von Juergen Bambach
“Der Administrator“
Es war ein sonniger Montagmorgen sieben Uhr früh, missmutig steckte er seine Karte in die Stechuhr, prüfte dabei seine Überstunden ab, es waren über 30! Dann schloss er mit seinem Chip die Tür zum Sicherheitsbereich der IT Abteilung auf. Als er in den Raum trat hörte er schon sein Telefon läuten. Es hüpfte förmlich auf seinem Schreibtisch hin und her. Erstaunlich dachte er dass man das Telefon überhaupt noch auf diese Entfernung sieht, im Müll auf meinem Schreibtisch. Wenn das Telefon sich so aufführte, das wusste er aus Erfahrung, gab es nur zwei Gründe dafür, entweder ein aufgeregter Anwender, dem die Festplatte verreckt ist, oder sein Chef, der von seinem Chef ordentlich eins übergebraten bekam.
Das letztere traf zu. „Sie müssen sofort in die Rechnungsabteilung, die haben Zahlung und nix geht mehr!“
„Guten morgen erst mal“ sagte er und merkte gleich wie ihm am frühen Montagmorgen die Magensäure hochstieg. „Ich werde mich sofort drum kümmern“ schnarrte er und legte auf. Vielleicht etwas zu schnell!
Klaus war 45 Jahre alt, Single, sein Chatname war schon seit Jahren „Salty Dog“ – Salziger Hund und er hatte dem Hang zu Schmuddelseiten im Internet. Kein Wunder dass er sich im Bizarre-Chat wohlfühlte. Er hatte Informatik studiert, unter anderem auch auf der Elite Schmiede Havard. Seinen Abschluss machte er mit Summa cum laude. Sein äußeres konnte man er als ungepflegt bezeichnen. Er war wohl nie, von seiner Art über den „ewigen Studenten“ mit schmuddeligem T-Shirt und Jesuslatschen hinausgekommen. Vielleicht war das auch der Grund, warum er keine feste Beziehung fand.
Oder vielleicht lag es auch an seiner sagen wir mal extravaganten sexuellen Neigung.
Klaus quält sich die zwei Treppen bis zur Rechnungsabteilung hoch. Dort wird er schon vom Abteilungsleiter mit hochrotem Kopf empfangen. „Da sind sie ja endlich! Wir sitzen hier und drehen Däumchen und nix geht mehr!“ Klaus unterdrückt den bissigen Kommentar, den er auf der Zunge hat und sagt stattdessen einfach: „Moin zusammen“. Dann macht er sich daran die Busverkabelung zwischen den einzelnen Computern zu überprüfen. Kaum hat er an der ersten BNC Buchse unter dem Schreibtisch gewackelt, meldet der erste Sachbearbeiter: „Super beim mir geht’s wieder!“ Klaus bückt sich trotzdem schnell noch unter den Schreibtisch von Karola und wackelt proforma auch dort an den Kabels. Karola kennt Klaus gut, seit dem letzten Betriebsausflug und grinst nur. Da es Sommer ist, hat sie keine Strümpfe an und trägt nur einen braunen Minirock. Sie fühlt förmlich die Blicke von Klaus unter dem Tisch. Nach einer Weile ruft sie, „Klausi, du kannst kommen, eh hochkommen, mein Computer tut es wieder!“. Etwas irritiert klettert Klausi wieder unter dem Schreibtisch hervor, hatte er bei dem Anblick doch tatsächlich vergessen was er unter dem Schreibtisch tun wollte. Ist ja auch egal jedenfalls konnte die ganz Abteilung wieder arbeiten und er trollt sich wieder runter in den Keller, an seien zugemüllten Schreibtisch, um zuerst einmal zu frühstücken. Das hat er sich jetzt redlich verdient.
Schon drudelten die ersten Kollegen seiner Abteilung ein. Eine halbe Stunde später kommt auch sein Chef. Schon von weitem ruft er: „Na alles wieder im Lot?“ Klaus schaut von seinem Bildschirm hoch, er war gerade wieder im Bizarre Talk als „Salty Dog“ in einem etwas schlüpfrigen Gespräch mit einer gelangweilten Vorstandssekretärin aus Hamburg.
„Äh im Lot?“ Er runzelt die Stirne, dann fällt es ihm wieder ein „Äh ja alles klar, die Übersprechdämpfung an der Verkabelung war verbogen“, log er. Da er wusste dass sein Chef noch nicht einmal wusste was eine Übersprechdämpfung war, konnte er sich sicher sein, dass sein Chef keine weiteren Fragen stellte. Und überhaupt, Vorgesetzte interresieren sich nur für die Ergebnisse, nicht aber wie man sie erreicht
So gegen 10 Uhr, Klaus wollte gerade in sein Brötchen beißen, das er sich in der Kantine geholt hat, klingelt schon wieder das Telefon.
Wieder der Abteilungsleiter der Rechnungsabteilung. „Was ist das für ein Scheiss, wir können schon wieder nix arbeiten!“ „Bin sofort bei Ihnen, würgt Klaus ins Telefon und spuckt mindestens 100 Gramm seines Baguette-Brötchens auf den Telefonhörer.
