Tanzschulzeit
Von: , Frage gestellt am So, 19. Jan 2003
von Julia Zeisberger
Tanzschulzeit
Die Straße war dunkel.
Dünkler als sonst.
Und die Nacht war auf eine andere Weise dünkler als sonst.
Sie ging die Straße entlang. Die Gegend war ihr fremd. Noch nie war sie hier gewesen. Und sie würde sich wohl auch niemals wieder hier her wagen. Ihre Gedanken liefen im Kreis, sie hatte Angst.
Es war dunkel.
Und dann hörte sie es. Eine sanfte Melodie, leicht wie eine Briese, stark und temperamentvoll.
Und schön.
Plötzlich war es nicht mehr so dunkel. Und nicht mehr so bedrohlich.
Die Melodie wurde lauter und kraftvoller. Jemand spielte dieses Lied mit herzzerreißender Inbrunst am Klavier. Die Töne waren rein wie Tautropfen und klar wie Quellwasser. Fast schien es ihr, als könne sie die Noten durch die kalte Luft schweben sehen, aber es waren nur einige Nachtfalter.
Und plötzlich stand sie vor der Quelle dieser schönen Töne. Das alte Haus sah schöner aus, als die Umstehenden. Trotzdem war es heruntergekommen und schäbig. Sie konnte nicht wiederstehen und trat ein. Ein kurzer Gang führte in einen großen, weiten Saal. Das Licht war gedimmt, als sie eintrat, und so konnte sie nicht die gesamten Ausmaße des Saals ausnehmen. Das Klavier konnte sie nicht sehen, und auch nicht den begnadeten Spieler. Es schien ihr, als schienen diese klaren Töne von allen Seiten auf sie einzuströmen und sie gefangen zu nehmen. Verflogen war ihre Angst.
Es war dunkel.
Und da hörte sie ein Geräusch, das Geräusch von Schritten auf Parkettboden. Aus dem Dunkel heraus trat eine Gestalt.
Das Klavier spielte weiter.
Er blieb stehen. Im Zentrum des Saal blieb er stehen und sah sie an. Er war groß, größer als sie selbst. Sein Gesicht war nicht schön, aber es zog sie magisch an. Wie eine Motte das Licht anzog fühle sich sich von ihm magnetisiert. Ohne zu zögern ging sie zu ihm. Er streckte die Hände zur Seite und sie legte ihre in die seinen.
Seine Augen waren dunkel.
Dunkel wie die Nacht.
Seltsam dunkel.
Die Musik wurde kräftiger, und der Tanz begann. Sie ließ sich führen, und schloß die Augen. Die Töne schwirrten im Saal umher und das ständig anwesende Geräusch der leicht schleifenden Schritte des Tangos unterstrichen die temperamentvolle Melodie des Tangos. Schneller und schneller. Noch immer waren ihre Augen geschlossen.
Erst jetzt nahm sie den Geruch ihrer Umgebung war. Es stank nicht so, wie auf der Straße. Es roch gut. Er roch gut. Und sie merkte sich diesen Geruch, damit sie ihn wiedererkennen würde.
Denn sie wollte wiederkommen, wieder Tango tanzen.
Ihrer beider Schritte schleiften über den Boden. Nach Stunden wie es ihr schien verließ sie den Saal und stolperte hinaus in die Dunkelheit. Sie erinnerte sich nicht mehr, wie sie aus dem Saal gekommen war. Aber draußen ging die Sonne schon auf.
Sie wußte, sie würde ihn wiederfinden.
Sie kannte seinen Geruch.
Es würde wieder dunkel werden.
