeln. Er hatte ein starkes Gesicht, und sein schwarzes Haar fiel in sanften Locken über die dunklen Augen, die irgendwie größer waren, als sie sein sollten. Selbst im Sitzen war er groß, und schlank war er. Er trug einen Anzug und ein Cape aus weichem grauem Leder, und darüber fast greifbare Melancholie. „Wunden, von Klauen geschlagen“, murmelte er nachdenklich, während er lächelte. „Klauenwunden an deinem Arm, und deine Kleider fast vom Rücken gerissen. Jemand hat etwas gegen dich.“

„Etwas“, verbesserte ihn Sharra. „Ein Wächter. Ein Wächter am Tor.“ Sie seufzte. „Immer ist ein Wächter am Tor. Die Sieben mögen es nicht, wenn wir von Welt zu Welt wandern. Mich mögen sie am allerwenigsten.“

Seine Hände unter dem Kinn öffneten sich. Er stützte die Ellenbogen auf die Armlehnen. Er nickte, aber das sehnsüchtige Lächeln blieb. „So“, sagte er. „Du kennst die Sieben, und du kennst ihre Tore.“ Sein Blick flog zu ihrer Stirn. „Die Krone, natürlich. Ich hätte es mir denken können.“

Sharra lächelte ihn an. „Du weißt es jetzt. Wer bist du? Welche Welt ist das?“

„Meine Welt“, erwiderte er ruhig. „Tausendmal gab ich ihr einen Namen, doch keiner schien mir je der passende zu sein. Einmal fand ich einen, der mir gefiel, den ich für passend hielt. Aber ich habe ihn vergessen. Es ist schon so lange her. Mein Name ist Laren Dorr, oder er war es, einst, als ich Interesse an solchen Dingen hatte. Aber hier und jetzt erscheint es mir irgendwie dumm. Doch zumindest habe ich ihn nicht vergessen.“

„Deine Welt“, murmelte Sharra. „Bist Du ein König? Ein Gott?“

„Ja“, erwiderte Larren Dorr mit weichem Lachen. „Und mehr. Ich bin, was immer ich sein will. Es gibt niemanden, der es mir verwehren würde.“

„Was hast du mit meinen Wunden gemacht?“ fragte sie.

„Ich heilte sie.“ Er zuckte fast verlegen mit seinen Schultern. „Es ist meine Welt. Ich habe gewisse Kräfte. Vielleicht nicht die, die ich gerne hätte, aber doch immerhin einige.“

„Oh.“ Er schien sie nicht überzeugt zu haben.

Larren machte eine ungeduldige Geste. „Du hältst es nicht für möglich? Deine Krone, natürlich. Nun, das stimmt zur Hälfte. Ich könnte dir nichts Böses antun, nicht solange du diese Krone trägst. Aber helfen kann ich dir.“ Wieder lächelte er, und seine Augen wirkten weich und verträumt. „Aber es spielt keine Rolle. Selbst wenn ich es könnte, würde ich dir nicht weh tun, Sharra. Galube es mir. Es ist eine so lange Zeit.“

Das Mädchen starrte ihn erstaunt an. „Du kennst meinen Namen? Woher?“

Er stand lächelnd auf und schritt quer durch das Zimmer, um sich neben sie auf das Bett zu setzen. Er nahm ihre Hand in seine, ehe er antwortete, und streichelte sie mit dem Daumen. „Ja, ich weiß, wie du heißt. Du bist Sharra, die von Welt zu Welt wandert. Vor vielen Jahrhunderten, als die Berge noch eine andere Form hatten und die violette Sonne noch scharlachrot brannte, besuchten sie mich und sagten mir, daß du kommen würdest. Ich haßte sie, alle Sieben, und ich werde sie immer hassen, aber in jener Nacht hieß ich die Vision willkommen, die sie mir schenkten. Sie sagten mir nur, wie du heißt, und daß du hierher, auf meine Welt, kommen würdest. Und noch etwas. Doch das genügte. Es war ein Versprechen, das Versprechen eines Endes oder Anfangs oder einer Veränderung. Und jede Veränderung ist auf dieser Welt willkommen. Seit tausend Sonnenumläufen bin ich hier allein, Sharra, und jeder Umlauf dauert Jahrhunderte. Es gibt so wenig, das den Lauf der Zeit mißt.“

Sharra runzelte die Stirn. Sie schüttelte ihr langes schwarzes Haar, und im Kerzenschein leuchtete der Rotschimmer auf. „So sind sie mir so weit voraus?“ murmelte sie. „Wissen sie nicht, was geschehen wird?“ Sie war beunruhigt. „Was sagten sie dir noch?“ Sie blickte zu ihm auf.

Er drückte sanft ihre Hand. „Sie sagten mir, daß ich dich lieben würde.“ Immer noch klang seine Stimme traurig. „Aber das war keine erstaunliche Prophezeiung. Das hätte ich ihnen auch selbst sagen können. Vor langer, langer Zeit – damals war die Sonne, glaube ich, gelb – erkannte ich, daß ich jede Stimme lieben würde, die kein Echo meiner ist.“

Sharra erwachte im dämmernden Morgen, als helle Purpurstrahlen durch ein hohes Bogenfenster, das in der Nacht nicht hier gewesen war, in ihr Gemach fielen. Etwas zum Anziehen lag zur Auswahl für sie bereit: ein weites gelbes Gewand, ein rotes, juwelenbesetztes Kleid und ein waldgrüner Anzug. Sie entschied sich für den Anzug und kleidete sich schnell an. Ehe sie das Zimmer verließ, schaute sie zum Fenster hinaus.

Sie befand sich in einem Turm, der über zerfallene Steinzinnen und einen staubigen, dreieckigen Burghof ragte. Zwei weitere Türme, ein wenig krumm, mit konischen Spitzen, strebten an den anderen Zacken des Dreiecks auf. Der Wind spielte mit den Reihen von grauen Bannern entlang der Mauern, doch das war nicht die einzige Bewegung, die sie sehen konnte.

