Das Leben ist grausam
Von: , Frage gestellt am Mo, 14. Feb 2000
"Es ist unfassbar, so sinnlos. Wofür das Ganze." Mit stumpfen Gesichtsausdruck starrte Stephan in den Fernsehapparat und war schockiert über so viel brutale Gewalt und Grausamkeiten, die sich tagtäglich in Deutschland und der ganzen Welt abspielten. Lange hatte er es vermieden, den Fernseher einzuschalten, diesen schwarzen Kasten, der diese Brutalitäten in sein Heim holte, sie zu einem Teil seines Lebens machte, so daß er sich mitverantwortlich fühlte für die Taten, die diese Menschen (konnte man sie Menschen nennen) vollbrachten.
Was Stephan so erzürnte, war kein Krieg. Da hätte er es verstanden. Krieg ist grausam, es geschehen schreckliche Dinge, an die sich danach niemand mehr erinnern will. Hinterher, wenn wieder Frieden eingekehrt ist will niemand mehr etwas hören über Leid und Elend. Nein, Krieg, das war es nicht, was Stephan so rasend machte.
Es war der alltägliche Wahnsinn in Ländern, die sich ihrer Zivilisation rühmten, die als fortschrittlich gelten wollten. Und doch, jeden Tag geschieht es. Kinder werden vergewaltigt und ermordet, Menschen erschießen sich auf den Straßen, randalierende Fußballfans, die sich die Schädel einschlagen, ohne Unterlaß aufeinander einprügeln, besinnunglos vor Alkohol und Blutrausch, Männer, die ihre Frauen und Kinder schlagen, mit Messern bewaffnete Jugendliche. Und wofür das alles?
Stephan verstand es nicht. Sechs Monate waren vergangen seit er das letzte mal fernsah. War es schon immer so gewesen. Er konnte sich nicht daran erinnern, noch vor einem halben Jahr so viel Böses gesehen zu haben. Aber wie auch. Damals war die Welt noch voller Farben, voller Musik und voller Leben. "Voll zweier Leben", dachte er zynisch. Birgit, seine Frau, und Jenny, seine kleine Tochter lebten noch. Vor sechs Monaten und 3 Tagen unternahmen sie ihren letzten gemeinsamen Ausflug. Der See lag still, das Wasser schimmerte grün in der untergehenden Sonne und die Mücken schwirrten zu tausenden über den kleinen Wellen. Sie hatten gelacht und gespielt. "Fang mich, Papi, du kriegst mich nicht." Das war Jenny, und Stephan lief hinter ihr her und ließ seiner Tochter das Vergnügen, nicht erwischt zu werden. Bis sie schließlich müde wurde und sich gerne von ihm fangen ließ, nur um ihm zu sagen, sie habe ihn lieb.
War wirklich erst ein halbes Jahr vergangen seit damals. Konnte das sein. Es kam ihm vor, als wäre ein ganzes Leben verstrichen seit diesem letzten glücklichen Sommertag. 24 Stunden später waren sie tot, dahingerafft von einem Menschen, den sie nicht kannten, niemals zuvor gesehen hatten. Einem Menschen, dem sie nichts getan hatten. Einem Menschen, der bis zu diesem Tage ein unbescholtenes Leben führte, niemals auffällig geworden war und aus heiterm Himmel beschloß, sich das Leben zu nehmen. Doch da er offensichtlich zu feige war, das auf schlichte, stille Weise zu vollbringen, erschoß er erst 14 andere Menschen, und dann, um sich aus der Verantwortung zu stehlen, sich selbst.
Keine Gerichtsverhandlung, kein Mensch, an dem Stephan seine Wut hätte auslassen können, der Schuldige war bereits tot. Stephan verkroch sich in seine Wohnung, verließ sie nur, wenn ihn der Hunger zu sehr quälte. Er versuchte, zu schlafen. Der Schlaf war wunderbar, das Erwachen nicht. Jedesmal überfuhr in die Realität wie eine Dampfwalze. Ein Schlag in sein Innerstes, er glaubte, den Schmerz nicht aushalten zu können. Nach einem Sinn suchte er nicht mehr, es gab keinen. War es Schicksal, Vorhersehung, Gottes Wille. Nein, nichts von alledem. Nur ein Mensch, der es nicht ertragen konnte, andere Menschen glücklich zu sehen, während er sein eigenes, bedauernswertes Leben nicht in den Griff bekam.
Jetzt, nach sechs Monaten und drei Tagen, war Stephan bereit. Der letzte Blick auf die Welt hatte ihn von seinem Entschluß nicht abbringen können. Im Gegenteil, dadurch wurde er nur noch bestärkt in seinem Vorhaben. Entschlossenen Schrittes ging er zum Fenster, öffnete es und sah hinunter. "Sechster Stock", sagte er nüchtern, "das reicht." Er holte noch einmal tief Luft, kletterte auf den Fenstersims und sprang. Birgit und Jenny vor Augen flog er durch die Nacht der Erlösung entgegen.
