Suche eine bestimmte Art von Geschichten...

Von: , Frage gestellt am Mi, 21. Jan 2004

Hallo,

Meine Bitte ist bestimmt ungewöhnlich, aber meine Freundin (16) hat im Alter von 9 Jahren ihre Mutter verloren. Sie kommt zwar ganz gut zurecht, aber gelegentlich ist sie total deprimiert und traurig, wenn sie über die Vergangenheit nachdenkt.
Mir gelingt es zwar meistens, sie zu trösten, aber ich dachte mir: Das nächste Mal würde ich ihr gerne eine Geschichte erzählen, die das Thema - der Verlust eines geliebten Menschen - irgendwie aufgreift und Trost spendet.
Ich sag's gleich, weder ich noch sie sind religiös und es bringt absolut nichts, wenn es in der Geschichte um ein Leben nach dem Tod, den Himmel oder sonstige Glaubensfragen geht.
Kennt jemand geeignete Geschichten?

Danke,

Johannes

11 Antworten zu dieser Frage

  1. Antwort von nach 10 Stunden hilfreich
    Re: Suche eine bestimmte Art von Geschichten...

    Hallo Johannes;

    versuchs mal mit den "Hühnersuppe für die Seele" - Büchern;
    da müsste sich eigentlich was zu deinem Thema finden lassen.....


    viele grüße,

    Bdl [Bei dieser Antwort wurde das Vollzitat nachträglich automatisiert entfernt]

  2. Antwort von nach 12 Stunden hilfreich
    Re: Suche eine bestimmte Art von Geschichten...

    Hallo Johannes,

    ich glaube, ich hätte da was für Dich... Es gibt eine wunderschöne Geschichte von Inge Wuthe (aus dem Buch 'Alle Farben dieser Welt'):

    Das Märchen von der traurigen Traurigkeit

    Es war eine kleine Frau, die den staubigen Feldweg entlang kam. Sie war wohl schon recht alt, doch ihr Gang war leicht, und ihr Lächeln hatte den frischen Glanz eines unbekümmerten Mädchens. Bei der zusammengekauerten Gestalt blieb sie stehen und sah hinunter. Sie konnte nicht viel erkennen. Das Wesen, das da im Staub des Weges sass, schien fast körperlos. Es erinnerte an eine graue Flanelldecke mit menschlichen Konturen. Die kleine Frau bückte sich ein wenig und frage: 'Wer bist du?'. Zwei fast leblose Augen blickten müde auf.

    'Ich? Ich bin die Traurigkeit...' flüsterte die Stimme stockend und so leise, dass sie kaum zu hören war.
    'Ach, die Traurigkeit!" rief die kleine Frau erfreut aus, als würde sie eine alte Bekannte begrüssen.
    'Du kennst mich?' fragte die Traurigkeit misstrauisch.
    'Natürlich kenne ich dich! Immer wieder einmal hast du mich ein Stück des Weges begleitet.'
    'Ja, aber...' argwöhnte die Traurigkeit 'warum flüchtest du dann nicht vor mir? Hast du denn keine Angst?'
    'Warum sollte ich vor dir davonlaufen, meine Liebe? Du weisst doch selbst nur zu gut, dass du jeden Flüchtigen einholst. Aber, was ich dich fragen will: warum siehst du so mutlos aus?'. Die kleine alte Frau setzte sich zu ihr. 'Traurig bist du also' sagte sie und nickte verständnisvoll mit dem Kopf. 'Erzähl mir doch, was dich so bedrückt.'

    Die Traurigkeit seufzte tief. Sollte ihr diesmal wirklich jemand zuhören wollen ? Wie oft hatte sie sich das schon gewünscht.
    'Ach, weisst du...' begann sie zögernd und äusserst verwundert 'es ist so, dass mich einfach niemand mag. Es ist nun mal meine Bestimmung, unter die Menschen zu gehen und für eine gewissen Zeit bei ihnen zu verweilen. Aber wenn ich zu ihnen komme, schrecken sie zurück. Sie fürchten sich vor mir und meiden mich wie die Pest.' Die Traurigkeit schluckte schwer. 'Sie haben Sätze erfunden, mit denen sie mich bannen wollen. Sie sagen: Papperlapapp, das Leben ist heiter. Und ihr falsches Lachen führt zu Magenkrämpfen und Atemnot. Sie sagen: Gelobt sei, was hart macht. Und dann bekommen sie Herzschmerzen. Sie sagen: Man muß sich nur zusammenreissen. Und sie spüren das Reissen in den Schultern und im Rücken. Sie sagen: Nur Schwächlinge weinen. Und die aufgestauten Tränen sprengen fast ihre Köpfe. Oder aber sie betäuben sich mit Alkohol und Drogen, damit sie nicht fühlen müssen.'