Jenseits der Burgmauern war nichts vom Tal zu erblicken, überhaupt nichts. Die Burg mit ihrem Hof und ihren krummen Türmen stand auf einem Berggipfel, und weit, weit entfernt ragten ebenfalls Berge, in allen Richtungen, in den Himmel. Sie boten ein Bild schwarzer Felswände, schroffer Zacken und glänzender Gletscherfelder, die violett schimmerten. Das Fenster war geschlossen, aber der Wind sah kalt aus.

Die Tür stand offen. Sharra begab sich schnell zu einer steinernen Wendeltreppe und über den Hof zum Hauptgebäude, einem niedrigen Holzbau, der sich an die Burgmauer schmiegte. Sie schritt durch zahllose Räume, manche kalt und leer, wenn man von der dicken Staubschicht absah, andere prächtig ausgestattet, ehe sie Laren Dorr beim Frühstück fand.

Ein freier Sessel stand gegenüber seinem. Der Tisch war mit Speisen und Getränken fast überladen. Sharra setzte sich und griff nach einem warmen Brötchen. Gegen ihren Willen lächelte sie. Laren lächelte zurück.

„Ich breche heute auf“, sagte sie zwischen zwei Bissen. „Es tut mir leid, Laren. Ich muß das Tor finden.“

Die Aura hoffnungsloser Melancholie hatte ihn nicht verlassen. „Das sagtest du mir vergangene Nacht“, erwiderte er seufzend. „Es sieht so aus, als hätte ich eine lange Zeit auf nichts gewartet.“

Es gab Braten verschiedener Art, vielerlei Brotsorten, Früchte, Käse und Milch. Sharra nahm sich von allem mit gesenktem Gesicht, um Larens Augen auszuweichen. „Es tut mir leid“, wiederholte sie.

„Bleib doch eine Zeitlang“, bat er. „Nur eine kurze Weile wenigstens. Du kannst es dir doch leisten, würde ich meinen. Gestatte mir, daß ich dir meine Welt zeige. Laß mich für dich singen.“ Seine großen dunklen und oh so müden Augen blickten sie flehend an.

Sie zögerte. „Nun – es dauert eine Weile, bis ich das Tor finde. Bleib solang an meiner Seite, aber schließlich werde ich gehen und dich verlassen müssen. Ich habe mein Versprechen gegeben. Du verstehst doch?“

Er lächelte und zuckte hilflos mit den Schultern. „Ja. Aber höre, ich weiß, wo das Tor ist. Ich kann es dir zeigen und dir so die Suche ersparen. Bleib bei mir, einen Monat zumindest – einen Monat, wie du die Zeit mißt. Dann bringe ich dich zum Tor.“ Er musterte sie nachdenklich. „Du jagst schon eine sehr lange Zeit hinter etwas her, Sharra. Vielleicht solltest du dich etwas ausruhen?“

Langsam, überlegend aß sie eine Frucht, ohne ihren Blick von Laren zu lassen. „Vielleicht hast du recht“, murmelte sie, nachdem sie das Für und Wider abgewägt hatte. „Und natürlich steht ein Wächter am Tor. Du könntest mir gegen ihn helfen. Ein Monat – das ist nicht so lange. Auf manchen Welten blieb ich länger als einen Monat.“ Sie nickte, und ein Lächeln zog allmählich über ihr Gesicht. „Ja“, sie nickte immer noch. „Das würde sich, glaube ich, schon machen lassen.“

Er berührte sanft ihre Hand. Nach dem Frühstück zeigte er ihr die Welt, die sie ihm gegeben hatten.

Seite an Seite standen sie auf einem kleinen Balkon, ganz oben am höchsten der drei Türme, Sharra in dunklem Grün, und Laren in Grau. Sie standen völlig reglos, aber Laren bewegte die Welt um sie. Er ließ die Burg über aufgewühlte Meere fliegen, wo sich lange schwarze Schlangenschädel neugierig aus dem Wasser schoben, um zu ihnen hoch zu schauen. Er bewegte sie durch gewaltige, widerhallende Höhlen unter der Oberfläche, die von sanftem Leuchten erhellt waren, und wo tropfende Stalaktiten die Türme streiften, und Herden blinder weißer Ziegen außerhalb der Brustwehr meckerten. Laren klatschte lächelnd, und dampfende Dschungel erhoben sich um sie; Bäume, die aneinander wie auf Gummileitern dem Himmel entgegenkletterten; titanische Blumen in allen nur erdenklichen Farben. Affen mit gewaltigen Fängen keckerten aufgeregt auf den Zinnen. Laren klatschte erneut. Die Zinnen waren wieder leer, und plötzlich war der Burghof feiner Sand, und sie befanden sich auf einem schier endlosen Strand an der Küste eines düsteren, grauen Ozeans, und die einzige Bewegung, die hier zu sehen war, kam von einem großen blauen Vogel mit hauchdünnen Membranflügeln über dem Wasser. All das zeigte Laren Sharra und noch viel mehr, und als sich schließlich an jedem Ort die Dunkelheit herabsenkte, brachte er die Burg zurück auf den Kamm über dem Tal. Sharra blickte hinab auf den Wald mit den schwarzstämmigen Bäumen, wo er sie gefunden hatte, und sie hörte das Klagen der Trauervögel zwischen den durchsichtigen Blättern.

„Das ist gar keine so schlechte Welt“, sagte sie und dreht sich auf dem Balkon um.