Diesmal bewaffnet er sich mit einem neuen BNC Kabel, einer Crimpzange, um das Kabel auszutauschen. So gerüstet macht er sich wieder auf den von zu Karola und ihrem Chef.
Er begibt sich wieder an den Schreibtisch von Hr. Kraslowski, dort wo er am Morgen schon mal am Kabel gewackelt hatte. Crimpt im Bodentank die Anschlussbuchse neu und tauscht das BNC Kabel aus. Als er sich jedoch wieder unter den Schreibtisch von Karola legen will, unterbricht der Abteilungsleiter sein Wollen, mit den Worten, „Ihr Chef hat gerade angerufen, Sie sollen sich sofort bei ihm melden!“ Karola sitzt da und grinst nur unverschämt. Klaus macht auf dem Absatz kehrt und rennt runter in den Keller bis direkt zu dem Schreibtisch seines Chefs und brüllt „Und“ dieser kuckt ihn verständnislos an und fragt: „Was wollen Sie?“ Spätestens da wird Klaus klar, dass ihn der Abteilungsleiter der Rechnungsprüfung reingelegt hatte.
Den Rest des Morgens verbrachte Klaus damit, darüber nachzudenken, wie er es dem Abteilungsleiter Rechnungsprüfung heimzahlen könnte. Gegen Mittag fiel Klaus die Lösung ein. Erst sperrt er seinen Netzwerkaccount, dann löschte er ihm sämtliche private Daten auf seinem Netzlaufwerk. Als er dann im UserHelpDesk anrief und sein Problem nannte, verschwieg er geflissentlich, dass sein Privatverzeichnis verschwunden war.
Am nächsten Morgen ging das Spiel von neuem los. Klaus wurde direkt um 7 Uhr gerufen, dann später wieder gegen 10 Uhr. Sein Chef bestand nun darauf, dass ein externer Spezialist hinzugezogen würde. Dies behagte Klaus nun gar nicht. Wie jedes verkannte Genie, hatte auch Klaus eine Abneigung gegen andere „Fachleute“. Aber es half nichts, schon am nächsten Tag kam der „Spezialist“. Er war das genaue Gegenteil von Klaus, smart gekleidet, gepflegtes Äußeres. Er schob einen Handkarren vor sich her, vollgepackt mit technischem Gerät. Er wartete empfing Klaus schon um 7:30 Uhr am Eingang und sagte, er wollte sehen, „Wie das Netzwerk erwache“. Klaus dachte: „Meingott was für ein geschniegelter Spinner!“
Gegen Mittag hatte er das Problem gelöst. Er erklärte, es liegt ganz klar an einem Einschub in dem Sternkoppler (Datenverteiler). Der Sternkoppler wurde ausgetauscht und für den Rest des Tages war Ruhe.
Klaus freute sich schon insgeheim auf den nächsten Morgen. Der nächste Morgen kam kühl und regnerisch, aber ohne Systemausfall in der Rechnungsabteilung. Der nächste Tag verlief genau so ergebnislos wie der vorherige. Die Tage reihten sich zu einer Woche zusammen, aber zu Klaus’ Leidwesen geschah nichts. Das Wetter war auch mies. Er war so entnervt und zutiefst in seiner Adrministratorenehre gekränkt, dass er noch nicht mal als „Salty Dog“ im Chat schlüpfrige Gespräche führen wollte.
Doch dann eines Morgens kurz nach 7 Uhr kam der Anruf von Karola: „Du das Netz steht schon wieder, könntest Du bitte mal nach oben kommen?“ Flötete sie. Das ließ sich Klaus natürlich nicht zweimal sagen. Tatsächlich in der Abteilung ging Nichtsmehr. „Ahah dann war der Spezialist doch kein so großer Spezialist, wenn der alte Fehler wieder da ist!“ Diesmal kletterte Klaus, unter den wachsamen Augen von Karolas Chef, direkt unter Karolas Schreibtisch, wackelte am Kabel – Nichts passiert. Im Hintergrund hörte Klaus, wie Karolas Chef sagte: „Fräulein Klein bitte machen Sie das Fenster zu!“ „Typisch dachte Klaus, er will mir heute gar nichts gönnen!“ Er hatte den Gedanken noch nicht ausgedacht, als jeder rief: „Prima es geht wieder!“
Jetzt fiel es Klaus wie Schuppen von den Augen, er schoss unter dem Tisch hervor und schrie quer durch die ganze Abteilung: „Karola Mach das Fenster sofort wieder auf!“ Sofort wurde es Mucksmäuschen still im ganzen Großraumbüro und Karola machte ganz verdattert das Fenster wieder auf und siehe da die ganze Abteilung hatte keine Netzwerkverbindung mehr. Auf einen Wink von Klaus schloss Karola wieder das Fenster und siehe da jeder konnte arbeiten. Tatsächlich war das Kabel unter dem Fensterbrett verlegt und jedes Mal, wenn das Fenster geöffnet wurde, war das Kabel abgequetscht.
Dies erklärte auch, warum in der vorangegangen Regenwoche kein Ausfall passiert war.
Befriedigt ging Klaus runter an seinen Arbeitsplatz und „Salty Dog“ führte wieder schlüpfrige Gespräche mit Chefsekretärinnen aus Hamburg