    'Oh ja' bestätigte die alte Frau 'solche Menschen sind mir schon oft begegnet.' Die Traurigkeit sank noch ein wenig mehr in sich zusammen. 'Und dabei will ich den Menschen doch nur helfen. Wenn ich ganz nah bei ihnen bin, können sie sich selbst begegnen. Ich helfe ihnen, ein Nest zu bauen, um ihre Wunden zu pflegen. Wer traurig ist, hat eine besonders dünne Haut. Manches Leid bricht wieder auf wie eine schlecht verheilte Wunde, und das tut sehr weh. Aber nur, wer die Trauer zulässt und all die ungeweinten Tränen weint, kann seine Wunden wirklich heilen. Doch die Menschen wollten gar nicht, dass ich ihnen dabei helfe. Stattdessen schminken sie sich ein grelles Lachen über ihre Narben. Oder sie legen sich einen dicken Panzer aus Bitterkeit zu.'

    Die Traurigkeit schwieg. Ihr Weinen war erst schwach, dann stärker und schliesslich ganz verzweifelt. Die kleine alte Frau nahm die zusammengesunkene Gestalt tröstend in ihre Arme. Wie weich und sanft sie sich anfühlt, dachte sie und streichelte zärtlich das zitternde Bündel.

    'Weine nur, Traurigkeit' flüsterte sie liebevoll 'ruh dich aus, damit du wieder Kraft sammeln kannst. Du sollst von nun an nicht mehr alleine wandern. Ich werde dich begleiten, damit die Mutlosigkeit nicht noch mehr an Macht gewinnt.'

    Die Traurigkeit hörte auf zu weinen. Sie richtete sich auf und betrachtete erstaunt ihre neue Gefährtin: 'Aber... aber - wer bist eigentlich du?'
    'Ich?' sagte die kleine alte Frau schmunzelnd und dann lächelte sie wieder so unbekümmert wie ein kleines Mädchen 'Ich bin die Hoffnung...'.

    * * *

    OK, Du hast gesagt, daß Du keine Storys über Himmel & Co. haben willst, ich empfehle Dir dennoch eine:
    http://www.wer-weiss-was.de/cgi-bin/forum/showarchiv.... Nein, sie ist nicht religiös (ich bin ja selbst Atheistin), aber ebenfalls sehr schön.

    Beste Grüße

    Renee

    • Antwort von nach 19 Stunden hilfreich
      Danke, aber...

      Vielen Dank,

      Allerdings hatte ich beide Geschichten, die du erwähnt hast schon mal hier gelesen. Ich war mir aber nicht sicher, ob sie das richtige sind... Stellt sich eben die Frage, ob eine 16-jährige besonders viel mit einem Gespräch zwischen zwei alten Frauen anfangen kann.
      Und die Story mit den Katzen war mir auch irgendwie zu kitschig...
      Vielleicht hält mich aber jetzt jeder für gefühllos ;)

      • Antwort von nach 20 Stunden hilfreich
        [off topic] Trauer verstehen

        Hallo noch einmal,

        ja, die mit den Engeln auf jeden Fall - sooooooo lange ist es noch nicht her, daß ich sie (unter meinem alten Nick) gepostet habe... Die andere habe ich hier im Forum bisher noch nicht gelesen. Anyway...

        Ich kann Deine Bedenken durchaus nachvollziehen, aber Du versuchst hier als Außenstehender darüber zu entscheiden, was für Deine Freundin richtig oder falsch ist... Es geht nicht, Johannes... Das muß sie selbst entscheiden. Hier geht es nicht darum, was Dir gefällt oder darum, was Du als passend empfindest, sondern darum, was Deiner Freundin dabei hilft, wieder aus dem tiefen Loch, in das sie zwischendurch immer wieder fällt, zu klettern.

        Zwei alte Frauen? Nein... Tu mir den Gefallen und lies die Geschichte in aller Ruhe noch einmal. Wenn Du sie wirklich liest, wirst Du mir nie wieder etwas von zwei alten Frauen erzählen...

        Gefühlslosigkeit? Ach was! Ich würde Dir niemals Gefühllosigkeit vorwerfen, es ist aber nun einmal so, daß trauernde Menschen anders empfinden. Diese ach so kitschigen Geschichten haben inzwischen sehr vielen Menschen - ja, auch mir - geholfen, sie können also nicht so sehr verkehrt sein.

        Beste Grüße

        Renee

        • Antwort von nach einem Tag hilfreich
          Re: [off topic] Trauer verstehen

          Okay, okay... ich geb ja zu, dass ich die Geschichte mit den "alten Frauen" nur überflogen habe unde s wohl nicht richtig war, ein vorschnelles Urteil über die Story zu fällen.
          Ich denke, ich werde ihr aber doch erst mal die Katzen Geschichte erzählen *schon fleißig auswendig lern* ;)
          Danke nochmal!