„Nein“, murmelte Laren. Er hatte seine Hände auf die kalte Steinbrüstung gestützt, und sein Blick hing an dem Tal unten. „Nein, gar nicht so schlecht. Ich erforschte sie einmal, zu Fuß, mit einem Schwert und einem Spazierstock. Es machte mir Freude, ja, es war richtiggehend aufregend. Hinter jedem Hügel lag etwas Neues.“ Er lachte. „Aber das ist schon so lange her. Jetzt weiß ich, was hinter jedem Berg zu finden ist – ein weiterer, leerer Horizont.“

Er sah sie an und zuckte auf seine ganz bestimmte Weise mit den Schultern. „Es gibt sicher schlimmere Höllen. Aber das hier ist meine.“

„Komm doch mit mir“, forderte sie ihn auf. „Gehen wir zum Tor und lassen das hier zurück. Es gibt so viele Welten. Vielleicht sind sie weniger fremdartig und weniger schön, aber du wirst nicht allein sein.“

Erneut zuckte er mit den Schultern. „Wie du es sagst, klingt es so einfach“, erwiderte er tonlos. „Ich habe das Tor gefunden, Sharra, und tausendmal versucht, von hier loszukommen. Der Wächter hält mich nicht auf. Ich trete durch das Tor, sehe flüchtig eine andere Welt, und plötzlich bin ich wieder im Burghof zurück. Nein, ich kann nicht von hier fort.“

Sie nahm seine Hand in ihre. „Wie schrecklich! So lange allein sein zu müssen! Du mußt sehr stark sein, Laren. Ich würde schon in ein paar Jahren den Verstand verlieren.“

Er lachte, aber es klang bitter. „O Sharra, auch mich übermannte schon tausendmal der Wahnsinn. Aber sie heilen mich, Liebste. Immer wieder heilen sie mich.“ Erneut zuckte er die Schulter und legte einen Arm um das Mädchen. Der Wind war kalt und wurde heftiger. „Komm, wir müssen hinter den Mauern sein, ehe die Dunkelheit ganz hereinbricht.“

Sie stiegen zu ihrem Turmschlafgemach hoch und setzten sich nebeneinander auf ihr Bett. Dann brachte Laren zu essen, rösch gebratenes Fleisch, das innen noch roh war, heißes Brot und Wein. Sie aßen und unterhielten sich.

„Weshalb bist du hier?“ fragte sie ihn zwischen zwei Bissen. „Wie hast du ihren Zorn herabbeschworen? Wer warst du früher?“

„Ich kann mich kaum noch erinnern, außer in meinen Träumen“, erwiderte er. „Und die Träume – es ist so lange her, daß ich nicht einmal mehr weiß, welche wahr sind und welche meinem Wahnsinn entspringen.“ Er seufzte. „Manchmal träume ich, ich sei ein König gewesen, ein mächtiger König in einer anderen Welt, und mein Verbechen war, daß ich mein Volk glücklich machte. In seinem Glück mißachtete es die Sieben, und die Tempel blieben leer. Und ich erwachte eines Tages in meinem Gemach in der Burg und mußte feststellen, daß ich kein Gesinde mehr hatte. Als ich hinaus ins Freie ging, waren auch meine Untertanen und meine Welt verschwunden, ja selbst die Frau, die neben mir schlief.

Aber ich habe auch andere Träume. Oft erinnere ich mich vage in ihnen, daß ich ein Gott war. Nun – fast ein Gott. Ich hatte Kräfte und Wissen, doch es war nicht das Wissen der Sieben. Sie fürchteten mich, alle Sieben, denn ich war einem jeden einzelnen von ihnen ebenbürtig, wenn nicht überlegen, aber nicht allen Sieben gleichzeitig. Und so zwangen sie mich, mich ihnen gemeinsam zu stellen. Und sie ließen mir nur einen kleinen Teil meiner Kräfte und verbannten mich hierher. Es war eine grausame Ironie. Als Gott lehrte ich die Menschen, daß sie zusammenhalten, einander helfen sollten, daß sie die Finsternis durch Liebe und Lachen und Gespräche fernhalten konnten. All das nahmen die Sieben mir.

Doch selbst das ist nicht das Schlimmste. Denn es gibt Zeiten, da glaube ich, daß ich immer hier gewesen bin, hier geboren wurde vor unendlicher Zeit. Und die Erinnerungen sind alle falsch, wurden mir nur gegeben, um mir noch mehr weh zu tun.“

Sharra beobachtete ihn, während er sprach. Seine Augen ruhten nicht auf ihr, sondern schienen in weite Fernen zu blicken. Sie waren verschleiert und voll halbvergrabener Erinnerungen und Träume. Er sprach auch ganz langsam, und seine Stimme war wie Nebel, der sich in Schwaden wand und so manches verbarg, und man hörte aus ihr heraus, daß es viele Rätsel an der Schwelle des Erfaßbaren gab, und ferne Lichter, die man nie erreichen würde.

Laren hielt inne, und seine Augen erwachten wieder. „Ah, Sharra“, sagte er, „sei vorsichtig auf deinem Weg. Selbst deine Krone wird dich nicht schützen, wenn sie sich vereint gegen dich wenden. Das bleiche Kind Bakkalon wird dich zerreißen. Naa-Slas wird sich an deinen Qualen ergötzen und stärken, und Saagael sich an deiner Seele nähren“.

Sie schauderte und schnitt sich eine Scheibe Braten ab. Aber das Fleisch war kalt und zäh, als sie hineinbiß, und mit einemmal bemerkte sie, daß die Kerzen ganz tief heruntergebrannt waren. Wie lange hatte sie ihm so zugehört?

„Warte“, sagte er da. Er erhob sich und ging hinaus durch die Tür, ganz in der Nähe, wo das Fenster sich befunden hatte. Jetzt war dort nichts als rauher grauer Stein dort. Beim letzten Schein der Sonne hatten alle Fenster sich in feste Mauern verwandelt. Laren kehrte bald mit einem sanft schimmernden Instrument aus schwarzem Holz zurück, das er sich an einem Lederband um den Hals geschlungen hatte. Sharra hatte nie eines dieser Art gesehen. Es hatte sechzehn Saiten, jede von einer anderen Farbe, und in seiner ganzen Länge waren hell glühende Lichtstreifen in das polierte Holz eingelassen. Als Laren saß, ruhte das untere Ende des Instruments auf dem Boden, und sein oberes ragte noch ein wenig über seine Schulter hinaus. Er strich nachdenklich darüber. Die Lichter glühten, und plötzlich war das Gemach voll Musik.

„Mein Gefährte“, murmelte Laren lächelnd. Er berührte das Instrument erneut. Die Musik schwoll an und verklang – verlorende Noten ohne Melodie. Wieder strich er über die Lichtstreifen, da schimmerte die Luft und wechselte ihre Farbe.

Er begann zu singen.

