Erich Kästner: Das letzte Kapitel

Von: , Frage gestellt am Mo, 17. Mär 2003

Das letzte Kapitel (1930)

Am 12. Juli des Jahres 2003
lief folgender Funkspruch rund um die Erde:
daß ein Bombengeschwader der Luftpolizei
die gesamte Menschheit ausrotten werde.

Die Weltregierung, so wurde erklärt, stelle fest,
daß der Plan, endgültig Frieden zu stiften,
sich gar nicht anders verwirklichen läßt,
als alle Beteiligten zu vergiften.

Zu fliehen, wurde erklärt, habe keinen Zweck.
Nicht eine Seele dürfe am Leben bleiben.
Das neue Giftgas krieche in jedes Versteck.
Man habe nicht einmal nötig, sich selbst zu entleiben.

Am 13. Juli flogen von Boston eintausend
mit Gas und Bazillen beladene Flugzeuge fort
und vollbrachten, rund um den Globus sausend,
den von der Weltregierung befohlenen Mord.

Die Menschen krochen winselnd unter die Betten.
Sie stürzten in ihre Keller und in den Wald.
Das Gift hing gelb wie Wolken über den Städten.
Millionen Leichen lagen auf dem Asphalt.

Jeder dachte, er könne dem Tod entgehen.
Keiner entging dem Tod, und die Welt wurde leer.
Das Gift war überall. Es schlich wie auf Zehen.
Es lief die Wüsten entlang. Und es schwamm übers Meer.

Die Menschen lagen gebündelt wie faulende Garben.
Andre hingen wie Puppen zum Fenster heraus.
Die Tiere im Zoo schrien schrecklich, bevor sie starben.
Und langsam löschten die großen Hochöfen aus.

Dampfer schwankten im Meer, beladen mit Toten.
Und weder Weinen noch Lachen war mehr auf der Welt.
Die Flugzeuge irrten, mit tausend toten Piloten,
unter dem Himmel und sanken brennend ins Feld.

Jetzt hatte die Menschheit endlich erreicht, was sie wollte.
Zwar war die Methode nicht ausgesprochen human.
Die Erde war aber endlich still und zufrieden und rollte,
völlig beruhigt, ihre bekannte elliptische Bahn.

Zufall?

3 Antworten zu dieser Frage

    • Antwort von nach 2 Tagen hilfreich
      Danke für den Hinweis

      Hallo Diana!


      Ich freue mich sehr, daß ich nicht der einzige bin, der Erich Kästner mag (ist eher rhetorisch gemeint, ich weiß, daß Kästner wahrscheinlich derzeit beliebter ist als zu Lebzeiten).

      Daß Du mir zuvor gekommen warst, wußte ich nicht, aber als ich dieses Gedicht las, dachte ich, ich darf das den www-Nutzern nicht vorenthalten.


      liebe Grüße


      Wolfgang

  1. Antwort von nach 2 Tagen hilfreich
    Re: Erich Kästner: oh das weckt Erinnerungen....

    Das letzte Kapitel (1930)
    ...an "Auswendig lernen...:-)))
    man könnte tatsächlich an Zufall glauben.

    Herzl. Grüße
    d.

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