    • Antwort von nach 35 Tagen hilfreich
      hoffnungsvoll

      Hallo Renee!

      Bin heute am Todestag meiner Mutter zufällig auch mal in diesem Brett und über Deine Geschichte "gestolpert".
      Habe natürlich glatt angefangen zu weinen, aber... DANKE!!!!
      Mir gefällt sie sehr gut und mir hätte sie bestimmt auch im Alter von 16 Jahren geholfen, dem Leben wieder ein Stückchen näher zu rücken.

      Greetings,
      Marla

      • Antwort von nach 35 Tagen hilfreich
        Heilende Tränen...

        Hallo Marla,

        vielleicht hat Dich Deine Mama gerade heute mit sicherer Hand just zu meinem Posting geführt...

        Hast Du auch die andere Geschichte gelesen? Die mit den Kätzchen? Es geht zwar um etwas anderes, aber es erklärt sehr schön die Tränen. Ich zitiere mal ein Stückchen daraus:

        Sie nickte. "Sieh, der Oberengel bedauerte die kleinen Engel. Er konnte die Tränen nicht wegzaubern, aber er mochte sie besonders."

        Sie tauchte die Hand in den Teich und ließ das Wasser von ihren Fingern tropfen.

        "Er machte heilende Tränen aus diesem Wasser. Jede Träne enthält ein bißchen von der glücklichen Zeit und all dem Schnurren und Streicheln und der Freude an Dir. Wenn Deine Mommy weint, heilt ihr Herz. Es mag seine Zeit dauern, aber durch ihre Tränen fühlt sie sich besser. Nach einiger Zeit wird sie nicht mehr so traurig sein, wenn sie an Dich denkt, und sich nur der schönen Zeit erinnern. Und sie wird ihr Herz wieder für einen neues Kätzchen öffnen."


        Wie auch immer: Weinen ist absolut in Ordnung...

        Und Trännen haben Macht... Denk nur an Gerda, die Kay mit ihren Tränen von dem Fluch der Schneekönigin befreite oder an andere Märchen, in denen die vergossenen Tränen zu Diamanten oder Perlen werden. Versuch mal einen Diamanten zu zerdrücken...

        Grüßlis

        Renee

        • Antwort von nach 36 Tagen hilfreich
          Re: Heilende Tränen...

          Hallo Renee! vielleicht hat Dich Deine Mama gerade heute mit sicherer Hand
          just zu meinem Posting geführt...
          Ich muss zugeben, in solchen Momenten glaube ich auch nicht mehr so recht an den Zufall. Und Trännen haben Macht... Denk nur an Gerda, die Kay mit
          ihren Tränen von dem Fluch der Schneekönigin befreite oder an
          andere Märchen, in denen die vergossenen Tränen zu Diamanten
          oder Perlen werden. Versuch mal einen Diamanten zu
          zerdrücken...
          Das sind wirklich schöne Gedanken.
          Ich tröste mich auch immer ein wenig mit dem Bewusstsein, dass der Schmerz das Gegengewicht zur Freude ist. Wer keinen Schmerz empfindet, kann umgekehrt auch keine Freude empfinden. Der Preis scheint manchmal recht hoch, aber ist wahrscheinlich wirklich immer noch besser, als gefühllos zu sein.

          Ein paar Diamanten vergießend,
          Marla

          • Antwort von nach 37 Tagen hilfreich
            Re^2: Heilende Tränen...

            Hallo Marla, Ich tröste mich auch immer ein wenig mit dem Bewusstsein, dass
            der Schmerz das Gegengewicht zur Freude ist. Wer keinen
            Schmerz empfindet, kann umgekehrt auch keine Freude empfinden.
            Der Preis scheint manchmal recht hoch, aber ist wahrscheinlich
            wirklich immer noch besser, als gefühllos zu sein.
            Das ist ein wahres Wort! Ebensowenig wie Gut ohne Böse existieren kann, kann es Freude ohne Schmerz/Trauer/Leid geben. Wenn es kein Gegengewicht gäbe, würde man nicht sagen können 'ich bin glücklich'... Der Mensch ist mit all den Facetten und Nuancen der Gefüle schon recht kompliziert gestrickt, aber letztendlich macht doch genau das den Menschen aus, oder?

            Grüßlis

            Renee

            @ MASC: weeeeeeehe, Du unterstellst uns Plauderei! Das ist Trauriges und Nachdenkliches, geht also mit der Brettbeschreibung absolut konform... ;-P



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