König bin ich der Einsamkeit,

leer ist mein Reich…

Die ersten Worte flossen, tief und süß in Larens weicher, so nebelhaft klingender Stimme, dann der Rest des Liedes – Sharra klammerte sich daran, hörte jedes einzelne Wort und versuchte sie sich alle einzuprägen, aber sie vermochte es nicht. Sie streiften sie, berührten sie, dann schmolzen sie dahin, zurück in den Nebel. So schnell kamen und gingen sie, daß sie sich nicht erinnern konnte, wie sie gelautet hatten. Und mit den Worten kam die Musik: sehnsüchtig und melancholisch, geheimnisvoll. Sie ergriff Sharra, sie weinte, sie versprach ihr tausend nie erzählte Geschichten. Im ganzen Gemach brannten die Kerzen heller, und Lichtkugeln wuchsen und tanzten und flossen ineinander, bis die Luft voller Farben war.

Worte, Musik, Licht. Laren Dorr flocht sie zusammen und wob eine Vision für Sharra.

Sie sah ihn, wie er sich selbst in seinen Träumen sah, als König, stark und groß und stolz, mit Haar so schwarz wie ihres, und scharfen Augen. Er war ganz in schimmerndes Weiß gekleidet, enge Beinkleider, ein Hemd mit Puffärmeln, und ein weiter Umhang, der sich wie eine Schneewand im Wind bewegte. Um seine Stirn trug er eine Krone aus blitzendem Silber, und an seiner Seite ein Schwert mit gerader Klinge, das nicht weniger blitzte. Diesem Laren, diesem jüngeren Laren, dieser Traumvision, haftete keine Melancholie an. Er bewegte sich in einer Welt mit zierlichen Elfenbeinminaretten und stillen blauen Flüssen. Die Welt dreht sich um ihn, mit Freunden und Geliebten, und einer ganz besonderen Frau, die Laren mit Worten und glühenden Lichtern zeichnete. Wunderschöne, sorgenfreie Tage mit viel Lachen und Fröhlichkeit vergingen. Und plötzlich senkte sich Finsternis herab, und er war hier.

Die Musik stöhnte, die Lichter verdüsterten sich, die Worte wurden traurig und waren nicht mehr. Sharra sah Laren wach in seiner vertrauten, jetzt leeren Burg. Sie sah ihn Gemach um Gemach durchschreiten und hinaus in eine Welt trete, die er nie zuvor geschaut hatte. Sie beobachtete ihn, wie er die Burg verließ und dem Dunst des fernen Horizonts entgegenwanderte, in der Hoffnung, dieser Dunst sei Rauch. Weiter, immer weiter wanderte er. Jeden Tag erhoben sich nuee Horizonte, und die große dicke Sonne wurde rot und orange und gelb, doch immer noch blieb seine Welt leer. Zu all den Orten, die er ihr gezeigt hatte, wanderte er, ohne zu wissen, wo er war, und voll Sehnsucht nach seinem Zuhause kam die Burg zu ihm.

Inzwischen war das Weiß seiner Kleidung zu einem stumpfen Grau geworden. Doch weiter erklang das Lied. Tage vergingen und Jahre und Jahrhunderte. Laren wurde müde, aber nie alt. Die Sonne schien grün und violett und ein durchdringendes, hartes Blauweiß, und mit jedem Umlauf war weniger Farbe in seiner Welt. Laren sang von endlosen leeren Tagen und Nächten, da Musik und Erinnerung ihn als einzige vor dem Wahnsinn bewahrten, und Sharra empfing durch sein Lied alle seine Gefühle.

Als die Vision verschwamm, die Musik verklang und seine sanfte Stimme verstummte, blickte Laren Sharra lächelnd an. Das Mädchen zitterte.

„Ich danke Dir“, sagte er weich mit einem Schulterzucken. Er nahm sein Instrument und verließ sie für die Nacht.

Der nächste Morgen war kühl und wolkenverhangen. Laren nahm Sharra zu einer Jagd mit in den Wald. Ihr Wild war ein schmales, weißes Tier, halb Katze, halb Gazelle, das viel zu schnell war, es zu erlegen, und zu viele scharfe Zähne hatte, sich ihm gefahrlos zu nähern. Sharra störte es gar nicht, daß sie es nicht erwischten. Die Jagd war auch so aufregend. Eine ungeheure Freude erfüllte sie, während sie so durch den deunklen Wald rannten, sie mit einem Bogen in der Hand, den sie nie benutzte, und auf dem Rücken einen Köcher voller Pfeile aus dem Holz der Bäume hier. Beide, Laren und Sharra, trugen warme graue Pelze, und Laren lächelte das Mädchen von unter seiner Wolfsschädelkapuze an. Das Laub unter ihren Stiefeln, das so durchsichtig und zerbrechlich wie Glas war, knirschte und zersplitterte unter ihren Sohlen.

Erschöpft, doch ohne ihre Hände blutig gemacht zu haben, kehrten sie in die Burg zurück, und Laren sorgte für einen Festschmaus im großen Eßsaal. Sie lächelten einander von den beiden Enden einer fünfzig Fuß langen Tafel an. Sharra sah die Wolken durch das Fenster hinter Larens Kopf vorbeiziehen, und später das Fenster zu Stein werden.

„Weshalb tust du das?“ fragte sie. „Und weshalb gehst du nachts nie ins Freie?“

Er zuckte die Schultern. „Ah. Ich habe Gründe. Die Nächte sind – nun – nicht gut hier.“ Er trank dampfenden, gewürzten Wein aus einem großen, edelsteinbesetzten Kelch. „Die Welt, aus der du kamst, aus der du ursprünglich stammst – sag mir, Sharra, sah man dort die Sterne?“

Sie nickte. „Ja. Es ist zwar schon sehr lange her, aber ich erinnere mich an sie. Die Nächte waren sehr dunkel, und die Sterne winzige Lichtpunkte, kalt und fern. Manchmal konnte ma Muster sehen. Die Menschen meiner Welt, als sie noch jung waren, gaben jedem dieser Bilder Namen und erzählten Geschichten über sie.“

Laren nickte. „Ich glaube, deine Welt würde mir gefallen. Meine war ihr ein bißchen ähnlich, doch unsere Sterne leuchteten in Tausenden von Fabren, und sie bewegten sich wie winzige Laternen in der Nacht. Manchmal zogen sie sich Schleier vor, um ihr Licht vor uns zu verbergen. Dann schimmerten unsere Nächte wie unter einem feinen Spinnennetz. Oft ging ich im Sternenschein segeln, ich und jene, die ich liebte, nur, damit wir gemeinsam das Firmament bewundern konnten. Es war eine schöne Zeit zum Singen.“ Seine Stimme wurde wieder traurig.

