So geschehen im Jahre des Herrn 2004, an einem späten Montag Nachmittag, genauer gestern. Vorab : Ich bin Kasseläner und als solcher ein gerüttelt Maß an Stoffeligkeit durchaus gewöhnt.
Aaalso : In Erfurt, Lange Brücke, fiel mir ein Geschäft ins Auge, an dem ein Schriftzug etwas von „Musik- Service“ behauptete. Da im ersten Stock einige Jammerhölzer, vulgo Gitarren, zu sehen waren, schloss ich messerscharf, es könnten dort eventuell solche behufs des käuflichen Erwerbs ausgestellt sein. An der Eingangstür prangte ein Schild mit der Aufschrift : „Bin im Büro - bitte klingeln“, an der Ladenfront (im Erdgeschoss befindet sich ein anderes Geschäft) stand ein Männlein keineswegs im Walde, sondern mit irgendwelchen Dekorationsarbeiten beschäftigt auf einer Trittleiter. In Befolgung der Schildaussage drückte ich also den Klingelknopf, worauf es innen bellte und außen auch, siehe unten.
Stimme von der Leiter : „Waswonnsn?“. - „Ich wollte mir das Musikgeschäft ansehen“. - „Was?“ - „Na ja, Musikinstrumente …“ - „Was?“ - [na ja, bisschen zurückgeblieben - ist bestimmt der Hausmeister …] „Ich hätte mir gern die Gitarren angesehen …“ - „Wonnsewaskoofn, suchensewas?“ - „Ich suche nichts Spezielles, ich hätte mich gern einmal umgesehen …“ - „murmelbrummelgrummel naja, also koofn wonnse nix?“
Geblendet von der blitzartigen Auffassungsgabe des Leitermannes versuchte ich nochmals aus der Schildaufschrift zu entnehmen, ob sich möglicherweise dort eine Losung befand, die man dem Orakel von Doofi zuraunen muss, um der hochnotpeinlichen Befragung aus der olympischen Höhe ein Ende zu setzen.
Jupiter nun äußerte die kryptischen Worte : „Da mussichja vondrleidr steichn“. Er hatte wohl messerscharf geschlossen, dass ich nicht so leicht zu vertreiben sei. Worauf er sich dann tatsächlich herab zu mir Sterblichem begab und es mir dämmerte, dies könnte der Geschäftsinhaber sein und mitnichten ein auf der Leiter postierter Security-Troll, der in Hogwarts freigesetzt wurde. Vermutlich alte keltische Zaubersprüche in seinen Bart knerbelnd, entschloss er sich, mir die Tür zu öffnen, nicht ohne nochmals „Waswonnsnhaam?“ zu fragen.
Im ersten Stock blaffte der service-orientierte Geschäftsmann ein kurzes „Isgutjetz!“, was ich nach kurzer Überlegung nicht als seinen Versuch identifizierte, ein Verkaufsgespräch zu beginnen, sondern als Befehl an einen freundlichen Vierbeiner, der sich wohl erdreistet hatte, bei unserem Erscheinen den Kopf zu heben. Mit einem Winseln verschwand Hundi in der hintersten Ecke und nahm die Form einer Oblate an; flach gelegen hatte er ja schon.
Mit der mir von höheren Mächten verliehenen Gabe des hellsichtigen Erkennens gelang es mir, den Raum als Kombination aus Ladengeschäft und Reparaturwerkstatt für Gitarren zu identifizieren. Somit erfrechte ich mich zu der Frage, ob der freundliche Herr denn auch selbst Instrumente baue. „Nee, nur Rebberadur!“. Sprach’s und schmiss ein herumliegendes hölzernes Bauteil von der Werkbank in die gegenüber liegende Ecke.
Eine von der Decke hängende halbakustische Jumbo gefiel mir rein optisch, obwohl unverkennbar gebraucht. Das Markenzeichen „Guild“ sagte mir nix, alldieweil ich nicht behaupten möchte, alle Gitarrenbauer dieser Welt namentlich zu kennen. Das Preisschild „2850 €“ verriet mir denn aber doch, dass es sich wohl nicht um eine umgebaute Zigarrenkiste handelte.
„Diese Gitarre ist aber nicht besonders billig, oder?“ - „Was?“ - „Na ja, 2850 €“ - „Isne Guild“ - [Aaaaha, deswegen steht da ‚Guild‘ dran. Staun!] „Die Marke kenne ich nicht, ist das etwas Besonderes?“ - „Isehmne Guild“.
Ich kam zu dem Schluss, dass weitere Kaskaden höherer Erkenntnis meine Aufnahmekapazität übersteigen würden, und bedeutete dem Herrn, mein Informationsbedarf sei für dieses Mal gestillt. Worauf er, nicht ohne den hundeförmigen Pfannkuchen im hintersten Winkel nochmals mit einem aufmunternden „Ruisch!“ bedacht zu haben (Hund hatte keinen Pieps gesagt), unter Abmurmelung von Sprüchen, die sich etwa nach „nixkoofn, nurguggn un ich mussvonneleidr steischn“ anhörten, mit mir die Stiege hinabschritt. Vor dem Laden verabschiedete ich mich mit „Danke. Tschüss!“. Dies wurde, inzwischen wieder von der Leiter, mit einem undefinierbaren Geräusch irgendwo im phonetischen Niemandsland zwischen „Bäää“ und „Hmmm“ quittiert.
Mir stellen sich mehrere Fragen :
- Wie machen Musikalienhändler zu Erfurt ihre Umsätze?
- Auf welche Weise pflegt man Geschäfte in Thüringen denn normalerweise zu betreten?
- Wieso hält der Mann einen Hund, wenn er doch selber bellt und knurrt?
- Wo zum Kuckuck war die versteckte Kamera aufgebaut?
Ach, übrigens : In der Straße „Lange Brücke“ zu Erfurt dürfte spätestens im Frühsommer, so ich die Zeichen richtig deute, ein Ladengeschäft frei werden. Interessenten wollen Ausschau nach Männern auf Trittleitern halten …
Gruß kw
) owT