Düsternis hatte sich in den Saal geschlichen, Dunkelheit und Schweigen. Das Essen war kalt geworden, und Sharra konnte Larens Gesicht über die fünfzig Fuß lange Tafel kaum noch sehen. So erhob sie sich, schritt zu ihm und setzte sich neben ihn an den langen Tisch. Laren nickte und lächelte, und plötzlich flammten die Fackeln überall an den Wänden in ihren Halterungen auf. Er schenkte ihr Wein ein, und ihre Finger blieben eine Weile auf seinen ruhen, als sie den angebotenen Kelch nahm.

„So war es auch bei uns“, sagte Sharra. „Wenn der Wind lind genug war und wir von anderen unsere ruhe hatten, legten wir uns auch gern ins Freie, Kaydar und ich.“ Sie zögerte, dann schaute sie zu Laren auf.

Seine Augen blickten sie fragend an. „Kaydar?“

„Er würde dir gefallen haben, Laren, und er hätte dich gemocht, glaube ich. Er war groß, hatte rotes Haar und Feuer in den Augen. Kaydar hatte Kräfte wie ich, nur waren seine größer, und einen unbezwingbaren Willen. Sie holten ihn eines Nachts, aber sie töteten ihn nicht, sie nahmen ihn nur weg von mir und unserer Welt. Seither suche ich ihn. Ich kenne die Tore, ich trage die dunkle Krone, und sie können mich nicht so leicht aufhalten.“

Laren trank auf seinen Wein und starrte auf das Fackellicht, das sich auf dem Metall seines Kelches spiegelte.

„Die Zahl der Welten ist unendlich, Sharra.“

„Ich habe soviel Zeit, wie ich brauche. Ich altere nicht, Laren, genausowenig wie du. Ich werde ihn finden.“

„Hast du ihn so sehr geliebt?“

Sharra lächelte selbstvergessen. „Ja“, murmelte sie, und nun war es ihre Stimme, die traurig und verloren klang. „Ja, so sehr. Er machte mich glücklich, Laren. Wir waren nur kurze Zeit zusammen, aber er hat mich unbeschreiblich glücklich gemacht. Das können die Sieben mir nicht nehmen. Es war eine Freude, ihn anzusehen, seine Arme um mich zu spüren, mit ihm zu lachen.“

„Ah“, sagte Laren und er lächelte sogar, aber es war ein trostloses Lächeln. Das Schweigen wurde fast greifbar.

Schließlich sprach Sharra wieder. „Wir sind von unserem ursprünglichen Thema abgekommen. Du hast mir immer noch nicht gesagt, weshalb deine Fenster sich des Nachts selbst versiegeln.“

„Du hast einen weiten Weg hinter dir, Sharra. Du wanderst von Welt zu Welt. Hast du je eine ohne Sterne gesehen?“

„Ja. Viele, Laren. Ich sah ein Universum, wo nur eine einzige Welt sich um eine bernsteinfarbene Sonne dreht und der Himmel des Nachts leer und unendlich ist. Ich habe das Land der düsteren Gaukler besucht. Es hat überhaupt keinen Himmel, und zischende Sonnen glühten unter dem Meer. Ich bin durch die Sümpfe von Carradyne gewandert und habe dort Zauberer dabei beobachtet, wie sie einen Regenbogen entzündeten, um dieses sonnenlose Land zu erhellen.“

„Meine Welt hat keine Sterne“, sagte Laren.

„Beängstigt dich das so sehr, daß du deshalb des Nachts nicht ins Freie gehst?“

„Nein, sondern weil sie statt Sterne etwas anderes hat.“ Er blickte Sharra an. „Möchtest du es sehen?“

Sie nickte.

So plötzlich, wie sie aufgeflammt waren, erloschen die Fackeln wieder. Der Saal lag in tiefer Schwärze. Sharra dreht sich ein wenig, um über Larens Schulter schauen zu können. Er bewegte sich nicht, aber hinter ihm verschwanden die Steine vor dem Fenster, und Licht fiel von draußen herein.

Der Himmel war sehr dunkel, aber sie konnte ganz deutlich sehen, weil sich in der Finsternis etwas bewegte, das Licht ausstrahlte. Das Steinpflaster des Burghofs, die Mauern, die Zinnen, die grauen Banner, alles wurde von diesem Glühen erhellt. Verwirrt schaute Sharra hoch.

Etwas erwiderte ihren Blick. Es war höher als die Berge und füllte den halben Himmel aus, und obgleich es genügend Licht ausstrahlte, daß die Burg ganz hell war, wusste Sharra doch, daß es finster über jede Finsternis hinaus war. Es hatte in etwa Menschengestalt, trug einen langen Kapuzenanzug, und darunter war Schwärze, so abstoßend sie nur sein konnte. Die einzigen Geräusche waren Larens leiser Atem, ihr Herzklopfen, und das ferne Klagen eines Trauervogels. Trotzdem hörte Sharra in ihrem Kopf dämonisches Gelächter. Die Gestalt am Himmel blickte zu ihr herab und in sie hinein. Sie spürte die eisige Schwärze in ihrer Seele. So gelähmt war sie, daß sie nicht einmal die Augen bewegen konnte. Aber die Gestalt bewegte sich. Sie drehte sich, hob eine Hand, und da war plötzlich noch etwas mit ihr dort oben – ein winziges Männlein mit feurigen Augen, das sich wand und krümmte und wimmernd nach Sharra rief.

Sharra schrie auf und wandte sich ab. Als sie wieder aufblickte, gab es das Fenster nicht mehr, nur eine Wand aus dickem, sicherem Stein, und eine Reihe von hell brennenden Fackeln. Laren nahm sie in seine starken Arme. „Es war bloß eine Vision“, beruhigte er sie. Er drückte sie an sich und strich ihr über’s Haar. „Früher wollte ich mich des öfteren vergewissern“, murmelte er, mehr zu sich selbst als zu ihr. „Aber einer war immer da. Sie wechseln sich ab, die Sieben. Viel zu oft sah ich sie. Sie brannten in ihrem schwarzen Licht gegen die reine Dunkelheit des Himmels, und immer hielten sie jene, die ich liebte. Nun schaue ich überhaupt nicht mehr hinaus. Ich bleibe in der Burg und singe. Und meine Fenster sind aus Nachtstein.“

„Ich – fühle mich besudelt“, sagte sie immer noch ein wenig zitternd.

„Komm“, schlug er vor. „Oben ist warmes Wasser, damit kannst du

dir die Kälte fortwaschen. Und dann singe ich für dich.“ Er nahm sie an der Hand und führte sie zum Turm hoch.

Sharra nahm ein heißes Bad, während Laren sein Instrument in ihrem Schlafgemach stimmte. Er war fertig damit, als sie, von Kopf bis Fuß in ein flauschiges braunes Badetuch gehüllt, zurückkam. Sie setzte sich auf das Bett, trocknete ihr Haar und wartete.

Laren zeigte ihr Visionen.

Diesmal sang er seinen anderen Traum, in dem er sich als Gott und Feind der Sieben sah. Die Musik war ein wildes Pochen, von Blitzen und Angstschaudern durchdrungen. Das Licht verschmolz zu einem blutroten Schlachtfeld, auf dem ein blendend weißer Laren gegen Schatten und Alptraumgestalten focht. Sieben waren es. Sie bildeten einen Kreis um ihn, stürmten auf ihn mit Lanzen der Finsternis ein und sprangen wieder zurück, und er parierte sie mit Feuer und Sturm. Doch schließlich überwältigten sie ihn. Das Licht erlosch, das Lied wurde wie zuvor sanft und traurig, und die Vision verschwamm, während Jahrhunderte einsamer Träume vorbeieilten.

Kaum waren die letzten Noten verklungen und der letzte Schimmer verblaßt, als Laren wieder begann. Ein neues Lied war es diesmal, eines, das er nicht so gut beherrschte. Seine schlanken, geschickten Finger zögerten, wiederholten einzelne Bewegungen, und auch seine Stimme klang zittrig, denn er mußte die Worte erst finden. Sharra wußte, weshalb. Er sang von ihr, eine Ballade ihrer endlosen Wanderung – von brennender Liebe und rastloser Suche, von Welten um Welten, von dunklen Kronen und lauernden Wächtern, die mit Klauen und Tricks und Lügen kämpften. Er nahm jedes Wort, das sie gesagt hatte, seit sie hier war, benutzte es, formte es um. In ihrem Schlafgemach löste ein Bild das andere ab. Weißglühende Sonnen brannten unter einem ewigen Ozean, aus dem zischende Dampfwolken aufstiegen. Uralte Männer entzündeten Regenbogen, um die Finsternis zu vertreiben. Und er sang von Kaydar. Irgendwie gelang es ihm, ihn wahr zu ersingen. Er fing und zog das Feuer heran, das Sharras Liebe gewesen war, und ließ sie wieder daran glauben.

Aber das Lied endete mit einer Frage. Das zögernde Finale hing in der Luft, widerhallend. Beide warteten noch auf den Rest, und beide wußten, daß es keinen gab. Noch nicht.

Sharra weinte. Schließlich sagte sie: „Ich danke dir, daß du mir Kaydar zurückgegeben hast,“

„Es war nur ein Lied.“ Laren zuckte die Schultern. „Es ist lange her, daß ich ein neues Lied zu singen hatte.“

Wieder verließ er sie. Sanft strich er über ihre Wange an der Tür, wohin sie ihn, in ihr Badetuch gehüllt, begleitet hatte. Dann schloß Sharra die Tür hinter ihm und ging von Kerze zu Kerze. Mit einem Atemhauch verwandelte sie Licht in Dunkelheit. Sie warf das flauschige Tuch über eine Stuhllehne, kroch unter die Decken und lag eine lange Zeit wach, ehe sie einschlafen konnte.

Es war noch dunkel, als sie erwachte, und sie wußte auch nicht, was sie geweckt hatte. Sie öffnete die Augen, blieb reglos liegen und blickte sich im Zimmer um. Nichts, was sich nicht zuvor hier befunden hatte, war hier, nichts hatte sich verändert. Oder doch?

Da sah sie ihn in der Ecke schräg vom Bett sitzen. Er hatte seine Finger unter seinem Kinn verschränkt, genau wie beim erstenmal, als sie hier aufgewacht war. Seine ruhigen Augen waren groß und dunkel in diesem nächtlichen Gemach. Er saß ganz still. „Laren?“ rief sie leise, nicht ganz sicher, ob die reglose Gestalt auch wirklich er war.

„Ja“, antwortete er. Er bewegte sich nicht. „Ich beobachtete dich auch vergangene Nacht, währen du geschlafen hast. Ich bin schon viel länger ganz allein hier, als du dir vorzustellen vermagst, und bald werde ich wieder ganz allein sein. Selbst wenn du schläfst, ist deine Anwesenheit für mich ein unendlich kostbares Geschenk.“

„O Laren!“ rief sie. Schweigen setzte ein, eine Pause, ein Überlegen und nicht ausgesprochene Worte. Dann warf sie die Decken zurück, und Laren kam zu ihr.

Beide hatten sie Jahrhunderte kommen und gehen sehen. Ein Monat, ein Moment, es war kein großer Unterschied.

Jede Nacht schliefen sie miteinander, und jeden Abend sang Laren seine Lieder für Sharra. Während der dunklen Stunden unterhielten sie sich, und während des Tages schwammen sie nackt in kristallklarem Wasser, in dem sich die purpurne Pracht des Himmels spiegelte. Sie liebten sich auf dem feinen weißen Sand des Strandes, und sie sprachen viel von Liebe.

Doch nichts änderte sich. Und schließlich kam die Stunde immer näher. Am Abend der Nacht vor dem Tag, der das Ende bringen würde, schritten sie im Zwielicht durch den schattendunklen Wald, wo er sie gefunden hatte.

Während dieses Monats, den er mit Sharra zusammengewesen war, hatte Laren wieder zu lachen gelernt, doch nun war er stumm, ging ganz langsam und umklammerte fast schmerzhaft ihre Hand. Und seine Stimmung war grauer als sein weiches Seidenhemd. Schließlich setzte er sich ans Ufer des plätschernden Waldbachs, und zog sie an seine Seite. Sie schlüpften aus ihren Stiefeln und kühlten ihre Füße im Wasser. Es war ein warmer Abend, der Wind blies ruhelos, und schon jetzt konnte man die ersten Trauervögel klagen hören.

„Du mußt gehen“, sagte er. Immer noch hielt er ihre Hand fast krampfhaft in seiner, aber er blickte sie nicht an. Es war keine Frage, sondern eine Feststellung.

„Ja“, sagte sie. Melancholie erfüllte auch sie, und ihrer Stimme hingen bleierne Echos nach.

„Ich finde keine Worte mehr, Sharra“, murmelte Laren. „Wenn ich es könnte, würde ich dir jetzt eine Vision singen. Eine Vision, die einst leer war und von uns und unseren Kindern gefüllt wurde. Das könnte ich dir bieten. Meine Welt hat Schönheit und Wunder und Rätsel zu bieten, wenn es nur Augen gibt, sie zu sehen. Und wenn die Nächte schlimm sind, nun, die Menschen wurden mit dunklen Nächten fertig, auf anderen Welten, in anderen Zeiten. Ich würde dich lieben, Sharra, so sehr ich dazu imstande bin. Ich würde versuchen, dich glücklich zu machen.“

„Laren…“, begann sie, aber sein Blick ließ sie verstummen.

„Nein, ich könnte das sagen, aber ich tue es nicht. Dazu habe ich kein Recht. Kaydar machte dich glücklich. Nur ein selbstsüchtiger Narr würde dich bitten, dieses Glück aufzugeben, um mein Elend zu teilen. Kaydar ist Feuer und Lachen, während ich Rauch und Lied und Melancholie bin. Zu lange schon bin ich allein, Sharra. Das Grau ist bereits Teil meiner Seele, und ich möchte nicht, daß es auf dich übergreift. Trotzdem…“

Sie nahm seine Hand in ihre beiden Hände Hände, hob sie und rückte einen Kuß auf jede Fingerspitze. Dann gab sie sie frei und schmiegte ihr Gesicht an seine Brust. „Versuch doch, mit mir zu kommen, Laren“, bat sie. „Halte meine Hand, während wir durch das Tor gehen, vielleicht wird die dunkle Krone dann auch dich beschützen.“

„Ich werde alles versuchen, worum du mich bittest. Aber verlange nicht, daß ich an einen Erfolg glaube.“ Er seufzte. „Unzählige Welten liegen vor dir, Sharra, und ich kann nicht sehen, wie es für dich ausgehen wird. Ich weiß nur, daß es dir nicht bestimmt ist, hier zu bleiben. Vielleicht ist es so am besten. Viel mehr weiß ich nicht. Ich erinnere mich der Liebe vage, ich glaube, ich entsinne mich, wie sie war, und ich erinnere mich, daß sie nie von Dauer ist. Da wir uns beide nicht ändern und weil wir unsterblich sind, würden wir hier nicht schließlich einander müde werden? Würden wir einander dann hassen? Das möchte ich nicht.“

Er lächelte und es war ein schmerzvolles, melancholisches Lächeln. „Ich glaube, du hast Kaydar nur eine kurze Zeit gekannt, daß du so verliebt in ihn sein kannst. Vielleicht habe ich meine Hintergedanken. Denn indem du Kaydar findest, verlierst du ihn möglicherweise. Eines Tages wird das Feuer verglühen und der Zauber der Liebe verblassen. Und dann könnte es sein, daß du dich an Laren Dorr erinnerst.“

Sharra begann leise zu weinen. Laren nahm sie in die Arme. Er küßte sie und flüsterte sanft:“Nein.“ Sie erwiderte seinen Kuß, und sie hielten sich einander stumm umschlungen.

Als schließlich das purpurne Zwielicht fast zur Schwärze geworden war, schlüpften sie wieder in ihre Stiefel und erhoben sich. Laren drückte Sharra an sich un lächelte.

„Ich muß gehen“, sagte Sharra. „Ich muß. Aber dich zu verlassen, fällt mir schwer, Laren. Das darfst du mir glauben.“

„Ich glaube dir“, versicherte er ihr. „Ich liebe dich, weil du gehst, glaube ich. Weil du Kaydar nicht vergessen kannst, und du wirst auch dein Versprechen nicht vergessen. Du bist Sharra, die von Welt zu Welt wandert, und ich denke, die Sieben haben dich viel mehr zu fürchten als jeglichen Gott, der ich vielleicht gewesen sein könnte. Wärst du nicht, wie du bist, würdest du mir nicht so viel bedeuten.“

„Oh! Doch einmal erwähntest du, du würdest jede Stimme lieben, die kein Echo deiner eigenen ist.“

Laren zuckte die Schultern. „Wie ich schon oft sagte, mein Liebes, das war vor langer Zeit.“

Vor Einbruch der Dunkelheit waren sie in ihrer Burg zurück, zu ihrem letzten gemeinsamen Mahl, ihrer letzten gemeinsamen Nacht, einem letzten Lied. Sie schliefen nicht in dieser Nacht, und kurz vor Morgengrauen sang Laren ein letztes Mal für sie. Es war kein sehr gutes Lied, eher etwas aus dem Stehgreif, von einem wandernden Minnesänger auf einer unbedeutenden Welt. Sehr wenig erlebte der Minnesänger, das für andere von Interesse war. Sharra wurde sich nicht klar, was der Sinn dieses Liedes sein sollte, und Laren sang es lustlos. Es war ein seltsames Lebewohl, aber beide waren unglücklich.

Er verließ sie bei Sonnenaufgang, um sich umzukleiden, und versprach, auf dem Hof auf sie zu warten. Und wirklich, da stand er, als sie hinaustrat. Er lächelte sie ruhig und zuversichtlich an. Er war ganz in schimmerndes Weiß gekleidet: enge Beinkleider, ein Hemd mit Puffärmeln, und ein weiter Umhang, den der Wind wie ein Segel aufblähte. Aber die purpurne Sonne befleckte das Weiß mit ihren schattenhaften Strahlen.

Sharra schritt auf ihn zu und griff nach seiner Hand. Sie trug robustes Leder. In ihrem Gürtel steckte ein Dolch, mit dem sie sich gegen den Wächter wehren wollte. Ihr pechschwarzes Haar mit dem Rot- und Purpurschimmer flatterte so ungebändigt wie sein Umhang, obgleich die dunkle Krone es über der Stirn zusammenhielt. „Lebe wohl, Laren“, sagte sie. „Ich wollte, ich hätte dir mehr geben können.“

„Du hast mir genug gegeben. In all den Jahrhunderten, die vor mir liegen, in all den Sonnenumläufen, die kommen, werde ich mich erinnern. Ich werde die Zeit nach dir messen, Sharra. Wenn die Sonne eines Tages aufgeht und ihre Strahlen blau sind, werde ich zu ihr hochblicken und sagen:,Das ist die erste blaue Sonne, seitdem Sharra zu mir kam.’.“

Sie nickte.

„Und ich habe ein neues Versprechen. Eines Tages werde ich Kaydar finden. Und wen es mir gelingt, ihn zu befreien, werden wir zu dir kommen, wir beide zusammen, und dann werden wir meine Krone und Kaydars Feuer gegen die Dunkelheit der Sieben einsetzen.“

Laren zuckte die Schultern. „Gut. Wenn ich nicht hier bin, vergiß nicht, mir eine Nachricht zu hinterlassen.“

„Und jetzt zum Tor. Du sagtest, du würdest mir das Tor zeigen“, erinnerte ihn Sharra.

Laren dreht sich um und deutete auf den niedrigsten Turm, ein rußgeschwärztes, steinernes Bauwerk, das Sharra nie betreten hatte. Es hatte eine breite Holztür in Hofhöhe, Laren holte einen Schlüssel aus einer Tasche.

„Hier?“ fragte sie überrascht. „In der Burg?“

„Ja, hier“, antwortete Laren. Sie schritten über den Hof zu der Tür. Laren steckte den riesigen Metallschlüssel ins Schloß und plagte sich damit ab, ihn zu drehen. Sharra schaute sich ein letztes Mal hier um. Das Herz war ihr schwer. Die beiden anderen Türme sahen düster und tot aus, der Hof wirkte verlassen, und hinter den hohen gletscherbedeckten Bergen war nur leerer Horizont. Kein Geräusch war zu hören, nur Laren, der den Schlüssel drehte; und nichts rührte sich, außer dem Wind, der den Staubauf dem Hof aufwirbelte und die grauen Banner an den Mauern flattern ließ. Sharra erschauderte unter der Einsamkeit, die plötzlich auf sie einströmte.

Laren öffnete die Tür. Kein Raum befand sich dahinter, nur eine Mauer wallenden Nebels, eines Nebels ohne Farbe, ohne Laut, ohne Licht. „Euer Tor, meine Dame“, sagte der Minnesänger und verbeugte sich.

Sharra betrachtete es, wie sie seinesgleichen schon viele Male betrachtet hatte. Welche Welt war die nächste, fragte sie sich. Sie wußte es nie. Aber vielleicht würde sie hinter diesem Tor Kaydar finden.

Sie spürte Larens Hand auf ihrer Schulter. „Du zögerst?“ sagte er mit weicher Stimme.

Sharras Hand griff nach dem Dolch. „Der Wächter“, sagte sie plötzlich. „Immer lauert ein Wächter.“ Ihr Blick flog hastig durch den Hof.

Laren seufzte. „Ja. Immer. Es gibt solche, die dich in Stücke zu reißen versuchen, andere die dich in die Irre führen wollen, und wieder andere, die sich bemühen, dich mit Tricks zu einem falschen Tor zu locken. Es gibt solche, die dich mit Waffen halten, andere mit Ketten, wieder andere mit Lügen. Und es gibt zumindest einen, der versuchte, dich mit Liebe zu halte. Aber er meinte es ehrlich, und nie sang er dir unwahr.“

Mit einem hoffnungslosen Schulterzucken und voll Liebe schob Laren sie durch das Tor.

Fand sie ihn schließlich, ihren Liebsten mit den feurigen Augen? Oder sucht sie ihn noch heute! Auf welchen Wächter wird sie als nächstes stoßen?

Wenn sie des Nachts als Fremde in einem einsamen Land dahinwandert, hat der Himmel Sterne?

Ich weiß es nicht. Er weiß es nicht. Vielleicht wissen nicht einmal die Sieben es. Sie sind mächtig, ja, aber nicht allmächtig, und die Zahl der Welten ist größer, als selbst ihnen bewußt ist.

Es gibt ein Mädchen, das von Welt zu Welt wandert, doch ihr Weg ist jetzt in der Legende verloren. Vielleicht ist sie tot, vielleicht auch nicht. Neuigkeiten verbreiten sich langsam von Welt zu Welt, und nicht alles entspricht der Wahrheit.

Aber eines wissen wir: In einer leeren Burg unter einer purpurnen Sonne wartet ein einsamer Minnesänger, und seine Lieder erzählen von ihr.

Danke, Doc,
dass Du diese schöne Geschichte mit uns geteilt hast!
Gruß Eckard.

Music/when soft voices die/vibrates in the memory
…We can die by it, if not live by love,
And if unfit for tomb or hearse
Our legend be, it will be fit for verse…

John Donne, The Canonization (http://www.luminarium.org/sevenlit/donne/canonizatio…)

Nuja, man muß schon G.R.R. Martin lieben… :wink:

Viele Grüße
Diana